Marmelade

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Eigentlich wollte ich heute ganz viel Positives schreiben, einige schöne Ostseefotos posten … nee. Ich warne schonmal vor: Wer ohnehin schon genervt ist, sollte sich vielleicht vorher und rechtzeitig eine Tischkante zum Reinbeißen suchen. Ich bin auch Tage danach noch schwer genervt. Marie auch. Helena sowieso. Es macht einfach nur fassungslos.

Helena kam am Freitag vom Einkaufen zurück. Es war ihr irgendwie wichtig, das alleine zu machen. Also zum Wochenende noch alles das zu holen, was wir nicht vorher einkaufen konnten. Das Meiste hatten wir schon mit dem Auto geholt, aber Frisches und Vergessenes fehlte noch. Zudem hatten sich Susi und Otto kurzfristig angekündigt. Helena hatte sich einen großen Rucksack geschnappt, ihn an ihren Rolli gehängt und war losgeflitzt.

Sie heulte Rotz und Wasser. Sie war richtig außer sich. Was ich einerseits gut fand, weil sie sich früher auch schnell gleichgültig und distanziert gegeben hat; andererseits möchte ich natürlich nicht, dass es ihr so schlecht geht. „So eine verfluchte Scheiße“, schimpfte sie. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam sofort, setzte sich auf mich und drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter. Ich streichelte ihr erstmal den Rücken. Fragte nicht, was los war. Sie würde das ohnehin gleich erzählen, wenn sie sich etwas beruhigt hatte.

Ich machte mir so meine Gedanken. Geld vergessen? Dann würde sie nicht so ausrasten. Sondern zurückkommen, einmal erwähnen, dass sie verplant ist, und wieder abhauen. Es musste irgendwas vorgefallen sein. Hatte sie jemand geärgert? Bevor ich weiter überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich hab voll den Scheiß gemacht! Und bin bei [Supermarkt] rausgeflogen. Die waren so gemein zu mir. Ich habe was runtergeschmissen und dann war da einer vom Personal, der hat erst über mich gelacht und anschließend gesagt, ich soll den Laden verlassen, bevor noch mehr passiert. Ich bin eine Zumutung.“

„Was?! Das hat er gesagt?“ – „Ja.“ – „Das ist ja unglaublich.“ – „Das ist nicht gelogen!“ – „Ich habe es unglücklich ausgedrückt. Ich meinte nicht, dass ich dir nicht glaube, sondern dass das ein unglaublich schlimmes Verhalten ist. Und er hat wirklich darüber gelacht, dass dir was runtergefallen ist?“ – „Nein. Ich hab ihn gefragt, ob er mir ein Glas von oben aus dem Regal holen kann, weil das da so bescheuert gestapelt war. Und da meinte er, ich soll doch das von unten nehmen und ist weggegangen. Aber das war was anderes und das wollte ich nicht. Und dann hab ich mich hingestellt und mich festgehalten und dann kam ich auch da oben ran. Ich hab aber nicht gesehen, dass in der Reihe dahinter auch noch Gläser oben drauf gestapelt waren. Und die kamen dann mit runter. Wie eine Lawine. Ich hab vor Schreck die Hände hochgenommen, konnte mich nicht mehr halten, bin umgekippt, hab mich da voll auf die Fresse gelegt, der ganze Mist ist auf mich drauf gefallen. Und dann kam der Mitarbeiter wieder um die Ecke und hat mich ausgelacht. Und dann bin ich wieder aufgestanden, ein Mann hat mir seine Hand gegeben und gesagt, ich soll mir nichts draus machen, der Supermarkt ist dagegen versichert. Und dann bin ich raus. Und draußen hab ich dann gemerkt, dass ich mich dabei dem Sturz auch noch angepinkelt habe, aber wahrscheinlich hat das in der schwarzen Leggings niemand gesehen.“

„Und dann setzt du dich mit deinem nassen Po auf meinen Schoß?“ – „Ja, das ist jetzt erstmal nicht so wichtig“, weinte sie. Das hat sie also so entschieden. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Helena, hör mir mal zu: Wenn du was kaputt machst, dann können wir das entweder so bezahlen oder wir haben dafür eine Versicherung. Das kann und darf jedem passieren. Das ist überhaupt kein Problem, solange du nichts mutwillig kaputt machst.“ – „War es nicht.“ – „Ich weiß. Und den Rest: Ich fahre da jetzt hin und mach den Typen rund. So geht niemand mit dir um, schon gar keiner, der unser Geld damit verdient. Möchtest du mitkommen oder soll ich alleine fahren?“ – „Ich komme mit. Jetzt sofort?“ – „Erst was Trockenes anziehen. Und dann fahren wir mit unseren Handbikes hin?“ – „Ja. Und du reißt ihm so richtig den Ar*** auf?“ – „So richtig. Sowas geht nicht.“ – Helena holte sich ein Taschentuch, putzte sich die Nase und lächelte vorsichtig.

Marie war arbeiten. Ich hätte sie gerne als moralische Unterstützung dabei gehabt. Wenn das jetzt der Schicht- oder gar Marktleiter war … aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Helena und ich kamen in den Markt und steuerten direkt auf eine Situation zu, die dem ganzen Vorfall noch eine Krone aufsetzte. Offensichtlich derjenige, der sich eben schon so unmöglich benommen hatte, ein Jugendlicher, geschätzt 16 Jahre alt, stand mit zwei gleichalten Jungs an einem Getränkeregal und spielte offenbar die Szene mit Helena nach. Die Füße und Knie nach innen gedreht und die Arme wie zur Balance auf einem Drahtseil ausgebreitet, stolperte er durch den Gang und sagte mit verstellter Stimme: „Kannst du mir mal einen runterholen? Warte, ich machs mir selbst.“ Und dann nahm er drei Dosen und begann damit zu jonglieren. Helena guckte ihn mit großen Augen an, er hatte uns noch nicht bemerkt. Ich hatte genug gesehen, fuhr so dicht an ihn heran, dass er bei nächster Bewegung gegen meinen Rollstuhl stoßen würde. Er fing die Dosen auf und ich sagte: „Ich hoffe, du findest neben deinen Privatvorstellungen noch Zeit, mir zu sagen, wo dein Chef sich gerade aufhält.“

Er sah mich, sah Helena, und konnte sich wohl den Rest zusammenreimen. „Dahinten irgendwo“, sagte er kleinlaut. Ich setzte meine ernsteste Miene auf und sagte: „Hättest du dann vielleicht die Güte, mich zu ihm zu bringen?“ – Er trottete vorweg. Der Chef saß in seinem Büro, das sich hinter einer Schiebetür mit ein paar sich anschließenden Stufen befand. Womit er beschäftigt war, konnte ich nicht sehen, aber er kam gleich hinaus. Der merkwürdige Mitarbeiter ging in die Richtung seiner Getränke zurück. „Wie kann ich helfen?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Ich bin mit Helena zurückgekommen, um den Schaden von vorhin zu regulieren. Da sind wohl ein paar Marmeladengläser zu Bruch gegangen.“ – „Achso. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Das macht ja niemand mit Absicht.“ – „Achso. Also hat sich die Lage wieder beruhigt?“ – „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber hier fällt so viel runter am Tag, das sammeln wir gleich wieder auf und dann ist gut.“ – „Also kein Hausverbot?“ – „Nein, um Himmels Willen. Dann hätten wir ja bald keine Kunden mehr.“

„Ihr Mitarbeiter hat Helena des Ladens verwiesen.“ – „Wann? Heute?“ – „Ja, vor einer Stunde etwa. Der Kollege, der uns gerade zu Ihnen geführt hat. Er meinte, Helenas Anwesenheit sei eine Zumutung für dieses Geschäft.“ – „Nein. Das hat er gesagt?“ – Helena antwortete: „Ja. Und er hat sich über mich lustig gemacht. Weil ich nicht an die Gläser rangekommen bin und mir das alles auf den Kopf gefallen ist.“ – „Haben Sie sich verletzt?“ – „Nein.“ – „Wenn das für Sie zu hoch ist, können Sie auch immer jemanden fragen. Wir helfen Ihnen gerne.“ – Das war die nächste Steilvorlage: „Ihr Kollege soll das abgelehnt und Helena auf ein anderes Produkt unten im Regal verwiesen haben.“ – „Ich werde wahnsinnig“, seufzte der Marktleiter und ging in sein Büro. Der Mitarbeiter wurde ausgerufen und kam kurz danach angetrottet. Inzwischen mit hochroten Ohren.

Eins rechne ich ihm jedoch an. Er sagte: „Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen? Ich habe Mist gebaut.“ – Der Chef sagte: „Ich bin gleich wieder da“, und verschwand mit ihm im Büro. Nach fünf Minuten ging die Schiebetür auf. Der junge Mann kam tränenüberströmt raus, ging auf Helena zu und streckte ihr die Hand hin. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er. Helena drehte sich weg und sagte: „Nee. Das können Sie sich abschminken. Sie beleidigen mich bis auf die Knochen und jetzt haben Sie Angst um den Job? Vergessen Sie es.“ – „Dann eben nicht“, sagte er und verschwand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht mit dem Kopf zu schütteln: Dann eben nicht – genau.

Der Marktleiter kam hinterher und sagte leise: „Herr […] ist eine Aushilfe und packt einmal pro Woche Getränke auf. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, und ich darf im Einzelnen nicht darüber reden, nur soviel: Ich beschäftige ihn, weil ich ihm eine Chance geben möchte. Wie gesagt, Einzelheiten darf ich nicht sagen. Ich habe gewusst, dass das nicht einfach sein wird, als er hier angefangen hat, aber ich vermute, dass er zu Hause … ach, ich weiß es nicht, warum er sowas tut. Es geht auf jeden Fall nicht. Ich hatte ihn zuerst nur im Lager, an zwei Nachmittagen, wenn wir Ware bekommen haben, und dort hatte er mir viel Grund zu Optimismus gegeben, so dass ich ihn zuletzt auch im Laden beschäftigt habe. Das war offensichtlich ein Fehler. Mein Fehler. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn jetzt wieder ins Lager zurückversetze oder ob ich mich ganz von ihm trenne. Ich bin wirklich sprachlos. Helena, nehmen Sie denn meine Entschuldigung an?“, sagte er und streckte ihr die Hand aus. Sie guckte mich an, dann gab sie ihm die Hand.

Irgendwas im Rahmen einer Bewährung? Irgendwelche Sozialstunden? Wobei Supermarkt ja nun weniger mit Sozialer Arbeit zu tun hat. Oder schon woanders rausgeflogen. Egal. Ja, ich bin unbedingt dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Aber ich bin auch der Meinung, dass so ein Verhalten sanktioniert werden muss. Helena hat das mit ihren 13 Jahren schon sehr richtig gesehen, dass er wohl eher deshalb plötzlich so kleinlaut war, weil er Angst um seinen Job hatte, als dass er Reue zeigte. So habe ich das jedenfalls auch wahrgenommen.

Wir waren gerade mal zwei Stunden wieder zu Hause, da klingelte ein Nachbar aus der Parallelstraße an unserer Tür. Ich öffnete. „Ich habe hier was für Helena angenommen. Da kam eben ein Taxi, die Fahrerin stieg aus und fragte, ob ich wüsste, wo hier in der Straße eine Helena im Rollstuhl wohnt. Ich habe es an mich genommen und gesagt, ich liefere es ab. Ich wollte die genaue Adresse nicht rausgeben. Man weiß ja nie.“ – Es war ein in Folie eingewickelter Korb mit jeder Menge Süßigkeiten, Kerzen, Shampoo und in der Mitte einem kleinen Plüsch-Affen. An dem Plüsch-Affen war ein Briefumschlag befestigt, darin eine Postkarte und ein Einkaufsgutschein über 30 Euro. Auf der Postkarte stand: „Liebe Helena, ich wünsche mir, dass Sie trotz allem meine Kundin bleiben, und bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung für das, was Sie heute in meinem Geschäft erleben mussten. Ich verspreche Ihnen, dass das niemals wieder vorkommt.“

Vom Marktleiter unterschrieben. Ich weiß zwar noch nicht, woher der unsere (ungefähre) Adresse hat, allerdings kennt in einem Dorf immer irgendjemand irgendwen. Wie furchtbar. Ich hoffe nur, dass der doofe Mitarbeiter jetzt nicht auch weiß, wo Helena wohnt. Das macht mir etwas Angst. Immerhin wusste keiner, dass Helena Diabetikerin ist und deshalb die ganzen Süßigkeiten wohl noch drei Jahre vorhalten werden.

Ich vermute sehr stark, dass dieser junge Mitarbeiter sehr viel Dominanz zu Hause erlebt hat. Und sich derzeit nur cool fühlen kann, wenn er andere Menschen dominiert. Ich halte das für sehr gefährlich und würde wohlwollend empfehlen, dem Jungen nicht nur mit einem Arbeitsplatz im Lager helfen zu wollen, sondern ihm mal professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Und Helena? Sah den Korb und fragte zuerst: „Woher haben die unsere Adresse?“ – Ich zuckte mit den Schultern. Und dann: „Ist das alles für mich? Okay, das scheint dem Chef dann aber richtig peinlich gewesen zu sein. Aber richtig so. Ist dir aufgefallen, dass er mich gesiezt hat? Das war richtig komisch. Aber damit ist das jetzt dann auch erledigt. Echt, Jule, als du angefangen hast, wir wollen den Schaden bezahlen, wäre ich fast geplatzt. Aber dann hab auch ich Dussel den Trick verstanden. Jedenfalls danke, Jule.“

Ich bekam einen Kuss auf die Wange. Das war das allererste Mal, dass sie sich bei mir für etwas direkt bedankt hat. Ich sag ja: Unsere Große wird erwachsen.

Mal wieder Rucksack

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Ich hatte ja ein wenig Befürchtungen, dass die Medikamente in meinem Notfallrucksack ablaufen, bevor sie eingesetzt werden. Ja, wer es nicht lesen will und behaupten möchte, dass mein Magnet neben irgendwelchen Idioten auch noch das Unglück magisch anzieht, der soll es tun und weiterblättern, denn: Ich habe in der letzten Woche schon wieder Erste Hilfe leisten müssen. Müssen, denn das Gesetz erwartet es von mir, wenn ich so etwas studiert habe.

Ich wollte unbedingt noch bis 18 Uhr zur Post, musste noch ein Paket loswerden. Und ein Einschreiben. Ich wollte Briefmarken kaufen. Und bei meiner Bank etwas unterschreiben. Stattdessen sah ich, wie in etwa 150 Meter Entfernung eine Frau über die Fahrbahn lief. Die Straße war an dieser Stelle zweispurig, also pro Richtung eine Fahrspur, durch eine gestrichelte Mittellinie unterteilt. Sie wollte einen Bus erreichen, der auf der gegenüberliegenden Seite in einer Bushaltebucht wartete. Ob sie geschaut hat, weiß ich nicht, jedenfalls offenbar nicht in beide Richtungen. Über den ersten Fahrstreifen kam sie hinweg, im zweiten lief sie direkt vor einen weißen Opel, im Nachhein denke ich, es war ein Crossland X. Trotz Vollbremsung erfasste er die Frau mit letzter Restgeschwindigkeit mit seiner vorderen rechten Ecke. Die Frau stolperte und fiel hin. Auf die Entfernung sah es erstmal nicht ganz so heftig aus. Mehr konnte ich aber auch nicht sehen.

Vor mir steuerten bereits zwei andere Personen ihre Autos auf den Radweg und stiegen aus, um der Frau zu helfen. Sie lag am Boden, war offensichtlich ansprechbar, und hielt sich den linken Arm. Aus dem weißen Opel stieg ein geschätzt fünfzig Jahre alter Mann mit schwarzer Hautfarbe, der sofort zu der verletzten Frau lief, sich neben ihr auf den Bordstein setzte und die Hände vor sein Gesicht schlug. Der Bus, den die Frau erreichen wollte, fuhr ab und kurvte dabei umständlich um das stehende Unfallauto herum. Ich fuhr mit meinem Auto an der Unfallstelle vorbei und versuchte, nach links auf die Bushaltebucht zu kommen. Ich wollte auf keinen Fall im fließenden Verkehr aussteigen. Es war schwierig, jemanden aus der wartenden Schlange zu überzeugen, mal einen Moment stehen zu bleiben, um mich dorthin durchzulassen. Blinken nützte nichts, nur meine Hamburger Dreistigkeit (HDL = Hupen, Drängeln, Lächeln) brachte Erfolg. Ich stellte mein Auto gegen die Fahrtrichtung in die Bushaltebucht und konnte so auf der dem Verkehr abgewandten Seite aussteigen.

Inzwischen schrie die Frau, hatte vermutlich Schmerzen. Rund ein Dutzend Menschen stand herum und glotzte. Eine Frau, geschätzt 55 Jahre alt, versuchte, auf die verletzte Frau einzureden. Sie verstand sie offensichtlich nicht, und wie sich später herausstellte, war die verletzte Frau in Kabul geboren und vermutlich noch nicht lange in Deutschland. Problematisch fand ich, dass die Frau bei der Kollision sich offenbar eine größere Gefäßverletzung am linken Arm zugezogen hatte. Das Blut lief in Strömen und die Frau versuchte panisch, ihre eigene Blutung zu stoppen, indem sie den Daumen der anderen Hand in die Wunde presste, was aber nichts brachte.

Der Fahrer des weißen Opel weinte inzwischen und wimmerte: „Ich habe gebremst so stark wie ich konnte. Ich wollte das nicht.“ – Ich öffnete mit der Fernbedienung meine Heckklappe und bat einen der umstehenden Zeugen, die mit dem Auto angehalten waren, meinen Notfallrucksack unter der Ladefläche herauszuholen. Die Frau, die sich bereits um die verletzte Frau kümmerte, war eine Krankenschwester. Sie erkannte richtig, dass die massive Blutung sofort gestoppt werden müsste. Der Sauerei nach würde ich mal vermuten, dass in den zwei Minuten seit dem Unfall locker ein Liter Blut aus dem Arm gelaufen war. Problem war, dass die Frau sich wehrte, sobald jemand ihren Arm berührte. Blutet das so weiter, wäre es nur noch eine Frage von Minuten, bis sie das Bewusstsein verliert. Nur das galt es eigentlich zu vermeiden.

Ich rutschte aus dem Rollstuhl auf den Boden, setzte mich auf Knie und Fersen vor die Frau. Inzwischen war mein Rucksack da. Die verletzte Frau hörte auf zu schreien und guckte mich an. Ich fragte: „Verstehen Sie mich?“ – „Nicht gut deutsch“, sagte sie. „English?“, fragte ich. Sie antwortete: „Little.“ – Ich versuchte es so: „Doktor help. Arm: Nix gut. Doktor help. Okay?“ – Und bevor sie noch lange herumhampeln konnte, hatte sie einen Stauschlauch am Oberarm. Zugezogen, ein kurzer Schrei, Ende von Blutung. Natürlich könnte sich das negativ auf eventuelle Verletzungen des Arms auswirken, aber das ist in dem Moment definitiv zweitrangig. Ich sagte: „Andere Seite einen großen Zugang, und dann den Fahrer mal aus dem Geschehen rausnehmen, am Besten in das Haltestellenhäuschen setzen und ne Decke über die Schultern legen und beruhigen.“ – „Mach ich“, sagte der Mann, der schon meinen Rucksack geholt hatte. Die verletzte Frau wurde blass und weinerlich. Ich dachte mir so: Jetzt bitte nicht noch einen Kreislaufstillstand. „Hat schon jemand einen Rettungswagen gerufen?“

Hatte jemand. Direkt nach meiner Frage hörte man den auch schon. Dem Lärm nach kamen da auch mindestens zwei Fahrzeuge. Das zweite war die Polizei. Die Besatzung des Rettungswagens forderte sofort den Notarzt nach. Anschließend holten sie die Trage, als die Frau vernünftig lag, versorgte die Sanitäterin den gestauten Arm mit einem Druckverband. Die Frau blieb bei Bewusstsein. Meine Infusion war daran wohl nicht ganz unbeteiligt. Die Polizistin fragte, was geschehen sei. Die Frau sagte: „Ich nicht gesehen Auto. Bus kam. Straße gelaufen. Ich Fehler gemacht. Mann bitte Entschuldigung. Polizei bitte Entschuldigung.“

Die Sauerstoffsättigung lag bei 99%, der Blutdruck bei 130 zu 110, Puls unter 100, keine Anzeichen für einen Schock. Auch wenn der durchaus an der Tür geklopft hatte bei dem Blutverlust. Aus meiner Sicht müsste hier kein Notarzt kommen, aber das habe ich ja nicht zu entscheiden. Ein Mann kam hinzu, offenbar der Partner der verletzten Frau. Er war völlig aufgeregt, kam mit mehreren anderen Männern zusammen angelaufen. Die Frau sprach mit ihm. Hektische Wortwechsel. Kein Wort zu verstehen. Dann sagte er zu der Polizistin: „Meine Frau sagt, sie hat Fehler gemacht. Nicht geguckt ob Auto kommt.“

Ich kletterte wieder in meinen Rollstuhl. Rollte zu dem Opelfahrer. Der saß in dem Haltestellenhäuschen und weinte. Der Zeuge versuchte, ihn zu beruhigen. Ich sagte: „Machen Sie sich keinen Kopf. Sie haben alles richtig gemacht. Es gibt Dinge im Straßenverkehr, die kann man nicht verhindern.“ – „Ist sie schwer verletzt?“ – „Nein. Wie es aussieht, hat sie nur eine stark blutende Wunde am Arm und deshalb ein paar Probleme mit dem Kreislauf. Sie kommt jetzt ins Krankenhaus und wird dort einmal durchgecheckt, aber es sieht nicht so schlimm aus.“ – „Ich möchte keinen Ärger. Ich lebe friedlich in diesem Land und ich wollte das nicht.“ – „Ihnen wird nichts passieren. Die Zeugen haben alle ausgesagt, dass sie Ihnen vor den Wagen gelaufen ist. Die Frau selbst hat das auch schon zur Polizei gesagt. Ich rate Ihnen, sagen Sie nichts zur Sache, sondern warten Sie erstmal ab. Das Recht haben Sie.“ – „Ich habe Angst, dass ich die falsche Hautfarbe habe.“ – „Nein, da machen Sie sich mal keine Sorgen, wir sind ja alle dabei.“

Die Angst war völlig unbegründet. Die Polizistin sprach mit dem Mann und sagte: „Sie bekommen von uns die Daten der Unfallgegnerin, die bereits eingeräumt hat, den Unfall verursacht zu haben. Die Zeugenaussagen stimmen auch alle überein. Danach ist die Frau Ihnen direkt vor das Auto gelaufen. Mein Kollege macht jetzt noch Bilder vom Unfallort. Ich müsste einmal Ihren Führerschein und Ihren Personalausweis sehen und die Papiere vom Fahrzeug.“ – „Ist mein Führerschein weg?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Ich möchte nur Ihre Daten haben. Den Führerschein bekommen Sie gleich wieder. Sie haben sich ja nichts zu Schulden kommen lassen. Ich nehme von Ihnen auch keine Aussage auf, weil Sie neben sich stehen. Es kann sein, dass Sie nochmal angeschrieben werden, aber vermutlich kommt da nichts mehr.“ – „Ist es schlecht, keine Aussage zu machen?“ – „Nein, Ihre Aussage ist nichts wert, wenn Sie aufgewühlt und unter Schock stehen. Und wir brauchen die Aussage auch nicht. Wir wissen auch so schon, dass Sie sich nichts zu Schulden kommen lassen haben. Wenn das bei der Staatsanwaltschaft noch jemand anders sieht, nehmen Sie sich einen Anwalt und dann können Sie immernoch eine vollwertige Aussage machen. Aber ich glaube nicht, dass da noch was kommt. Auch gegen die Frau nicht. Die ist mit ihrer Verletzung gestraft genug, da muss man ihr nicht noch ein paar Euros abknüpfen, die sie vermutlich sowieso nicht übrig hat. Gibt es jemanden, der Ihr Auto einparken kann? Weil, sie sollten damit jetzt so nicht weiterfahren in Ihrem Zustand.“

Er hatte bereits seine Frau angerufen, die in diesem Moment eintraf. Der Notarzt guckte die Frau an, fuhr anschließend gleich zum nächsten Einsatz weiter. Am Ende waren alle weg. Socke packte mit Hilfe der Krankenschwester ihren Rucksack zusammen, räumte den ganzen Erste-Hilfe-Müll ein wenig zusammen und packte ihn in den Eimer an der Haltestelle und machte sich auf den Heimweg. Bedankt hatte sich niemand in der Aufregung. Einer geflüchteten Frau aus Kabul eine Rechnung zu schreiben, war vermutlich auch aussichtslos. Nachdem der Rettungswagen mir leider meine Verbrauchsmaterialien nicht ersetzen konnte, kann ich vielleicht bei Susi demnächst mal wieder was zum Einkaufspreis abgreifen. Als ich einstieg, hielt der nächste Bus. Auf der Fahrbahn. Der Busfahrer öffnete die vordere Tür und pöbelte in militärischem Tonfall: „Nur weil du behindert bist, heißt das nicht, dass du da parken darfst.“ – Dabei traten ihm fast die Augen aus den Höhlen. Ich lächelte freundlich und erwiderte seinen Gruß durch korrektes Anlegen der rechten Hand an den Kopf.

Zur Post, zur Bank, Einschreiben mit Frist konnte ich alles vergessen. Es war weit nach 18 Uhr. Aber wenn die Pflicht ruft und ich gebraucht werde …

Fahrstunden

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Susi und Otto sind ja immer sehr besorgt um ihre beiden Töchter. Sowohl um ihre leibliche als auch um mich. So bekamen wir beide zu Ostern zwei Gutscheine geschenkt: Nach fast zehn Jahren sollten wir beide eine Fahrstunde nehmen und an einem Fahr-Sicherheitstraining teilnehmen. Ich fand die Idee gut, Marie auch. Kann nie schaden, sich nochmal updaten und eingeschliffene Fehler auszumerzen zu lassen. Fahr-Sicherheitstraining ist erst in einigen Monaten, aber wir waren in der letzten Woche bei einer Fahrschule in der nächsten größeren Stadt und haben den ersten Teil des Geschenks eingelöst.

Es gibt ja nicht so viele Fahrschulen mit umgebauten Autos, aber diese hatte eins und der Fahrlehrer, der Chef der Fahrschule, war auch sehr freundlich. Die Rollstühle wurden nach dem Umsetzen im Büro eingeschlossen, ich durfte zuerst fahren. Außer Marie saß noch ein angehender Fahrlehrer auf der Rückbank, nachdem er gefragt hatte, ob es für uns okay ist, wenn er sich das auch mal anschaut. Menschen mit Behinderung, die schon fahren können, habe man nicht alle Tage.

Zum Glück hatte die Fahrschule im Auto auch das gleiche Handbedienungsgerät wie Marie und ich verbaut, so dass wir uns nicht umgewöhnen mussten. Das Auto reagierte auch normal, lediglich die Lenkung war eine besonders leichtgängige, was ich etwas gewöhnungsbedürftig fand. Aber es war kein wirkliches Problem.

Wir waren keine zwei Minuten unterwegs, da musste der Fahrlehrer dann doch gleich mal zeigen, wer der Chef im Auto ist. Wir befuhren innerorts eine zweispurige Straße, auf der 50 erlaubt war. Eine Spur verlief in meine Richtung, eine Spur in die entgegengesetzte. Wir näherten uns einem Fußgängerüberweg, also einem Zebrastreifen. Ich schätze mal, die Fahrbahn war an dieser Stelle acht Meter breit. Links und rechts von der Fahrbahn waren jeweils zum Parken freigegebene Seitenstreifen, vermutlich auch nochmal 2,50 Meter breit, die im Bereich des Fußgängerüberwegs natürlich unterbrochen und auf Höhe des Gehwegs angehoben und gepflastert waren, daneben noch ein rund 1,50 Meter breiter Radweg, daneben der Fußweg. Eine ältere Frau mit Rollator hatte nun die erkennbare Absicht, den Fußgängerüberweg überqueren zu wollen. Erkennbar dadurch, dass sie sich vom Gehweg langsam in Richtung der Fahrbahn drehte und erstmal schaute, ob ein Radfahrer hinter ihr kam. Wohl gemerkt: Das Ganze spielte sich auf der gegenüberliegenden (von mir aus linken) Seite ab.

Da ich bei Annäherung an einen Fußgängerüberweg ja kein Gas mehr geben darf, rollten wir mit etwa 45 km/h auf den Überweg zu. Wir waren, als die Frau sich nach den Radfahrern umschaute, noch etwa 40 Meter von dem Überweg entfernt. Ich entschied mich, nicht anzuhalten. Was den Fahrlehrer dazu veranlasste, hart in die Eisen zu steigen. Nicht mit quietschenden Reifen, aber immerhin so, dass auf der Rückbank alle in den Seilen hingen und wir auch erst auf dem Zebrastreifen zum Stehen kamen. Das Auto hinter uns kam ins Rutschen, krachte aber zum Glück nicht hinten drauf. Die Fahrerin in dem Auto schüttelte ihren Kopf und ich konnte von ihren Lippen das Wort „Fahrschule“ ablesen.

„Wenn jemand erkennbar den Fußgängerüberweg überqueren will, müssen Sie anhalten“, belehrte mich der Fahrlehrer. Ich dachte mir: Wenn man das so extrem in Hamburg macht, bestehen beste Chancen, dass einem gleich einer hinten reinkachelt. Nicht falsch verstehen: Ich halte am Zebrastreifen immer an. Aber nicht, wenn jemand noch lange nicht an der Fahrbahnkante ist. Denn die ältere Dame wackelte nun langsam über den Radweg, musste nun noch über den gepflasterten Bereich des Parkstreifens, dann noch über den Fahrstreifen der Gegenrichtung … in der Zwischenzeit fuhren auf der Gegenspur noch acht Autos durch. Die ich gezählt habe. Und als die Dame am Fahrbahnrand stand, hielt das neunte Auto sofort an. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, die Dame fühlte sich gehetzt, weil ich schon gefühlt lange auf sie wartete. Aber wenn das die Vorschriften sind…

Es ging weiter in ein Wohngebiet. Eine ruhige Sackgasse. Tempo 30. „Wenn ich gleich ‚jetzt‘ sage, machen Sie bitte eine Gefahrbremsung.“ – Soso. Ich machte mir Gedanken über die Anwohner, denn auf der Fahrbahn waren diverse Reifenspuren zu erkennen und uns kamen auch noch zwei andere Fahrschulautos entgegen. Wenn ich mir vorstelle, ich würde hier wohnen und hätte alle zehn Minuten Reifenquietschen vor der Tür, ich glaube, ich würde jede einzelne Fahrschule auf Unterlassung verklagen. „Jetzt“, kam das Kommando. Ich stieg voll in die Eisen. Das Auto hatte Bremsassistent und ESP, von daher war das Manöver nun wirklich kein Kunststück. Ich dache an meinen ersten Golf zurück, bei dem man für eine Gefahrbremsung noch richtig mechanische Kraft aufwenden musste. Der angehende Fahrlehrer auf der Rückbank kommentierte: „Oha. Wow.“

Inzwischen bekam wohl auch der Chef auf dem Beifahrersitz den Eindruck, dass hier nicht Klein-Doofi mit Plüschohren sitzt. „Daran gibt es nichts auszusetzen“, kommentierte er. Weiter ging es. Im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt. Durch eine Dreißigzone, am Ende konnte man nur rechts oder links, erstmal kamen Radfahrer aus beiden Richtungen, und dann kam uns von links ein Gelenkbus entgegen, der natürlich allen Platz brauchen würde und bis in meine Fahrspur ausholen wollte, um abbiegen zu können. Er hielt extra an einer Stelle, an der noch eine Parklücke frei war, blinkte mich an, ich sollte fahren. Platz genug war eigentlich, also fuhr ich los. Der Fahrlehrer trat schon wieder auf die Bremse. „Das machen wir nicht. Nicht quetschen. Da gehen so viele Rückspiegel bei drauf, das muss nicht sein.“

Aha?! Ich habe mir noch nie einen Rückspiegel abgefahren. Ich weiß doch, wie breit mein Auto ist. Also blieben wir stehen. Der Busfahrer blinkte uns noch einmal an. Dann bekam er wohl einen dicken Hals, zog vor, holte aus und bremste einen Meter vor unserer Motorhaube scharf ab. Nun mussten wir zurücksetzen. Der hinter uns auch. Der dahinter auch. Im Schneckentempo. Der Gelenkbus fuhr mit seiner letzten Achse über den Radweg. Anschließend quetschte er sich an mir vorbei. Zentimeter für Zentimeter. „Wenn jetzt der Spiegel dran glauben muss, hat er Schuld. Wir quetschen uns nirgendwo durch.“

Tolles Prinzip. Zurück zur Fahrschule. Auf dem letzten Kilometer fuhren wir über eine Kreuzung und direkt hinter der Kreuzung wurden aus meiner einen Fahrspur zwei. Das heißt: Rechts von mir öffnete sich eine neue. Ich dachte mir: Rechtsfahrgebot, also gleich dem rechten Begrenzungsstreifen gefolgt, rechts geblinkt (weil ich ja eine an dieser Stelle beginnende gestrichelte Mittellinie überfahre), und: Anschiss bekommen. Schulterblick vergessen! Nun fragte ich doch mal nach: „Entschuldigung, aber wer soll denn da sein? Die Fahrspur beginnt da.“ – „Immer Schulterblick machen. Es könnte ein Radfahrer in ihrem Windschatten gefahren sein, der Sie auf der Spur überholen will.“ – „Ich bin doch aber am Bordstein entlang gefahren. Mit 50. Der müsste dann ja mit 60 über den Bordstein hämmern, um vor mich oder zumindest neben mich zu kommen.“ – „Nicht diskutieren, einfach machen.“

Aha. Gut. Am Ende relativierte er ein wenig und sagte: „Sie sind regelkonform gefahren. Wäre das eine Fahrprüfung gewesen, hätten Sie wohl bestanden. Über die Fußgängerin am Anfang kann man verschiedener Ansicht sein und wir lernen hier, dass wir Fußgänger einladen, über den Überweg zu gehen. In der Fahrprüfung hätte ich nicht gebremst.“ – Hat er wohl selbst gemerkt, dass das Asche war. Insofern: Gelernt habe ich was: So schlimm kann meine Fahrerei nicht sein. Das zu wissen, ist auch gut. Und Spaß gemacht hat es allemal.

Der angehende Fahrlehrer war anschließend etwas entspannter: Als ich auf der Rückbank saß und Marie fuhr, sagte er: „Ich finde das faszinierend, dass kein Unterschied zu merken ist. Wenn ich aus dem Fenster schaue, würde ich nicht vermuten, dass jemand das Auto nur mit den Händen fährt.“

Darauf der Chef-Fahrlehrer: „Sie sollen aber nicht aus dem Fenster schauen, sondern hierher! Aber ich gebe Ihnen Recht: Wenn jemand viele Jahre so fährt, merkt man keinen Unterschied mehr. Und wir wollen an der nächstmöglichen Stelle links abbiegen!“

Marie blinkte links, bog ab. Kaum waren wir über den Rad- und Fußweg, stieg der Fahrlehrer in die Bremsen. „Einbahnstraße!“ – Marie widersprach: „In 100 Metern stand da. Die Einfahrt zum Supermarkt ist aus dieser Richtung frei.“ – „Ja, aber da wollen wir doch nicht hin.“ – „Das weiß ich doch nicht. Sie haben ’nächste Möglichkeit‘ gesagt, und das ist die nächste Möglichkeit.“ – „Sie sind sehr spitzfindig, oder?“ – „Hm. Weiß ich nicht.“ – „Dann wenden Sie mal.“ – „Ich würde jetzt einmal über den Parkplatz fahren.“ – „Ist verboten. Sie dürfen einen Parkplatz nur zum Parken befahren, nicht zum Wenden.“

Oh. Wusste ich auch noch nicht. Was ist denn, wenn ich auf dem Parkplatz merke, dass ich mein Geld vergessen habe und dann umkehre? Die Frage habe ich natürlich nicht gestellt. Also kurbelte Marie das Auto in einer engen Straße acht Mal hin und her, statt einmal eine Runde über den Parkplatz zu drehen.

Einen hatten wir noch: Links abbiegen auf einer großen Kreuzung. Wir standen vor dem aufgemalten weißen Kreuz mitten auf der Kreuzung. Der Gegenverkehr bekam Rot und für uns leuchtete der grüne Pfeil auf. Der sogenannte Räumpfeil, der uns anzeigt, dass wir fahren dürfen. Marie gab Gas. Der Fahrlehrer stieg voll in die Eisen. Der Hintermann fuhr fast drauf. Der Fahrlehrer zeigte auf einen Radfahrer, der mit hoher Geschwindigkeit auf dem Radweg an die Kreuzung herangeprescht kam. „Den hab ich gesehen, aber der hat Rot, wenn ich einen Räumpfeil eingeblendet bekomme.“ – „Das mag sein, aber Sie müssen mit dem Fehlverhalten anderer rechnen.“ – „Ja, das kann ich doch aber immer noch vor der Radfahrerfurt, wenn der wirklich rüberprescht.“ – „Nee, dann knallt Ihnen vielleicht einer hinten rein und schiebt Sie auf den Radfahrer. Besser hier warten.“ – Der Radfahrer bremste scharf und hielt an der Ampel, der Querverkehr bekam grün und wir standen regelkonform mitten auf der Kreuzung. Und die hinter uns auch. Die Autos schlängelten sich um uns herum, zeigten uns Vögel, Scheibenwischer und andere Gesten – und jetzt hätte nur noch gefehlt, dass der Fahrlehrer anmerkt, dass man nur in die Kreuzung einfahren darf, wenn man sie auch sicher vollständig überquert.

Okay. Das klingt nach viel Gemecker. Soll es gar nicht sein. Auch Marie fand die Fahrstunde am Ende gut. Weil auch sie den Eindruck hatte, sie macht nichts Gravierendes falsch. Und das war es ja, was wir wissen wollten. Bleibt nur zu hoffen, dass das Sicherheitstraining noch ein paar Neuigkeiten für uns bereithält.

Trampolin

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Helenas Krankenkasse ist halbwegs zur Vernunft gekommen und will ihre Insulinpumpe nun doch vollständig übernehmen. Also zumindest den verordnungsfähigen Teil des Systems. Die Zuzahlung, die anfallen sollte, weil die Insulinpumpe angeblich einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens ersetzen soll, soll entfallen. Die Krankenkasse hat den Bescheid trotz angezeigter Vertretung nicht an den Anwalt geschickt, sondern direkt an (die minderjährige) Helena. Die Kohle werde auch nicht an uns überwiesen, die ja die Rechnung bereits bezahlt haben, sondern an die Firma, die uns die Pumpe verkauft hat. Es steht ein Satz im Bescheid: „Bitte setzen Sie sich zwecks Abrechnung Ihrer Vorleistung direkt mit dem Leistungserbringer in Verbindung.“

Auch zum beantragten Handbike (Vorspannbike) haben sie sich gemeldet. Auch bei Helena direkt. Helena möge eine Bescheinigung ihrer Schule einreichen, dass das Therapiefahrrad (!) für den Schulunterricht benötigt werde. Außerdem werde eine Stellungnahme des Haus- oder Facharztes benötigt, warum neben dem Rollstuhl auch noch ein Therapiefahrrad benötigt wird. What?! Auch gleich zum Anwalt. Sowas kann ich wirklich nicht leiden. Es ist mir einfach zu dämlich.

Susi und Otto haben Helena zum 13. Geburtstag ein Gartentrampolin geschenkt. Sie wusste davon noch nichts, hatte damals einen Gutschein für eine Überraschung im Sommer bekommen und den an ihre Pinnwand gehängt. Am Freitag hatte Otto Zeit, das Ding aufzustellen. Damit Helena nicht so hoch klettern muss, und damit es so unauffällig wie möglich bleibt, haben wir uns für eins entschieden, das man in den Boden eingräbt. Das Sicherheitsnetz, das verhindert, dass jemand nach falschem Abspringen außerhalb des Trampolins auf dem harten Rasen landet, kann beispielsweise im Winter abgebaut werden. Da Susi und Otto nicht für halbe Sachen zu haben sind, hat es rund vier Meter Durchmesser. Weil bei uns noch keine hohen Bäume wachsen, war das Eingraben zwar schweißtreibend, aber keine übermäßige Herausforderung.

Als Helena von der Schule nach Hause kam, freute sie sich, Otto zu sehen, wusste aber nicht, dass er ihretwegen bei uns war. Otto hatte die Rolläden zum Garten halb herunter gelassen. Angeblich wegen der zu grellen Sonne. Helena fragte nicht nach, sondern stürzte sich auf die Spaghetti. Als wir fertig waren mit Essen, ließ ich die Rolläden wieder nach oben. Der Blick war frei auf das Trampolin am Ende des Gartens. Es dauerte fünf Minuten, bevor Helena fragte: „Was ist das für ein komisches Netz dahinten? Ist das bei uns oder nebenan?“ – „Marie und Jule haben sich eine neue Kompost-Anlage gekauft, wo im Herbst das ganze Laub reinkommt“, blödelte Otto, ohne eine Miene zu verziehen. Helena glaubte ihm das erstmal und antwortete: „Und warum stellen wir die jetzt dorthin und nicht im Herbst?“ – Ich sagte: „Geh mal hin und guck dir das Ding mal genau an.“

Jetzt ahnte sie was und flitzte los. Ging einmal drum herum, musterte alles genau, testete ganz vorsichtig mit der Hand, wie hart oder weich die Sprungfläche ist, kam wieder zurück und fragte: „Darf ich es ausprobieren?“ – „Wenn du möchtest, darfst du den Geburtstags-Gutschein einlösen. Dann gehört es dir, Helena“, antwortete Otto. Sie guckte ihn erst drei Sekunden mit ungläubigem Blick an, dann sprang sie ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss. Dann fragte sie mich: „Darf ich?“ – Ich sagte: „Ja, na los!“ – „Ich zieh mir schnell was anderes an, okay? Jeans ist nicht so gut dafür. Und ich brauche warme Socken, weil ich ja meine Schuhe ausziehen muss.“

Fünf Minuten später saßen Marie und ich mit Otto auf unserer Terrasse in der Sonne, während Helena ihr neues Trampolin erkundete. Wir waren zwar in Sichtweite, aber ich finde es gut, wenn sie das alleine ausprobiert. Wenn sie etwas will, kann sie ja sehr geduldig und zäh sein. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis sie zum ersten Mal aufrecht auf diesem nachgebenden Boden stand und versuchte, ein wenig hochzuspringen. Vorher ist sie mindestens dreißig Mal wieder umgefallen. Immer wieder drehte sie sich auf die Seite, ging in den Vierfüßlerstand, Oberkörper hoch, hinstellen. Das Hinstellen war das Schwierigste. Aber irgendwann stand sie, wippte vorsichtig vor und zurück, sprang etwas hoch und lag wieder lang. Ottos Blick war voller Fragezeichen: „Vielleicht wäre ein Bungee-Trampolin besser gewesen?“ – Marie antwortete: „Wir stellen uns hier doch keinen zehn Meter hohen Blitzableiter in den Garten. Warte mal ab. Sie wird das schaffen wollen, und alles, was dann kommt, ist gut für ihre Koordination.“

Zehn Minuten später kletterte sie vom Trampolin herunter. Und hatte große Probleme, auf dem festen Boden zu stehen. Ohne Orthesen sowieso, nach dem wackeligen Trampolin noch mehr. Ich sah sie schon fliegen, aber es ging doch gut. „Das ist ganz schön anstrengend. Aber ich schaffe das. Ich muss nur üben. Darf ich Kiara fragen, ob sie zu mir kommt?“

Keine halbe Stunde später war Kiara da. Die beiden flitzten gemeinsam zum Trampolin. Kiara nahm Helena an beiden Händen und fing an, mit ihr gemeinsam zu üben. Jetzt, wo Helena einigermaßen Stabilität hatte, gelang es ihr auch, die Balance zu halten. Fünf, sechs Sprünge, dann war erstmal wieder Schluss. Helena und Kiara kamen zur Terrasse. Helena sagte: „Das geht so viel besser, aber erstmal gibt es noch ein neues Problem. BB. Nicht ‚Big Brother‘, sondern ‚Bouncing Bladder‘.“ – Kiara fragte: „Was ist Bouncing Bladder?“ – Helena antwortete: „Meine Spasti-Blase ist so undicht wie die von Oma nach der zehnten Geburt. Deswegen steigen Omas ja auch nie auf Trampoline.“

Trotz der eher coolen Reaktion guckte Helena mich nahezu ängstlich an. Leider ist es wegen des hohen Muskeltonus oft so, dass Menschen mit Cerebralparese auch Schwierigkeiten mit ihrer Blase haben. Der Effekt verstärkt sich natürlich, wenn man auf einem Trampolin auf und ab springt. „Ist okay, Helena. Geh aufs Klo, zieh dir ne frische Hose an und vielleicht ziehst du dir zur Sicherheit noch was drunter.“ – Helena schluckte deutlich sichtbar einen Kloß hinunter. Das neue Trampolin war aber so spannend, dass sie kurz danach wiederkam und dann weiter mit Kiara übte. Kiara war sehr geduldig mit Helena und nach einer weiteren halben Stunde klappte es bereits sehr gut. Beide hielten sich nach wie vor an den Händen, probierten aber jetzt schon, nicht gleichzeitig zu springen, sondern abwechselnd. Auch das klappte. Sie hatten ein Handy daneben gelegt, auf dem Musik lief, und waren seit einer Stunde ununterbrochen am Quatschen und Lachen. Otto wurde zunehmend entspannter und schickte erstmal ein Kurzvideo an Susi.

„Ich werde morgen so einen fiesen Muskelkater haben“, sagte Helena, als ich sie abend rein holte. „Meine Knie zittern, meine Arme tun weh, aber es war toll.“ – Die beiden entschieden spontan, dass Kiara bei Helena übernachten sollte. Uns war es recht, Kiaras Mama auch. Beide gingen duschen, Kiara bekam anschließend Short & Shirt von Helena, eine Zahnbürste von mir, ich bezog noch ein weiteres Kopfkissen und nach dem Abendessen verschwanden sie in Helenas Zimmer. Als ich um neun einmal nach Helenas Zucker schauen wollte, immerhin hatte sie heute ungewöhnlich viel Sport, leuchtete eine Nachttischlampe, eine Bluetooth-Box spielte irgendeine Playlist ab und zwei Teenys lagen völlig fertig im Bett, hatten alle Viere von sich gestreckt und schnarchten um die Wette. Ich deckte Kiara richtig zu, las Helenas Blutzucker ab, stellte das Gedudel und das Licht aus und rollte wieder nach draußen.

„Pennen beide tief und fest“, sagte ich zu Marie. Sie hatte zwischenzeitlich den Kamin zum Brennen gebracht. Otto blieb noch eine gute Stunde, dann fuhr er zurück zu seiner Susi. Kaum waren Marie und ich alleine, kam Kiara aus dem Bett. „Kann mal bitte jemand nach Helena schauen? Sie atmet so komisch und zuckt.“ – Oh nee. Ich setzte mich vom Sofa in den Rolli, flitzte in ihr Zimmer. Marie kam hinterher. Die Nachttischlampe leuchtete. Helena schwitzte, atmete relativ schnell, murmelte irgendwas. Bewegte hin und wieder den Kopf hin und her, zuckte immer mal wieder mit einer Hand. Die Augenlider waren zwar geschlossen, aber man konnte eine ausgeprägte Bewegung der Augen erkennen. „Sie träumt nur“, sagte ich. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett, legte einen Arm um ihren Oberkörper, streichelte ihr mit der anderen Hand durch das Gesicht. „Hey, Helena! Alles okay? Helena?“

Im gleichen Moment fuhr sie hoch: „Waswaswas?“ – Als sie mich erkannte, ließ sie sich wieder auf das Kissen fallen, seufzte und sagte: „Ich hab voll den Mist geträumt. [Der frühere Pflegevater] wollte mich zurück holen und wollte mich mit Süßigkeiten locken. Und ich wusste die ganze Zeit, dass ich in Gefahr bin, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich den Süßigkeiten-Trick durchschaut hatte. Ich wollte abhauen, aber aus irgendeinem Grund ging das immer nicht.“ – „Du bist bei uns und niemand holt dich zurück. Atme mal tief durch und drücke mal meine Hand ganz fest. Das war nur ein böser Traum. Lass uns mal bitte einmal nach deinem Zucker gucken.“ – Der war aber normal. Kiara legte sich wieder zu Helena ins Bett und sagte: „Wenn ich schlecht träume, mache ich erstmal Licht an und dann gucke ich erstmal einen Moment Fernsehen, damit mein Gehirn etwas anderes verarbeitet und den Traum vergisst. Wir könnten vielleicht noch einen Augenblick quatschen. Und nochmal über das Trampolin reden oder so.“ – Gute Idee.