Tina

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Endlich mal wieder ein Vormittag, an dem ich nicht arbeiten muss. Marie hat ein Vorstellungsgespräch und ist unterwegs. Helena ist in der Schule. Sturmfreie Bude! Wow, was ich so alles tun könnte. Ich könnte splitterfasernackt zu viel zu lauter Musik durchs ganze Haus tanzen. Ich könnte mich im Latex-Outfit auf dem Küchentisch räkeln, das per Webcam ins weltweite Netz übertragen und dabei fünfhundert Euro verdienen. Ich könnte mir spontan Lukas nach Hause einladen, der übrigens ganz offensichtlich immer noch was von mir will, aber immer noch keinen Schritt weiter ist, und mal überprüfen, wie sportlich er ist. Irgendwann entführe ich ihn mal. Ob er der Richtige für etwas Dauerhaftes ist, weiß ich nicht. Vermutlich wird der Altersunterschied doch zu groß sein. Aber vielleicht gibt es was, was uns beiden Spaß macht.

Ich könnte nachschauen, ob jetzt eine Dauerwerbesendung läuft, dort für teures Geld anrufen, vom Hot Button ausgewählt werden und meine Tipps abgeben. Bei den gesuchten Tieren, die mit „S“ beginnen, würde ich auf Stirnlappenbasilisk, Schirmqualle, Samtstirnkleiber und die Seigauantilope tippen und mal eben 10.000 Euro gewinnen. Nicht 11.000 Euro, weil mir das Schwein nicht eingefallen ist. Ich könnte auch eine Actioncam in den Kühlschrank stellen und schauen, ob bei geschlossener Tür drinnen das Licht brennt. Oder sie für ein Live-Video eine Runde im Geschirrspüler mitfahren lassen.

Bevor ich meine Gedanken abschließen kann, klingelt mein Handy. Helenas Schule ist dran. Mein erster Gedanke: Stoffwechsel-Entgleisung. Wo bleibt eigentlich die bescheuerte Pumpe? „Könnten Sie gegen 10.00 Uhr in die Schule kommen? Wir müssen mit Helena und einer Mitschülerin ein Gespräch führen. Die Mitschülerin möchte, dass ihre Mutter dabei ist und hat sie bereits angerufen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie auch dabei sind.“ – „Worum geht es?“ – „Das würden wir dann vor Ort besprechen.“ – „Sagen Sie mir bitte ein Stichwort, ich möchte mich vorbereiten können.“ – „Es geht um eine Prügelei, in die Ihre Tochter verwickelt war. Und Prügeleien dulden wir hier nicht.“

What? Das sind ja mal ganz neue Lieder. Die kenne ich noch nicht. Wieso prügelt sie sich mit jemandem, wo sie selbst so viel Angst vor und so schlechte Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hat? Wenn das überhaupt so stimmt. Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sie eine Klopperei anzettelt, andererseits gibt es ja die Beobachtung, dass Kinder, bei denen zu Hause die Probleme mit Gewalt gelöst werden (wurden), statistisch öfter die eigenen Probleme auch mit Gewalt zu lösen versuchen. Das wird ein schwieriges Gespräch, wenn das wirklich so stimmt.

Sie soll in der Schule das Handy still und außerhalb ihrer Hände lassen. Trotzdem: Warum bekomme ich von ihr keine Nachricht? Um 10.00 Uhr bin ich in der Schule, rolle zum Treffpunkt. Helena steht im Gang, mit dem Po an eine Fensterbank gelehnt und schaut ins Leere. Neben ihr steht ein anderes Mädchen, das ich noch nicht kenne, und eine Frau, die die Mutter sein könnte. In mir kommen Erinnerungen an meine Schulzeit hoch, die ich schnell verdränge. Helena guckt zu mir hoch, als ich einen Meter vor ihr bin. „Was machst du denn hier?“, fragt sie mich.

„Dasselbe wie du, vermutlich“, antworte ich. Und weiter: „Ich bin angerufen worden, ich soll bei einem Gespräch dabei sein.“ – Helena antwortet: „So ein Blödsinn.“ – „Wieso ist das Blödsinn?“ – „Das sind Tina und ihre Mama“, sagt sie und zeigt auf die beiden. Die Mutter gibt mir die Hand. Helena geht ein Stück weiter und winkt mich zu sich heran, beugt ihren Kopf zu mir runter und flüstert: „Die blöde Kuh kriegt gleich eine Packung. Aber sie ahnt es noch nicht. Ich habe ein As im Ärmel.“ – Danach gibt sie mir einen Kuss auf die Wange, lehnt sich wieder zurück und tut so, als hätte sie nichts gesagt. In welchem Film bin ich hier?

Ein Mann, um die 55, eher edel mit Anzug und Krawatte gekleidet, kommt schnellen Schrittes den Gang entlang, klimpert mit einem Schlüsselbund herum, gibt mir die Hand, gibt der anderen Mutter die Hand, stellt sich vor. „Schön, dass das so schnell geklappt hat und Sie die Zeit erübrigen konnten. Kommen Sie bitte mit.“ – Er führt uns in einen Konferenzraum. Helena lässt sich auf einen Stuhl fallen und macht einen eher desinteressierten Eindruck. Tina lümmelt sich lässig auf einen anderen Sitz, wird von ihrer Mutter angetickt und setzt sich mit genervtem Blick gerade hin.

Der Lehrer erklärt: „Tina hat sich heute an mich gewandt, weil sie von Helena körperlich angegriffen worden sein soll. Anlass soll eine Meinungsverschiedenheit gewesen sein. Tina wollte zuerst nicht sagen, worum es geht. Inzwischen hat sie eingeräumt, Helena darum gebeten zu haben, die Deutsch-Hausaufgabe abschreiben zu dürfen. Helena habe das abgelehnt und sie als Schmarotzerin bezeichnet. Bei dem darauf folgenden Wortwechsel sei Helena ihre Mitschülerin körperlich angegangen und habe sie mit roher Gewalt zu Boden gerungen. Tina habe sich danach auf ihren Sitzplatz zurückgezogen und sich am Ende der Stunde entschieden, zu mir zu kommen. Stimmt das so, Tina?“

Tina nickt. Der Lehrer sagt: „Wer möchte dazu etwas sagen?“ – Niemand sagt etwas dazu. Helena blickt ins Leere. Der Lehrer sagt: „Dann sag ich noch was dazu: Körperliche Gewalt lehnen wir ab. Jeder Schüler verpflichtet sich, an der Schule keine Gewalt auszuüben. Es steht im Raum, dass du, Helena, dagegen verstoßen hast. Es wäre gut, wenn du dazu was sagst.“ – Helena sagt nichts, schaut weiter ins Leere. Ich hole Luft, da sagt Tina: „Damit gibt sie es ja zu.“ – Helena antwortet: „Nö. Schweigen ist neutral. Und ich darf schweigen.“ – Tina lacht. Ich muss daran denken, wie mühsam es war, Helena zu vermitteln, dass sie nicht auf alle Fragen antworten muss und sie lieber schweigen als lügen soll. Ich versuche nur gerade herauszufinden, was Helena ausdrücken möchte. Ich sage: „So lächerlich finde ich das nicht, Tina.“

Der Lehrer sagt: „Es steht jedem Menschen zu, zu schweigen. Manchmal kann es aber sinnvoller sein, etwas zu sagen. Zum Beispiel, warum man etwas getan hat. Das kann dich ja auch entlasten. So müssten wir davon ausgehen, dass du körperlich übergriffig geworden bist und würdest sanktioniert werden. Das kann sogar dazu führen, dass du verwarnt und im Wiederholungsfall von der Schule verwiesen wirst. Und ins Zeugnis könnte das auch kommen.“ – Tina streckt Helena die Zunge raus. Helena sieht das nicht, sondern blickt weiter auf ihren Schoß und murmelt: „Dann ist das eben so.“ – So kenne ich sie überhaupt nicht. Sie war in den letzten Wochen, Monaten und auch heute morgen noch ganz anders. Irgendetwas musste passiert sein, was vermutlich alte Denkmuster hochgespült hat. Oder Erinnerungen. Warum mauert sie so? Warum ist ihr scheinbar alles egal?

„Dann wäre ja alles geklärt“, sagt Tina. Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen. Ich habe ein „Nichts ist geklärt“ auf der Zunge, aber die andere Mutter fährt ihrer Tochter in die Parade. „Du bist unmöglich, Tina. Ich kann das Verhalten von Helena zwar auch nicht gut heißen, aber …“ – „Nun nimm du sie noch in Schutz“, faucht Tina dazwischen. Die Mutter antwortet: „Ich kenne dich, Tina. Was ist das für eine Geschichte mit den Hausaufgaben? Ich habe mir doch gestern deine Deutsch-Hausaufgaben angesehen. Ihr solltet doch eure Fehler in der Klassenarbeit berichtigen.“

Welche Klassenarbeit? Helenas Augen blicken einmal kurz in meine Richtung. Davon wusste ich nichts. Warum hatte sie mir die nicht gezeigt? War es eine schlechte Note? Verheimlichte sie mir die? Später. Eins nach dem anderen. Ich wollte gerade vorschlagen, dass ich mal fünf Minuten unter vier Augen mit Helena rede, da platzt es aus ihr heraus. Sie schreit fast: „Wenn du es nicht fertig bringst, was dazu zu sagen: Ich habe mich nur verteidigt und das ist nicht verboten.“ – Der Lehrer zuckt angesichts der Lautstärke zusammen und legt seine Hand beruhigend auf Helenas Arm. Helena zieht ihren Arm weg und schiebt nach: „Sorry, bin aufgeregt.“

„Wogegen verteidigt?“, fragt der Lehrer. Helena sagt: „Tina wollte mir nasse Papierfetzen von hinten unter mein Shirt stecken. Ich wusste nicht, was passiert und habe mit der flachen Hand hinter mich gefasst, ihr Gesicht zu fassen bekommen und sie von mir weggedrückt.“ – „Stimmt ja gar nicht“, sagt Tina. Helena schreit: „Stimmt doch. Und Frau [andere Lehrerin] kann es bezeugen, die stand nämlich im Flur und hat mir die nassen Fetzen wieder rausgeholt.“ – „Helena, schrei doch nicht so. Wir hören dir ja zu.“ – „Tschuldigung, das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Das kommt von meiner Behinderung.“ – Tina fängt an, hämisch zu lachen. Bevor ich was sagen kann, sagt Tinas Mutter: „Ich muss mich doch sehr wundern.“ – Tina sagt: „Du glaubst ihr ernsthaft mehr als mir?“ – „Ja, Tina. Ich weiß, wann du lügst. Hast du das mit dem Papier gemacht oder nicht? Guck mich an.“ – „Nein.“

Der Lehrer sagt: „Ich schlage vor, wir holen Frau [andere Lehrerin] dazu. Das könnte ja etwas Licht ins Dunkel bringen.“ – Helena ist in Fahrt und antwortet: „Ich schlage vor, Tina zeigt, wie mutig sie sein kann, und macht mal reinen Tisch. Und erzählt dann auch gleich, dass sie sich immer vor allen über meine Behinderung lustig macht. Und ständig meinen [Insulin-] Pen versteckt.“ – „Das mach ich nicht.“ – „Nee, und was war neulich, als du ihn in der Hand hattest, als ich reinkam?“ – „Da hatte ich einen Stift gesucht und den aus Versehen verwechselt.“ – „Ja, ist klar, du hattest ja auch keine zehn eigenen Stifte dabei und musstest, wenn ich draußen bin, in meiner Federtasche wühlen und ausgerechnet den Pen rausnehmen. Spinn weiter.“

Tina holt Luft, aber die Mutter packt sie mit der Hand am Unterarm und faucht sie an: „Sag, dass das nicht stimmt.“ – „Natürlich stimmt das nicht.“ – „Es hätte mich auch gewundert. Mir wird aber gerade einiges klar. Ich glaube dir, Helena, und es tut mir sehr leid, dass ich meiner eigenen Tochter so in den Rücken fallen muss. Tina hat mir ein paar Mal zu Hause von dir erzählt. Aber eigentlich voller Bewunderung.“ – „Mama, das erzählst du hier nicht.“ – „Doch, Tina. Da musst du jetzt durch, und ich glaube, du wirst mir später dankbar sein dafür. Tina hat zu Hause mehrmals erzählt, dass eine neue Schülerin an der Schule ist, die eine Behinderung hat und sich auch selbst Spritzen geben muss und das alles total lässig kann. Sie hat total von dir geschwärmt und ganz viel im Internet nachgelesen über Zuckerkrankheit und sowas.“

Tina sitzt da und hat einen hochroten Kopf. Helena guckt die Mutter mit großen Augen an und fragt Tina: „Aber warum bist du dann so gemein zu mir?“ – Ich bin nur sprachlos. Tina offenbar auch. Ich fühle mich zurück erinnert an meine Schulzeit. In der ich ebenfalls mal in einem Gespräch saß mit einer Mitschülerin, die mich gemobbt hat, und ihren Eltern. Es ist fast wie ein Déjà-vu. Die Mutter sagt: „Ich glaube, sie konnte dir nicht sagen, wie sehr sie dich bewundert. Und vielleicht ist sie auch eifersüchtig auf dich. Tina ist schnell sehr eifersüchtig.“ – „Mama!“, brüllt Tina. „Du machst mich hier gerade vor allen Leuten lächerlich! Ich hasse dich!“

Tina will aufstehen und rausgehen, aber die Mutter hält sie fest. Der Lehrer sagt: „Damit habe ich jetzt so allerdings nicht gerechnet.“ – Helena steht auf, geht zu Tina, streckt ihr die Hand hin. Tina reagiert nicht. Helena sagt: „Ich würde dir eine zweite Chance geben. Wenn du dich entschuldigst.“ – So eine starke Geste von ihr. Ich muss fast weinen vor Rührung. Die Mutter schubst Tina an der Schulter an, sie möge sich einen Ruck geben. Tina guckt mit hochrotem Kopf auf ihren Schoß und sagt, ohne hochzugucken: „Du hast mich immer ignoriert.“ – What? Ich muss echt schlucken.

Ende vom Lied: Die Mutter nimmt Tina im Anschluss sofort mit nach Hause und möchte das mit ihr „nacharbeiten“. Sie hat sich bei Helena und bei mir entschuldigt. Tina sagt kein Wort mehr. Helena soll zurück in den Unterricht. Der Lehrer findet, es sei zwar sehr emotional gewesen, aber man habe wohl alles klären können, von daher sei es „am Ende des Tages“ gut gewesen, darüber zu sprechen. Wenn er meint … Ich bezweifle, dass das bei Tina geklärt ist. Und ich hätte mir gewünscht, dass Helena gleich was sagt und nicht erst schweigt. Vielleicht erfahre ich eines Tages nochmal, warum das so war.

Vor der Tür spreche ich sie auf die Deutsch-Klassenarbeit an. „Warum hast du sie mir nicht gezeigt?“ – „Ich habe sie Marie gezeigt. Du hattest gestern Spätdienst und als du mir gute Nacht gewünscht hast, hab ich es vergessen. Es ist eine Zweiminus.“ – Daumen hoch.