Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Eine Nacht im Krankenhaus

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Die Weihnachtstage habe ich bei mir in der WG verbracht. Liam und Frank haben zwei Tage vor Heilig Abend noch einen kleinen Weihnachtsbaum besorgt, keinen aufblasbaren, sondern einen im Eimer, den man hinterher einpflanzen kann, Lina und Sofie haben ihn geschmückt, es war recht nett. Cathleen war am Heilig Abend bei ihrer Mutter, Liam und Lina waren bei Liams Eltern. Sofie, Frank und ich haben es uns im Gruppenraum gemütlich gemacht, gemeinsam gegessen, geredet, sind anschließend zum Gottesdienst in den Hamburger Michel gefahren. Ich habe es schon erwartet: Die Kirche war bis auf den letzten Platz belegt. Wenn man jetzt erwähnt, dass es sich um den vierten Gottesdienst an diesem Tag handelte und die Kirche 2.500 Plätze hat, kann sich wohl jeder vorstellen, was dort los war. Aber die Leute waren ruhig und nett, die kleinen Kinder, die sonst oft lauter sind als der Pastor, waren alle schon im Bett.

Am ersten Weihnachtstag habe ich erstmal ausgeschlafen, mittags haben wir alle zusammen gegessen, bevor Sofie und Frank zu Sofies Mutter und Lebensgefährten verschwunden sind. Am zweiten Weihnachtstag hatten wir in der WG ein gemeinsames Frühstück und dazu auch einige Freunde eingeladen.

Nachgedacht oder gegrübelt habe ich eigentlich nicht viel. Letztes Jahr Weihnachten habe ich im Krankenhaus verbracht, mich mehr oder weniger amüsiert über einen Pfleger, der als Weihnachtsmann verkleidet und „Ho Ho Ho“ rufend über die Flure tobte, an einem Videoabend in der Sporthalle teilgenommen und Frust geschoben. Vor zwei Jahren habe ich mit meinen Eltern gefeiert, als 15-jährige mich über alle möglichen Geschenke gefreut, da war die Welt noch in Ordnung. 😉

Dieses Jahr habe ich (noch) nichts vom Weihnachtsmann bekommen. Ich war halt nicht brav genug. Innerhalb der WG schenken wir uns nichts, das haben wir von vornherein so festgelegt, und das finde ich auch gut so. Jeder hat was zu einem gemeinsamen Bunten Teller, der im Gruppenraum auf dem Tisch steht, dazugegeben. Ansonsten habe ich noch eine Kleinigkeit für meinen Jan, den ich erst in der nächsten Woche wieder sehe, da er bei seinen Eltern in Regensburg ist.

Das ist für mich aber auch nicht überraschend. Wenn ich an den übrigen Tagen des Jahres keinen Kontakt zu meiner Familie haben will, muss das auch nicht an Weihnachten sein, auch wenn überall propagiert wird, dass es sich um das Fest der Liebe, der Familien und der Versöhnung handele. Unsere Probleme sind so schwerwiegend, dass sie sich nicht mit einem Weihnachtsfest lösen können.

Nicht verstanden hat das meine Mutter, die mich am 2. Weihnachtstag nachmittags anrief. Mal wieder auf dem Handy und mit unterdrückter Rufnummer. Sie wollte mir noch einmal ein schlechtes Gewissen machen, indem sie mich darauf hinwies, dass sie ja im Moment in der Klinik sei, ausgerechnet über Weihnachten, und ich würde sie nicht besuchen. Es sehe für sie so aus, als wenn ich, jetzt wo ich genug eigenes Geld habe, keinen Kontakt zu ihnen mehr nötig hätte. Der Vorwurf ist natürlich heftig, aber es muss ja immernoch eine Steigerung geben, wenn man Gespräche erzwingen will. Sie hat es nicht verstanden, vermutlich kann sie es nicht verstehen. Als ich aufgelegt hatte, habe ich einen Moment darüber nachgedacht, mir eine neue Handynummer zu besorgen.

Ich will es gar nicht kommentieren. Ich habe es auch nicht kommentiert, als meine Großtante, die mit der Currywurst, plötzlich vor der Tür stand und rein wollte. Sofie hatte die Tür geöffnet, meine Großtante aber gar nicht erst reingelassen, sondern mich zur Tür geschickt. Ich dachte: „Sollte sie jetzt das Weihnachtsfest zum Anlass nehmen, sich zu entschuldigen, lässt du sie rein. Auch wenn sie nicht deine Ansichten hat, ich möchte, dass man mich versteht, dass sich langfristig etwas ändert, also gib ihr eine Chance.“ Aber sie grüßte nicht mal, sondern wollte gleich mit den Worten „ich muss mit dir reden“ an mir vorbei stapfen. Was nicht funktionierte, da ich mich, bevor ich die Tür geöffnet habe, geschickt positioniert und den Rollstuhl festgebremst habe, so dass die Tür nicht weiter aufging. Also rappelte sie gegen die Tür. Leider etwas unglücklich mit dem Kopf. Sie flippte gleich aus: „Du spinnst ja wohl!“

Ich erwiderte: „Entschuldigung, aber du bist gegen die Tür gelaufen! Was möchtest du? Auf ‚mit dir reden‘ habe ich keinen Bock. Das eskaliert jedes Mal.“ Sie hielt sich den Kopf, aber es blutete nicht. „Das nehme ich dir übel. Mich hier als alte gebrechliche Frau im Flur abzufertigen und mir die Tür vor den Kopf zu schlagen. Du brauchst dich bei mir nicht mehr zu melden. Und auch nicht um Geld betteln. Glaube ja nicht, dass du von mir noch einen Cent bekommst!“

Was sollte das jetzt schon wieder? Ich melde mich bei ihr sowieso nicht. Und zum letzten Mal habe ich von ihr 50 Euro geschenkt bekommen, das war exakt vor zwei Jahren zu Weihnachten, dazwischen hat sie für mich eben eine Currywurst bezahlt und mir ein paar Socken, weiß mit rosa Streifen von Tschibo, ins Krankenhaus mitgebracht. Und eine Illustrierte. Habe ich je nach Geld gebettelt? Ich kann mich nicht daran erinnern. In den letzten zwei Jahren auf keinen Fall. Auf meinem Sparbuch liegen über 10.000 Euro, von dem fest angelegten Unfallgeld mal ganz zu schweigen. Wieso sollte ich da um Geld betteln?! Irgendwie sind die alle irre. Und der Hinweis auf ihre Gebrechlichkeit … sie rennt kilometerweit mit ihrem Wanderverein und weist eine Rollstuhlfahrerin auf ihre Gebrechlichkeit hin. Skurriler geht es kaum.

Also schloss ich die Tür und ließ sie draußen labern. Als ich mich umdrehte, stand Sofie am Ende des Flurs, machte eine Scheibenwischergeste und murmelte: „Die haben doch alle ein Rad ab.“

Jetzt, als die Tür zu war, fiel mir ein, dass auch meine Mutter am Telefon schon eine Bemerkung über Geld gemacht hatte. Wahrscheinlich haben die beiden miteinander telefoniert und darin liegt auch der Besuch der Großtante begründet. Ein Glück, dass ich sie nicht reingelassen habe. Nun stand sie im Flur, lehnte sich gegen die Tür, klopfte und murmelte: „Mach die Tür auf, ich weiß, dass du dahinter stehst.“ Genial. Ich ließ sie stehen und fuhr in mein Zimmer.

Abends wollte ich mich gerade ausziehen, als plötzlich Krach im Flur war. Ich hörte Liam irgendwas energisch rufen, konnte das aber nicht verstehen, da Musik lief. Ich drehte die Musik leise und lauschte. In dem Moment sprang meine Zimmertür auf und mein Vater stürmte rein. Er brüllte mich an: „Hast du Tante … die Tür an den Kopf geschlagen? Überlege dir genau, was du jetzt sagst.“ Ich zog erstmal den Kopf ein, sagte dann: „Sie ist gegen die Tür gelaufen.“

Jetzt stand er direkt vor mir. Er hatte eine Fahne. Ich hatte Angst. „Ich frage noch einmal: Hast du Tante … die Tür an den Kopf geschlagen?“ Liam stand in der Zimmertür, sprach meinen Vater an: „Herr …!“ Bevor er irgendwas sagen konnte, ging er auf ihn zu, Liam ging zwei Schritte rückwärts, mein Vater knallte die Tür zu. Nun kam er wieder auf mich zu: „Ich warte auf eine Antwort!“ Ich erwiderte: „Ich habe dir schon eine Antwort…“ Weiter kam ich nicht, dann bekam ich eine Ohrfeige. Die saß. Aber richtig. Mit erhobener Hand stand er vor mir: „Hast du ihr die Tür an den Kopf geschlagen oder nicht? Überlege dir genau, was du sagst!“

Ich antwortete: „Sie ist gegen die Tür gelaufen!“ Er wollte mit der anderen Hand zuschlagen, aber ich riss die Arme hoch. „Nimm die Arme runter“, brüllte er mich an. Das fehlte noch. Ich schrie nach Liam, schrie um Hilfe. Mein Vater wollte mir den Mund zuhalten, war aber wohl von der Kippfreudigkeit meines Rollstuhls überrascht. Ich bekam das Übergewicht und fiel nach hinten und rollte aus dem Stuhl raus. Ich glaube wirklich, dass er davon selbst überrascht war. „Du zerstörst unsere ganze Familie, merkst du das nicht?“ Zum Glück hatte mich nirgendwo gestoßen bei meinem freien Fall. Ich robbte ein Stück zur Wand, setzte mich rückwärts gegen Bett und Wand, kauerte mich zusammen. Er versetzte meinem umgefallenen Rollstuhl einen Tritt, so dass er halb unter meinen Schreibtisch donnerte. Ich war erschrocken und ängstlich zugleich über dieses Gewaltpotential, das ich bisher so noch nicht erleben musste.

Er ging wutschnaubend und Türen knallend raus. Das ganze hatte keine zwei Minuten gedauert. Ich heulte und als ich hochzog, merkte ich einen metallischen Geschmack im Mund. Ich blickte an mir herab. Mein T-Shirt war voller Blut. Es war meine Nase, die blutete. An meinen Rollstuhl kam ich nicht. An die Taschentücher auf dem Nachttisch auch nicht. Ich versuchte, das Blut mit den Fingern abzuwischen, aber es lief ohne Ende. Ich rief nach Liam. Niemand kam. Hörte mich keiner? Dann ging die Tür einen Spalt auf. „Ist er noch drin?“ – „Nein, er ist raus“, antwortete ich. Liam kam rein. Sah mich. Sagte: „Ach du Scheiße.“ In dem Moment klingelte es an der Tür. Er rannte hin, ich rief ihm hinterher: „Lass ihn draußen!“

Dann hörte ich hektische Schritte auf dem Flur. „Wo ist das?“ – „Hier gleich die Tür.“ Die Polizei. Irgendwann muss ich in dem Verein noch Mitglied werden. So oft wie im letzten Jahr hatte ich nie in meinem Leben mit den Bullen zu tun. Die ganze Falschparkerei, eingeschlossen in Aufzügen, verrückte Nachbarn, abgetretene Außenspiegel, … so langsam reichte es. Eine Frau, Mitte 20, kam auf mich zu. Ihrem Kollegen sagte sie: „Ruf mal nen Arzt.“ Sie hockte sich neben mich. „Nehmen Sie mal den Kopf auf die Brust. Ist vermutlich nur die Nase. Zähne sind noch alle drin?“

Keine Ahnung. Doch, Zähne waren noch drin. Keine Ahnung, wieso die Nase überhaupt blutete, die hatte eigentlich gar nichts abgekriegt. „Bleiben Sie mal sitzen. Hier sind Papiertücher, nur erstmal drunter halten. Sonst geht es Ihnen gut? Haben Sie sonst irgendwo Schmerzen?“ Ich schüttelte den Kopf. Ich war eigentlich auch gegen großes Tamtam, die Nase fühlte sich nicht gebrochen an und würde wohl jeden Moment wieder aufhören zu bluten.

Nun kamen noch mehr Polizisten. Was für eine Aufregung! Die beiden wurden aber gleich wieder weggeschickt. „Der ist abgehauen. Handelt sich wohl um den Vater.“ – „Na dann: Frohe Weihnachten!“ sagte der andere. Ich war zitterig, fing an zu frieren. Zwei Mal gab mir die Polizistin neue Taschentücher. Ein Teil des Blutes lief im Rachen runter und verklebte dort. Das war ziemlich eklig. Irgendwie hörte es überhaupt nicht auf. Dann kam eine ganze Horde Leute ins Zimmer. Einer stellte sich vor, sagte, er sei der Notarzt. Ich solle mal die Taschentücher wegnehmen. Er schaute mir in den Mund. Er wackelte an meiner Nase und fragte, ob das weh täte. Tat es nicht. Er fragte mich, was passiert sei. Ich sagte ihm, dass ich eine Ohrfeige bekommen hätte und aus dem Rollstuhl gefallen sei. Aber eigentlich nicht auf die Nase. Er legte mir eine Infusion in den Arm. So ein Zirkus! Dann meinte er, dass ich mal für ein paar Minuten die Nasenflügel zusammendrücken sollte.

Nach drei Minuten hörte die Blutung auf. Ich musste mich auf eine Trage legen und sollte mit ins Krankenhaus. Ich wollte eigentlich nicht, aber die Polizistin meinte, es sei besser. Ich wurde in den Rettungswagen verladen, der Notarzt stieg zwar erst mit ein, verabschiedete sich dann aber von mir. Ich fragte: „Wo bringen Sie mich denn hin?“ – „Ins Albertinen-Krankenhaus.“ – „Nee, dorthin möchte ich nicht. Können Sie mich nicht nach … fahren? Dort war ich bis vor kurzem und die haben die ganzen Unterlagen da. Außerdem sind die auf Querschnitte spezialisiert.“ – „Was meinen Sie mit Querschnitt?“ – „Na meine Querschnittlähmung.“ – „Sie sind querschnitzgelähmt?“ Oh. Mein. Gott. „Ja, fahren Sie mich bitte nach …?“ Die beiden schauten sich an. „Ich muss das klären, wir dürfen immer nur das nächste aufnahmebereite Krankenhaus anfahren.“ – „Naja, es muss ja aber auch geeignet sein. Ich reagiere ja alleine schon auf viele Medikamente ganz anders, fängt beim Blutdruck an.“

Der andere Typ kam wieder, hatte eine Mappe in der Hand. „Sie müssten hier einmal unterschreiben, dass Sie die Kosten für den Transport übernehmen, wenn Ihre Kasse nicht zahlt.“ Ich unterschrieb und los ging es. Einmal quer durch Hamburg. Die Straßen hatten offenbar einige Frostschäden davon getragen, ich kam mir vor wie auf einem Kamel. Eine halbe Stunde später wurde ich ausgeladen. „Das kenne ich hier“, dachte ich mir. Ich wurde in einen Raum geschoben, wurde von einem Arzt, den ich nicht kannte, untersucht. Kopf bewegen, Arme bewegen, Rücken abklopfen, abhören, … nichts spannendes festzustellen. „Ich möchte gerne noch ein paar Bilder von Ihrem Kopf machen“, sagte er. Also musste ich noch in eine Röhre. Da war aber auch nichts zu sehen.

Danach bekam ich ein Bett auf meiner alten Station, ein Zimmer zusammen mit einer anderen Frau, die aber schon schlief. Es wurde einmal Blutdruck gemessen. Ich soll klingeln, wenn mir übel würde. „Ein Klogang und eine Pampers wären ganz gut“, sagte ich. Nein, ich sollte nicht aufstehen. „Können Sie sich kathetern?“ Na sicher. Licht aus, schlafen konnte ich aber nicht. Was für eine Nacht! Was für ein Theater wegen ein wenig Nasenbluten! Und wofür habe ich eigentlich die Ohrfeige bekommen? Irgendwann schlief ich dann doch ein.

Um sechs tobte die Schwester rein. Was habe ich das vermisst in den lezten sechs Monaten! Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. Der Arzt käme gleich und würde mich noch einmal ansehen, dann könnte ich gehen. Sie war gerade aus der Tür, da kam ein Arzt rein. Den kannte ich auch nicht. Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. „Wieso übel? Mir war nicht übel. Ich hatte Nasenbluten.“ – „Ja. Ich ziehe Ihnen noch die Kanüle aus dem Arm, dann können Sie los.“ – „Ich muss erstmal organisieren, wie ich nach Hause komme. Mein Rollstuhl ist zu Hause und ich habe auch niemanden, den ich jetzt anrufen und fragen könnte.“ – „Nee, Sie kriegen einen Transportschein und wir bestellen Ihnen ein Fahrzeug.“ Zehn Minuten später bekam ich meine Papiere und zwei dicke Sanitäter mit einem fahrbaren Sitz kamen rein. Ich wurde in einen VW-Bus verladen, der eine Sanitäter setzte sich neben mich auf einen Klappsitz und dann ging es los.

Um kurz vor acht Uhr war ich wieder zu Hause. In meinem Zimmer sah es aus! Auf der Erde jede Menge Verpackungen von irgendwelchen medizinischen Sachen, vollgeblutete Tücher – wie auf einem Schlachtfeld. Ich wurde aufs Bett gehoben. Mein Rollstuhl lag noch immer unter dem Schreibtisch. Der eine Sanitäter holte ihn hervor. Das eine Rad, gegen das mein Vater getreten hatte, hatte so eine Acht, dass das Rad am Rahmen schleift. Hallo?! Stahlfelge, Titangreifreifen? Verbogen? Wie gut, dass ich den Tritt nicht abgekriegt habe!

Leider habe ich keine Ersatzräder. Ersatzschlauch, Ersatzreifendecke ja, aber kein komplettes Rad. Mein Glück war, dass im Abstellraum noch ein alter Rollstuhl von Sofie stand, den ich mir erstmal unter den Nagel gerissen habe. Leider lassen sich die Räder verschiedener Rollstühle wegen verschiedener Steckachsen nur begrenzt untereinander tauschen, leider hat man keinen Anspruch auf einen zweiten Rollstuhl und auch nicht auf ein zweites Paar Räder. Da alleine schon die Räder fast 1.000 Euro kosten, habe ich mir bisher keine gekauft. Das wird sich jetzt aber wohl ändern.

Erstmal habe ich eine Mülltüte aufgemacht, um den ganzen Kram in meinem Zimmer loszuwerden, dann das ganze Blut vom Laminat geschrubbt, mich gewaschen (duschen soll ich heute nicht) und kaum war ich wieder in meinem Zimmer, klingelte es an der Tür. Hätte mein Vater oder sonst irgendwer aus meiner Familie vor der Tür gestanden, hätte ich nicht geöffnet. Liam kam gleich um die Ecke, noch in Schlafsachen. Es war die Polizei. Zwei andere Beamte. Sie wollten wissen, wie es mir ginge und ob mein Vater nochmal aufgetaucht sei. „Nicht, dass ich wüsste“, sagte ich.

„Ihm wurde ein Platzverweis ausgesprochen. Sollte er hier in den nächsten 14 Tagen vor der Tür auftauchen, rufen Sie bitte gleich die Polizei und sagen am Telefon, dass es sich um jemanden handelt, der einen Platzverweis bekommen hat. Dann kommen wir ganz schnell. Ich will mich in Ihr Privatleben nicht einmischen, es geht mich auch nichts an, aber an Ihrer Stelle sollten Sie sich überlegen, ob Sie nicht bei Gericht eine Verfügung beantragen, dass er hier nicht auftauchen darf. Dann können Sie selbst entscheiden, wann Sie ihn sehen wollen.“ Ich sagte, dass ich darüber nachdenken werde und mich mit meinem Anwalt abspreche. Dann verschwanden sie wieder.

Ich habe keine Lust mehr. Auf diesen ständigen Zirkus. Ich möchte meine Ruhe haben. Ich weiß, es ist nicht so einfach und ich weiß auch, dass man sich seinen Problemen stellen muss. Aber ich finde, so langsam ist das Maß jetzt mal voll. Ich bin 17. Und ich finde, allmählich wird das alles zu viel für eine 17-jährige. Mensch, andere Leute in meinem Alter… ach, lassen wir das. Erstmal schlafen.

Appelle an mein Gewissen

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Eigentlich, dachte ich, habe ich mein Leben im Moment recht gut im Griff. Bei meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte man mich, ob ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühle. Ich habe das bejaht. Ernsthaft bejaht.

Das klappt immer so lange, bis jemand zu aufdringlich wird. Ich schaffe es nicht, mir aufdringliche Menschen vom Hals zu halten. Ich mag keinen Streit. Aber er wäre nötig. Es wäre das nötig, was die ältere Generation „frech“ nennt.

Genau um diese ältere Generation geht es auch: Um 14 Uhr hat sich meine Tante, die mit der Currywurst, unangemeldet bei mir blicken lassen. Sie stand plötzlich vor der Tür und wollte mich dazu überreden, wieder engeren Kontakt zu meinen Eltern und vor allem zu meinen Großeltern aufzubauen. Nicht mal zu meinem Geburtstag melde ich mich bei ihnen.

Eine halbe Stunde lang hat mir meine Tante ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mir sogar gedroht, dass meine Eltern mich aus dieser WG nehmen würden, wenn ich nicht ein wenig kooperiere. Etliche Male habe ich sie gebeten, zu gehen, aber sie hörte einfach nicht, sondern machte immer weiter. Als sie mich endlich soweit hatte, dass ich heulte, meinte sie: „Ich denke, jetzt ist der Knoten geplatzt. Am besten greifst du gleich zum Telefon und entschuldigst dich bei deinen Großeltern.“

Am Ende bin ich heulend zu Sofie geflüchtet und habe sie um Hilfe gebeten. Während ich in ihrem Zimmer wartete, hat sie mit meiner Tante geredet und sie gebeten, zu gehen.

Das hat funktioniert. Aber schlechter, als ich gehofft hatte. Während ich darüber grübelte, ob meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante sich durch mich zurückgestoßen fühlen könnten und ich merkte, dass ich weder eine Antwort auf die Frage weiß noch alleine eine Lösung finde, die mein eingeredetes schlechtes Gewissen bereinigt, klingelten meine Großeltern an der Tür. Ich habe sie sehr lange nicht mehr gesehen und ein bißchen freute ich mich, sie zu sehen.

Aber der Besuch war einfach nur grausam. Natürlich war ich von dem Gebetsmühlen-Gespräch mit meiner Tante noch völlig neben der Spur. Meine Oma sagte, dass meine Tante ihnen berichtet hätte, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich würde nur heulen und mich mehr und mehr zurückziehen. Mein Opa meinte daraufhin: „Du musst hier raus. Die ganzen schweren Schicksale hier sind nichts für ein junges Mädchen wie dich. Du musst mit Leuten zusammen sein, die lebensfroh sind und dich aufrichten. Du verkümmerst doch völlig.“

Vielleicht ist es sein Alter. Aber bereits mein Vater hatte nach meiner ersten Sportstunde daran gezweifelt, dass mir behinderte Mitmenschen gut tun. Liegt es in der Familie? Ich habe versucht, meinem Opa zu erklären, dass ich glücklich bin, so wie es jetzt ist, gemessen an dem, was möglich ist. Dass ich von lebensfrohen Leuten umgeben bin, die mir Kraft geben. Er schüttelte den Kopf. Es sei verständlich, dass ich keine Veränderung möchte, weil das unbequem wäre. Ich hätte mich schon viel zu sehr verrannt, deswegen könnte ich nicht mehr über den Tellerrand blicken. Damals nach dem Krieg sehnten sich Leute den Krieg zurück, da sie depressiv geworden waren und dann einen Grund hatten, sich zu verstecken. Die sind daran kaputt gegangen, dass sie wieder aus den Häusern raus mussten.“ Er meinte, ich bräuchte meine Familie und einige Freunde, die mich an ihrem gesunden Leben teilnehmen lassen. Die mit mir mit einem Ruderboot fahren, die mich zum Picknick mitnehmen, …

Sie waren insgesamt vielleicht eine Viertelstunde da. Als sie weg waren, war ich richtig entsetzt darüber, wie weit unsere Wege sich getrennt hatten. Ich habe in meiner heutigen Welt den Halt gefunden, den ich brauche. Und den möchte man mir wegnehmen? Weil ich darunter leide? Weil ich daran kaputt gehe?

Bin ich wirklich so verblendet? Ist es belastend, sein Leben (auch) mit behinderten Menschen zu verbringen? Bin ich depressiv? Muss ich rudern und picknicken? Habe ich den Anschluss verloren an die nächste Generation, an meine Familie? Und wenn ja, brauche ich diesen Anschluss und wozu?

Ich nehme keine Psychopillen. Mir wurden auch keine verordnet. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich empfinde, richtig empfinde. Und nicht durch Medikamente beeinflusst bin. Ich bin glücklich mit den Menschen um mich herum. Sie belasten mich nicht. Viele haben einen Rucksack zu tragen, ja. Na und? Die meisten von ihnen haben das Glück, dass ihre Behinderung nicht fortschreitet und dass sie keine Schmerzen haben. Ich auch. Aber selbst die, wo das anders ist, sind gerne mit mir zusammen und ich bin gerne mit ihnen zusammen.

Vielleicht lebe ich in einer anderen Welt. Das kann schon sein. Wenn wir mit den vielen laufenden Leuten in der S-Bahn sitzen, ist bei uns in der Ecke eindeutig die beste Stimmung. Wenn ich traurig bin, werde ich verstanden und getröstet. Das kannte ich vorher so nicht. Wenn ich anlehnungsbedürftig bin, nimmt mich meine Freundin in den Arm und zeigt mir, dass sie mich lieb hat. Wenn ich so bin, wie ich bin und wie meine Behinderung mich macht, werde ich von meinen Freunden gemocht. Ich denke keinen Moment, dass ich etwas falsch mache im Leben, dass ich gerade sündige oder kurzsichtig bin, ins Verderben rolle oder es andere Dinge gibt, mit denen ich meinen Opa verstehen könnte. Ich bin ratlos.

Mein Abschied aus dem bürgerlichen Leben

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Ich habe gestern abend im ersten Anlauf meine praktische Fahrprüfung bestanden. Eine Sache ist zwar nicht ganz optimal gelaufen, der Prüfer meinte, die war grenzwertig, aber ich hab das Ding und das ist alles was zählt. Ich bin richtig stolz auf mich, dass ich das geschafft habe. (Auch wenn das bißchen eingebildet klingt.)

Meine Wangen glühten ungefähr auf 60 Grad und ich hätte alle umarmen können und wollte das heute morgen natürlich gleich auch meiner Familie erzählen. Also hab ich mich ans Telefon geklemmt. Bei meinen Großeltern habe ich niemanden erreicht. Bei meinen Eltern ging mein Vater ans Telefon. Der meinte gleich: „Was willst du?“

Ich habe dann höflich geantwortet: „Ich wollte dir erzählen, dass ich gestern meine Führerscheinprüfung bestanden habe.“ Dann sagt er: „Aha. Das nehme ich dann mal so zur Kenntnis.“

Ich dachte nur: Oh nein!!! Und habe dann gefragt: „Kannst du dich denn gar nicht freuen?“ Darauf sagt er: „Soll ich das gut finden, wenn du dich immer mehr aus dem bürgerlichen Leben verabschiedest? Ich gratuliere dir zu diesem wichtigen Schritt im Leben, aber einverstanden bin ich damit nicht. Aber ich denke, das weißt du auch.“

Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und geantwortet: „Aber du und Mama, ihr habt doch beide unterschrieben, dass ihr einverstanden seid.“ Da sagt er: „Ja, weil wir keine Lust hatten, dass du uns noch einmal einen Richter auf den Hals hetzt.“ Da habe ich aufgelegt.

Heute nachmittag kam die Schwester meiner Oma zu Besuch. Sie sagte, dass sie sich Sorgen um meine Eltern macht, weil sie sich heute wegen mir heftig gestritten haben und meine Mutter sich bei meiner Oma ausgeheult hat, und die erträgt das nicht mehr in ihrem Alter. Die hat dann ihre Schwester (also die, die zu besuch kam) angerufen. Und das geht so alles nicht und ob ich mich nicht mal ein bißchen zurückhalten kann mit meinen -und nun kommts- Lügengeschichten.

Ich so: „Was denn für Lügengeschichten?!?“ Ich wusste echt nicht, wovon die redet. „Ja“, meinte sie, ich würde nur rumlügen. Ich habe dann gefragt: „Wo soll ich gelogen haben?“ Da sagte sie: „Nun stell dich nicht döfer als du bist, das weißt du ganz genau.“ Ey hallo? Ich hab wirklich nicht gelogen! Auf jeden Fall nicht absichtlich, ich schwöre! Ich weiß gar nicht, was die von mir wollte. Ich hab sie dann gefragt, ob sie mich jetzt in Ruhe lassen kann. Da sagte sie: „Du kannst nicht immer aus jeder Situation nur fliehen.“

Und da ist mir so richtig der Kragen geplatzt. Aber so richtig heftig. Ich habe sie angebrüllt, ob sie glaubt, dass sie der liebe Gott ist, und ob sie überhaupt merkt, was sie da für einen Müll redet. Ich habe ihr erzählt, dass ich wohl kaum aus der Situation fliehe, in der ich mich befinde, und dass das der größte Scheiß ist, den ich je in meinem Leben gehört habe. Ich habe einen richtigen Wutausbruch gekriegt und sie angebrüllt so laut ich konnte. Ich hatte hinterher richtig Kopfschmerzen. Sie hat gar nichts mehr gesagt, nicht ein Wort mehr. Meine Zimmernachbarin ist gleich raus und hat die Tür hinter sich zugemacht. Das ging bestimmt 3 Minuten, dann ist sie raus und murmelte irgendwas mit: „Du schreist mich hier nicht an. Du nicht.“ Als die Tür zu war, hab ich ihr noch ein Glas hinterher geworfen. So kenn ich mich nicht. Das hab ich noch nie gemacht. Bißchen peinlich, normalerweise raste ich nicht so aus.

Das einzige, was die Schwester sagte, als sie irgendwann reinkam und fragte, ob ich wieder abgekühlt bin, ich soll nicht auf Türen werfen, wenn in dem Moment einer (vielleicht sogar noch der falsche) reinkommt, kann das übel ausgehen. „Ja tut mir Leid, ich feg das weg…“

Heute abend war ich beim Training. Die eine, mit der ich mal mitgefahren bin, Yvonne heißt sie, kam direkt von der Arbeit und fragte gleich: „Was macht denn dein Führerschein?“ – Ich so: „Bestanden.“ – „Wie was?! Ich will sehen!!“ Dann machte das erstmal die Runde und alle haben gratuliert, und ich hatte echt das Gefühl, die haben sich alle wirklich gefreut. Vor allem ist nach uns noch eine andere Gruppe dran, und die wussten das auch alle sofort, ohne dass ich was gesagt hab, und da haben auch noch einige gratuliert. Also die haben sich wirklich mit gefreut und das hat so ein bißchen darüber hinweg getröstet über den anderen Scheiß.

Ich hab dann noch beim Duschen mit einer kurz geredet, die in meinem Alter ist, und hab das mit meinem Vater erzählt. Die meinte nur: „Bescheuert. Manchmal wird man da echt nicht draus schlau.“

Im Moment überlege ich echt, ob ich mich einfach erst mal nicht mehr dort melde und nur hoffe, dass die mich aus ihrem Streit rauslassen. Klingt vielleicht egoistisch, aber ist wenigstens ehrlich.