Adler und Möwen

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Keine Campingliegen, keine Feldbetten, sondern Holzpaletten mit aufblasbaren Luft-Schaumstoff-Rollmatratzen und Schlafsäcken. Die Paletten und Matratzen sowie die persönlichen Schlafsäcke (sofern man es geschafft hatte, kurzfristig jemanden damit in Hamburg zum Hauptbahnhof zu schicken) brachte Maries Papa gestern abend aus Hamburg mit einem Lkw. Dieses Paletten-Zeug hatten wir schon öfter mal bei Freizeiten in Gebrauch. Allerdings gab es zunächst noch Probleme mit dem Aufbau der Zelte. Es waren einfach zu wenig Fußgänger vor Ort, die mal mit anfassen konnten. Leider war es trotz der späten Stunde noch etwas arg windig. Mit Hilfe des Zeltplatzbetreibers und seinen von ihm dazu gebetenen Kumpeln der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr standen um halb zehn dann doch noch fünf Mannschaftszelte (zu je 23 Quadratmeter, ich habe allerdings nicht nachgemessen) aus dem Bestand einer Hamburger Hilfsorganisation, die uns die Dinger immer mal wieder günstig vermietet.

Der Tag begann heute mit zwei ernüchternden Feststellungen: Dass auflandiger Wind herrscht und dass die örtliche Badeaufsicht eine gelbe Fahne in den Wind gehängt hatte. Aus Gründen.

Und nachdem unsere Camping-Nachbarn meinten, das würde lediglich bedeuten, dass man sich eincremen soll, weil die Ozon-Belastung zu hoch sei (was hat Ozon mit Sonnencreme zu tun und seit wann wird am Strand davor gewarnt?), waren die Behinderten des Lesens kundig und wussten, dass die Damen und Herren aus der Baywatch-Fraktion uns damit signalisieren wollten, dass nicht nur ein Lifeguard on Duty, sondern auch noch das Baden saugefährlich sein würde. „Badeverbot für ungeübte Schwimmer, Kinder und ältere Menschen“, stand auf einem extra verteilten Flyer, auf dem auch die Baderegeln (Unterwasser-Fondue verboten u.a.) abgedruckt waren.

„Das mit dem Ozon liegt daran, dass bei den Temperaturen so viele Leute ihre Kühlschränke offen stehen lassen“, meinte selbiger Campingnachbar bierernst. Und dass Rollstuhlfahrer in der Ostsee sowieso nicht baden dürften, das sei viel zu gefährlich. Stünde auch überall auf den Blechschildern. Früher hieß es, so ein alter Hase unter unseren Teilnehmern, tatsächlich noch „Badeverbot für Kinder, Alte und Behinderte“, doch inzwischen weiß man wohl, dass nicht jeder, der behindert wird, automatisch gleich schlechter schwimmt. „Baden und Schwimmen gefährlich“ finde ich mal gelungen:

Und gleich daneben war ein Schild angebracht, das unseren Camping-Nachbarn vermutlich erst recht irritiert hätte. „Schätzungsweise hätte selbiger ‚Steinmolen‘ für Energie spendende Maulwürfe gehalten, die sich zwischen Steinen verstecken, und denen regelmäßig eine Spannung anliegt, die eine komplette S-Bahn zum Summen bringen könnte“, frotzelte ein Schwimmkollege herum, der sich noch immer nicht über den Unsinn mit den offenen Kühlschränken beruhigt hatte.

Ein Blick auf das Meer bestätigte, die gelbe Fahne hängt nicht ohne Grund da:

Ein Blick in den Himmel verriet, es gibt fliegende Fische. Und andere See-Ungeheuer:

Selbst Elsa standen die Haare zu Berge (anklicken!):

Nein, wir waren nicht nur zum Fotos schießen da. Und nein, das war nicht meine Spiegelreflex-Kamera, die nehme ich weder zum Schwimmen noch zum Strand mit. Wir mussten warten. Auf zwei Seekajaks, die von einem rund 15 Kilometer entfernten Wassersportverein kommen sollten, und die eine unserer Trainerinnen über Vitamin B (ihre Schwester ist dort Mitglied) organisiert hatte. Uns besuchte ein uniformierter Mensch von der DLRG, riet uns zu einheitlichen Badekappen in Leuchtfarben, versorgte Tatjana, eine andere unserer Trainerinnen (die wiederum Mitglied in der DLRG ist), mit einem wasserdichten Handfunkgerät. Sie musste sich ihre Funknummer auf dem Handrücken notieren und sich vor den Ohren des uniformierten Menschen mit dem Ding irgendwo anmelden und wurde dann in den nächsten zwanzig Minuten prompt noch fünf oder sechs Mal vom anderen Ende mit allen möglichen Fragen angesprochen. Als Anspielung darauf fragte dann einer unserer älteren Teilnehmer, ob ihm der „Adler Null-Acht-Fuffzehn Siebenundvierzig-Elf Anton“ mal den Reißverschluss vom Neo schließen könnte.

Dann endlich konnten wir mal anfangen. Sehr zur Verwunderung etlicher Badegäste, die nicht sahen, dass hinter der Düne Rollstühle standen und somit nicht unbedingt verstanden, warum lauter schwarz gekleidete Leute nacheinander oder im Pulk auf dem Hosenboden sitzend durch den Sand rutschten. Das Wasser war herrlich warm, fast schon zu warm, um im Neo zu schwimmen. Die ersten zwanzig Meter, wo es noch relativ flach war, musste ich relativ schnell überwinden und mich bei jeder Welle gut abstützen, um nicht umzufallen. Spätestens mit der zweiten Welle war ich von oben bis unten komplett nass. Als ich dann endlich so tief im Wasser war, dass ich schwimmen konnte, war es ein absolut geiles Erlebnis. Es herrschte Windstärke 5, in Böen bis 7, der Wind war in einem ungefähren Winkel von 45 Grad auflandig.

Die Wellen selbst waren eher weniger die Herausforderung, ich musste mich nur beim Atmen darauf einstellen, dass ich nicht bei jedem vierten oder sechsten Zug, sondern notfalls bei jedem zweiten Zug versuche, Luft zu holen. Im Schwimmbad kann ich mich halt darauf verlassen, dass der Mund, wenn ich ihn an die Wasseroberfläche drehe, aus dem Wasser ragt, in einer großen Welle ist das mitunter nicht der Fall. Darauf mussten wir individuell reagieren und durften nicht panisch werden, wenn das nicht wie geplant beim zweiten, sondern eben erst beim vierten oder sechsten Armzug klappt. Entsprechend ruhig und kräftig mussten wir eben auch schwimmen, um mit der Atemluft lange auszukommen. Das hat einigen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern anfangs große Probleme gemacht. Viele waren wegen der unbekannten Situation eher aufgeregt und hektisch. Atmen ist ja ohnehin schon mit die schwierigste Aufgabe beim Kraulschwimmen, dann auch noch individuell auf die Umwelt reagieren zu müssen, hat einige Leute anfangs echt überfordert. Der Trick dabei war die so genannte Drittel-Atmung, die ein wenig Übung erfordert: Es wird pro Doppelschwimmzug immer nur ein Drittel ausgeatmet, allerdings wird versucht, nach jedem Doppelschwimmzug einzuatmen. Gelingt das nicht, weil das Gesicht nicht aus dem Wasser kommt, wird nicht eingeatmet, sondern beim nächsten Doppelschwimmzug das zweite Drittel ausgeatmet. Nach dem zweiten Doppelschwimmzug kommt noch ein Versuch einzuatmen, notfalls habe ich noch das dritte Drittel. Spätestens nach dem dritten Doppelschwimmzug sollte ich aber atmen können, sonst muss ich unterbrechen und komplett auftauchen. Ich habe selten das dritte Drittel gebraucht. Wichtig ist, aufzupassen, dabei nicht zu hyperventilieren. Ich kannte diese Technik schon und habe mich schnell wieder darauf einstellen können. Wichtig ist nur, dass alle ihren Rhythmus finden, nach einigen Minuten ist dieser Drittel-Kram hinfällig, er dient einfach nur dazu, überhaupt mal irgendwie zu beginnen.

Weitaus herausfordernder aber war die Unterströmung, also das, was passiert, wenn die Welle bricht und zurück läuft. An einigen Stellen war diese Strömung so stark, dass es die Leute umgerissen und vom Strand weggesaugt hat. Allerdings muss man dazu sagen, dass viele Menschen sich im Wasser bewegen wie Pinguine an Land und auch nicht nachdenken. Tippeln auf Zehenspitzen, weil das Wasser so kalt spritzt. Und geraten sofort in Panik, sobald mal irgendwas passiert, womit sie nicht rechnen. Und weil sie nicht vorbereitet sind, rechnen sie eben auch mit nichts. Solange ich nicht in der Nähe von irgendwelchen Buhnen oder Molen schwimme, gegen die mich Wellen oder Strömung werfen könnten, soll mich die Strömung doch hin und her schaukeln. Das gehört nunmal zur Ostsee. Strudel gibt es an den Ostseestränden eher nicht und solange mein Kopf aus dem Wasser guckt und ich Luft bekomme, ist doch alles gut. Einige Badegäste haben ein Geschrei veranstaltet, weil sie auf dem Hosenboden gelandet und auf diesem einige Meter wieder ins Meer zurück gerutscht sind, meine Güte. Einem älteren Herrn habe ich noch geholfen, der versuchte fast direkt neben mir panisch, mit den Händen sich im etwa ein Meter tiefen Wasser am Grund abzustützen. Anstatt einfach zu schwimmen und den Kopf aus dem Wasser zu nehmen. Unglaublich! Und wenn die Strömung an einer Stelle zu stark ist, so dass man aus eigener Kraft nicht an den Strand zurück kommt, probiert man es halt mal zehn oder zwanzig Meter weiter links oder rechts. Schwimmt flach auf den Wellen mit und setzt sich zum Schluss auf den Po, Blick in Richtung Meer und dann lässt man sich mit jeder Welle einen Meter weiter in Richtung Strand schieben und stemmt zwischendurch, wenn das Wasser zurückläuft, Füße und Hände in den Meeresgrund. Sofern man die Beine kontrollieren kann und man nicht aufpassen muss, dass einem die Knie nicht ins Gesicht schlagen.

Zugegebenermaßen: Das waren verschärfte Bedingungen. Die DLRG hatte an dem Tag in einer Tour zu tun. Nicht mit uns, sondern mit Leuten, die achtlos ins Wasser gingen. Ich begreife nicht, wieso man sich das nicht erstmal aus sicherer Entfernung anschaut. Die Leute beobachtet, vorsichtig mal bis zur Wasserkante geht und sich dann überlegt, ob man sich das zutraut. Und sobald die ersten Zweifel kommen: Sein lassen. Es gab bei uns auch Leute, die sich das nicht zugetraut haben. Die waren für unser Mittagessen und die Getränkeversorgung auf See zuständig. Die Trainingseinheit dauerte über drei Stunden (mir kam es allerdings vor wie eine), ich habe in der Zeit gefühlte drei Liter Seewasser getrunken und dazu zwei komplette Trinkflaschen mit Wasser-Iso-Mix an unserem (zweiten) Verpflegungs-Kajak, um zwischendurch mal irgendeinen vernünftigen Geschmack in den Mund zu bekommen. Inzwischen waren meine Hände schrumpelig, ich hatte trotz des vielen Wassers im Bauch mächtigen Hunger. Von unseren Leuten brauchte niemand Hilfe beim Herausklettern aus dem Wasser. Drei, vier Leute, die das schon kannten, machten das vor – der Rest orientierte sich daran und fertig.

Weil ich lange kein Foto-Posting mehr gemacht habe, gibt es noch zwei Bilder, von aus der Perspektive der Trainerin – direkt nachdem wir aus dem Wasser waren.

Einmal quer durch den Sand zu unseren Rollis – und wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Welche Wassermengen ich aufgenommen haben musste, wurde mir deutlich, als wir endlich auf der Bank saßen, unsere Neos von außen gegenseitig grob vom Sand befreiten und sie ausziehen wollten. Ich musste plötzlich so schnell und so dringend aufs Klo, dass ich gar nicht mehr zu überlegen brauchte, wie ich das jetzt am besten anstellen könnte. Ich versuchte noch, meine Füße irgendwie auf dem Rasen und nicht auf den Steinplatten zu halten, die zu aller Begeisterung auch noch abschüssig waren, aber es hatte keinen Zweck. „Jule ist undicht, Jule ist undicht!“, krähte eine 12jährige Teilnehmerin begeistert. Marie, die auf dem Rasen saß und sich mit einem Handtuch bearbeitete, murmelte: „So kann man auch mit kleinen Sachen Kindern eine Freude machen.“ – Ich antwortete dem Küken: „Komm her, wir kuscheln!“ – „Iiiiih, geh weg!“, krähte sie weiter. – „Ich kann nicht gehen“, frotzelte ich. „Ich bin behindert.“ – „Ach echt? Sag bloß.“

„Ganz schön kiebig, die halbe Portion“, alberte Cathleen, die direkt neben mir saß, bewusst laut und streckte der übermütigten und vom Meeresschaukeln vermutlich gut mit Adrenalin angereicherten Zwölfjährigen die Zunge raus. Ich fügte hinzu: „Stimmt, irgendwas überlege ich mir noch für sie. Mal sehen, wieviel Meerwasser sie beim nächsten Training trinken wird.“ – „Gar nicht!“ – „Abwarten“, sagte ich. Lisa fühlte sich ebenfalls auf den Plan gerufen: „Zeig mal! Haha, ich brauche meine Kamera, ich will Fotos! Schnell, wer kann Fotos von Jule machen?!“ – „Nix da“, versuchte ich mich zu wehren und war froh, dass niemand auf die Idee kommen würde, mir sandigen Fingern irgendwelche technischen Geräte anzufassen. Geschweige denn, sie am Strand dabei zu haben. „Ich setz mich gleich bei dir auf den Schoß.“

Ehrlich gesagt war ich eher froh, dass mich die Salzwassermengen in Verbindung mit dem Geschaukel nicht zum Kotzen gebracht haben. Und die abführende Wirkung von Salzwasser im Darm sollte man auch nicht unterschätzen. Aber diesbezüglich hat mein Körper sich gut benommen.

Zum Abend hin ließ der Wind glücklicherweise etwas nach, so dass wir beim Lagerfeuer und Grillen einen wunderschönen Sonnenuntergang sahen. Leider hatte ich nur eine Handy-Kamera dabei. Dennoch:

Und als ich gegen halb drei noch zum gefühlten zwanzigsten Mal pinkeln war, hatte ich diesen Blick auf den fast vollen Mond:

Ich glaube, wir werden morgen gutes Wetter haben.

Berlin, Berlin

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Der Alltag in Hamburg hat mich schon wieder voll im Griff, ich steuere mit voller Fahrt auf meine Zwischenprüfung zu und bin im Moment wirklich mehr als unter Strom. Eigentlich wollte ich meine Teilnahme an einem Traininglager in Berlin am letzen Wochenende noch spontan absagen und meine Nase in ein paar Bücher stecken; inzwischen bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Auch wenn ich dadurch zusätzlich noch ein Treffen mit einer Freundin verpasst habe, auf das ich mich eigentlich schon sehr lange freue. Dass sie nach Hamburg kommen würde, hatte sich allerdings erst einige Tage vorher ergeben und Berlin war schon im Herbst geplant.

So standen am Freitagmittag über 20 Kinder und Jugendliche in Rollstühlen auf einem Bahnsteig des Hamburger Hauptbahnhofs und waren die Attraktion des Tages. Hätte man ein Zebra dort angebunden, hätten vermutlich genauso viele Leute um ums herum gestanden und ihre Kameras ausgepackt. Ja, richtig gelesen, ich kam mir vor wie in der Muppetshow. Einmal lächeln bitte!

Vier starke Papas kümmerten sich um das Einladen aller Leute. Ein Bahnmitarbeiter mit roter Mütze stand in sicherer Entfernung und wischte sich permanent den Schweiß von der Stirn, ihm war das alles nicht geheuer. Nach drei Minuten waren alle Leute in den reservierten Abteilen verstaut, die Rollstühle kamen in zwei weitere (leere) Abteile, das Gepäck war auch drin – der Zug konnte ohne Verspätung abfahren. Auch in Berlin lief alles wie am Schnürchen: Rechtzeitig vorher packten unsere Trainerinnen und Trainer die Stühle wieder aus, bauten sie zusammen und einer nach dem anderen stellte sich in den Gang und wartete auf die Einfahrt des Zuges. „Perfekt durchorganisiert“, meinte der Zugbegleiter. „Ich dachte schon, wir bauen hier eine halbe Stunde Verspätung auf, aber so ist es natürlich noch viel besser.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Alter zwischen 12 und 17. Für viele war es das erste Trainingslager überhaupt. Marie und ich bekamen, genauso wie die anderen Betreuerinnen, Betreuer, Trainerinnen und Trainer ein Doppelzimmer, die Kinder und Jugendlichen hatten Viererzimmer. Das Gebäude gehörte einer caritativen Einrichtung und war komplett barrierefrei. Die Schwimmhalle war zwei Haltestellen mit der S-Bahn entfernt.

Das erste Schwimmtraining begann gleich mit einem Adrenalinstoß. Während die erste Gruppe bereits ins Wasser kletterte, kam eine Teilnehmerin angedüst, schnappte sich ausgerechnet mich und sagte: „Jule, komm mal schnell mit. Der … geht es nicht gut, irgendwas mit dem Kreislauf.“ – Im Vorbeifahren sog ich noch Tatjana ein, im Umkleideraum saß in ihrem Rollstuhl besagte Teilnehmerin, 12 Jahre, erworbener inkompletter Querschnitt, nackt, den Kopf in die Hände gestützt, leichenblass. „Mir ist so schlecht. Kreislauf.“ – Nicht untypisch für einen Querschnitt, Tatjana schnappte sich das Mädchen, legte sie auf eine Bank, Beine hoch, großes Badehandtuch drüber. Eine Frau vom Hallenpersonal kam rein. „Soll ich alles anrufen?“, fragte sie. Das Mädchen: „Bloß nicht! Das ist gleich wieder vorbei. Das ist die eklige Luft hier. Und die Aufregung. Ich habe mich ein halbes Jahr auf dieses Wochenende gefreut. Nun ist es endlich da, das scheint meinen Kreislauf gerade etwas zu überfordern.“ – Die Frau stellte einen Mülleimer in die Tür und riss das Fenster im Flur weit auf. Nach ein paar Minuten ging es dem Mädchen wieder besser. Sie sollte noch ein wenig liegen bleiben, eine Freundin blieb bei ihr.

Abends stand der legendäre Kudammbummel auf dem Programm. Dass selbst in Berlin eine so große Behindertenhorde ungewöhnlich ist, wussten wir spätestens in dem Moment, als jemand beim Gaffen zielsicher gegen einen Ampelmast lief und sich gehörig den Kopf anstieß. Blut lief allenfalls unter der Haut und wird ihm in den nächsten Tagen einen blauen Fleck bescheren. Einige Teilnehmerinnen konnten sich das Kiechern nicht verkneifen. Kurz danach wurde Marie von einem wildfremden Typen angesprochen: „Du hast so scharfe Titten, obwohl du im Rollstuhl sitzt!“ – Woraufhin ein Typ, der direkt daneben stand, und den wir gar nicht kannten, antwortete: „Lass meine Freundin in Ruhe, sonst sitzt du auch gleich im Rollstuhl.“ – Auweia. Nix wie weg. Abends beim Zubettgehen zieht sich Marie aus, setzt sich mit freiem Oberkörper vor mich auf die Bettkante, presst ihre Brüste zusammen und sagt: „Die sind auch scharf, obwohl ich auf der Bettkante sitze. Oder?“ – „Rattenscharf“, antworte ich, ohne von meinem Handy hochzuschauen. Marie steckt einen Zeigefinger in den Mund, berührt anschließend mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine Brust, macht ein Geräusch, als wenn Wasser auf einer Herdplatte verdunstet, schüttelt den Finger mit schmerzverzerrtem Gesicht und tut so, als hätte sie sich verbrannt. Manchmal möchte ich sie stundenlang knuddeln.

Drama Nummer Zwei begann am nächsten Morgen kurz vor sechs. Während die Ersten es kaum mehr erwarten konnten, zu frühstücken und die erste Trainingseinheit des Tages zu beginnen und entsprechend schon komplett angezogen über die Flure rollten, klopfte es ganz vorsichtig an unserer Tür. Marie und ich lagen noch in unseren Betten. Jene Teilnehmerin, die am Tag zuvor die Kreislaufprobleme hatte, kam rein. Eine Zimmerkollegin läge weinend in ihrem Bett, alle glauben, sie hätte Heimweh. Nachdem ich mit Marie ausgeknobelt hatte, wer mitfährt und die Schere Papier schneiden kann, musste ich mit. Zehn Minuten, nachdem ich zwei Mitbewohner auf den Flur und die dritte zum Duschen geschickt hatte, wusste ich, was ihr Problem war. Kein Heimweh. Ein nächtliches urologisches Problem, dessen Folgen sich von der Zehenspitze bis zum Hals ausgebreitet hatten. „Aber deswegen weinst du jetzt nicht, oder?“, versuchte ich, maximal zu beschwichtigen. Ihre Reaktion: „Krieg ich Strafe?“

Ich nickte. Es schien sie nicht zu überraschen. Sie wollte nicht mal wissen, welche. Ich sagte: „Zur Strafe gibt es frische Bettwäsche.“ – „Petzt du das den anderen?“ – „Verpetz dich doch selbst.“ – Sie zeigte mir einen Vogel. – „Doch! Mach dich doch ein wenig lustig und sag, du warst im Traum schon eine Runde schwimmen.“ – „Die lachen doch alle über mich.“ – „Dann lach doch mit! Aber ich glaube das nicht mal, wer weiß, wer nächste Nacht die nächste ist. Was wäre eigentlich, wenn … das passiert wäre? Würdest du dann über sie lachen?“ – „Quatsch. Sie ist doch meine Freundin, die lach ich doch nicht aus.“ – „Und du? Bist du nicht die Freundin von …?“ – „Doch.“ – „Dann erzähl es ihr doch einfach. Ich bin mir sicher, sie kratzt das nicht mal. Ich hol sie mal rein, okay?“ – „Nein.“ – „Doch. Wie lange willst du denn da drin noch liegen bleiben?“ – „Sie soll das nicht sehen.“ – „Meinst du, sie weiß nicht, wie das aussieht?“ – „Ich will das nicht.“ – „Komm, Augen zu und durch. Danach geht es dir besser.“ – „Auf deine Verantwortung.“

Ich holte die Freundin mit ohne Kreislauf wieder rein. Sie fragte: „Geht es dir wieder besser? Was hattest du denn?“ – „Ich habe, ich hatte, ich war … schwimmen.“ – „Was?!“ – „Ich war schon schwimmen. Heute nacht.“ – „Ich versteh nur Bahnhof.“ – „Siehst du Jule, das funktioniert nicht. Dein Tipp war blöd.“ – „Was für ein Tipp? Heckt ihr hier irgendwas aus?“ – „Sie hat ins Bett gepisst.“ – „Echt?“ – „Boa, Jule, du bist echt sooo fies. Ich hasse dich!“ – „Ich weiß. Aber später wirst du mich dafür lieben. Und ewig kannst du es nicht geheim halten und irgendwann müssen wir auch mal frühstücken und mit dem Training anfangen. Also warum willst du noch eine halbe Stunde drum herum reden?“

Reaktion der Kreislauffreundin: „War das jetzt das ganze Problem? Warum ziehst du dir eigentlich nachts keine Pampers an? Dann kann sowas nicht passieren.“ – Kurz und schmerzlos. Nach dem Frühstück wurden die Trainingspläne verteilt. Die meisten Leute schreiben ihn sich mit einem dünnen Edding auf den Unterarm, dann haben sie ihn immer dabei. Die beiden besagten Freundinnen hatten sich gegenseitig auf den Rücken geschrieben: „Ich [Herz] Jule!“ – Irgendwann mitten in der Trainingseinheit sah ich das. Wie süß!!! Genauso süß fand ich eine andere Teilnehmerin, 14 Jahre alt, die nach dem Mittagessen plötzlich neben mich rollte, meinen Hals umklammerte, mich zu sich zog und mir einen dicken Kuss auf die Wange gab. Ich weiß zwar nicht, wofür genau, das muss ich aber auch nicht wissen. Die anderen Trainerinnen und Betreuerinnen bekamen auch einen. Marie bekam abends in einem Aufenthaltsraum mit Kaminfeuer, in dem ein Disko-Abend stattfand, inklusive Sing-Star-Wettbewerb, von mehreren älteren Teilnehmerinnen eine Schulter-Nacken-Massage und von der jüngsten ein mit Filzstiften gemaltes Bild, das sie im Becken zeigt, während Marie im Rollstuhl sitzend am Beckenrand steht und sie daran erinnert, dass sie beim Kraulschwimmen die Ellenbogen hoch nehmen soll…

In der letzten Nacht gab es in unserem Zimmer ein Problem mit dem Heizkörper, aber Marie und ich sind ja schon erprobt im Bettenteilen und einander Wärmen. Entsprechend war die zweite Nacht extrem kuschelig. Am letzten Tag war die legendäre Bierstaffel der Hit. Wobei es diesmal kein Malzbier gab, sondern Apfelsaft. Das hatte logistische Gründe, trotz entsprechender Bestellung war kein Malzbier zu finden. Was seine Vorteile hatte, weil dann nicht die Hälfte der Leute unter sich ausmacht, wer am lautesten rülpsen kann, aber auch seine Nachteile, denn einen Drittelliter Malzbier kippt man schneller weg als einen Drittelliter Apfelsaft. Bei einer Bierstaffel treten mehrere Mannschaften gegeneinander an: Nacheinander müssen die Schwimmer durch die 50-Meter-Bahn, drüben raus, einen Becher Bier (oder Apfelsaft) leeren, wieder zurück. Bei Erwachsenen muss meistens ein halber Liter Bier getrunken werden, so dass die Staffel meistens am letzten Abend stattfindet. Schön ist es, wenn die Anzahl der Leute sich nicht durch die Anzahl der Mannschaften teilen lässt und jemand doppelt schwimmen muss. Und wenn es dann noch eine Revanche gibt… Ich weiß, es gibt sinnvollere Spiele, aber der Bogen kann nicht immer gespannt sein.

Die Rückfahrt verlief unspektakulär. Am Montag bekam ich von der Mutter der Nachtschwimmerin eine Mail mit einem relativ kurzen Text: „Schön, dass du …s Malheur so professionell gehändelt hast. Ich glaube, sie ist total in dich verknallt. Sie hat den ganzen Abend pausenlos von dir erzählt. Wir möchten einfach nur Danke sagen für euer aller Engagement. Das ist nicht selbstverständlich.“ – Nachdem auch Marie, Tatjana und die anderen beiden Betreuer und Trainer Nachrichten von dieser Mutter bekommen haben, möchte ich mal eins festhalten: Es war eine der harmonischsten und damit auch entspanntesten und damit auch schönsten Veranstaltungen seit langer Zeit. Die kleinen Fruchtzwerge haben es geschafft, mich ein Wochenende lang aus meinem Prüfungsstress zu holen. Toll.

Haschitägs

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Wenn ich jetzt plötzlich #Haschitägs in meine #Texte einbaue, könnte es daran #liegen, dass ich seit gestern einen #Twitteraccount habe. Wenn ich mich verfolgt fühle, könnte es daran liegen, dass meine dort verbreiteten #Kurznachrichten innerhalb von 24 Stunden mehr als 125 Personen abonniert haben. Ich wäre, als ich das Getümmel nach der Uni kurz vor dem Schwimmen sah, beinahe aus dem Stuhl gekippt. Damit hatte ich ernsthaft nicht gerechnet. Ich sollte aufpassen, dass ich nicht noch zur Onychophagin mutiere.

Nein, ernsthaft: Gestern gab es in meinem Blog rund 4.700 Seitenaufrufe. Daran bin ich inzwischen aber gewöhnt, das macht mir kein Lampenfieber. Aber die Vorstellung, dass über 100 Leute meine Kurznachrichten mitlesen wollen, macht mich gerade ein wenig nervös. Okay, in fünf Jahren vielleicht auch nicht mehr. Falls ich überhaupt so lange #durchhalte.

Durchhaltevermögen war heute allerdings schon beim Schwimmtraining gefragt. Tatjana, unsere Trainerin, hatte derart schlechte Laune und sich so derbe über einige alberne Kolleginnen aus meinem Team aufgeregt, dass sich unser Pensum mal eben auf 5 Kilometer erhöht hat. Wir haben leider nur kurze Bahnen, insofern war das völlig überfüllte Becken wesentlich nerviger als das Zählen bis 200.

Auf dem Rückweg meinte dann noch jemand, in der U-Bahn die Notbremse ziehen zu müssen, so dass ich den letzten Anschlussbus auch noch verpasst habe und mir ein Taxi rufen musste. „War dein Rollstuhl ein Unfall?“, wollte der Taxifahrer von mir wissen. – „Och komm“, antwortete ich, „soooo schlecht sieht er auch nicht aus, oder?“

„Deinen Humor hast du wenigstens behalten“, meinte er. Ich gab noch einmal raus: „Nee, durch das Ding erst entwickelt. Du glaubst gar nicht, wie oft man auf lustige Fragen antworten muss.“ – „Doch, das kann ich mir vorstellen. Für viele Leute ist jemand im Rollstuhl bestimmt ungewohnt. Für mich nicht, ich wäre beinahe selbst …“

Ich grätschte dazwischen: „… beinahe selbst schon einmal in so einem Ding gelandet?“ – Er stockte, überlegte einen Moment und fragte dann: „Sind wir schonmal zusammen gefahren?“ – „Vielleicht?!“, zwinkerte ich ihm zu. Er wurde rot, kratzte sich ein paar Mal an der Nase und sagte dann: „Ich erinnere mich nicht mehr. Aber das kann an meinem Beruf liegen, da erlebt man so viel…“

Nach zwei leckeren Scheiben Brot und einem letzten Blick in das Nebelwetter da draußen werde ich nun mit meinem superflauschigen Schlafanzug ins Bett gehen und mich von dem Wellengang in meinem Vestibularorgan in den Schlaf schaukeln lassen.

Zweihundert Euro

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Marie und ich ziehen mit einigen anderen Leuten aus unserem Sportverein unsere Bahnen im Wasser. Wir sind genervt, weil nicht nur die barrierefreie Dusche mal wieder außer Betrieb ist, sondern auch der Duschraum für die Damen neu gefliest wurde und daher nicht betreten werden darf. Alle anderen Frauen sollen im Saunabereich duschen, wir können das nicht, weil wir dafür über Stufen müssten.

Wir wundern uns schon längere Zeit über einen Typen, Anfang 40, der in unserer Bahn in unserem Tempo seine Runden dreht. Normalerweise kümmert uns das nicht, es kann ja sein, dass Tatjana, unsere Trainerin, uns gleich noch ein neues Gesicht vorstellen will. Plötzlich, ich bin gerade am Beckenrand und warte darauf, dass die Schwimmerin vor mir genügend Abstand hat, tippt mir dieser Typ von hinten auf die Schulter. Er sagt: „Die Dusche ist gesperrt!“

Ich antworte: „Weiß ich schon!“, und schwimme weiter. Fünf Bahnen später gibt es am Beckenrand eine tierische Aufregung. Unter anderem wartet Marie am Ende der Bahn auf mich und fragt mich: „Was ist das für ein Typ, den ich nicht kenne?“ – „Keine Ahnung.“ – „Der hat mir und einigen anderen gerade 200 Euro angeboten, wenn jemand mit ihm in die Dusche geht.“ – „Waaaas?“

Ende vom Lied: Er ist so unauffälig verschwunden wie er plötzlich da war. Wir haben Tatjana Bescheid gesagt, einer von unseren Fußgängern ist gleich durch die Umkleiden hinterher, der Schwimmeister hat sogar die Polizei gerufen – aber von dem Typen weit und breit keine Spur.

Marie meinte hinterher: „Jetzt sind mir doch glatt die 200 Euro entgangen. Dabei wollte ich mir diesen Monat noch eine Winterjacke kaufen.“ – Worauf Tatjana antwortete: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ – „Natürlich nicht. Ich frage mich nur gerade, ob das eine spontane Idee war, oder ob derjenige mit dieser Tour schon einmal oder sogar mehrmals Erfolg hatte.“

Und ich frage mich, was er wohl der Polizei erzählt hätte, hätte man ihn geschnappt. Maries Vater, selbst bei dem blau-weißen Verein, sagte, als Marie ihm das zu Hause erzählte: „‚Da hat Marie etwas gänzlich missverstanden. Ich habe einen Zweihundert-Euro-Schein vor der Damendusche gefunden und wollte wissen, ob das ihrer ist. Ich hatte gesehen, dass sie dort längs gefahren ist und mir war so, als wäre er aus ihrem Rollstuhl geflattert.‘ Und dann übergibt er den Polizisten als Fundsache den Schein, den Marie für das Beine breit machen bekommen sollte.“

Marie guckte ihn entgeistert an: „Nee, oder?“ – „Doch, alter Hut. Wenn du clever bist, sagst du gleich: ‚Tatsächlich, da ist ja mein Geld!'“

Maries Mutter erzählte bei der Gelegenheit, dass sie, als sie noch studiert und später im Krankenhaus gearbeitet hat, über die Jahre mehrmals einschlägige Angebote von Kommilitonen, Kollegen und sogar Vorgesetzten bekommen hätte. Wahrscheinlich bin ich zu naiv. Ich bin ja inzwischen so drauf, dass ich einen One-Night-Stand (oder vielleicht auch mehrere) mit dem richtigen Typen nicht mehr kategorisch ausschließe. Aber sich dafür bezahlen lassen? Mal eben so nebenbei? Unter Freunden? Unter Kommilitonen? Unter Kollegen? Mit Vorgesetzten? Was geht denn jetzt ab?!