Viertel der Miete

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Ich bin immer noch nicht richtig wieder fit. Sowohl die Bronchitis als auch die Grippe sind schon seit Wochen nicht mehr akut, aber ich habe noch immer hin und wieder Reizhusten und ich fühle mich noch immer schnell außer Atem. Es fehlen noch die letzten fünf bis zehn Prozent, bis ich mich wieder richtig gut fühle. Und die lassen dieses Mal besonders lange auf sich warten.

Normalerweise wäre ich jetzt fertig mit meinem Praktischen Jahr. Würde noch vier bis sechs Wochen lernen und hätte dann meine letzte (praktische) Prüfung. Aber da ich ja zwei Wochen mit Grippe flach lag, muss ich nun diese zwei Wochen noch dranhängen. Aber man ist sehr gnädig mit mir und lässt mich ungewöhnlich pünktlich nach Hause.

Mein kuscheliger Chef ist zwar nach wie vor kuschelig, scheint aber einen Rahmen gefunden zu haben. Also er wird nicht noch aufdringlicher. Und er hat mich gegen eine kleine, giftige Pflegehilfe verteidigt. Was ich aber nur durch Zufall mitbekommen habe: Ich bin ja nach wie vor und auch noch die nächsten zwei Wochen auf einer Tagesstation, die Menschen mit entzündlichen Erkrankungen (hauptsächlich Darmkrankheiten) mit einem hochwirksamen aber auch sehr gefährlichen Medikament versorgt werden, das nur in dieser Umgebung verabreicht werden darf. Die Patienten bekommen das über einen Tropf und müssen eine bestimmte Zeit vor Ort bleiben, damit man sicher ist, dass alles gut vertragen wurde.

Nun gibt es eine Patientin, Ende 40, die zu ihrer chronischen entzündlichen Darmerkrankung mit ständigem Durchfall auch noch eine Zuckerkrankheit hat. Oder umgekehrt: Die Zuckerkrankheit ist bereits aufgetreten, als sie noch Kind war. Zudem fehlt der Dame ein Bein. Ob durch schlechte medikamentöse Behandlung der Zuckerkrankheit oder aus anderen Gründen, ist mir nicht bekannt, jedenfalls rennt sie mit einer Oberschenkelprothese durch die Gegend und kann schlecht auf einer Stelle stehen. Somit hat sie sich wohl, anstatt sich am Empfang in die Schlange zu stellen, einfach auf den ersten nicht belegten (und auch noch nicht sauber gemachten) Behandlungsstuhl gesetzt.

Plötzlich kommt Hektik auf, weil diese Dame ohnmächtig vom Behandlungsstuhl gekippt ist und mit blutender Kopfwunde auf dem Fußboden liegt. Ein anderer Patient sieht das im Vorbeigehen und spricht mich, vier Räume weiter, an, ob ich mir das mal ansehen möchte. Eine Mitarbeiterin, eben diese kleine giftige, hat das auch bereits mitbekommen und empfängt mich mit: „Holen Sie den Notfallwagen. Ach nee, das können Sie ja nicht. Bleiben Sie bei der Patientin, ich hole den Notfallwagen. Verdacht auf Allergieschock!“ – „Was denn für eine Allergie?“ – „Bestimmt nicht gegen Katzen, oder sehen Sie hier eine?“ – „Bleiben Sie mal sachlich! Machen Sie bitte mal einen Glukose-Test.“

Atmung, Puls, Gesichtsfarbe, Hautbeschaffenheit – das sah alles nicht nach einem allergischen Schock aus. Und noch bevor das EKG dran war, wussten wir, dass sie einen Zuckergehalt von 1,3 mmol/l, entsprechend 23 mg/dl im Blut hatte. Normal wären so 5-6 mmol/l oder 90-110 mg/dl. Bei einer Diabetikerin kann das auch in etwas größerem Rahmen schwanken, ohne dass es gleich gefährlich ist, aber dieser gemessene Wert traf nicht nur eine klare Aussage über die Ursache ihrer Bewusstlosigkeit, sondern auch darüber, dass die Behandlung insgesamt nicht gut eingestellt ist. Normalerweise würde man schon unter 3 (50) so zittrig (und meistens leicht reizbar) werden, dass die Patientin selbst gegensteuern würde. Mit jedem Unterzucker gewöhnt sich der Stoffwechsel aber an neue Untergrenzen und die typischen warnenden Symptome treten erst verspätet oder gar nicht mehr auf.

Traubenzucker über die Vene wäre jetzt dringend angezeigt. Zwei Pflegekräfte hoben sie auf die Liege, nun kam endlich mein Chef um die Ecke. Mit Traubenzucker war sie innerhalb von zwei Minuten wieder wach. Ich rollte in den Nebenraum, da hörte ich doch, dass die kleine giftige Pflegehilfe mich beim Chef anschwärzte: „Die hat sich über die Richtlinien hinweg gesetzt. Zuckercheck wäre viel später dran gewesen. Und sie ist keine Ärztin!“ – „Das ist ein standardisiertes Diagnose-Schema, auf das Sie sich berufen. Keine Richtlinie. Die Kollegin war sich offenbar sicher und hat direkt ins Schwarze getroffen.“ – „Sie hat völlig außer Acht gelassen, dass es auch eine allergische Reaktion auf ihr Medikament sein könnte. Nur aus diesem Grund lag sie hier überhaupt. Ich bin zwar keine Ärztin, wie sie auch nicht [ja, betone es ruhig noch ein paar Mal], aber dass man das nicht aus dem Blick lassen darf, muss auch ihr klar sein. Und ich habe sie darauf hingewiesen.“ – „Ich werde das mit ihr aufarbeiten.“ – „Na hoffentlich.“ – „Vermutlich hat sie aber innerhalb der Spielräume, die durchaus vorhanden sind, alles richtig gemacht. Das ist nämlich zufällig eine sehr gute künftige Kollegin.“ – „Die ist ehrgeizig, mehr nicht. Ich frage mich, warum jemand mit so einer schweren Behinderung ausgerechnet so einen Job machen will.“ – „Weil sie es kann.“

Danke. Ich seufzte tief und arbeitete weiter. Zwanzig Minuten später fragte mich der Chef: „Woher wussten Sie, dass das keine Anaphylaxie [allergischer Schock] war? [Giftnudel] vermutete das und ihre jahrelange Erfahrung können und sollten Sie Ihr nicht absprechen.“ – „Das habe ich auch nicht getan. Aber die Patientin hatte keinen venösen Zugang und auch keine frisch punktierte Armvene. Es war unwahrscheinlich, dass sie heute schon von uns behandelt worden war. Klar, sie hätte auch draußen ungewollt Nüsse geknabbert haben können, aber sie hatte rosige bis blasse Hautfarbe und war locker vom Hocker gefallen. Bis auf den schnellen Puls passte gar nichts zur Anaphylaxie, und nach der Vorgeschichte lag eine Hypoglykämie [Unterzuckerung] so nahe, dass ich darum gebeten hatte, parallel einmal einen Schnelltest zu machen.“ – „Wann haben Sie Prüfung?“ – „Im Mai.“ – „Haben Sie Schiss?“ – „Ja.“ – „Das packen Sie mit links. Im Schlaf.“ – „Weil ich auf den venösen Zugang geachtet habe?“ – „Weil Sie sich eine so vielfältige Routine angeeignet haben, dass Sie auf Anhieb die Dinge sehen, die Sie sehen müssen.“

Na dann … er glaubt an mich. Das ist wohl schonmal ein Viertel der Miete. Wenn ich jetzt noch meine Kärtchen schaffe und mich nicht ganz dumm anstelle, dürfte es eigentlich irgendwie glatt gehen. Wenn das bloß erst vorbei ist! Ich war bei keinem der bisherigen Examensprüfungen so aufgeregt wie vor dieser hier. Ät-zend!

Puff und Meise

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Das Gute daran, wenn man weiß, wie sich eine Bronchitis anhört, ist, dass man weiß, wann man eine Bronchitis hat. Um das grobe Rasseln beim tiefen Ausatmen zu hören, brauchte ich nicht mal ein Stethoskop. Ich bin bis heute noch nicht wieder völlig gesund. Allerdings schon lange nicht mehr ansteckend, seit zehn Tagen schon wieder auf der Arbeit – ich darf nicht lange fehlen im Praktischen Jahr. Wenn ich sehr laut sprechen muss, habe ich noch immer den typischen Reizhusten. Aber kein Rasseln mehr, kein grobes und auch kein feines. Also auch keine Lungenentzündung. Und der ganze Mist ist auch ohne Sekundärinfektion und damit ohne Antibiotikum (und vor allem ohne Neuraminidase-Hemmer, zu denen ich ohnehin ein sehr kritisches Verhältnis habe) wieder weg gegangen. So heftig hat es mich allerdings lange nicht erwischt.

Kleine Anekdote, die die zart besaiteten Leserinnen und Leser lieber überspringen und zum nächsten Absatz vorscrollen: Irgendwann haben natürlich auch meine neuen Nachbarn mitgekriegt, dass ihre neue Nachbarin nicht mehr jeden Morgen früh los fährt. Ob sie mir was vom Einkaufen mitbringen sollen, wollten sie wissen, und klingelten dafür bei mir an der Tür. Ist ja nett. Kräuterbonbons gegen den Reizhusten wären gut. Sie schleppen tütenweise an, allerdings alle mit Süßstoff. Bei einigen hatte ich das gesehen und die gleich weggepackt, bei einer von den Schweizern erfundenen Sorte dachte ich erst, die gibt es nicht mit Süßstoff. Drei Stück habe ich gelutscht und habe so derbe Blähungen davon bekommen, dass ich mir nachts eine Windel angezogen habe, weil ich nicht abschätzen konnte, was da noch so alles passiert. Es ist nichts passiert, außer dass ich irgendwann durch Blick auf die Uhr festgestellt habe, dass ich durchschnittlich alle zwei Minuten gepupst habe. Mehrere Stunden lang von drei Bonbons. Nie wieder.

Man kann, für alle die, die den letzten Absatz übersprungen haben, auch zusammenfassen, dass ich keinen künstlichen Süßstoff vertrage. Und kaum war ich wieder unter Menschen (also seit dieser Woche, in der letzten Woche durfte ich aus Sicherheitsgründen noch keinen Patientenkontakt haben, sondern nur Papierkram erledigen), hatte mich der Alltag wieder. Ich rolle mit einer Rolle (tolles Wortspiel) Krepppapier (mit vier „p“, drei vor dem „a“, eins hinterm „a“) zu einem Patienten, da spricht mich lachend ein Mann an: „Willst du damit nen Puff aufmachen oder wofür brauchst du das alles?“ – Seh ich aus wie ne Puffmutti? Oder eher wie eine Prostituierte?

Hinter dem Vorhang kam mein Chef heraus, guckte den lachenden Mann an und sagte: „Nehmen Sie sich mal ein bißchen zusammen. Wir sind hier nicht in Ihrer Eckkneipe.“ – Wobei er eher noch der harmlosere Patient war. Eine andere Patientin sollte zum ersten Mal ein bestimmtes Medikament intravenös, also über einen Tropf, bekommen, und noch bevor überhaupt irgendwas in ihrem Kreislauf angekommen sein konnte, fing sie an zu zittern, die Augen zu verdrehen und zu atmen, als hätte sie gerade einen Sprint hinter sich gebracht. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung ist, sie ignorierte mich und zitterte weiter. Ich fragte nochmal: „Hallo? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ – „Ich glaube *schnauf* *schnauf*, ich vertrage das Medikament nicht.“ – „Die Infusion läuft noch gar nicht“, antwortete ich. Sie guckte mich an, hörte schlagartig auf zu tief und schnell zu atmen und sagte dann: „Dann hab ich eine Allergie gegen den Schlauch.“ – Na sicher. Ne Meise hast du. Aber ne große.

Meine Karteikarten sind schon weniger geworden. Aber leider gibt es noch immer einen großen Stapel von Dingen, die ich noch nicht drauf habe. Und neulich habe ich den Fehler gemacht, in den bereits aussortierten Karten noch einmal zu stöbern. Und festgestellt, dass ich einiges schon wieder vergessen habe. Noch rund sechs Wochen bis zum Examen. Und ich habe das blöde Gefühl, dass es nicht reichen wird. Obwohl mein Kopf mir sagt, dass ich völlig entspannt sein sollte. Wenn das bloß erst vorbei ist.

Frau Pingpong und Frau Klum

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Sieben Monate ist es her, dass ich das letzte Mal mit einem grippalen Infekt im Bett lag. Wenn man von einer leichten Impfreaktion absieht, die ich nach meiner Grippe-Impfung hatte, war ich über ein halbes Jahr durchgehend topfit. Was angesichts meines doch recht häufigen Kontakts zu kranken Menschen wohl eine kleine Sensation ist. Umso frustrierter bin ich gerade, dass ich mir tatsächlich (trotz Impfung) die echte Influenza eingefangen habe. Viermal darf man raten, welcher Stamm im Impfstoff gefehlt hat und warum. Ich könnte kotzen. Zum Glück ist sie online nicht übertragbar.

Soll ich mal ein wenig jammern? Ja?

Aua! Richtig aua.

Das Fieber ist eine Sache. Es ist nicht schön, aber für mich jetzt auch nicht so schlimm. Es ist halt da, ich fühle mich matschig, überwärmt und antriebslos. Unproduktiver Husten ist nervig, aber dennoch auszuhalten. Über meinen Schnupfen freut sich die Taschentuchindustrie. Aber die Gliederschmerzen… Leute, war das eine Nacht! Ich wusste nicht, wie ich liegen oder sitzen sollte. Ich habe mich gefühlt alle dreißig Sekunden anders hingelegt, weil ich die Schmerzen nicht aushalten konnte. Ich bin sicherlich nicht zimperlich, aber das war heftig. Und dann nur kurzwirksames Paracetamol im Haus. Was gleichzeitig Fieber senkt. Nicht gut.

Inzwischen hänge ich jetzt den vierten Tag damit herum. Bis zum nächsten Wochenende wird mich das wohl noch beschäftigen. Und entsprechend verlängert sich auch mein Praktisches Jahr noch in den April hinein. Obwohl ich die Zeit eigentlich zum Lernen nutzen wollte.

Lernen. Einerseits fühle ich mich sehr sicher, andererseits liegen hier noch hunderte Karteikarten, die ich noch nicht aussortieren konnte. Oftmals sind es Besonderheiten. Aktuelles Beispiel von vorhin: Statine. Cholesterinsenkende Medikamente. Cerivastatin (Lipobay, ist vom Markt), Lovastatin (ist auch vom Markt, muss man aber ebenso kennen), Simvastatin, Atorvastatin, Pitavastatin, Pravastatin, Fluvastatin, Rosuvastatin und so weiter. Dazu muss man wissen, wie die verstoffwechselt werden, wie sie sich zusammensetzen und wo die häufigsten Probleme sind. Und mittendrin liegt die Karte vom Pentostatin. Und nein, das ist jetzt mal kein Cholesterin-Senker. Das ist ein Krebsmedikament, das gezielt eine DNA-Schädigung hervorruft und damit als letztes Mittel bei einer bestimmten Form der Leukämie eingesetzt wird.

Okay, das wird man im Alltag nicht verwechseln. Und schon gar nicht aus Versehen mal eben so verordnen. Aber es ist examensrelevant. Also: Hopphopp, rin in Kopp! Langsam ist da echt kein Platz mehr.

Apropos verwechseln: An meinem „Arbeitsplatz“ holen sich täglich ganz viele Leute eine Infusion ab, die ärztlich überwacht werden muss. Eine Patientin heißt Bärbel Meier. Natürlich nicht wirklich, aber es ist ein anderer, häufig vorkommender Name. Eine andere heißt Beatrice Pingpong. Natürlich auch nicht wirklich, aber der Nachname ist so, dass es einigermaßen albern klingt und man sich für einen Moment fragt, ob man das jetzt wirklich so aufrufen soll oder ob es vielleicht ein ausländischer Name ist, der vielleicht ganz anders ausgesprochen oder betont wird. Oder so.

Letzte Woche, es ist alles vorbereitet, und ich schließe Beatrice Pingpong an die Infusion für Bärbel Meier an. Wobei Bärbel Meier eine etwa drei Mal so starke Dosis bekommt wie Beatrice Pingpong. Die Mitarbeiterin hat das vorbereitet, war neu, ich frage die Patientin auch noch: „Bärbel Meier?“ – Sie sagt: „Ja, das ist richtig.“

Und während ich anfange, das zu dokumentieren, in der Akte von Bärbel Meier, weiß ich die ganze Zeit, dass was falsch ist. Nicht vom Kopf, denn ich habe mich ja mehrmals vergewissert, sondern vom Bauch. Ich gucke auf das Geburtsdatum und denke so: „Das kann nie und nimmer stimmen.“ – Scheiße. Ich rolle zur Patientin, stoppe sofort die Infusion. Sie liest gerade eine Zeitung, schaut mich fragend an. „Heute nur ein Drittel?“ – „Frau Meier, wie heißen Sie mit Vornamen?“ – „Beatrice. Warum?“ – „Ich möchte mich einmal vergewissern, dass ich die richtige Akte vorliegen habe.“ – „Falls Sie mich nicht finden, bei Ihnen im Schrank, müssen Sie sonst unter ‚Pingpong‘ suchen. Den Namen hatte ich bis vor meiner Scheidung.“

Ja geil. Ich rolle zurück zum Schreibtisch, mit zitternden Fingern den Professor angepiept, der ruft binnen zehn Sekunden zurück. „Können Sie mal bitte schnell kommen? Ich hab hier Scheiße gebaut.“

Erstmal die Akte von der Frau Pingpong aus der Schublade holen. Sie hätte ein Drittel bekommen müssen. Mit Glück habe ich das wohl gerade noch rechtzeitig gestoppt. Der Professor kommt um die Ecke. „Was ist passiert?“ – „Frau Pingpong heißt seit gestern auch Meier und hat die Infusion von einer anderen Meier dranhängen.“ – „Sofort stoppen. Wo ist sie?“ – „Ist schon gestoppt. Sie liegt dahinten.“ – „Wieviel hat sie davon bekommen?“ – „Ein Drittel. Aber hochdosiert.“ – „Das ist nicht so schlimm. Nur schade um das, was wir jetzt wegwerfen. Kann passieren. Sie haben es ja noch rechtzeitig gemerkt. Immer noch mal fragen, wen man vor sich hat, selbst wenn man sich sicher ist.“ – „Hab ich ja gemacht. Ich habe gefragt, ob Sie Bärbel Meier ist, bevor ich die Infusion für Bärbel Meier angeschlossen habe.“

Der Professor guckte mich ungläubig an. Sekunden lang. Ich guckte ihm entschlossen in die Augen. „Ich geh da jetzt hin und scheiß sie zusammen“, sagte er und dachte wohl, ich würde zurückrudern. Stattdessen sagte ich: „Ich komme gerne mit.“

Der Professor ging auf die Patientin zu, die ausgestreckte Hand voraus: „Wir müssen kurz reden. Hier ist gerade was durcheinander geraten. Sie haben jetzt einen anderen Nachnamen?“ – „Jo.“ – „Und auch einen anderen Vornamen?“ – „Nö.“ – „Weil die Kollegin sagt, sie hätte Sie vorhin mit Bärbel Meier angesprochen.“ – „Jo. Bärbel ist doch auch ein schöner Vorname. Fast so schön wie Beatrice.“ – War die Frau wirklich so blöde? Oder noch blöder? Das hätte zweifellos dramatisch enden können. Für sie und für mich. Ich stand da mit offenem Mund und machte vermutlich ein Gesicht wie eine Kuh, wenn es donnert. Am liebsten hätte ich ihr eine Schelle verpasst, aber ich drehte mich stattdessen um und rollte ins Dienstzimmer zurück.

Ein paar Minuten später kam der Professor wieder dazu. „Machen Sie sich keinen Kopf. Das wäre mir genauso passiert. Sprechen Sie bitte kurz mit der Kollegin, die das bereitgestellt hat. Und künftig bitte auch das Geburtsdatum abgleichen.“ – Ich nickte, während er raus ging. Und Sekunden später nochmal reinkam: „Und gut, dass Sie mich sofort gerufen haben.“

Beim nächsten Patienten, ein Frühpensionär Anfang 60: „Herr Schulz, wann sind Sie geboren?“ – „Oha. Das ist schon so lange her, das weiß ich gar nicht mehr genau. Gab es einen Unfall, oder warum fragen Sie das neuerdings?“ – „Beinahe. Jemand wusste nicht, wie er heißt.“ – „Ist nicht wahr. Und hat einen falschen Namen gesagt?“ – „Ja.“ – „Nein. Das ist doch Comedy.“ – „Nein, Stationsalltag.“ – „Ach, das ist doch genauso doof als wenn ich mich im Bus auf den Klappsitz hocke und zu kacken anfange, weil ich denke, ich bin zu Hause auf dem Klo!“ – Auf der Liege daneben bricht jemand in Gelächter aus. „Ist doch wahr! Wo sind wir denn?! Wenn Sie mich jetzt mit ‚Martin Schulz‘ ansprechen, dann fühl ich mich doch nicht geehrt, sondern rufe ‚Stop!‘ Ich will doch nicht dem seine Medizin in meinen Adern haben. Wenn Sie mich mit ‚Heidi Klum‘ ansprechen würden, dann würde ich vielleicht einen Moment überlegen.“

Zwei Tage später liegt er wieder vor mir. „Frau Klum? Ihr Geburtsdatum bitte?“ – Der Nachbar guckt sparsam, Herr Schulz schlägt sich auf die Oberschenkel und bricht in tosendes Gelächter aus. „Mädel, mit dir haben sie hier echt ein Goldstück an Bord.“

Kurz vor fertig

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So langsam ist es echt nur noch anstrengend. Ich bin dermaßen reif für die Insel, dass ich am liebsten sofort alles hinschmeißen und auswandern würde. Hat schon mal jemand eine Rollstuhlfahrerin wandern sehen? Eben. Also nix mit Wandern, sondern Zähne zusammenbeißen und den Endspurt durchziehen ist angesagt. Wenn ich nicht noch krank werde, sind es noch genau sieben Wochen, dann bin ich fertig. Fertig, fertig, fertig.

Okay, nicht ganz. Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Das Abschluss-Examen wird voraussichtlich Anfang Mai sein. Zwei Stunden mündliche Prüfung über alles, was in den sechs Jahren Studium drangekommen und nicht drangekommen ist. Immerhin keine Multiple-Choice-Fragen.

Ich bin mir sicher, dass ich bei meinem jetzigen Prof, der mich im letzten Drittel meines Praktischen Jahres betreut, fachlich sehr gut aufgehoben bin. Leider habe ich das Gefühl, dass er mich auch attraktiv findet. Was mir natürlich sehr schmeichelt, vor allem mit Blick auf mein sitzendes Dasein. Was aber nervt, wenn er immer kuscheliger wird. Denn ich möchte von ihm ausschließlich fachlichen Input. Und den nur sachlich und verbal. Ich befinde mich gerade in der Situation, in der ich ihm noch nicht gesagt habe, dass ich nichts von ihm will. Ich will das noch möglichst lange hinaus zögern, da ich ein wenig die Befürchtung habe, dass er mich danach fallen lassen könnte. Wenn nicht noch schlimmer – und das muss ich so direkt vor dem Examen natürlich nicht noch erleben.

Beziehungstechnisch läuft es gerade auch nicht. Ich hatte ja bereits vor einem Vierteljahr darüber geschrieben, dass ich weniger emotional an dieser Beziehung hänge als an den bisherigen. Entsprechend hat es mich auch nicht aus der Bahn geworfen, dass er kurz vor dem Examen unbedingt noch aus Eifersucht mit mir Schluss machen will. Ich habe ihm gesagt, dass er sich das nochmal überlegen soll, aber ich schätze das so ein, dass er nicht mehr wieder zu mir zurück möchte. Er meint, dass er an mir geliebt hätte, dass ich so bodenständig gewesen sei. Dass ich einen Mercedes fahre, konnte er sich selbst noch mit Qualitätsverlangen begründen. Aber ein eigenes Haus vor Vollendung des 30. Lebensjahres? Das sei ihm zu abgehoben. Ich sei zu elitär geworden für seine schmalen materiellen Ansprüche.

Dann ist das wohl so. Da er auch meinte, dass ich nur deshalb in den örtlichen Schwimmverein eingetreten sei, um nicht so viel Zeit mit ihm zusammen verbringen zu müssen, kann ich ihn derzeit nicht wirklich ernst nehmen. Die trainieren zwei oder drei Mal unter der Woche und wir haben uns bisher (von zwei Ausnahmen abgesehen) immer nur am Wochenende getroffen. Egal, gehe ich jetzt erstmal mit meinem Delfin ins Bett. Sorry, die Gemeinheit musste raus.

Ich habe inzwischen eine Einbauküche und einen Treppenlift ins Obergeschoss. Und einen Zaun zur Straße und zur Rückseite. Zu den Nachbarn noch nicht, ob das wirklich sein muss, wollen wir gemeinsam entscheiden. Bislang waren die sehr nett – auf beiden Seiten sind ältere Ehepaare. „Wenn Sie im Frühjahr auch Rasen anpflanzen, kann ich Ihren gerne mit mähen. Ich habe, als wir hier eingezogen sind, meinen Aufsitzmäher nicht verkauft, obwohl er für den jetzigen Garten viel zu groß ist. Aber bei Ihrem Nachbarn auf der anderen Seite mähe ich auch gleich immer mit. Als Pensionär habe ich ja alle Zeit der Welt.“

Ich habe mich für einen dunkelgrünen Stahlzaun entschieden. Also solche Stabmatten und ein elektrisches Tor, das zur Seite rollt. Haben beide Nachbarn auch, und so sieht es wenigstens einheitlich aus. An den Zaun kommt eine blickdichte Hecke. Nicht kompliziert. Allerdings hat das elektrische Tor nur 48 Stunden gestanden, bevor die Firma, die die Küche anlieferte, mit ihrem Lkw dagegen gefahren ist. Kratzt mich aber irgendwie gar nicht. Die Firma, die das aufgestellt und einbetoniert hat, kommt nächste Woche noch einmal, und den Schaden zahlt die Versicherung. Sieht im Moment etwas albern aus – und ich sag noch: Parkt auf der Straße! Nee, man musste ja rückwärts bis ans Küchenfenster fahren und anschließend die Kurve zu eng nehmen.

Und sonst so? Ich wünsche mir den Sommer herbei! Ich habe echt keinen Bock mehr auf dieses kalte, nasse Wetter.