Opfer einer Fallpauschale

16 Kommentare2.166 Aufrufe

Die Fallpauschale bringt es mit sich: Während vor ein paar Jahren frische Querschnitte noch lange genug im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha verbrachten, bekommt die Behandlungseinrichtung heute von der Krankenkasse in der Regel nur noch eine pauschale Summe. Was dazu führt, dass einige Kliniken, die sich eigentlich auf Querschnittlähmungen spezialisiert hatten, den „Standard-Querschnitt“ auf Krankenkassenrechnung gar nicht mehr aufnehmen, sondern nur noch komplizierte Fälle (beispielsweise hoch gelähmte Patienten, die dauerhaft beatmet werden), behandeln. Privatpatienten haben, ebenso wie Unfallopfer, bei denen eine Unfallversicherung das Krankenhaus anhand der tatsächlichen Behandlungsdauer vergütet, ebenfalls noch eine Chance.

Der Rest wird in Krankenhäusern behandelt, die sich eben nicht auf Querschnittlähmungen spezialisiert haben – mit der Folge, dass sie nach drei bis sechs Wochen wieder zu Hause sind und im Alltag alles andere als zurecht kommen. Sie können mit ihrem Rollstuhl nicht umgehen, trauen sich nicht auf die Straße, kommen vom Fußboden weder ins Bett noch in den Rolli. So haben wir aktuell eine junge Frau Anfang 20, die vom Pferd gestürzt ist und zum Glück bei ihren Eltern lebt. Alleine wäre sie permanent von einem Pflegedienst abhängig. Als sie aus der Klinik kam, war sie nicht mal in der Lage, sich alleine vom Rollstuhl auf die Toilette umzusetzen. Und sie hat die gleiche Lähmungshöhe wie Jana, die völlig selbständig ist und überhaupt keine Hilfe durch Dritte braucht.

Davon abgesehen, dass sie körperlich absolut unfit ist, geht es ihr psychisch zur Zeit so schlecht, dass sie eigentlich in eine Klinik gehört. Das würde bei Aufnahme wohl eine neue Fallpauschale auslösen, nur glaube ich nicht, dass man mit ihr in der Psychiatrie die Mobilität mit dem Rollstuhl üben würde. Es ist zum Heulen. Zum Glück hat der Vater einen halbwegs kühlen Kopf behalten und drängt sie nun zum Sport. Schwimmen, meinte er, könnte sie auf jeden Fall lernen, und so tauchte er irgendwann mit ihr bei unserem Schwimmtraining auf, wurde von Tatjana in eine Anfängergruppe geschickt – und nachdem die dortige (laufende) Übungsleiterin zurückmeldete, dass sie dringend Kontakt zu Rollstuhlfahrern braucht, haben sich Marie, Cathleen, Jana und ich ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie ist sehr nett, sehr schüchtern und eben völlig überfordert. Was inzwischen dazu führt, dass sie spätestens jeden zweiten Tag bei irgendeinem von uns vor der Tür steht, weinend, nach Halt suchend. Und irgendjemand fährt sie dann kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Anstrengend. Nicht sie, sondern ihre beschissene Situation.

Weil wir wissen, dass es für sie noch anstrengender wird, wenn wir sie auf Distanz halten würden, was wir eigentlich tun müssten, um uns selbst zu schützen, machen wir genau das Gegenteil und laden sie im Moment ständig zu uns ein. Sei mit uns zusammen, lerne mit uns zusammen, wie du mit deiner Behinderung zurecht kommst, und fühle dich wohl. Eigentlich kann es nicht irgendeines Menschen Wille sein, was hier passiert, aber dennoch passiert es. Inzwischen sind wir aus dem Tal der Tränen raus, inzwischen ist sie so weit, dass sie einen bissigen Ehrgeiz entwickelt hat, Fortschritte zu machen. So kommt sie inzwischen selbständig auf das Klo und auf den Beifahrersitz. Vorgestern haben wir mit ihr geübt, wie sie im Sitzen alleine eine Hose über ihren Po bekommt. Im Liegen konnte sie es, aber im Sitzen nicht. Ich glaube, es waren 70 Versuche. Ab dem 50. Versuch wurde sie aggressiv. Am Ende konnte sie es.

Heute nun treffen wir uns abends für einen DVD-Abend bei Marie. „Ziemlich beste Freunde“ gibt es inzwischen ja zu kaufen, vielleicht schaffen wir es auch für eins der letzten Male in diesem Jahr in den Pool, vielleicht sogar in die Sauna. Sobald der erste Nachtfrost kommt, wird das Wasser abgelassen. Und auf jeden Fall wollen Marie, Cathleen, Jana und ich mit der jungen Frau den Transfer vom Fußboden in den Rollstuhl üben. Das muss sie können. Ob sie will oder nicht.

Viel Post und ein Schleimbeutel

24 Kommentare2.642 Aufrufe

In der heutigen Zeit ändern sich Dinge schneller als sie es früher taten. Die Welt sei sehr viel schnelllebiger geworden, sagen vor allem die älteren Menschen. Manche Dinge ändern sich hingegen nie. Manchmal ist das gut, manchmal auch nicht. Und wieder andere Dinge, von denen man möchte, dass sie sich möglichst schnell ändern, lassen unglaublich, unheimlich und unverschämt lange auf sich warten.

Im letzten Monat bin ich, ist vor allem mein Blog, durch eine Nominierung bei den BOBs einigermaßen aus der Bahn geworfen worden. Einige Konsequenzen daraus habe ich noch nicht abschließend für mich bewerten können. So gibt es demnächst wohl den 750.000 Besucher – obwohl ich den 500.000 vom 3. März noch nicht einmal richtig realisiert hatte. Zusammen mit den vielen neuen Leserinnen und Lesern meines Blogs spülte mir meine neue Berühmtheit, von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie wirklich will, auch jede Menge Herausforderungen in mein Postfach. Doch. Eigentlich will ich sie.

Ja, viele Besucher bringen nicht nur viele hübsche virtuelle Blumensträuße, Glückwunschkarten und ähnliches, sondern viele Besucher erwarten auch von mir, dass ich mit hochgesteckten Haaren, tiefem Dekolleté, im kleinen Schwarzen, stets einen frischen Imbiss im Kühlschrank, jedem Gratulanten einzeln die Hand schüttel. Dass ich zu jedem ein passendes Wort finde, dass ich 48 Stunden Zeit pro Tag habe, nett gemeinte Mails zu beantworten und schlaue Kommentare zu tagesaktuellen behinderten Behindertenthemen abzugeben. Sorry Jungs und Mädels, ich bedanke mich hiermit, gerne auch mehrfach, für all die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird, aber ich bin einfach nur überfordert. Ich muss euch leider entsprechend vor den Kopf stoßen.

Ich habe in der letzten Woche fast 700 Mails oder Kommentare bekommen. Ich bin wirklich gerührt, aber ich kann die unmöglich alle beantworten. Selbst mit dem Lesen komme ich kaum noch hinterher, denn einzelne schreiben mir ganze Lebensgeschichten auf – eine besondere habe ich ausgedruckt, wollte sie in der Bahn lesen, es waren 7 Seiten. Völlig unbekannte Menschen bieten mir an, mich durch Hamburg zu fahren, bis ich wieder ein eigenes Auto habe, andere wollen mir Pullover stricken, eine Mutter fragt, in welchem Stadtteil ich wohne, ihr Sohn sei vor einiger Zeit ausgezogen, sie würde meine Wäsche waschen. Starker Mann bietet sich kostenlos für ein paar Getränkekisten – es wäre ihm eine Ehre. Das ist ja alles sooo lieb gemeint und ich bin sehr gerührt! „Kannst du meiner Tochter das Schwimmen beibringen?“ fragt eine andere Leserin. „Willst du nicht mal einen Kursus veranstalten, wo du anderen Rollstuhlfahrern den Umgang mit dem Gerät zeigst“ – gutes Können verpflichte. Und die Presse will natürlich auch was hören – von dem Gefühl, das zur Zeit in mir wohnt und wie ich darüber denke, wie mit behinderten Menschen in Deutschland umgegangen wird.

Und dann sind da noch die, die mir meine Wäsche abkaufen wollen, die mich treffen wollen, die ein Date mit mir wollen. Nein, ich träume nicht.

Ich habe im Moment ganz andere Sorgen. Im Moment geht es mir nicht gut. Körperlich. Ich habe mir eine Schleimbeutel-Entzündung eingefangen. Ein Schleimbeutel ist keine Plastiktüte zum Reinrotzen, sondern es handelt sich um flüssigkeitsgefüllte Puffer, die jeder an mechanisch stark beanspruchten Stellen des Körpers hat, zum Beispiel am Ellenbogen, am Knie, an den Sprunggelenken, an der Hüfte … und eben auch an den Schultern. Bei mir ist der unter dem linken Schulterdach betroffen (subakromialis), vermutlich vom Rollstuhlfahren in Verbindung mit ständigen Transfers. Ich würde ja eigentlich nicht rumjammern, sowas kann jeder mal bekommen, nur hühner ich jetzt damit bereits seit einer Woche herum und es wird nicht besser, eher immer schmerzhafter. Ich habe bereits drei Spritzen in die Schulter bekommen und profitiere von Ronja, unserer inzwischen hauseigenen Physiotherapeutin mehr denn je, aber wenn das nicht bald besser wird, sind wohl radikalere Methoden gefragt. Im Moment soll ich mich schonen, möglichst nicht viel Rolli fahren, möglichst keinen Transfer alleine … und nachts weiß ich nicht, wie ich liegen soll.

Apropos Ronja: Seit zwei Wochen arbeitet sie nun fest bei uns im Haus und eigentlich wäre das, was ich über sie zu erzählen habe, einen eigenen Beitrag wert, aber ich muss mich etwas kürzer fassen … sie hat morgens um 10 Uhr ihren ersten Patienten (sie fängt später an, da die meisten Leute abends mehr Zeit haben als morgens) und erzählt, sie hat in den letzten vier Wochen kaum geschlafen, so aufgeregt war sie und so aufgeregt ist sie immer noch. Jeden Morgen guckt sie ab 8 Uhr alle 5 Minuten auf die Uhr, wann sie los muss. Man merkt es ihr auch an. Nicht im negativen Sinne. Man merkt einfach, dass sie immer noch sehr unter Strom steht, weil sich vieles einfach noch nicht eingependelt hat. Und ich fühle, auch wenn ich im Moment eigentlich bis auf meine eigene Therapie kaum etwas mit ihr zu tun habe, diese berühmte Schere mal wieder hautnah mit. Jene, die einerseits die ganz lieben Mitmenschen, andererseits die Vollidioten darstellt. In der Mitte ist wieder mal nix. Oder wenig.

Es gibt bisher ganz wenige externe Patienten, trotzdem erstmal mehr als genug. Ein älterer Mann mit Gehwagen meinte im Flur kürzlich zu ihr, dass er seit dem Krieg regelmäßig „Anwendungen“ bekäme und er habe bisher nur zwei Therapeuten gehabt, die richtig gut massieren konnten und einer davon sei sie. Wow. Ich habs ja immer gesagt. Eine ältere Frau hingegen ist gar nicht erst mit ihr ins Behandlungszimmer gegangen, meinte, bevor die Therapie begann, sie habe andere Vorstellungen von Krankengymnastik, Ronja wirke wie ein wackeliges Küken, um nicht zu sagen wie eine Blei-Ente (hat sie wirklich gesagt!), und am Ende müsse die Oma die Physio stützen und undeutlich spreche sie auch. Sie bereue, gerade ihre Zeit zu verschwenden. Aber Ronja ist sehr viel selbstsicherer geworden: „Zum Glück fällt mir ja nicht auf jede Gemeinheit eine passende Antwort ein. Soll ich Sie noch zur Tür bringen oder finden Sie alleine wieder raus?“ – Zum Glück ist die Mehrzahl der Leute aber lieb.

Noch eine Neuigkeit: Wir haben für Maria einen „Praktikumsplatz“ gefunden. Also so halb. Sie probiert seit letztem Wochenende aus, in der Praxis unter uns zu arbeiten. Ronja arbeitet dort als Vollzeitkraft, Christine und Karoline beide erstmal auf einer halben Stelle, die Ergotherapeutin Maja fängt frühestens im nächsten Monat an, alles auf einmal wäre einfach zu viel. Aber Maria drängelte nahezu, ob es dort nicht irgendeine sinnvolle Aufgabe für sie gäbe. Am PC könne sie doch etwas tun – und so testen wir im Moment, ob sie nicht als Hilfe für Ronja arbeiten kann. Ronja fällt Lesen und vor allem Schreiben unheimlich schwer, sie liest jedes Wort einzeln und baut anschließend daraus einen Satz, während sie beim Schreiben mit der Hand jeden einzelnen Buchstaben „malt“ – und im Kalender oder Tabellen findet sie sich nur sehr mühsam zurecht. Hingegen kann Maria einen PC relativ normal bedienen und hat auch keine Probleme mit irgendwelchen Anwendungen. Die beiden könnten sich eigentlich prima ergänzen bei Abrechnungen oder ähnlichen Dingen, die nichts mit Publikum zu tun haben. Mal schauen, wie das läuft und ob das dauerhaft was für Maria ist. Das wäre natürlich eine schöne Sache.

Und apropos Maria: Nein, es gibt noch immer keinen endgültigen Bescheid, welche Leistungen für sie für das Wohnen mit Assistenz gewährt werden. Auf Drängen des Sozialgerichts hat man inzwischen einen schriftlichen Bescheid erlassen, dass die Leistung dem Grunde nach bewilligt wird, zur genauen Höhe etc. ergehe aber noch ein weiterer Bescheid. Theoretisch ist es natürlich denkbar, dass die nur die halben Kosten zahlen … der vorläufige Bescheid ist also genau genommen nicht mehr wert als eine mündliche Zusage. Und was ihren elektrischen Rollstuhl angeht, der wird leider nun erst in der 29. Kalenderwoche gebaut. Drei Wochen später als bisher geplant. Sie übt sich weiter in Geduld.

Eine Woche Stress

3 Kommentare1.767 Aufrufe

Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich mittags aus der Schule kam (ja, ich gehöre noch zu der Generation, die die Zeit vor den Ganztagsschulen zu einem großen Teil miterlebt hat), meine Hausaufgaben in den langweiligen Unterricht der ersten beiden Stunden des Folgetages verschoben habe und stundenlang Zeit für mich selbst hatte. Und für meine Pferde.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jana unterhalten, vor allem über das Theater hier auf meiner Seite. Ich will den Inhalt des Gesprächs hier nicht weiter vertiefen, aber eins ist mir besonders aufgefallen. Ich habe mich, was meine Zeit vor dem Unfall betrifft, immer für ein eher liebes (im Sinne von artig) Mädchen gehalten. Das kann man absolut oder relativ sehen, ich sah es immer in Relation zu meinen Mitschülerinnen oder damaligen Freundinnen. Was für Scheiße die teilweise gebaut haben, und was für Scheiße ich nicht gebaut habe, insoweit hatten meine Eltern wirklich Glück mit mir gehabt. Aber ich war natürlich auch kein Engel: Hausaufgaben morgens abschreiben, weil man lieber reitet als Matheaufgaben rechnet, ist natürlich … nicht okay. Wobei ich finde, dass es sich eher um eine kleinere als um eine größere Sünde handelt.

Umso erstaunter war ich, als Jana mir erzählte, dass sie nie Hausaufgaben abgeschrieben hat. Oder „vergessen“ hat. Dass sie nie Dinge getan hat, die verboten waren. Nie geschwänzt. Stille Wasser sind tief. Jana ist mit mir neulich verkehrt herum durch die Einbahnstraße gefahren, weil sie keinen Bock auf einen großen Umweg hatte. Es war Nacht, das Teilstück der Einbahnstraße war rund 30 Meter lang und sie meinte, wenn man erwischt wird, koste es nur 10 Euro. Ja ja.

Egal. Damals war es noch so, dass meine größte Sorge war, meine Lehrerin oder meine Eltern könnten herausfinden, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Andererseits habe ich die viele Freizeit genossen. Manchmal habe ich mich an einen See gesetzt und stundenlang auf das Wasser geschaut und geträumt. Das habe ich damals nie jemandem erzählt. War aber so. Die Ruhe, der Frieden, den ich dabei gefunden habe, hat mir sehr viel bedeutet.

Heute ist es anders. Die letzte Woche war nur stressig. Mir fehlt mein Auto. Dieses Gegurke mit öffentlichen Verkehrsmitteln macht mich wahnsinnig. Auch als ich ein Auto hatte, habe ich mich mehrmals pro Woche bewusst dafür entschieden, mit Öffis zu fahren. Aber wenn ich gar keine Alternative mehr habe und ich zum Beispiel zur Physio nicht mehr 15 Minuten sondern 90 unterwegs bin und sich diese 90 dann auch noch auf 180 ausweiten, weil irgendwelche Knalltüten mutwillig Einkaufswagen ins Gleis schieben oder Aufzüge außer Betrieb setzen oder ähnliches, dann ist das nur noch anstrengend. Ich komme nicht mehr zum Training, ohne andere Leute zu bitten, ob sie mein Bike oder meinen Rennrolli mitnehmen können. Und meistens findet sich keiner, da die alle selbst schon das Auto bis zum Rand vollgepackt haben.

Ich habe mein Auto jetzt bestellt, es soll in der letzten Maiwoche fertig sein. Plan war darüber hinaus, ein weiteres Auto für Sofie anzuschaffen. Sofie versucht nun, über eine öffentliche Stelle einen Zuschuss zum Umbau (nicht zum Fahrzeug selbst) zu bekommen. Und das zieht sich. Bevor die Behörde nicht „ja“ oder „nein“ gesagt hat, darf sie nicht bestellen, sonst verwirkt sie den Zuschuss. Ätzend.

Und Maria? Unglaublich, aber wahr: Es gibt nichts neues. Wir warten, warten, warten. Zur Zeit ist ein weiterer Gutachter eingeschaltet worden, der das Gutachten der Gutachterin gutachterlich bewerten soll. Nach Aktenlage also. Solange leisten wir vor. Maria ist totunglücklich. Muss sie aus meiner Sicht nicht sein, sie zermürbt aber die lange Verfahrensdauer und die Ungewissheit. Man kann aber nach wie vor nur abwarten.

Besser läuft es allerdings mit Ronja. Im Haus sind seit einer Woche die Handwerker dabei, ordentlich Lärm zu machen. Soll heißen: Es klappt! Seit Montag ist alles so weit eingepflanzt, dass es losgehen kann. Offizieller Starttermin ist vorläufig der 2. Mai.

Viel zu glücklich

11 Kommentare1.985 Aufrufe

Da bin ich gestern zum Krafttraining und zur Physiotherapie in der Klinik, sitze in einer riesigen Sporthalle, in der an den Seiten etliche (ich glaube, es sind 62) Kraft- und Trainingsgeräte installiert sind, und zwar auf einem Teil, auf dem man gezielt seine Schultermuskulatur trainieren kann. Gezieltes Muskeltraining ist bei mir wichtig, da ich ja durch das Rollstuhlfahren und die ständigen Transfers meine Arm-, Rücken- und Schultermuskulatur einseitig belaste und es ohne regelmäßiges Training der anderen (entgegengesetzten) Muskeln schnell zu Verschleißerscheinungen kommt. Und meine Arme brauche ich noch ein wenig…

Insofern habe ich ein von einem Sporttherapeuten ausgearbeitetes Bewegungsprogramm und muss nacheinander an verschiedene Geräte und dort entsprechende Übungen machen. Zwar nicht unter direkter Anleitung, aber unter Aufsicht. Damit man auch alles richtig macht.

Jedenfalls rollen und rennen da immer ganz viele Leute herum, einige hatten eine Knie-OP, andere Knochenfrakturen, manche haben eine neue Hüfte bekommen, und so weiter – nicht alle sitzen im Rollstuhl. Da geht ein Typ, braungebrannt, um die 50, ein weißes Handtuch locker über die Schultern gelegt, vor meinem Gerät vorbei, sieht meinen Rollstuhl, grinst mich an, schnappt sich diesen und rollt ihn vor sich her. Ich: „Hallo?! Wo wollen Sie damit hin? Lassen Sie den mal stehen!“

Der Typ guckt mich an: „Ich wollte den zu den anderen da hinten an den Rand stellen!“ Am Halleneingang stehen immer so ein paar Gurken herum, für Rollstuhltraining, für spontanes Basketballspiel, für alles mögliche. Was fällt dem Typen ein?! Ich sagte: „Nein, lassen Sie den mal stehen hier bitte.“ Ich glaube, ich spinne.

„Der steht doch hier nur im Weg rum“, antwortete er und ging weiter. – „Sie stellen jetzt sofort meinen Rollstuhl hier wieder her!“ befahl ich ihm in energischem Tonfall, der sich einigermaßen deutlich über den eher lauten Grund-Geräuschpegel (Gelaber, Trainingsgeräte, Musik) in der Halle hinweghob. André, der Sporttherapeut, der gerade am Schreibtisch saß und „Hallenaufsicht“ hatte, wurde auf das Spektakel aufmerksam und schaute herüber. Er guckte mich auf eine Entfernung von rund 25 Metern irritiert bis fragend an und zuckte mit den Schultern. Ich deutete auf den Typen, der mit meinem Rolli abhaute. André verdrehte die Augen, machte eine Scheibenwischergeste und erhob sich aus seinem Drehstuhl.

Der Typ schaute mich an. „Ist das Ihr Rollstuhl?“ – „Ja, stellen Sie ihn bitte wieder hierhin.“ – „Das ist nicht Ihr Rollstuhl.“ – „Stellen Sie ihn bitte wieder hier hin!“ – „Sie sitzen nicht im Rollstuhl, Sie nehmen mich auf den Arm.“ – Genervt sagte ich es nocheinmal: „Stellen Sie jetzt meinen Rollstuhl hier wieder hin!?!“ – In Gedanken trat ich ihm gerade einmal so kräftig in den Hintern, dass er im hohen Bogen aus der Halle flog. André war im Anmarsch, sozusagen auf halber Strecke. Der Typ guckte mich mit großen Augen an, die Hände immernoch an meinem Rollstuhl. Ich wiederholte: „Den Rollstuhl. Hier. Wieder hinstellen!“

André erreichte die Nervensäge: „Was ist hier los?“ – Der Typ drehte sich um. „Ich wollte den Rollstuhl zu den anderen da hinten stellen. Der steht hier im Weg rum.“ – Ich fass es nicht. André antwortete: „Der gehört der Frau und Sie stellen den da jetzt wieder hin und machen Ihre Übungen weiter, ja?“ – „Aber die Frau muss doch nicht wirklich in einem Rollstuhl sitzen, oder? Sie sieht so glücklich aus!“

Meine Geduld war am Ende. „André!“ sagte ich genervt. Der nahm dem Mann meinen Rollstuhl aus der Hand, stellte ihn wieder vor mein Gerät und schob den Typen weg. „Jetzt ist mal genug. Sie können hier nicht die anderen Patienten belästigen. Machen Sie Ihre Übungen und dann gehen Sie wieder auf Station. Um den Rest kümmern wir uns schon.“ – „Ich wollte ja niemanden belästigen. Aber die junge Frau sieht so glücklich aus. Muss die wirklich im Rollstuhl sitzen? Warum denn bloß? Hatte sie einen Motorradunfall? Bestimmt mit ihrem Freund, so jung, und er hat nicht aufgepasst.“ – André sagte noch einmal energisch: „Es reicht!“

Muss ich irgendwelchen dahergelaufenen Typen, die versuchen, meinen Rollstuhl zu klauen *zwinker*, mein Lebensschicksal erklären? Nein, muss ich nicht. Ich schreibe einen Blog im Internet und schreibe über alles mögliche. Ich rede viel mit anderen Menschen und ich rede auch und intensiv über meine Behinderung. Wenn es jemanden interessiert. Ich erwarte nicht, dass sich mein Gesprächspartner jemals mit dem Thema beschäftigt hat, ich erwarte keine politisch korrekten Ansichten, ich erwarte nicht, dass er mitfühlt, versteht oder gute Tipps gibt. Ich kann mit dummen Sprüchen leben, mit Gaffern, mit Überforderten. Aber dass jemand wegen meiner guten Laune meine Behinderung in Frage stellt, das geht nun wirklich mal zu weit. Das finde ich schlichtweg empörend und erniedrigend. Das ist etwas, was mich trifft.