Zurück zu den Eltern?

Schreibe einen Kommentar6.727 Aufrufe

Das Problem mit meinem Vater ist gar nicht mal, dass er mir nicht zuhört. Wenn ich das will, hört er mir zu. Aber er will meine Behinderung nicht akzeptieren. 
Beispiel: Ich brauchte früher eine Zahnspange. Fast alle in der Schule brauchten die. Am Anfang fand ich die saucool. Ich war richtig stolz auf die Zahnspange. Ich wollte auch immer mal einen Gipsarm haben, als ich 10 oder 12 war. Aber immer, wenn das Gespräch in die Richtung ging (Zahnspange), kam von meinem Vater: Auf sowas ist man nicht stolz. Man soll froh sein, wenn man gesund ist. Das ist alles Teufelszeug. Für ihn ist es eine Schwäche, wenn man Hilfe oder Unterstützung oder Medikamente braucht.

Ich hatte eine Freundin mit Diabetes. Die musste sich immer Spritzen geben mit so einem Pen (sah aus wie ein Kugelschreiber und hatte vorne eine nadel dran). Die hatte auch so ein Gerät dabei, wo man mit einem Tropfen Blut messen konnte, wie hoch der Zuckerwert gerade ist. Das fand ich auch spannend. Ich wollte nie tauschen! Aber spannend fand ich das. Ich habe sie sehr bewundert, weil sie trotz ihrer Krankheit viel sportlicher war als ich, viel hübscher war als ich und überall beliebt war und das so wegsteckte! Bei ihr traute sich kein Junge, dumme Sprüche zu machen. Andererseits durfte die auf keiner Party fehlen. Sie war Klassensprecherin seit der 5. Sie war öfter mal bei mir zu Hause. Einmal erzählte ich meinem Vater von ihrer Krankheit. Er hat mich sofort angefahren, er will das nicht hören, das ist schlimm genug wenn jemand sowas hat, das schmückt man nicht noch aus. Hätte ich ihm erzählt, dass wir meinen Zuckerwert auch mal gemessen hatten, ich glaube, er wäre explodiert.

Meine Uroma (ist schon im Himmel) hat bis zum Schluss (bis auf die letzten 3 Monate) immer bei sich zu Hause gewohnt. Am Ende kam sie gar nicht mehr raus, weil sie gebrechlich war. Sie war auch inkontinent und hat überall hingemacht. Sie konnte sich auch nicht mehr alleine duschen. Das stank da in der Wohnung! Was hat mein Vater gemacht? Einen Fliegenfänger an die Stubenlampe gehängt. Sie kam nicht mehr rechtzeitig bis zum Klo. Ganz am Ende hat sie nur noch im Sessel gesessen. Wenn das da nass war, hat sie sich auf den Stuhl gesetzt. Das war einfach nur noch traurig. Ganz zum Schluss kam sie ins Heim, da wusste sie aber sehr schnell nicht mehr, wo sie ist und was Sache ist. 3 Monate später ist sie gestorben.

Ich habe mal vorsichtig gefragt, ob man da nicht mal was machen kann. Da war ich vielleicht 12. Das wurde totgeschwiegen! Kein Gespräch möglich. Das geht mich nichts an…

Als meine Tante im Krankenhaus lag (die mit der Currywurst) und meine Oma sie besuchte (mit mir), fragte Oma, ob sie für den nächsten Besuch etwas einkaufen soll. Sagte meine Tante: „Kamm.“ Ich dachte mir dann so: Für was braucht die denn nun noch einen Kamm? Da liegt doch einer am Waschbecken und 2 Bürsten … egal. Ich habe auf dem Rückweg meine Oma gefragt, die meinte dann: „Na einen gröberen!“

Beim nächsten Mal war ich wieder dabei und habe meine Oma drei mal erinnert: „Denk an den Kamm!“ – „Hab ich schon.“ Dann kamen wir da an und meine Oma packte paar Sachen aus, die sie gewaschen hatte und dann: „Den Rest lasse ich hier drin, wo soll die tüte hin?“ – „Ja tu mal mit in den Schrank.“ 
Ich dachte so: „Häh? Wieso den Kamm denn nicht gleich zu den anderen Sachen ans Waschbecken?“ Egal.
Dann sollte ich die Nummer aufschreiben, meine Tante hatte Telefon am Bett. Meine Oma gab mir Zettel und Stift. Sie hatte ihre Brille nicht mit oder nicht in der Nähe. Es war ein Einkaufszettel, auf der Rückseite von meiner Oma beschrieben. Eine Sache war: „Cam.“ Nach 2 Minuten Grübeln hatte ich es verstanden: Der Kamm war kein Kamm, sondern Damenbinden von Camelia. Aber das durfte die kleine Stinkesocke nicht wissen. Sie war ja erst 12.

Ich bin nie aufgeklärt worden. Warum das blutet, habe ich in büchern gelesen. Meine Binden und später Tampons hatte ich bei mir im Zimmer versteckt. Auch noch als ich 15 war. Wenn was daneben ging bei der Regel, hab ich die Unterhose selbst ausgewaschen oder weggeschmissen. Und so weiter.

Ich weiß echt nicht, ob ich noch so engen Kontakt mit meinen Eltern will. Ich glaube, ich schaff das nicht. Vielleicht ist es besser, einfach locker und oberflächlich in Kontakt zu bleiben und für alles andere enge Freunde zu suchen.

Von Models und von Currywürsten

2 Kommentare8.498 Aufrufe
Ich bin im Moment im Krankenhaus. Seit über 7 Monaten. Ich liege in einem Zweibettzimmer, aber das zweite Bett ist seit einigen Tagen leer. Also bin ich alleine. Auch mal schön.
Ich habe eine Tante. Eigentlich ist sie nicht wirklich meine Tante. Sie ist die Schwester meiner Oma. Aber ich habe sie immer „Tante“ genannt. Sie ist 64 und Rentnerin. Sie macht den ganzen Tag nichts anderes als sich mit Freundinnen in einem Cafè zu treffen und Kuchen zu essen oder mit ihren ehemaligen Kolleginnen Karten zu spielen. Soll sie. Meinen Segen hat sie. Aber ihr ganzes Leben beschränkt sich nur auf diese 5 bis 10 Leute und einer ist spießiger als der andere. *abläster*
Sie kommt mich immer mal besuchen. Ok. Freu ich mich auch. Sie bringt aber auch fast immer eine von ihren … sie nennt sie „Karten-Damen“ … mit. Angeblich, weil sie gerade einen Spaziergang gemacht haben und hier vorbei gekommen sind. Das kann ja auch sein. Aber ich habe eher das Gefühl, sie erzählt allen Freundinnen von mir – was ja auch ok ist – und die wollen mich dann mal sehen. Wär auch ok. Aber ich kenn die überhaupt nicht!!! Und die wollen eben nicht besuchen und Anteil nehmen und reden, sondern ich hab das Gefühl, das geht nur um Sensation und neue Sachen zum Tratschen und Maul zerreißen.
Ich kann das kaum beschreiben. Vielleicht bin ich auch paranoid oder schizophren oder gaga. Aber ich fühle mich wie ein Affe im Zoo. Heute war wieder so ein Tag. Ich hatte heute morgen um 8.30 Uhr eine Stunde KG und gleich danach eine Stunde Bewegungsbad. Samstags morgens ist das immer geballt, weil nur bis mittags noch jemand da ist bei der Therapie. Danach sollte ich aufs Bett zum Entlasten. Damit es keine Druckstellen gibt, soll ich Po und Oberschenkelrückseite regelmäßig entlasten. Gerade nach dem Wasser. Eine Schwester hat mir geholfen, aufs Bett und dann natürlich untenrum alles ausziehen, weil sonst kann es sein, dass man auf einer Falte liegt (von der Hose) oder auf einer Naht oder so und dann bringt das genau das Gegenteil. Ist halt alles noch sehr empfindlich. Decke drüber und auf dem Scheiß Touchscreen eine lange Mail beantwortet.
Plötzlich – klonk – springt die Tür auf. So halb. Kein Klopfen. Ein Kopf kommt zum Vorschein. Eine Frau, die ich nicht kenne. Sie fragt: „Ist das hier?“ Dahinter eine Stimme: „Das ist hier. Geh doch mal rein.“ Die stimme kannte ich, die gehört der besagten Tante. Die kommen reingewackelt und in dem Moment, wo ich schon beide im Zimmer stehen hab, klopft die Tante demonstrativ an die Tür und sagt: „Stören wir? Dürfen wir reinkommen?“
Ich geb die Hand und sag: „Ganz kurz, ich möchte nur eben meinen Brief abspeichern, den ich gerade geschrieben habe. Das dauert 30 Sekunden, sonst ist er nachher weg.“ Sagt die Tante: „Kannst du das nicht später machen?“
„Wir haben uns gedacht, wir wollten dich zum Mittagessen einladen. in der Kantine gibt es so leckere Erbsensuppe mit Würstchen, aber du magst die bestimmt nicht. Aber ich habe mir das so überlegt, ich hole dir dort eine Currywurst. Wie denkst du?“ Ich sag: „Das hört sich gut an. Ich muss mich dann nur noch schnell hier vom Mittag abmelden.“ Ich wollte zum Telefonhörer greifen und die Schwester anklingeln (die haben immer so ein schnurloses Ding in der Tasche), aber da meinte die Tante: „Das hab ich eben schon mit ihr geklärt. Die ist sehr nett. Brauchst da nicht mehr anrufen.“
Ich sag: „Ich muss die sowieso anrufen, weil sie mir aus dem Bett helfen muss.“ Da sagt die Tante wie ein Vorwurf: „Kannst du das immer noch nicht alleine?“
Ich sag: „Nee, stell dir vor. Das wird bei diesem Bett auch nie was werden, weil das viel zu hoch ist.“ (Das ist nämlich eins mit einer besonderen Luftkissenmatratze, und das kann man nicht runter stellen. Bei anderen Betten oder bei der KG kann ich das aber schon, mich alleine umsetzen.) Da sagt sie: „Wir können dir ja helfen, lass mal die Schwester, die hat genug zu tun.“
„Wie geht es denn deinen Beinen?“ Und klappt die Bettdecke über den Füßen weg. Aus Reflex halte ich sie natürlich obenrum fest. Die Tante sagt wieder vorwurfsvoll: „Hast du gar nichts an???“ Ich werde natürlich dunkelrot im Gesicht. Das ärgert mich jetzt noch. Ich sag: „Doch ein T-Shirt!“ Aber ich hatte auch Null Bock, da noch was zu erklären. Dann sagt sie: „Das finde ich aber nicht gut! Aber du bist ja alt genug, zu wissen was du tust.“
Keine Ahnung, was sie gedacht hat. Wenigstens hat sie die Decke nicht ganz weg gezogen. Dann hab ich die Decke wieder zugeklappt und gesagt: „So, lass mich mal die Schwester anrufen.“ Dann drückt doch die andere Tussi, diese „Kartendame“ auf die Klingel. Bis da hat sie noch kein Wort gesagt, dann kam: „Ich musste auch mal lange im Krankenhaus liegen. Aber die Klingeln sind überall die gleichen, lustig.“
Ja, sehr lustig. Ich wollte die Schwester bitten zu kommen, wenn sie Zeit hat. Klingeln heißt „Notfall“, und das klingelt dann nicht bei der Schwester, sondern in der Zentrale als Alarm. Kam gleich ne Stimme aus dem Lautsprecher: „Hier ist die Zentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich gleich zurück gebrüllt: „Sorry, da ist nur jemand gegen den Knopf gekommen. Tut mir Leid.“
Dann hab ich doch noch telefoniert, und dann kam die Schwester rein. Heißt Kirsten, wird aber Kiki genannt. Keine Ahnung, warum. Ist ne ganz ganz ganz Liebe Anfang 20. Sagt meine Tante zu ihr: „Das tut mir Leid, dass sie extra kommen müssen. Wir wollten ihr helfen, aber sie wollte das nicht. Wie das eben so ist in dem Alter.“
Kiki sagt: „Nee dafür sind wir ja da. Wenn sie mal einen Augenblick auf den Flur gehen?“ Sagt meine Tante: „Wir gehören zur Familie.“ Ey, hallo…
Sagt Kiki: „Bitte warten Sie draußen.“ Sagt meine Tante: „Achso, sie hat noch keine Hose an. Und nimmt meine Sporthose vom Stuhl und kommt damit angewackelt und gibt sie mir.“
Dann sagte die Karten-Dame: „Komm, wir warten draußen.“ Dann musste Kiki erstmal die Tür hinter den beiden zumachen, am liebsten hätten sie noch geguckt, ob ich im Schritt rasiert bin oder ein Piercing im Bauchnabel habe.
Als ich dann rauskam, kam Kiki mit dem Laken hinter mir her. Die beziehen das ständig neu, da braucht nur ein Krümel drauf sein. Sagt doch meine Tante: „Oh, hast du das Bett schmutzig gemacht?“
„Sollen wir schieben?“ – „Nein danke, ich kann alleine fahren.“ – „Wir schieben sonst auch gerne, dann musst du dich nicht anstrengen.“ – „Nein, bißchen Bewegung tut mir gut.“ Was macht sie? Schiebt mich trotzdem. Ok. Widerstand zwecklos. Unten am Fahrstuhl treff ich meine Sporttherapeutin. Auch ne ganz Liebe. Hat Feierabend. Sagt sie: „Na, jetzt aber nicht bequem werden zum Wochenende!“ Hat meine Tante nicht verstanden.
Die Kantine ist auf der anderen Seite vom Krankenhaus. Man muss einmal durch das ganze Gebäude. Das sind locker 15 Minuten, wenn man langsam geht. So langsam wie meine Tante. Die Gänge sind so breit, dass da zwei Betten aneinander vorbeikommen. An der Wand lehnen zwei und unterhalten sich. Meine Tante sagt: „Vorsicht, hier kommt ein Rollstuhl!“
Wir sitzen beim Essen und diese Kartendame fängt an zu fragen. Aber alles bis ins Letze! Sogar ob ich einen Freund habe, wollte sie wissen. Ich hab gesagt: „Nein.“ Und da meinte sie: „Aber du findest einen, da bin ich mir sicher. Nicht alle Männer wollen Models.“ Alter Schwede!!! Ich hab immer nur geschluckt und gedacht: Ihr habt keine Ahnung. Bringt nichts, sich aufzuregen. Und hab immer nur „Jaja“ gesagt.
Keine Ahnung, worüber wir noch alles geredet haben. Ich hab nur noch auf Durchzug geschaltet. Besuch der Verwandtschaft kann sooo toll sein…