Wieder geritten

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Zwei Wochen noch. Ich bin schon jetzt aufgeregt ohne Ende. Wohin soll das noch führen? Wahrscheinlich schlafe ich die letzten beiden Nächte vor meinem ersten Unitag gar nicht mehr. Und dabei ist doch alles ganz easy und in einem halben Jahr werde ich fast nicht mehr verstehen können, wie ich wegen meines Studiums so aufgeregt sein konnte. Aber noch ist „heute“ und nicht „in einem halben Jahr“. Marie (nicht Maria) ist übrigens mindestens genauso aufgeregt, sagt sie.

Es wird allerdings auch Zeit, dass es endlich losgeht. Ich hoffe, dass ich das alles irgendwie schaffe. Da ich ja zur Zeit kein Auto habe, fahre ich statt den 15 Minuten mit dem Auto (für 9 Kilometer laut Google Maps) ganze 65 Minuten mit Öffis (laut Online-Fahrplanauskunft des HVV) – hurra. Ich freue mich schon auf die netten Gespräche in der Bahn, die mich dann wieder jeden Morgen vor dem ersten Frühstück erwarten. Okay, okay, vielleicht beginnt die Uni auch später am Morgen. Und ob ich vorher frühstücke, liegt ja auch an mir. Ich weiß, ich habe einen größeren Einfluss auf das, was ich täglich erlebe, als ich manchmal glaube.

So waren wir heute im Hamburger „Speckgürtel“, im angrenzenden Schleswig-Holstein, um dort zu reiten. Jana hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte, sie hat eine Klara kennen gelernt, die vor etwa einem Jahr vom Pferd gestürzt ist und seitdem im Rollstuhl sitzt. Klara reitet seit einigen Wochen wieder, die Eltern haben einen eigenen Stall. Zuerst haben wir (Jana, Marie und ich) uns im Klara zum Brunchen in der Stadt getroffen. Dann ging es mit der S-Bahn an den Stadtrand.

Normalerweise verwende ich für meine Leute andere Vornamen in meinem Blog. Meistens frage ich sie, wie sie heißen wollen. In diesem Fall heißt „Klara“ wirklich „Klara“, sie hatte nichts dagegen, dass ich unter ihrem richtigen Vornamen schreibe. Und nur dann macht die Story, die wir heute in der Bahn erlebt haben, auch einen Sinn.

Am Berliner Tor fiel Klaras Handy fast von ihrem Schoß. Da sie das ja nicht fühlt, sagte ich: „Klara, dein Handy fällt gleich runter.“ – Gegenüber saß ein Typ und meinte: „Du bist Klara? Die Klara aus Frankfurt, die in den Alpen laufen lernt?“ – Klara guckte verdattert, ich antwortete: „Ja und ich bin Heidi. In der modernen Fassung des Buches sitzt Heidi auch im Rollstuhl.“ – Jana setzte noch einen oben drauf: „Und ich bin der Herr Sesemann und habe meinen Kindern verboten, sich von fremden Leuten ansprechen zu lassen.“ – Der Typ grinste, stieg eine Station später aus.

In Allermöhe, einige Stationen später, stieg ein Paar ein, beide schätzungsweise um die 60, kamen auf uns zu und sagten: „Guten Tag, ihr vier hübschen. Ganz alleine unterwegs?“ – Ich hätte mindestens drei Kommentare auf der Zunge gehabt, habe sie mir aber alle verkniffen und nur genickt. Der Typ suchte sich Marie aus und fragte sie: „Bist du gelähmt?“ – Marie nickte. – „So richtig querschnittsgelähmt?“ – Marie nickte noch einmal, er nickte mit, mit seltsamer, irgendwie begeisterter Miene. – „Ich hab da mal eine Frage.“ – „Oh nö, suchen Sie sich bitte ein anderes Opfer!“, antwortete Marie. Ihn interessierte es nicht. „Nur eine Frage. Wenn du heute dein Leben noch einmal von vorne anfangen könntest, würdest du dann alles noch einmal genauso tun?“

Marie kann so fies sein. Sie schaute ihn fünf Sekunden ohne mit einer Wimper zu zucken an und antwortete dann: „Gewiss nicht. Ich würde in Mamas Bauch so lange turnen, bis sich die Nabelschnur um meinen Hals wickelt und stramm zuzieht.“ – Der Typ schluckte ein paar Mal. Und dann explodierte sie. „Oder was wolltest du hören?! Du kommst hier rein, läufst durch den halben Wagen, nur um mich dumm von der Seite anzumachen?“ – „Ich wünschte, ich könnte…“ – „Ach halt den Sabbel und sieh zu, dass du endlich Land gewinnst.“ – Einige in der Nähe sitzende Leute drehten sich um und glotzten. Der Typ packte irgendeinen regenbogenfarbenen Flyer von einer meditativen Erleuchtungsgruppe aus seiner Umhängetasche aus und wollte uns damit versorgen. Marie war auf 180, riss ihm das Zeug, bevor er was dazu sagen konnte, aus der Hand, warf es im hohen Bogen durch den Waggon und fauchte weiter: „Wir sind heute am Wendepunkt, das hat mir dein Kumpel schon letzte Woche erzählt. Ich hab gesagt, du sollst dich verpissen. Und nimm deinen Rotz mit. Such dir andere Leute, die du mit deinem Psychoscheiß vollsülzen kannst.“

Der Typ ging einen Schritt zurück, seine Partnerin und er knieten sich im Wagen mit einem Bein auf den Fußboden, hielten die Hände vor dem Gesicht gegeneinander und murmelten irgendwas. „Jetzt werden wir verflucht.“, sagte Jana. Am Ende standen die beiden wieder auf, verbeugten sich noch einmal vor uns und gingen zum anderen Ende des Wagens. Jana fragte Marie: „Warum bist du denn so sauer? Der hat es auch nicht einfach und muss pro Woche seine Unterschriften zusammenkriegen.“ – „Die kenne ich schon, die laufen schon seit einigen Wochen in Hamburg rum und labern jeden an, der im Rolli sitzt oder mit Gehwagen oder Blindenstock durch die Straßen zieht. Musst mal drauf achten, die sind immer zu zweit, haben immer eine Umhängetasche mit so einem regenbogenfarbenen Button drauf und einem schwarzen Dreieck. Wenn du die nicht gleich verarztest, laufen die stundenlang hinter dir her. Einer Freundin von mir sind sie am Hauptbahnhof bis in die Sicherheitswache gefolgt.“ – Na super.

Das Reiten war dafür umso netter. Wir waren zuerst in einer alten Reithalle und übernahmen die vier Pferde von einigen Mädchen, die dort Stalldienst hatten. Zwei Pferde gehörten einem Nachbarn von Klara. Klara meinte, die Pferde würde sie in den ersten Wochen, in denen sie nach ihrem Unfall wieder im Sattel sitzt, nicht reiten, die seien ihr zu heiß und zu verrückt. Ich dachte mir: „Danke für die Warnung, aber mit Angst sollte man nicht auf so ein Tier klettern.“

Marie erwischte es als erste. Nach vier Runden am Strick in der Halle war es ihrem Gregor entweder zu langweilig oder er war zu übermütig und wollte mal ausprobieren, wie sicher Behinderte im Sattel sitzen und meinte, steigen zu müssen. Marie hatte das im Gefühl, war drauf gefasst und ließ sich so rechtzeitig nach vorne fallen, dass sie sich sofort am Hals festhalten konnte. Wenn man keine Kontrolle in den Beinen hat und den Rumpf durch Gewichtsverlagerung oder Abstützen mit den Armen steuern muss, ist man gut beraten, nicht wie ein Schluck Wasser auf dem Tier zu hängen. Als Gregor es fünf Mal vergeblich versucht hatte und auch seine wilden Drehungen dabei nichts brachten, schienen die Autoritätsverhältnisse geklärt zu sein und Gregor war lammfromm.

Zwei Minuten später war ich dran. Ich ritt parallel auf Derrick, auch erst einige Runden geführt am Strick, dann flippte er aus. Er tobte buckelnd durch die Halle, verpasste seinem Stallkollegen fast noch einen Tritt und zum Glück legte der das nicht darauf an, die Rangordnung zu klären. So ein Scheißviech. Eine ältere Frau stand in der Halle und brüllte mich an: „Kopf hoch, Kopf hoch, Kopf hoch!“ – Ja, ich sitze nicht zum ersten Mal auf einem buckelnden Pferd. Auch wenn ich zugeben muss, es war das erste Mal nach meinem Unfall. Ich muss gestehen, es gab drei, vier Momente in der gefühlten einen Minute, wo ich arge Mühe hatte, mich festzuhalten und wäre Derrick in dem Moment auch noch gestiegen, hätte ich definitiv im Dreck gelegen. Als Querschnitt fällt man vor allem auch recht unsanft. Aber Derrick hat ja schließlich weder Medizin studiert noch habe ich mir was anmerken lassen und kurz danach war auch er ganz lieb.

Später waren wir noch draußen, sowohl auf einem Freiplatz als auch auf einem angrenzenden Waldpfad. Zwischendurch kam die Sonne mal durch die Wolken und es war richtig toll. Wenngleich ich es schade finde, nicht mehr richtig reiten zu können, so ein Ausritt macht trotzdem immer wieder Spaß. Mal sehen, vielleicht ergibt sich ja in nächster Zeit doch öfter nochmal die eine oder andere Gelegenheit!

Paranoide Behinderte

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Wer glaubt, ich hätte irgendwann alles erzählt und alles erlebt, zieht den Sinn und die Zukunft meines Internetblogs, meines Online-Tagebuchs, in Zweifel. Gerade wenn ich in alten Beiträgen blättere (vorhin habe ich einen gesucht), freue ich mich plötzlich über Details, die ich zwischenzeitlich schon wieder vergessen oder gar verdrängt hatte.

Gestern wollte ich mit Marie (nicht Maria) zur Uni. Ab April beginnen regulär unsere Vorlesungen, wir sind beide schon extrem aufgeregt. Vorher ist noch etlicher Papierkram zu erledigen, für den wir auch noch persönlich in die Verwaltung eiern müssen, einiges davon hängt mit unseren Behinderungen zusammen. Aber: Wir sind zum Glück nicht die ersten Rollstuhlfahrerinnen, die in Hamburg studieren, entsprechend gut organisiert war man vor Ort. Wir trafen eine Beraterin, die uns alles mögliche zum Thema „Studieren mit Behinderung“ erzählte und anschließend mit uns zusammen zu den einzelnen Stellen ging, bei denen wir irgendwas beantragen, ausfüllen oder einreichen mussten. Durchblick hatte ich zwar ehrlich gesagt nicht, aber das wird wohl noch kommen. Sie meinte: „Im Moment werden Sie nur Bahnhof verstehen, das ist völlig normal.“

Mit Marie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut, bevor wir los fuhren, war ich bei ihr zum Mittagessen eingeladen. Es war schon eine komische Situation, denn obwohl ich vorher schon ein paar Mal bei ihr zu Besuch war und sie auch schon bei mir, mit der Familie hatte ich sonst eher nur „beruflich“ zu tun, denn ihre Mutter ist ja meine Hausärztin. Es war aber sehr nett und nach den ersten drei aufregenden Minuten auch sehr ungezwungen, die Eltern haben mir beide sogar das „Du“ angeboten. Anschließend hat uns die Mutter zum Bahnhof gefahren.

Und einmal pro Tag muss bei mir irgendwas vorfallen, passieren oder schief laufen, sonst ist die Welt nicht in Ordnung. Manchmal, wenn ich auf meine Finger schaue, denke ich, sie sind nicht nur vom Rollifahren auf der Straße dreckig, sondern da klebt noch etwas anderes dran.

Jedenfalls sollte die S-Bahn, die wir bekommen wollten, in drei Minuten abfahren, wie eine Anzeigetafel auf einer Verteilerebene im Bahnhof anzeigte. Und zwar von Gleis 5. Wir mussten nach oben, und während wir auf den Aufzug warteten, gesellte sich ein älteres Paar zu uns, beide mit einem E-Scooter. Die Tür öffnete sich, Marie und ich rollten bis an die gegenüber liegende Wand durch und drehten uns mit dem Gesicht wieder zum Ein- und Ausstieg, dann kam die Frau dran. Sie wollte unbedingt noch mit in die Kabine, obwohl es kaum passen würde. Vermutlich wäre alles schneller gegangen, wenn wir kurz alleine hochgefahren wären.

Nein, die Frau rangierte ihren E-Scooter im Rückwärtsgang in die Lücke. Zentimeter für Zentimeter. Vor, zurück, vor, zurück, nochmal halb wieder raus, wieder zurück, noch drei Millimeter. Oben fuhr bereits die S-Bahn ein. Ich schaute Marie an, die verdrehte die Augen. Ich sagte: „Was meinste, fährt die nächste auch von Gleis 5?“ – „Ich hoffe es mal.“

Dann endlich war sie drin, drückte versehentlich nochmal auf „Tür öffnen“ statt auf „Start“, dann fiel ihr noch ein, dass sie ja noch die Handtasche brauchte, die ihr Mann draußen während ihres Rangiermanövers festgehalten hatte und dann fuhr der Aufzug endlich los. Oben fuhr die S-Bahn weg. Super, nun hatten wir alle Zeit der Welt. Bevor wir oben ankamen, pupste ich. Zwei Mal. Laut. Marie unterdrückte ein Kiechern, ich sagte: „Entschuldigung.“

Was ich nicht wusste: Die Frau war Amerikanerin und verstand kein Deutsch. Sie starrte mich entsetzt an und sagte dann: „Are you being gross?“ – „Pardon me!“ – „I hope you don’t do that to anybody else. You are disgusting.“ – Ich hatte keinen Nerv, mich auf Englisch zu erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann und es meistens vorher noch nicht mal merke. Zugegeben, es ist schon eklig, wenn das jemand in einer geschlossenen Aufzugskabine macht. Aber die Tür ging auf und die Frau rangierte nach draußen. Wir stellten uns an das Ende des Bahnsteigs, die Frau rollte zum Anfang. Kurz danach kam ihr Mann.

Am Hauptbahnhof mussten wir umsteigen. Marie wollte noch in einen Jackenladen, als wir wieder rauskamen, kamen die beiden E-Scooter-Leute auf uns zu, der Mann hielt sein Gefährt an und stieg aus. Er konnte frei laufen, wenngleich das Gangbild etwas an das eines aufgezogenen Plastiksoldaten erinnerte. Er hatte eine weiße Schirmmütze auf dem Kopf und sein Bart erinnerte ein wenig an den des Almöhi. Er ballte eine Faust und während er auf mich zu wankte, murmelte er: „You farted right in my wife’s face! I’m unlucky on it!“

Oh nein. Ein Verrückter. Vom Gesicht kann jawohl nun wirklich keine Rede sein. „Excuse me, Sir.“ – Er kam mit bedrohlicher Miene auf mich zu. Ich sagte: „Wait, wait. Listen.“ – Er pöbelte: „That was my wife’s face.“ – „No, I farted accidently because of my …“ – Bevor ich mich versah, holte er auch schon aus und verpasste mir mit der Faust einen Schlag gegen den Hals. Einige der umstehenden Leute kreischten. „I may be right in a chair but I’ll kick your ass!“ – Er traf nicht richtig, ich nutzte die Möglichkeit, mich abzuwenden und zu fliehen. Mit großer Chance wäre ich schneller als er. Er stolperte hinter mir her, holte zum zweiten Schlag aus. Diesmal traf er mich von hinten halbherzig an der Wange, man kann schon sagen, dass es weh tat, mit dem zweiten Arm schubste er mich weg. Nun hatte ich genug Schwung, um ihm zu entkommen. Nach zwanzig Metern drehte ich mich um. Marie war in die andere Richtung geflüchtet. Ich befand mich knapp unter einer Brücke in der Mitte der Wandelhalle. Alter Schwede. Mein Herz raste. Der Typ war stehen geblieben und gestikulierte wild und pöbelte in der Gegend rum. „I punched her! I punched her! Get off right now, you nasty slapper!“

Dann trottete er in seinem humpelnden Gang zu seinem E-Scooter zurück, setzte sich rein und fuhr los. Für ihn schien die Sache nun erledigt zu sein.

Für mich auch? Ich rollte langsam zu Marie zurück. Sollte ich die Polizei rufen und ihn anzeigen? Am Ende wird der Mist ohnehin eingestellt, weil er zurück in Amiland ist und dafür sitzen wir zwei Stunden in irgendeiner Wache, während wir eigentlich einen Termin in der Uni haben. Marie sah das nach zwei Minuten genauso und entsprechend machten wir uns auf den Weg zur U-Bahn, immer Ausschau danach haltend, ob uns der Verstörte noch einmal über den Weg rollte. Als wir gerade aus dem Bahnhofsgebäude kamen, joggten uns drei Polizeibeamte entgegen. Einer hielt kurz an und damit waren uns sämtliche Entscheidungen abgenommen. „Ist jemand von Ihnen gerade angegriffen worden? Oder haben Sie was beobachtet?“

Das alles gestaltete sich aber insgesamt weniger kompliziert als befürchtet. Eine Beamtin nahm die Anzeige auf und schrieb alles mögliche in ihr Notizbuch, ich musste am Ende unterschreiben, dann durften wir weiter. Der Chaot musste allerdings mit auf die Wache…

Als ich das zu Hause beim gemeinsamen Abendessen erzählte, sagte Frank nur: „Du kriegst bald Hausarrest.“

Mal eben 644 Euro

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Ich bin ja schon sehr gespannt auf mein Studium, dessen erste Vorlesung nun offiziell am 2. April beginnt. Lange habe ich darauf warten müssen, aber inzwischen weiß ich, dass alle Unterlagen komplett sind, die Pflegepraktika anerkannt wurden und meine Bewerbung Erfolg hatte. Die meisten meiner künftigen Kommilitonen bekommen ihre Zusage erst Ende Januar – manchmal hat eine Behinderung doch auch einen Vorteil.

Allerdings: Studieren in Hamburg ist teuer. Ganze 644 Euro möchte die Uni pro Semester, also pro Halbjahr, von mir haben. Setzt sich wie folgt zusammen:

375,00 € Studiengebühren
146,90 € Semesterticket
60,00 € Beitrag Studierendenwerk
50,00 € Verwaltungskostenbeitrag
10,20 € Beitrag Studierendenschaft
1,90 € Semesterticket-Härtefonds

Der Unsinn dabei: Ich darf, da ich wegen meiner Behinderung als „hilflos“ gelte, öffentliche Nahverkehrsmittel ohne Ticket benutzen. Ich muss dafür lediglich einen entsprechenden amtlichen Ausweis mitführen. Ich muss den Anteil für das Semesterticket aber trotzdem bezahlen… Wie alle Studenten. Bisher konnte mir noch niemand sagen, ob ich den irgendwann erstattet bekomme. Man konnte mir nur sagen, dass ich, wenn ich 146,90 € im Vorwege abziehe, keinen Studienplatz bekomme. Hurra.

Okay, es haut mich (im Gegensatz zu manch anderem Rollifahrer) jetzt nicht aus dem Stuhl. Aber trotzdem: Muss sowas sein?

Und ich bin froh, kein BAföG beantragen zu müssen. Eine andere Rollstuhlfahrerin in meinem Sportverein studiert ebenfalls in Hamburg und bekommt BAföG. Genau ein Jahr hat es gedauert, bis endgültig über ihren Antrag entschieden worden war. Weil beide Elternteile unterhaltsverpflichtet sind, prüft das Amt erstmal, wieviel Unterhalt die Studentin denn tatsächlich bekommt bzw. bekommen müsste. Leider ist der Vater nach der Geburt weggelaufen, als er gesehen hat, dass das Kind behindert ist. Seitdem lebt er von Sozialhilfe oder Hartz IV. Da muss er natürlich keinen Unterhalt zahlen. Aber: Die Studentin weiß nicht, wo der Vater wohnt und will es eigentlich auch nicht wissen. Und damit nimmt das Schicksal seinen Lauf…

Auf eine eidesstattliche Versicherung der Studentin, keinen Unterhalt vom Vater zu bekommen, ermittelt das BAföG-Amt und läuft dem Vater hinterher. Droht mit Zwangsgeldern, wenn er keine Unterlagen rausrückt. Nur leider ist der Vater in den letzten Jahrzehnten rund fünfzig Mal umgezogen. Und bis man weiß, wo er sich jetzt aufhält, vergeht schonmal ein Jahr. Okay, am Ende klärt sich alles und das BAföG wird für das Jahr, das die Behörde brauchte, um zu ermitteln, dass der Vater wirklich Hartz IV bezieht, nachgezahlt – sollte man denken. Falsch gedacht: Nur für die letzten drei Monate. So steht es im § 53 des BAfö-Gesetzes.

Das heißt auf Deutsch: Je länger die Behörde braucht, um zu ermitteln, ob der Vater Unterhalt zahlen könnte, um so billiger wird es am Ende. Also fragt das BAföG-Amt auch nicht direkt bei seiner Rentenversicherung bzw. seiner Krankenkasse an, ob er irgendwo sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, sondern schreibt nacheinander alle 50 Einwohnermeldeämter an… So kann man sich ein Jahr beschäftigen und so wird es am Ende billiger.

Da würde ich doch klagen! Ja, das dachte sie sich auch. Und hat verloren. Nicht nur den Prozess, sondern auch noch die Anwalts- und Gerichtskosten, denn BAföG ist zwar ein Sozialgesetz, wird aber vor dem Verwaltungsgericht verhandelt. Und ein Verwaltungsgerichtsverfahren kostet (im Gegensatz zum Sozialgerichtsverfahren). Warum? Weil sich das BAföG-Amt einfach ein Jahr lang mit dem Fall tatsächlich beschäftigt hat. Zugegebenermaßen unsinnig, aber nach Ansicht des Gerichts in bester Absicht. Sie waren nicht untätig. Somit ist es rechtens, dass der Studentin 9 Monate ihres BAföGs nicht gezahlt werden. Nach Ansicht des Gerichts muss nicht die Allgemeinheit dafür haften, wenn der Vater so oft umzieht. Weitere Rechtsmittel sind nicht zugelassen.

Hätte mir auch passieren können. Ich ziehe solche Sch… ja auch immer magisch an. Mal sehen, was aus dem Semesterticket wird…

Zwölf zum Abgang

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Es ist einfach doof, wenn sooo viel Action ist, dass ich nicht mehr zum Schreiben komme. Irgendwie hat sich in den letzten Wochen bei mir alles überschlagen.

Zuerst das allerwichtigste: Ich bin vorläufig mit der Schule fertig. „Vorläufig“ heißt, dass ich zum August 2012 in das letzte Jahr einsteigen kann, wenn mein geplanter Ausflug scheitert. Der geplante Ausflug: Ich habe ab Februar 2012 einen Studienplatz an der Uni bekommen, ein Direkteinstieg über eine Empfehlung eines Profs. Ich darf ein halbes Jahr ausprobieren, ob ich das packe. Wenn ja, studiere ich weiter, wenn nein, mache ich mein Abi an der Schule nach einem Jahr Unterbrechung zu Ende – oder studiere an einer Fachhochschule, denn die Fachhochschulreife habe ich mit diesem Zeugnis automatisch.

Erstmal halte ich mein Abgangszeugnis in den Händen. Worüber ich mich sehr gefreut habe: Volle Punktzahl in Deutsch! Ein Traum! Ansonsten war die Biochemie sehr lieb zu mir, in beiden Fächern 11 Punkte (in Chemie hatte ich am Anfang nur 06!). Ein wenig unzufrieden bin ich mit PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft), dort hatte ich im ersten Halbjahr 11 Punkte geschrieben und im zweiten 13 und ein Referat wurde ebenfalls mit 13 Punkten bewertet. Naja. Der Sprung von 07 auf 11 ist aber letztlich auch nicht schlecht. Mit der entsprechenden Gewichtung von Schwerpunktfächern habe ich einen Durchschnitt von 12,3 Punkten – das liegt am oberen Rand einer 2+. Über 12,5 Punkte wäre es eine 1- geworden. Aber ich bin zufrieden, denn mehr war absolut nicht drin.

Im einzelnen (vorherige Bewertungen in Klammern):

Deutsch 15 (14, 14, 13)
Mathematik 10 (10, 10, 10)
Englisch 14 (14, 13, 14)
Pädagogik 14 (13, 13, 12)
Psychologie 12 (12, 12, 12)
Französisch: nicht erteilt
Spanisch: nicht erteilt
Biologie: 11 (10, 09, 09)
Chemie: 11 (09, 09, 06)
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 11 (09, 08, 07)
Kunst: befreit
Musik: befreit
Darstellendes Spiel: befreit
Religion: nicht erteilt
Philosopie: 08, (08, n.e., n.e.)
Sport: 15 (15, befreit, befreit)

Es gibt mit Sicherheit Leute, die das besser können, aber ich bin mit mir absolut zufrieden und klopfe mir gerade mal selbst auf die Schulter. 😉