Einhundertundacht

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108 und 84, das sind die beiden magischen Zahlen, die aus meinem Test herausgekommen sind. Ich liege mit meinem Testergebnis acht Prozent über der durchschnittlichen Leistung und konnte bei 84% der in Hamburg in diesem Jahr getesteten Kadidaten leistungsmäßig mithalten. Das heißt: Nur 16% der Leute waren besser als ich, 84% waren schlechter oder gleich gut. Und während die anderen Bewerber, die entweder gar nicht oder zentral getestet werden, fast alle noch auf ihr Ergebnis oder ihre Zulassung warten, …

*künstliche Pause einfüg*

*trommelwirbel starte*

*Spannung aufbau*

… halte ich meine Studienzulassung bereits in der Hand. Yes!!! Es gibt auch mal Dinge, die nicht nur auf Anhieb funktionieren, sondern auch einfach genial laufen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, diesen Weg zu gehen. Meiner Hausärztin und jenem Prof, der mir eine Empfehlung geschrieben hat, verdanke ich das: Ich darf ab Februar 2012 studieren! Wie geil ist das bitte?!?!

Ich muss jetzt bis zum 22. Juni schriftlich antworten, ob ich den angebotenen Studienplatz in Hamburg verbindlich annehme. Hmm, mal überlegen…

Seit Freitag bin ich mit der Schule inoffiziell fertig. Die letzten Wochen waren die reinste Qual. Weniger wegen der Mitschüler, sondern mehr wegen der Dinge, die noch von mir verlangt wurden, weil ich meine Noten noch aufbessern wollte. Vorletzte Woche habe ich vier Nächte hintereinander nur jeweils sechs Stunden geschlafen und die ganze übrige Zeit nur gebüffelt, geschrieben, gelesen und gemailt und geschleimt. In der letzten Woche waren die letzten Klausuren. Jetzt lässt sich nichts mehr ändern, übernächste Woche bekomme ich mein Abgangszeugnis. Die Noten bzw. Punkte stehen fest.

Ganz viel Test

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Ob ich ihn bestanden habe, weiß ich erst Ende dieses Monats. Aber ich habe ein gutes Gefühl. Dennoch war es hammerhart. Wobei ich nicht sagen will, dass ich ihn besonders schwierig fand, er war einfach nur enorm aufwändig und man musste sich über Stunden intensiv konzentrieren. Träumen, lange grübeln oder sich in einer Frage verbeißen musste absolut tabu sein. Die Rede ist vom Medizinertest, den ich in der letzten Woche ablegen durfte und über den ich möglicherweise quer in ein Studium einsteigen kann. Wieso und warum, hatte ich hier schon recht ausführlich beschrieben.

Es war ein Nachholtermin, es waren ganz offensichtlich nicht nur Leute aus Hamburg vor Ort, und alleine der Einlass war die Hölle. Ein Durcheinander! Ein Lärm! Es war ein Ordner und eine Ordnerin vor Ort und die beiden waren unmissverständlich die wichtigsten Personen überhaupt. Um halb acht wurde aufgeschlossen. Rund 80 (in Worten: achtzig) Leute wollten in den Prüfungsraum und jeder wurde einzeln kontrolliert. Jacken, Rucksäcke, Taschen und alles lose Zeugs musste man an einer bewachten Garderobe abgeben. Statt einer Garderobenmarke bekam man einen Gefrierbeutel mit einer Nummer, dort hinein durfte man lediglich sein Portmonee und seine Schlüssel sowie Essen und Trinken stecken. Butterbrotpapier war nicht erlaubt, Tupperschüsseln nicht, Getränke nur originalverpackt oder Wasser, die Flaschen und Packungen wurden genauestens kontrolliert. Alle Hilfsmittel waren tabu. Kein Handy, kein Lineal, kein Taschenrechner, kein Papier, nix. Kein Bleistift, kein Kugelschreiber, kein Füller – lediglich zwei Faserstifte.

Beim Einlass musste man die Ärmel und die Hosenbeine hochkrempeln, die Socken umkrempeln, alle Taschen (Hosentaschen, Hemdtaschen) nach außen drehen oder abtasten lassen. Und sie haben tatsächlich zwei erwischt, einer hatte auf seine Colaflasche was geschrieben, und zwar nicht auf das Etikett sondern mit schwarz auf die Flasche (das wäre dann beim Austrinken sichtbar geworden) und eine war so doof und wollte ihr iPhone mit reinschmuggeln. Ich kann dazu nur sagen: Es hätte nichts genützt. Man hatte überhaupt nicht die Zeit und die Ruhe, um zu schummeln. Und es waren auch keine Aufgaben dabei, bei denen man durch einfache Recherche etwas brauchbares hätte herausfinden können.

Ich wurde als letzte durch den Einlass gelassen, war die einzige im Rollstuhl, musste mich auf einen Stuhl umsetzen und dann haben die erstmal meinen Rollstuhl auseinander gepflückt. Sitzkissen raus, reingeschaut, das Ding auf den Kopf gestellt, unter die Sitzfläche geschaut, Klettverschlüsse geöffnet und wieder geschlossen, dann musste ich Hose und Ärmel hochkrempeln aber dann durfte auch ich rein, meinen Platz einnehmen und warten. Um halb neun kam ein Typ, der alles erklärte, was erlaubt ist, was nicht, wie man Lösungen kennzeichnet, wie man Fehler kennzeichnet, wie man Fehler von Fehlern kennzeichnet, wann man Pause hat. Um neun ging es los, und dann mussten alle nach Zeit die einzelnen Bereiche abarbeiten.

Es gab ein Heft, in dem man sich immer nur in den gerade angesagten Bereichen bewegen durfte, es gab Zeitvorgaben, wenn die abgelaufen waren, mussten alle in den nächsten Bereich wechseln, die zwei Ordner liefen die ganze Zeit im Raum herum und passten auf, acht (!) weitere Leute mussten abgeben, weil sie sich nicht an die Vorgaben gehalten haben und zu früh angefangen oder zu früh umgeblättert haben, mindestens zwanzig Leute wurden verwarnt (schauen Sie bitte nach vorne, nehmen Sie die Hand von der Stirn, lassen Sie die Flasche auf dem Tisch stehen, nicht auf der Erde), der Druck, den die da ausübten, war schon gewaltig. Bestimmt fünf Leute haben geschmissen, drei liefen heulend raus, eine gab nach zwei Stunden ab und sagte, ihr sei schlecht.

Zuerst musste man so beknackte Muster zuordnen, irgendwelche wilden schwarz-weißen Zeichnungen im Original, daneben 5 Ausschnitte, alle sahen sich ähnlich, aber nur einer passte mit dem Original überein. Das fand ich am schlimmsten. Danach wurden einem irgendwelche medizinischen Probleme und Erkenntnisse vorgestellt (unter anderem die Querschnittlähmung, super!) und dann musste man entscheiden, welche Aussagen sich aus den Erkenntnissen herleiten lassen. Das fand ich kinderleicht. Dann hatte man 3D-Figuren in Frontansicht und daneben in einer anderen Ansicht oder eine andere Figur und man musste entscheiden, was da wie zusammenpasst und von welcher Seite man draufguckt und ähnliches. Das fand ich auch relativ leicht. Aber man musste stets aufpassen. Danach waren Textaufgaben dran, allerdings über mehrere Ebenen, man brauchte also immer mehrere Zwischenlösungen, da musste man genau lesen und gut überlegen, das war aber auch zu schaffen. Und dann gab es einen Chaostext, eine Seite bestehend aus zwei Buchstaben, die abwechselnd hintereinander kamen und bei denen immer einer durchgestrichen werden musste. Der Witz dabei war, dass die Buchstaben unterschiedlich oft hintereinander kamen und immer nur ein bestimmter durchgestrichen werden durfte, wenn er direkt hinter einem anderen bestimmten stand. Ein ganzes Blatt voller Buchstaben und man musste Zeile für Zeile sich durcharbeiten, durfte nichts auslassen und nichts korrigieren – 8 Minuten hatte man Zeit, aber was auf den ersten Blick ganz einfach aussieht, entpuppt sich schnell zu einer anstrengenden Aufgabe.

Dann gab es eine Stunde Mittagspause, anschließend musste man sich Figuren und Fakten eintrichtern. Erst 20 Figuren, irgendwelche schwarzweißen Flächengebilde, mehrfach unterteilt und mit unterschiedlichen Mustern, dann 15 Personen: Name, Alter, Beruf, Familienstand, Krankheit. Für beides zusammen hatte man 10 Minuten Zeit (6 Minuten für die Muster, 4 Minuten für die Namen). Danach musste man das weglegen und sich drei medizinischen Texten widmen, in denen viel Müll, aber auch viele Fakten standen. Ein Textmarker war erlaubt und eindeutig von Vorteil. Die Fakten wurden hinterher abgefragt. Und zwar sehr detailliert. Teilweise auch mit so Fragestellungen wie: „Sie sehen hier sechs mögliche Antworten. Welche Aussage trifft nicht zu? A) Die erste und die sechste Antwort ist richtig, die vierte falsch. B) Die vierte ist falsch, alle anderen richtig. C) …“ Und so weiter. Man musste den Text also absolut verstanden haben und die Frage (trifft nicht zu) und die Antworten sehr genau lesen. Hochkompliziert, aber sehr spaßig, weil durchaus zu knacken.

Anschließend musste man die Figuren und die Namen wieder abrufen. Und zwar nicht in derselben Reihenfolge, sondern wild durcheinander und teilweise auf dem Kopf stehend, spiegelverkehrt (was dann aber nicht zählte) und ähnliches. Und bei den Namen musste man natürlich auch nicht die 15 Leute runterbeten, sondern es wurde gefragt: Wer hatte noch gleich die Lungenentzündung? Herr Müller, Herr Meier, Herr Schulze, Herr Schumacher oder Frau Schumacher? Und war die geschiedene Frau mit den Trennungsproblemen 18, 28, 30, 31 oder 33 Jahre alt? 20 Fragen, 100 Auswahlmöglichkeiten, 7 Minuten Zeit. Aber die Stinkesocke weiß ja, wie man sich mit Hilfe von Eselsbrücken, Bildern und kurzen Tagtraumsequenzen schnell irgendwelche Fakten strukturiert ins Hirn hämmert und hat sie alle wieder ausgespuckt. Bei den Figuren bin ich mir nicht ganz so sicher, aber die Namen hatte ich alle drauf. Man darf sich nur nicht durch die Fragen verwirren lassen, sondern muss erst in Ruhe alles abrufen, auf einen Notizzettel kritzeln und dann die Fragen in der letzten Minute fix mit Hilfe der Notizen beantworten.

Und am Ende musste man noch eine Stunde lang Diagramme auswerten. 24 Stück – das war, bis auf die letzten vier, wirklich billig. Wenn man Diagramme lesen kann und sich nicht verarschen lässt. Man darf sich halt nicht von den blanken und bescheidenen Fakten eines Diagramms abbringen lassen und eigene Mutmaßungen anstellen. Wenn ein Diagramm Auskunft darüber gibt, dass 30% der Männer über 45 gefährdet sind, eine bestimmte Erkrankung zu bekommen, kann man daraus natürlich keine Aussage für Frauen ab 45 ableiten, wenn im ganzen Diagramm ausschließlich von Männern die Rede ist. Könnte ja sein, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die nur Männer bekommen können. Aber etlichen ist natürlich nicht aufgefallen, dass oben von Männern und unten von Frauen die Rede war…

Gegen 16.00 Uhr war alles vorbei. Danach bin ich nach Hause gefahren, habe mich ins Bett gepackt und zwölf Stunden durchgeschlafen. Wie gesagt, ich habe ein gutes Gefühl. Ich habe mich hinterher noch mit einigen Leuten unterhalten, die fanden es krass und schwierig und hatten zum Teil nur eine oder zwei Fragen (von 24!) in manchen Aufgabenbereichen beantwortet, weil das alles viel zu schnell ging. Der Test war darauf ausgelegt, dass man nicht alles schafft, das war klar. Aber unter 20%? Okay, ich will den Mund nicht zu voll nehmen, vielleicht habe ich ja mehr geschrieben, dafür aber nur Müll. Warten wir es ab!

Pädagogisches Konzept

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Schön ist es, wenn man sich nicht langweilt. Nicht mehr ganz so schön ist es, wenn man so viel zu tun hat, dass man nicht mal mehr zum Schreiben kommt. Schöner wird es jedoch, wenn die Dinge, die man zu tun hat, Spaß machen. Mir geht es gut.

Zur Zeit versuche ich ganz viel zu lernen, um meinen Einstellungstest zu bestehen. Wobei mir allerdings schon von ganz vielen Leuten gesagt wurde, dass man den nicht mit Auswendig-Lernen hinbekommt, sondern nur mit Hirn. Zum einen sind die Fragen nicht bekannt (und ständig neu), zum anderen sind die meisten Aufgaben aus Bereichen, die man allenfalls trainieren, aber nicht auswendig lernen kann. Ich lasse mich überraschen. Einen Termin habe ich noch nicht, ich weiß nur, dass es im Mai sein soll.

Damit wäre auch die Frage beantwortet, wie ich mich entschieden habe. Ich möchte auf jeden Fall diesen Test mitmachen. Vielleicht hat sich dann schon alles erledigt. Wenn nicht, werde ich das Studium versuchen – verlieren kann ich nichts. Selbst wenn alle Stricke reißen, dann reißen sie so früh, dass ich mein Abi an der Schule noch nachmachen kann. Danke übrigens für die vielen Glückwünsche und die langen Kommentare. 🙂

Themenwechsel. (Manchmal muss auch ein harter Schnitt sein. Immer nur weiche Überleitungen machen irgendwann müde. Und es ist auch ausgesprochen schwierig, von „Schule“ auf „Sport“ überzuleiten.)

Also Sport. Beim Training auf dem Sportplatz (wo ich meistens nicht bin, da ich das terminlich nicht untergebracht bekomme) war in den letzten Wochen regelmäßig eine Susanne, 19 Jahre alt, Spasti. Spastis haben wir beim Triathlon nicht so viele wie Spifis oder Schnittis, keine Ahnung, warum. Oft ist es so, dass Spastis eine gute und eine schlechte Seite haben, also oft ist der rechte Arm stärker als der linke oder umgekehrt. Was manchmal Schwierigkeiten macht, wenn einer der beiden Arme kaum einsetzbar ist – allerdings denken viele, dass bereits unterschiedlich kräftige Arme ein Ausschlussgrund für den Sport wäre, was absolut nicht der Fall ist. Der Rennrollstuhl fährt auch dann geradeaus, wenn man nur mit einer Hand antreibt und das Handbike ebenso. Lediglich beim Schwimmen müsste man sicher gehen, dass man auch wirklich am Ziel ankommt und nicht irgendwo im Schilf…

Cathleen und ich sollten Susanne abholen. Sie wurde sonst, so Cathleen, immer von einem Typen zum Training gebracht; am Nachttraining dürfe sie nur teilnehmen, wenn sie jemand abholt und zurückbringt. Sie wohne in einer Einrichtung und die Betreuer seien dort manchmal etwas komisch. Der Linienbus hielt direkt vor der Haustür, wir klingelten sofort an der richtigen Tür – es handelte sich um eine betreute Wohngruppe. Allerdings hatten sämtliche Leute, die uns über den Weg liefen, deutliche kognitive Einschränkungen. Ein Typ öffnete uns in Feinripp-Unterhose, Sandalen, sonst nackt, die Haustür. Nein, knackig sah der nicht aus. Er schien rund 60 Jahre alt zu sein, Goldkettchen, streng zurückgekämmte Haare, Pilotenbrille, roch nach Tabac-Rasierwasser. „Hansi“ stellte er sich uns vor.

Er dürfe uns nicht ins Haus lassen, aber er hole mal die Betreuerin. Nach fünf Minuten kam eine Frau, Mitte 40, mit Leib und Seele Sozialpädagogin, auf uns zu und wollte wissen, wieso Susanne jetzt (um 17.15 Uhr) zum Training abgeholt werde – man habe uns um 11.00 Uhr erwartet. Da hatte wohl jemand 11 und 23 Uhr verwechselt, und wir waren am späten Nachmittag verabredet. Tolle Kommunikation. Nein, das könne man ja gar nicht gestatten, man sei ja für ihre Fürsorge zuständig und sie bräuchte Schlaf.

Ich war so perplex, dass mir gar nichts einfiel, aber Cathleen hatte die passenden Worte: „Das würden wir dann doch gerne mit ihr persönlich besprechen. Wir sind mit ihr verabredet, wären Sie so freundlich, uns anzumelden?“ – „Ihr kommt da ja gar nicht rein, ich müsste sie runterholen, und dazu habe ich jetzt leider keine Zeit.“ Sagte sie und verschwand, ließ uns da vor der Tür dumm stehen. So eine blöde Krähe. Cathleen rief bei unserem Vereins-Chef an, fragte nach der Handynummer von Susanne, die wir beide nicht hatten. Als wir Susanne endlich am Telefon hatten, meinte sie, sie würde Bescheid sagen und käme gleich runter. Sie habe schon alles gepackt, bräuchte aber Hilfe von der Betreuerin.

Nach 15 Minuten öffenete die Betreuerin erneut die Tür. Stand in der Tür und schaute mit verschränkten Armen auf die Treppe im Haus. Susanne kam zu Fuß, beide Hände am Geländer, Stufe für Stufe langsam hinunter geklettert. Wie halt ein zünftiger Spasti Treppen läuft. Total verspannt, total konzentriert und jede Sekunde kurz vor dem Absturz. Als sie endlich unten war, gab ihr die Betreuerin beide Hände und ging rückwärts vor ihr her durch den Tagesraum, in dem einige Leute vor dem Fernseher saßen, Susanne an beiden Händen wackelte hinter ihr her, aus unserem Sichtfeld. Plötzlich ging 15 Meter weiter eine weitere Haustür auf und Susanne kam im Rolli zu uns gerollt. Wenigstens einen vernünftigen Stuhl, den Helium, den gleichen, den ich auch habe, hatte sie.

Die Betreuerin kam mit einem Becher Tee in der Hand nach draußen und wollte wissen, wie wir nun sinnvoll vorgehen wollten. Ich fragte: „Wo ist denn das Problem?“ und wurde gleich angepflaumt: „Ich rede mit Susanne.“ Das habe seinen Sinn, Susanne lebe hier in der Einrichtung. Aha. Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie ihr Vormund ist, weil so benehme sie sich gerade, habe mir es dann aber im Interesse von Susanne verkniffen. Am Ende haben wir ihr angeboten, dass sie bei uns schlafen kann. Woraufhin die dumme Krähe doch Susanne tatsächlich nochmal zu Fuß nach oben geschickt hat, um Nachtsachen zu holen. Mein Angebot, sie könne auch von mir ein T-Shirt bekommen, lehnte die Betreuerin ab. Es habe hier alles seine Konsequenz.

In den 15 Minuten, die Susanne in ihr Zimmer und wieder zurück brauchte, wurden wir gewarnt, ob wir denn wirklich Susanne bei uns schlafen lassen wollen. „Warum sollten wir das ablehnen?“ fragte ich. Susanne sei sehr unsauber. Ich schluckte. Unser Vereins-Chef sagte, sie sei nur körperlich eingeschränkt. Warum sollte sie unsauber sein? Sie hat fast hüftlanges, braunes, krauses Haar, saubere Fingernägel, strahlende Zähne, super gepflegte Gesichtshaut … ich konnte eigentlich nur Anhaltspunkte finden, die das Gegenteil beweisen könnten. „Was meinen Sie mit unsauber?“ – „Untenrum. Schickt sie duschen, wenn sie stinkt und passt auf eure Matratzen auf“, sagte die Betreuerin. In mir kam so eine Wut hoch, dass ich am liebsten auf sie losgegangen wäre. Stattdessen drehte ich mich in die Sonne, machte die Augen zu und sagte: „Machen wir. Kriegen wir hin.“

Das war nicht der einzige Brüller. Wie wir später von Susanne erfuhren, haben ihre Eltern, beide Ärzte, sie in die Einrichtung „abgeschoben“, weil sie der Überzeugung seien, Susanne käme anders nicht zurecht. Die Eltern setzen sie unter Druck, erzeugen Angst, damit, dass sie Susanne fallen lassen, wenn sie sich gegen die Einrichtung wehrt. Und Susanne fehlen natürlich die Erfahrungen, ob sie außerhalb einer solchen Einrichtung, wo sie seit ihrem 12. Lebensjahr lebt, zurecht kommen würde. Obwohl sie nicht dumm ist – ihren Realschulabschluss hat sie. Aber dort auszubrechen und einen eigenen Weg zu beginnen, ohne Unterstützung von außen … Hand hoch, wer sich das trauen würde. Look, no hands.

Wir erfuhren auch, dass sie ihr Zimmer im 2. Stock hat und es keinen Aufzug gibt. Ein bißchen Spaß muss sein … nein, der offizielle Grund sei, dass sie Bewegung brauche. Und das Treppen klettern sei Bewegung. Ebenso wie der Rolli auch auf der anderen Seite des Gruppenraumes steht. Damit sie einmal quer durch den Gruppenraum laufen muss. Entschuldigung, aber ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Nein, ich habe noch kein Kind groß gezogen und ich habe auch keine sozialpädagogische Ausbildung. Aber ich bilde mir ein, zu Susanne einen Zugang zu finden, der es mir ermöglicht, sie anders zum Laufen (oder zur Bewegung) zu bringen als durch Zwang. Als durch den Druck, solange vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein bis man sein Bewegungspensum erfüllt hat. Widerlich. Diskriminierend. Menschenverachtend. Susanne ist volljährig. Selbst wenn sie sich vollfressen und überhaupt nicht mehr bewegen würde, wäre das ihre Entscheidung. Sie sucht sich aber gerade aus eigenem Antrieb eine Ausdauersportart, die sie mit ihrer Behinderung machen kann. Wie passt das denn bitte zusammen?

Ich möchte das mal zusammenfassen: Sie hat sich wunderbar in die Gruppe integriert. Wer es nicht wusste, wäre nicht auf die Idee gekommen, dass sie in so einer Einrichtung zwischen lauter Menschen mit geistiger Behinderung wohnt. Sie war bei uns in der WG völlig normal. Hat mit uns gegessen, hat erzählt, viel gelacht, hat mir uns ferngesehen, hat beim Training völlig unspektakulär und ohne irgendwelche Probleme mitgemacht. Wir schlafen ja immer nach dem Training zu Hause ein paar Stunden, sie hat auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer gepennt, wir waren vorher duschen, Zähne putzen, ich wüsste wirklich nicht, was da unsauber gewesen sein sollte, wie die Betreuerin behauptet hatte.

Selbst dieses „passt auf eure Matratzen auf“ war völlig daneben. Nach dem Zähneputzen sagte sie: „Ich werde mir für die Nacht eine Windel anziehen. Nur zur Sicherheit, manchmal verkrampft sich meine Blase. Ich hoffe, das ist okay für dich.“ Hätte sie nichts gesagt, hätte ich das vermutlich nicht mal gemerkt. Ich sagte ihr, dass ich das genauso mache, wenn ich mit anderen Leuten im selben Bett oder im selben Zimmer schlafe. Daraufhin erfuhr ich von ihr, dass sie in der Einrichtung keine Pampers haben dürfe. Sie würden sie dazu verleiten, nicht auf die Toilette zu gehen. Es hätte mich auch gewundert, passt ja super ins Konzept (?!), ist dieselbe Masche wie die Sache mit dem Rolli, der extra weit weg stellt, damit die Muskeln trainiert werden. Aber auch hier bin ich überzeugt: Man bekommt es auch anders hin. Auch ohne Druck. Und ohne Angst. Oder bin ich solche große Ausnahme?!

Manchmal zweifel ich an mir. Warum bin ich / sind meine Freunde aus der WG, vom Sport etc. diejenigen, die ständig über solche Dinge stolpern? Warum gibt es so viele Behörden, Heimaufsichten, Angehörige, keine Ahnung mehr, die das scheinbar alles normal finden? Die darauf vertrauen, dass schon alles richtig sein wird? Oder trauen die sich nicht, mal die Klappe aufzumachen? Oder resignieren die bereits alle? Oder sind sie zu bequem? Bin ich irgendwann auch so? Bin ich in einer Lebensphase, in der man glaubt, man müsste so vieles verändern?

Eine aufregende Woche

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Mir geht es gut. Nein, wirklich. Ich bin selbst erstaunt. Ob es von den ersten Sonnenstrahlen kommt, die Glückshormone freisetzen? Oder vom Sex, der gleiches tut? Oder ob es an den vielen Neuigkeiten und Perspektiven liegt, die meine letzte Woche prall gefüllt haben?

Ich weiß gar nicht, wovon ich zuerst und wovon ich zuletzt schreiben soll. Ich habe auch keine Ahnung, ob sich das jemand antun will, aber ich kündige schon jetzt an: Trotz aller Bemühungen wird es eine lange Kurzfassung. Es war eine Woche, die so bewegt war, dass ich nicht dazu gekommen bin, Tagebuch (Blog) zu schreiben.

Am letzten Wochenende fand endlich mal wieder ein Straßentraining statt. Leider bei keinem tollen Wetter, es fing zwischenzeitlich zu nieseln an. Marie hat zum ersten Mal auf der Straße mittrainiert und es hat ihr sehr gut gefallen. Sie passt prima in unsere Gruppe.

Am letzten Wochenende war auch Pauline dabei. Pauline ist knapp 16 Jahre alt und wohnt in der Straße, in der unser nächtliches Training beginnt und endet. Unser Straßentraining findet ja seit einiger Zeit auf den Elbdeichen statt, im Rahmen einer Sondernutzungserlaubnis teilen wir uns nachts etwa zehn Kilometer Deichstraße mit etlichen Rennradlern. Für den Durchgangsverkehr ist die Straße in dieser Zeit gesperrt.

Pauline saß auch schon die letzten Wochenenden auf einem Verteilerkasten am Straßenrand gegenüber unserer Trainingsbasis und guckte. Sagte kein Wort, sondern beobachtete nur. Über Stunden. Kurz nachdem wir beginnen, kommt sie aus dem Haus, setzt sich auf den Stromkasten (oder Telefonkasten, keine Ahnung, was da verteilt wird), guckt uns ein paar Stunden zu und verschwindet wieder. Keine Eltern in Sicht, es ist arschkalt (wenn man nur da sitzt), sie sagt nichts, sie macht nichts, sie guckt nur.

Vor einer Woche haben wir sie angesprochen. Ergebnis: Sie bewundert uns. Sie bewundert mich. Sie sei verliebt in mich. Sie schwärme für mich. Sie möchte so sein wie ich. Auf meine ziemlich perplexe Frage (immerhin kommt es nicht alle Tage vor, dass jemand mir so etwas sagt, geschweige denn sich dazu überwindet, so etwas zu sagen), was sie denn so toll an mir finde, antwortete sie: Einfach alles. Sie wünsche sich, mit mir tauschen zu können. Aber das ginge ja nicht. Sie träume jeden Abend vor dem Einschlafen davon, so zu sein wie ich.

Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen könnte, wie ein Leben mit einer Querschnittlähmung ist. Nein, sagte sie, das könne sie nicht, aber sie bewundere mich und möchte gerne so sein wie ich. Sie fing an, mich Dinge aus meinem Leben zu fragen. Ob ich zu Hause wohne, ob ich noch zur Schule gehe – und ob ich viele Freunde hätte, die im Rollstuhl sitzen. Sie würde auch gerne Rollstuhlfahren lernen.

Ich hielt sie für ziemlich „Psycho“ und fragte sie, was sie am Rollstuhlfahren so erstrebenswert fände. Immerhin kenne ich viele Rollifahrer, die gerne laufen können würden. Sie antwortete, dass ich sie falsch verstanden hätte: Sie sei nicht vom Rollifahren fasziniert, sondern von mir, wie ich Rollstuhl fahre. Dass ich den so gut beherrsche und dass es so wirke, als hätte ich ihn akzeptiert. Das sei bei ihr nicht so – ihr Rollstuhl sei Scheiße und fahren könne sie damit auch nicht. Er sei ganz billig und eigentlich für alte Omas.

Das Gespräch wurde immer verrückter. Sie war eindeutig zu Fuß da und ihr Gangbild deutete nicht im geringsten darauf hin, dass sie irgendeine Einschränkung haben könnte. Im Gegenteil, sie lief, sprang an diesem Stromkasten hoch – völlig unauffällig. Sie sagte, sie habe einen Rollstuhl, weil sie an einigen Tagen nicht laufen könne. Teilweise nicht mal zehn Meter. Lange Strecken sowieso nicht. Die Ärzte finden keinen Grund, die eigenen Eltern halten sie für eine Spinnerin und sie stehe mit ihrem Problem völlig alleine dar.

Woher sie den Rollstuhl denn hätte, wollte ich wissen. Der normale Weg wäre eine Verordnung vom Arzt gewesen – und dann eine Versorgung über ein Sanitätshaus zu Lasten der Krankenkasse. Sie habe ihn selbst gekauft, deswegen sei er auch nur einfach. Und die Eltern wüssten auch nichts von seiner Existenz. Der Kinderarzt habe ihr keinen verschreiben wollen, der meinte, dann würde sie nur noch dadrin sitzen. Auf die Frage, wo der Rolli denn jetzt stehe, meinte sie, dass er bei einem Nachbarn in einer Scheune untergestellt sei. Fragt sich, wie sie dorthin kommt, wenn sie an einigen Tagen nur zehn Meter laufen kann. Wir haben uns verabredet, dass sie den Stuhl nächstes Mal mitbringt und wir mal schauen, ob man den noch besser einstellen kann… Mal sehen, wie die Märchenstunde weitergeht.

A propos „Psycho“: Heute (ich weiß, Chronologie geht anders) saß ich in der S-Bahn, als an der Station „Reeperbahn“ ein Typ einstieg, mit Glatze, Ohrringen, Perlenkette, Stöckelschuhen, Rock und durch die Bluse schimmerte ein BH. Knie frei, stark geschminkt und gepudert – solche Leute trifft man in dem Bereich öfter. Hin und wieder sind sie ein Hingucker, manchmal, weil sie tatsächlich hübsch aussehen, manchmal, weil sie tatsächlich schrecklich aussehen. Der heutige Frau war unspektakulär, setzte sich auf einen Platz und las ein Reclamheft. Mir gegenüber knutschten zwei Typen, Mitte 40, intensivst, eine Sitzgruppe weiter redete jemand laut mit sich selbst und noch ein Stück weiter leckte jemand die Fensterscheibe ab. Als dann, eine Station später, an der Königstraße, noch drei Leute reinkamen, einer mit Gitarre, zwei farbige Frauen in Baströcken dazu, zusammen rockten sie lautstark die Bahn und tanzten, fühlte sich ein Typ genötigt, laut loszubrüllen: „Nur Asoziale hier! Nur Beknackte, Psychotiker und jede Menge Schwuchteln.“ – „Und Behinderte“, fügte ich hinzu und hob demonstrativ meinen Zeigefinger hoch. Der Typ konnte es nicht hören, die beiden homosexuellen Männer grinsten, eine ältere Frau schaute mich vorwurfsvoll an. Großstadt.

Vor knapp zwei Wochen schrieb ich über einen Mann, der keine Erlaubnis bekam, eine ausreichend große Wohnung anzumieten. Das Thema hat sich inzwischen erledigt: Nachdem der Leiter jener Abteilung, die dem Mann diese Berechtigung verwehrt hatte, darüber zu entscheiden hatte, ob die Verfahrensakte zur Einsichtnahme zum Anwalt geschickt werden kann, stellte die Sachbearbeiterin dem Mann den richtigen Berechtigungsschein aus. Damit habe sich die Sache ja nun erledigt…

A propos „erledigen“: Bei meinem „Schulproblem“ hat sich nach wie vor nichts erledigt. Zwei der drei Unruhestifter sind nicht mehr suspendiert, eine endgültige Entscheidung, wie es weiter geht, gibt es trotzdem nicht. Zumindest nicht, was die Konsequenzen für die Plagegeister angeht. Für mich bedeutet das: Es geht (fast) so weiter wie vor der Suspendierung, denn dieser halbherzige Versuch, die Streithähne in die Schranken zu weisen, hat sie offenbar nur in der Ansicht bestärkt, man könne ihnen nicht ans Leder. Die Direktorin ist mir ein paar Mal über den Weg gelaufen, sie grüßt nicht mehr, es scheint mir, als wenn sie mich mutwillig übersieht, vielleicht verdrängt sie mich auch einfach nur aus ihren Gedanken, vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein und sie hat mich einfach nur ein Dutzend Mal nicht gesehen.

Es soll ja bei Beamten die inoffizielle Möglichkeit des „Weglobens“ geben, meistens in aufwärtige Richtung. Damit ist gemeint, dass man einen Beamten, der auf seiner Stelle mehr Scheiße baut als sinnvolles zu leisten, in eine andere (höhere) Position befördert, wo er weniger Unheil anrichten kann – Beamten kann man schließlich schlecht kündigen. Nicht, dass ich nun Gerüchte in die Welt setzen will, dass man meine Direktorin wegloben will – bewahre! Sondern ich komme mir im Moment so vor, als wolle man mich „wegloben“. Ich weiß natürlich, dass das nicht so ist, sondern kann noch gar nicht fassen, was da gerade passiert, welche Mühe sich einige Leute mit mir geben und welche vermutlich einzigartige Chance man mir gerade eröffnet. Ich suche nach Erklärungen – die absurdeste, die des Weglobens, ist noch nicht absurd genug.

Am letzten Dienstag rief mich meine Hausärztin, die Mutter von Marie, nachmittags an. Sie, meine Hausärztin, habe auf Erzählungen von Marie über meinen Schulstress in meinem Blog geblättert. Sie konnte nicht glauben, was Marie ihr erzählt hat. Sie sagte, das alles sei ja unerträglich. Sie wusste zwar aus meinen knappen Erzählungen, dass da nicht alles rund laufe, aber so schlimm habe sie es sich nicht vorgestellt. Meine Texte (in denen es ja auch hin und wieder mal um meine Schulnoten ging) haben ihr aber insgesamt sehr gut gefallen und sie erlebe mich ja auch schon einige Zeit, insofern würde sie mir gerne helfen – ob ich damit einverstanden sei.

Sicherlich bin ich damit einverstanden, nur was kann sie schon tun? Schließlich haben sich ja schon einige Leute vergeblich daran versucht. Sie fragte mich, was ich nach meinem Abi tun möchte. „Studieren“, antwortete ich. – „Was denn?“ – „Genau weiß ich es noch nicht, aber vermutlich Psychologie. Oder irgendwas anderes Soziales, bei dem man mit Menschen zu tun hat.“ – „Medizin?“ – „Dafür ist mein NC zu schlecht.“ – „Scheitert es nur am NC? Oder anders gefragt: Was wäre, wenn im nächsten Jahr der NC so läge, dass es möglich wäre?“

„Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, weil ich keinen NC von 1.1 hinbekomme und sich diese Tür mir sowieso nie öffnen wird. Außerdem weiß ich nicht, ob ich das packen würde, da ich ja nur begrenzt belastbar bin und das Studium ja sehr anspruchsvoll ist. Und ob ich das alles verstehe, gerade in Chemie, weiß ich auch nicht.“ – „Naja, die Belastbarkeit ließe sich ja durch eine längere Studienzeit ausgleichen. Und was den Intellekt angeht, hätte ich überhaupt keine Zweifel. Die entscheidende Frage wäre aus meiner Sicht, ob das inhaltlich das richtige wäre.“

„Und ob ich das letzte Jahr an meiner Schule überstehe“, sagte ich. Maries Mutter ließ nicht locker: „Sie denken mir zu praktisch. Hätten Sie theoretisch Interesse, wenn Ihnen morgen jemand einen Studienplatz anbieten würde?“ – „Ich glaube schon. Aber warum ist das so wichtig?“ – „Marie fängt nächsten Winter an, Medizin in Hamburg zu studieren. Sie hat ein entsprechendes Abi geschafft. Und nun sucht sie noch jemanden, der sie begleiten möchte. Ich habe da spontan an Sie gedacht. Ich glaube, das wäre etwas für Sie.“

„Ich bin doch erst 2012 mit dem Abi fertig. Frühestens. Und ich habe keinen entsprechenden NC.“, antwortete ich. Was sollte das?! Schnallte sie das nicht oder wollte sie mich provozieren? Ich wurde langsam sauer, weil ich mich nicht verstanden und nicht ernst genommen fühlte – und das kann ich nicht leiden. Sie sagte: „Ich weiß, es klingt bescheuert, aber vielleicht schlafen Sie einmal drüber und sagen mir morgen früh, ob das was für Sie wäre, ob Sie sich grundsätzlich vorstellen könnten, Medizin zu studieren, wenn Sie sich über NC und Abi und arschige Mitschüler keine Gedanken machen müssten. Ob das Ihr Studiengang sein könnte. Überlegen Sie sich das ernsthaft und rufen mich bitte bis morgen Mittag an. Ich meine das wirklich ernst!“

„Und dann?“ – „Dann rufen Sie mich wieder an. Bitte nicht vergessen! Tschüss!“ – Zuerst war ich sauer, spielte sogar schon mit dem Gedanken, Marie anzurufen und sie zu fragen, was das sollte, entschied mich dann aber zum Glück dagegen und redete mich allen möglichen Leuten. Alle möglichen Leute hatten alle möglichen Bedenken. Meine körperliche Behinderung, wenn ich da mal jemanden hochheben müsste, oder reanimieren müsste, das ginge doch gar nicht. Ich würde schon im Pflegepraktikum scheitern, das dem Studium vorausgeht. Andererseits gibt es einige wenige Ärzte im Rollstuhl – die müssen es ja irgendwie auch geschafft haben.

Als ich sie am Mittwoch anrief und ihr erzählte, dass ich mir das vorstellen könnte, mehr aus der Neugier heraus, was wohl passieren würde, als aus der Überzeugung, dass da wirklich etwas passieren könnte, antwortete sie, dass ich am Abend einen Termin hätte mit Marie – den sollte ich unbedingt wahrnehmen und alles andere absagen. Es sei meine Chance, ohne NC einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. Wenn ich möchte.

Bis dahin habe ich das ganze für albern gehalten, aber als mir in dem Moment klar wurde, dass das wirklich ernst gemeint war (ohne zu wissen, wie das klappen sollte), zweifelte ich doch, ob ich mich richtig entschieden hatte. Mehr aus dieser Eigendymamik heraus fuhr ich abends mit Marie in den Hamburger Westen in ein Krankenhaus und sollte mich bei einer Sekretärin melden. Es dauerte endlos, bis wir die richtige Zimmertür gefunden hatten. Dann standen wir in einem Raum mit einer Dachschräge, ein ziemlich großer, dünner Mann mit blondem, ungeordneten Haar, sehr dezenter Brille, Dreitagebart, großen Händen, schätzungsweise Anfang 40 (später erfuhren wir dann, dass er über 60 war) stand an einem offenen Dachfenster und rauchte. Das Zimmer war grell erleuchtet, überall standen und lagen Bücher herum, prall gefüllte Regale standen an jeder Wand.

Als wir reinrollten, drückte er seine Zigarette in einem Aschenbecher aus und schloss das Fenster. Bevor er uns die Hand gab, ging er zu seinem Schreibtisch, wackelte mit der Maus, um den Bildschirmschoner auszuschalten, und drehte seinen Monitor. „Aus dem Leben einer Stinkesocke“ – mein Blog war auf dem Bildschirm zu sehen.

„Hätte ich das gewusst, hätte ich einige Beiträge ausgeblendet“, sagte ich. Er antwortete: „Gut, dass Sie das nicht gewusst haben. Schauen Sie mal hier. Daran forsche ich gerade. Die Genetik der einzelnen Bakterien im Darm. Sie sind bei jedem Menschen verschieden. Außer bei Zwillingen. Die haben dieselben. Auch, wenn sie seit 50 Jahren nicht mehr zusammen wohnen, sich völlig unterschiedlich ernähren, der eine nimmt ständig Antibiotika, der andere schwört auf Naturheilkunde – die haben trotzdem die gleichen Darmbakterien. Der eine Zwilling hat ein Reizdarmsyndrom, der andere nicht. Woran liegt es?“

„Am Antibiotikum?“ – Der Mann lachte. „Nein. Das kann auch denjenigen Zwilling treffen, der kein Antibiotikum genommen hat.“ – „Keine Ahnung. An der Psyche? An der Ernährung?“ – „Die erste Antwort war richtig.“ – „Die Psyche.“ – „Nein, die erste. ‚Psyche‘ war die zweite.“ – „Keine Ahnung?“ – „Genau. Keine Ahnung. Wir wissen es nicht. Fragen Sie einen Mediziner nach der Ursache des Reizdarmsyndroms und sie bekommen allenfalls eine Bankrott-Erklärung. Die Darmflora ist so gut wie nicht erforscht. Wir wissen, dass in ihm zwischen drei und zwanzig Pfund Bakterien leben, 10% von ihnen haben schon einen Namen. Ende.“

„Warum hat das noch nie jemand erforscht?“, fragte ich. Er antwortete: „Was denken Sie?“ – „Hm, es scheitert schon daran, an alle Bakterien ranzukommen?“ – „Richtig, warum?“ – „Der Darm ist zu lang, um mit irgendwelchen Instrumenten…“ – „Falsch. Im Zweifel nimmt man bei einer Operation oder Sektion irgendwelche Proben. Das ist nicht der Grund.“ – „Hm, vielleicht herrscht da drin so eine einzigartiges Milieu, dass sie tot sind, bevor sie unter dem Mikroskop liegen?“ – „Genau richtig. Erst mit Hilfe der DNA-Untersuchung, die erst seit einigen Jahren möglich ist, hat man festgestellt, was da so alles unterschiedliches lebt. Bei der DNA-Untersuchung ist es egal, ob das Bakterium tot ist oder lebendig. Ein Mediziner in den USA hat sich die Mühe gemacht und die DNA aller Bakterien im Darm eines Menschen entschlüsselt. Und dabei mal eben schnell einige Tausend neue Bakterien gefunden. In einem Menschen. Und im zweiten nochmal. Da ist unheimliches Forschungspotential.“

Er nannte die Chaoten auf meiner Schule „Hallodris“ und wollte von mir hören, warum einige Querschnittgelähmte einen sehr hohen Blasendruck haben und andere nicht. Ich erklärte ihm das. Steht ja auch in meinem Blog. Er wollte dann wissen, wieso Querschnittgelähmte keine Reflexe hätten. Erklärte ich ihm auch. Dann fragte er: „Haben Sie eine Querschnittlähmung?“ – Ich nickte. – „Komplett?“ – Ich nickte nochmal. – „Wetten, dass ich bei Ihnen doch einen Reflex auslöse?“

„Wenn Sie so fragen, gibt es bestimmt einen“, antwortete ich, „den man auslösen kann. Mit List und Tücke.“ – „Ich wette, Sie können mit ihrem großen Zeh wackeln“, sagte er. Ach den. Kannte ich schon. „Babinski lässt grüßen?“ – „Sie haben ein großes medizinisches Interesse, oder?“ – „Es betrifft mich halt. Wenn Sie mich jetzt was über Herzinfarkte fragen würden, müsste ich passen.“ – „Warum wollen Sie Medizin studieren? Weil ein Studium besser wäre als sich weiter zu den Hallodris in die Schule zu setzen? Also die Frage wäre ja, ob nicht derzeit alles besser wäre als diese Hallodris.“

„Ich weiß es nicht. Es würde mich interessieren und ich könnte es mir vorstellen. Ich habe keine fernen Ziele, die ich erreichen will. Ich will keine Darmbakterien entdecken und auch nicht die Welt retten. Vielleicht tue ich das eines Tages mal, nichts ist unmöglich, aber ferne Ziele habe ich derzeit nicht. Als nahes Ziel möchte ich mein Abi schaffen, um studieren zu können und dazu so schnell wie möglich raus aus dieser Chaos-Schule.“

„Ich hätte einen Studienplatz für Sie. Zum 1. Februar 2012. Zusammen mit Marie. Könnten Sie einsteigen. Wenn Sie wollen und sich gut vorbereiten. Wollen Sie?“, fragte er mich. – „Ich bekomme mein Abi frühestens im Mai 2012 und habe keinen Einser-NC.“ – „Wollen Sie?“ – „Ja, aber…“ – „Dann sage ich Ihnen jetzt, wie Sie das machen können.“ – Ich nickte und hörte aufmerksam zu. – „Sie melden sich jetzt zum Test. Es gibt eine Art Einstellungstest, der ist eigentlich im letzten Monat gelaufen, aber es gibt noch einen Nachholtermin im Mai. Bis dahin büffeln Sie, entsprechende Lektüre bekommen Sie von mir mit.“

„Okay!?“, sagte ich. – „Wenn Sie den Test bestehen – daran habe ich keine Zweifel, wenn Sie fleißig üben – haben Sie im Februar 2012 einen Studienplatz. Ab Juni haben Sie Sommerferien und Ihre Fachhochschulreife. Machen Sie die so gut wie irgend möglich. Reden Sie mit den Lehrern, dass Sie jetzt abgehen und gute Noten brauchen. Schreiben Sie Hausarbeiten und Referate, machen Sie alles mit, was Ihre Noten verbessert. Wenn Sie den Test bestanden haben, steigen Sie im Sommer aus und machen alle vorbereitenden Dinge, die Sie für das Studium brauchen. Pflegedienst, Ersthelferkurs, Anmeldeprozedur, Vorgespräche. Ab Februar 2012 studieren Sie. Wenn Sie das nicht packen, steigen Sie ab August 2012 wieder in die Schule ein und hängen Ihr letztes halbes Jahr bis zum Abi dran. Man darf ein Jahr aussetzen. Wenn Sie das mit dem Studium aber packen, haben Sie im Februar 2013 (also nach einem Jahr) eine offizielle Hochschul-Zugangsberechtigung, die in ganz Deutschland gilt. Für alle Studiengänge, für alle Unis. Die ist wie das Abi. Wenn Sie in der Medizin bleiben, werden Ihnen sogar alle Scheine angerechnet, die Sie seit Februar 2012 schon gemacht haben.“

„Aber normalerweise darf man doch nicht ohne Abi an eine Hochschule, oder?“ – „Nein. Aber das Abi ist nicht der einzige Zugangsweg. Man kann auch anders eine Berechtigung zum Hochschulstudium bekommen. Zum Beispiel durch eine abgeschlossene Berufsausbildung und einige Jahre Berufserfahrung. Da gibt es einige Möglichkeiten. Man muss nachweisen, dass man die Reife hat, ein Hochschulstudium zu absolvieren. Der Nachweis gilt auch als erbracht, wenn man den Eingangstest schafft und ein Jahr lang erfolgreich studiert – und (zum Beispiel) eine Empfehlung eines Hochschullehrers hat.“ – „Habe ich denn so eine Empfehlung?“ – „Ja. Ich habe ja nun viel von Ihnen gelesen, ich habe Sie persönlich kennen gelernt, Ihre Noten sind überdurchschnittlich – ich habe keine Zweifel, dass Sie bereits heute mindestens dieselbe Reife besitzen wie eine Abiturientin. Daher würden Sie von mir eine Empfehlung bekommen.“

„Und der NC?“ – „Der ist geschenkt, weil Sie direkt einsteigen. Sie bewerben sich nicht zentral, sondern direkt mit der Empfehlung. Dann könnten Sie theoretisch auch mit dreikommafünfer Durchschnitt sein. Aber nur theoretisch – praktisch würde man zweifeln, ob Sie dann den Einstellungstest bestehen.“

Ist das genial oder genial? Ich weiß das noch gar nicht richtig einzuordnen in meinem Kopf. Und auch ein Trainingslager in Niedersachsen, von dem ich heute erst zurück gekommen bin, hat mir nicht den Kopf freigepustet. Lediglich einen klitzekleinen Sonnenbrand habe ich da bekommen.