Berlin, Berlin

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Der Alltag in Hamburg hat mich schon wieder voll im Griff, ich steuere mit voller Fahrt auf meine Zwischenprüfung zu und bin im Moment wirklich mehr als unter Strom. Eigentlich wollte ich meine Teilnahme an einem Traininglager in Berlin am letzen Wochenende noch spontan absagen und meine Nase in ein paar Bücher stecken; inzwischen bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Auch wenn ich dadurch zusätzlich noch ein Treffen mit einer Freundin verpasst habe, auf das ich mich eigentlich schon sehr lange freue. Dass sie nach Hamburg kommen würde, hatte sich allerdings erst einige Tage vorher ergeben und Berlin war schon im Herbst geplant.

So standen am Freitagmittag über 20 Kinder und Jugendliche in Rollstühlen auf einem Bahnsteig des Hamburger Hauptbahnhofs und waren die Attraktion des Tages. Hätte man ein Zebra dort angebunden, hätten vermutlich genauso viele Leute um ums herum gestanden und ihre Kameras ausgepackt. Ja, richtig gelesen, ich kam mir vor wie in der Muppetshow. Einmal lächeln bitte!

Vier starke Papas kümmerten sich um das Einladen aller Leute. Ein Bahnmitarbeiter mit roter Mütze stand in sicherer Entfernung und wischte sich permanent den Schweiß von der Stirn, ihm war das alles nicht geheuer. Nach drei Minuten waren alle Leute in den reservierten Abteilen verstaut, die Rollstühle kamen in zwei weitere (leere) Abteile, das Gepäck war auch drin – der Zug konnte ohne Verspätung abfahren. Auch in Berlin lief alles wie am Schnürchen: Rechtzeitig vorher packten unsere Trainerinnen und Trainer die Stühle wieder aus, bauten sie zusammen und einer nach dem anderen stellte sich in den Gang und wartete auf die Einfahrt des Zuges. „Perfekt durchorganisiert“, meinte der Zugbegleiter. „Ich dachte schon, wir bauen hier eine halbe Stunde Verspätung auf, aber so ist es natürlich noch viel besser.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Alter zwischen 12 und 17. Für viele war es das erste Trainingslager überhaupt. Marie und ich bekamen, genauso wie die anderen Betreuerinnen, Betreuer, Trainerinnen und Trainer ein Doppelzimmer, die Kinder und Jugendlichen hatten Viererzimmer. Das Gebäude gehörte einer caritativen Einrichtung und war komplett barrierefrei. Die Schwimmhalle war zwei Haltestellen mit der S-Bahn entfernt.

Das erste Schwimmtraining begann gleich mit einem Adrenalinstoß. Während die erste Gruppe bereits ins Wasser kletterte, kam eine Teilnehmerin angedüst, schnappte sich ausgerechnet mich und sagte: „Jule, komm mal schnell mit. Der … geht es nicht gut, irgendwas mit dem Kreislauf.“ – Im Vorbeifahren sog ich noch Tatjana ein, im Umkleideraum saß in ihrem Rollstuhl besagte Teilnehmerin, 12 Jahre, erworbener inkompletter Querschnitt, nackt, den Kopf in die Hände gestützt, leichenblass. „Mir ist so schlecht. Kreislauf.“ – Nicht untypisch für einen Querschnitt, Tatjana schnappte sich das Mädchen, legte sie auf eine Bank, Beine hoch, großes Badehandtuch drüber. Eine Frau vom Hallenpersonal kam rein. „Soll ich alles anrufen?“, fragte sie. Das Mädchen: „Bloß nicht! Das ist gleich wieder vorbei. Das ist die eklige Luft hier. Und die Aufregung. Ich habe mich ein halbes Jahr auf dieses Wochenende gefreut. Nun ist es endlich da, das scheint meinen Kreislauf gerade etwas zu überfordern.“ – Die Frau stellte einen Mülleimer in die Tür und riss das Fenster im Flur weit auf. Nach ein paar Minuten ging es dem Mädchen wieder besser. Sie sollte noch ein wenig liegen bleiben, eine Freundin blieb bei ihr.

Abends stand der legendäre Kudammbummel auf dem Programm. Dass selbst in Berlin eine so große Behindertenhorde ungewöhnlich ist, wussten wir spätestens in dem Moment, als jemand beim Gaffen zielsicher gegen einen Ampelmast lief und sich gehörig den Kopf anstieß. Blut lief allenfalls unter der Haut und wird ihm in den nächsten Tagen einen blauen Fleck bescheren. Einige Teilnehmerinnen konnten sich das Kiechern nicht verkneifen. Kurz danach wurde Marie von einem wildfremden Typen angesprochen: „Du hast so scharfe Titten, obwohl du im Rollstuhl sitzt!“ – Woraufhin ein Typ, der direkt daneben stand, und den wir gar nicht kannten, antwortete: „Lass meine Freundin in Ruhe, sonst sitzt du auch gleich im Rollstuhl.“ – Auweia. Nix wie weg. Abends beim Zubettgehen zieht sich Marie aus, setzt sich mit freiem Oberkörper vor mich auf die Bettkante, presst ihre Brüste zusammen und sagt: „Die sind auch scharf, obwohl ich auf der Bettkante sitze. Oder?“ – „Rattenscharf“, antworte ich, ohne von meinem Handy hochzuschauen. Marie steckt einen Zeigefinger in den Mund, berührt anschließend mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine Brust, macht ein Geräusch, als wenn Wasser auf einer Herdplatte verdunstet, schüttelt den Finger mit schmerzverzerrtem Gesicht und tut so, als hätte sie sich verbrannt. Manchmal möchte ich sie stundenlang knuddeln.

Drama Nummer Zwei begann am nächsten Morgen kurz vor sechs. Während die Ersten es kaum mehr erwarten konnten, zu frühstücken und die erste Trainingseinheit des Tages zu beginnen und entsprechend schon komplett angezogen über die Flure rollten, klopfte es ganz vorsichtig an unserer Tür. Marie und ich lagen noch in unseren Betten. Jene Teilnehmerin, die am Tag zuvor die Kreislaufprobleme hatte, kam rein. Eine Zimmerkollegin läge weinend in ihrem Bett, alle glauben, sie hätte Heimweh. Nachdem ich mit Marie ausgeknobelt hatte, wer mitfährt und die Schere Papier schneiden kann, musste ich mit. Zehn Minuten, nachdem ich zwei Mitbewohner auf den Flur und die dritte zum Duschen geschickt hatte, wusste ich, was ihr Problem war. Kein Heimweh. Ein nächtliches urologisches Problem, dessen Folgen sich von der Zehenspitze bis zum Hals ausgebreitet hatten. „Aber deswegen weinst du jetzt nicht, oder?“, versuchte ich, maximal zu beschwichtigen. Ihre Reaktion: „Krieg ich Strafe?“

Ich nickte. Es schien sie nicht zu überraschen. Sie wollte nicht mal wissen, welche. Ich sagte: „Zur Strafe gibt es frische Bettwäsche.“ – „Petzt du das den anderen?“ – „Verpetz dich doch selbst.“ – Sie zeigte mir einen Vogel. – „Doch! Mach dich doch ein wenig lustig und sag, du warst im Traum schon eine Runde schwimmen.“ – „Die lachen doch alle über mich.“ – „Dann lach doch mit! Aber ich glaube das nicht mal, wer weiß, wer nächste Nacht die nächste ist. Was wäre eigentlich, wenn … das passiert wäre? Würdest du dann über sie lachen?“ – „Quatsch. Sie ist doch meine Freundin, die lach ich doch nicht aus.“ – „Und du? Bist du nicht die Freundin von …?“ – „Doch.“ – „Dann erzähl es ihr doch einfach. Ich bin mir sicher, sie kratzt das nicht mal. Ich hol sie mal rein, okay?“ – „Nein.“ – „Doch. Wie lange willst du denn da drin noch liegen bleiben?“ – „Sie soll das nicht sehen.“ – „Meinst du, sie weiß nicht, wie das aussieht?“ – „Ich will das nicht.“ – „Komm, Augen zu und durch. Danach geht es dir besser.“ – „Auf deine Verantwortung.“

Ich holte die Freundin mit ohne Kreislauf wieder rein. Sie fragte: „Geht es dir wieder besser? Was hattest du denn?“ – „Ich habe, ich hatte, ich war … schwimmen.“ – „Was?!“ – „Ich war schon schwimmen. Heute nacht.“ – „Ich versteh nur Bahnhof.“ – „Siehst du Jule, das funktioniert nicht. Dein Tipp war blöd.“ – „Was für ein Tipp? Heckt ihr hier irgendwas aus?“ – „Sie hat ins Bett gepisst.“ – „Echt?“ – „Boa, Jule, du bist echt sooo fies. Ich hasse dich!“ – „Ich weiß. Aber später wirst du mich dafür lieben. Und ewig kannst du es nicht geheim halten und irgendwann müssen wir auch mal frühstücken und mit dem Training anfangen. Also warum willst du noch eine halbe Stunde drum herum reden?“

Reaktion der Kreislauffreundin: „War das jetzt das ganze Problem? Warum ziehst du dir eigentlich nachts keine Pampers an? Dann kann sowas nicht passieren.“ – Kurz und schmerzlos. Nach dem Frühstück wurden die Trainingspläne verteilt. Die meisten Leute schreiben ihn sich mit einem dünnen Edding auf den Unterarm, dann haben sie ihn immer dabei. Die beiden besagten Freundinnen hatten sich gegenseitig auf den Rücken geschrieben: „Ich [Herz] Jule!“ – Irgendwann mitten in der Trainingseinheit sah ich das. Wie süß!!! Genauso süß fand ich eine andere Teilnehmerin, 14 Jahre alt, die nach dem Mittagessen plötzlich neben mich rollte, meinen Hals umklammerte, mich zu sich zog und mir einen dicken Kuss auf die Wange gab. Ich weiß zwar nicht, wofür genau, das muss ich aber auch nicht wissen. Die anderen Trainerinnen und Betreuerinnen bekamen auch einen. Marie bekam abends in einem Aufenthaltsraum mit Kaminfeuer, in dem ein Disko-Abend stattfand, inklusive Sing-Star-Wettbewerb, von mehreren älteren Teilnehmerinnen eine Schulter-Nacken-Massage und von der jüngsten ein mit Filzstiften gemaltes Bild, das sie im Becken zeigt, während Marie im Rollstuhl sitzend am Beckenrand steht und sie daran erinnert, dass sie beim Kraulschwimmen die Ellenbogen hoch nehmen soll…

In der letzten Nacht gab es in unserem Zimmer ein Problem mit dem Heizkörper, aber Marie und ich sind ja schon erprobt im Bettenteilen und einander Wärmen. Entsprechend war die zweite Nacht extrem kuschelig. Am letzten Tag war die legendäre Bierstaffel der Hit. Wobei es diesmal kein Malzbier gab, sondern Apfelsaft. Das hatte logistische Gründe, trotz entsprechender Bestellung war kein Malzbier zu finden. Was seine Vorteile hatte, weil dann nicht die Hälfte der Leute unter sich ausmacht, wer am lautesten rülpsen kann, aber auch seine Nachteile, denn einen Drittelliter Malzbier kippt man schneller weg als einen Drittelliter Apfelsaft. Bei einer Bierstaffel treten mehrere Mannschaften gegeneinander an: Nacheinander müssen die Schwimmer durch die 50-Meter-Bahn, drüben raus, einen Becher Bier (oder Apfelsaft) leeren, wieder zurück. Bei Erwachsenen muss meistens ein halber Liter Bier getrunken werden, so dass die Staffel meistens am letzten Abend stattfindet. Schön ist es, wenn die Anzahl der Leute sich nicht durch die Anzahl der Mannschaften teilen lässt und jemand doppelt schwimmen muss. Und wenn es dann noch eine Revanche gibt… Ich weiß, es gibt sinnvollere Spiele, aber der Bogen kann nicht immer gespannt sein.

Die Rückfahrt verlief unspektakulär. Am Montag bekam ich von der Mutter der Nachtschwimmerin eine Mail mit einem relativ kurzen Text: „Schön, dass du …s Malheur so professionell gehändelt hast. Ich glaube, sie ist total in dich verknallt. Sie hat den ganzen Abend pausenlos von dir erzählt. Wir möchten einfach nur Danke sagen für euer aller Engagement. Das ist nicht selbstverständlich.“ – Nachdem auch Marie, Tatjana und die anderen beiden Betreuer und Trainer Nachrichten von dieser Mutter bekommen haben, möchte ich mal eins festhalten: Es war eine der harmonischsten und damit auch entspanntesten und damit auch schönsten Veranstaltungen seit langer Zeit. Die kleinen Fruchtzwerge haben es geschafft, mich ein Wochenende lang aus meinem Prüfungsstress zu holen. Toll.

Trainingscamp in Niedersachsen

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Am letzten Wochenende war ich endlich mal wieder auf einem Trainings-Camp. Nachdem die letzten beiden Termine gecancelt worden waren, weil mal wieder kurzfristig alle möglichen Leute wieder abgesagt haben, fand dieser Termin nun tatsächlich mal statt. Veranstalter war ein befreundeter Verein aus Niedersachsen, das Angebot richtete sich nicht nur an Triathleten, sondern ausdrücklich auch an Paratriathleten. Der Schwerpunkt war auf das Schwimmen gesetzt.

Am Freitag war die Anreise, nach Möglichkeit sollten wir um 11 Uhr auf der Matte stehen. Berufstätige durften auch später anreisen. So standen Marie und ich kurz vor 11 Uhr nach knapp dreistündiger Autofahrt in einem Büro eines Sportzentrums. Nachdem wir dort alle möglichen Anmeldeunterlagen und einen sechsseitigen Belegungsvertrag ausfüllen mussten („Wünschen Sie sich täglich eine kostenlose Probepackung Sportlernahrung auf Ihr Zimmer?“, „Wünschen Sie eine Ernährungsberatung während Ihres Aufenthaltes?“, …) und dann noch mit allen möglichen Flyern und bunten Handzetteln versorgt wurden („Die Entspannungsmassage kann auch morgens vor dem Frühstück auf Ihrem Zimmer stattfinden“, „Bitte werfen Sie keine Papiertücher in die WC-Becken“, „Bitte verzichten Sie auf die Einnahme von Mahlzeiten im Nassbereich der Schwimmhalle“, „Die Verwendung von Haft- und Sprühklebern in der Sporthalle ist untersagt, zuwider Handelnde zahlen eine Vertragsstrafe von 500 €“, „Die Mitnahme von Speisen und Getränken aus der Sportlerkantine stellen wir als Lunchpakete in Rechnung.“), bezogen wir unser Zimmer.

Nach und nach rollten einige bekannte und unbekannte Gesichter über den Flur, bevor wir gemeinsam zum Mittagessen in einen Raum aufbrachen, an dessen Tür „Speisesaal“ klebte, der aber nach den Worten von Nils, einem zu Fuß gehenden Teilnehmer Mitte 30 aus Schleswig-Holstein, eher an eine Fressbude erinnere. In der Salatbar bewiesen zwei auffallend blinkende digitale Ziffern, die gemeinsam eine „16“ ergaben, dass irgendwas mit der Kühlung nicht ganz in Ordnung war, einen Tresen weiter wurde die Hauptmahlzeit in einem Wasserbad heiß gehalten. Laut Beschriftung sollte es sich um Kaisergemüse handeln, laut Nils waren es „Blähbohnen, Knallerbsen und Futtermöhren“, wobei ich ihm bei den Futtermöhren sofort zustimmen musste. Als famoses Zartgemüse aus der taschengroßen Weißblechdose konnte das auf keinen Fall durchgehen und der Mais, der ebenfalls als Bestandteil namentlich auf dem Schildchen benannt war, war vermutlich bei der legendären Gemüseparade in die falsche Richtung abgebogen.

Das Schnitzel war nach Art des Hauses, was, laut Sternchen-Fußnote in Acht-Punkt-Schrift „Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale, in Flüssigpanade (Mehl, Bio-Eier, Semmel, Gewürze) eingelegt und anschließend von Hand schonend goldbraun gebraten“ bedeutete. Am besten war der Hinweis: „Enthält Gluten, kann Spuren von Senf enthalten.“ – Nils meinte, es handele sich um Fleischabfälle, die mit Eierpanade zusammengeklebt worden seien. Es hätte seinen Grund, warum dort „Geschnetzeltes, überwiegend aus der Schweine-Oberschale“ stünde und nicht „Schweineschnitzel aus der Oberschale“ oder wenigstens „Geschnetzeltes vom Schwein, überwiegend aus der Oberschale“. Somit sei, laut Nils, der Hinweis auf die Senfkörner eher als Zynismus zu verstehen, und der Wellensittich sei vor seiner Weiterverarbeitung hoffentlich gerupft worden. Ich kann so etwas zwar immer nur schlecht beurteilen, aber selbst aus dem Blickwinkel einer Nachwuchssportlerin, die notfalls auch auf einer Turnmatte übernachtet, den Kopf auf einem Pullover oder Handtuch, war mir das alles nicht ganz geheuer. Um den Nachtisch in ein Schüsselchen füllen zu können, musste man mit einem Esslöffel in einem großen Eimer herumrühren – entsprechend sah der Esslöffel, den vor mir schon 50 andere Leute in der Hand hatten, und der immer wieder auf einen Teller gelegt wurde, aus.

Als eine Küchenmitarbeiterin um die Ecke bog, fragte Nils, warum die Karotten denn so groß wie Telefonzellen seien müssten und ob es irgendwo noch die angekündigte Kartoffel zu finden gäbe. Die Frau zuckte mit den Schultern. „Wenigstens eine vernünftige Kelle für den Nachtisch sollte bei einem Neun-Euro-Sechzig-Mittag drin sein, finden Sie nicht?!“ – Marie und ich rollten ohne zu essen wieder raus, auf zum nächsten Supermarkt, uns erstmal mit ein paar Keksen und Getränken eindecken. Übrigens waren die folgenden zwei Mittagessen auch nicht besser. Insbesondere dass an allen drei Tagen immer Brechbohnen zwangsläufig im Gemüse verschnibbelt waren, nervte nicht nur mich, die davon ständig pupsen muss und das deswegen gar nicht erst auf ihren Teller füllt, sondern auch mindestens einen anderen Teilnehmer, der eine Lebensmittelallergie hatte und überhaupt keine grünen Bohnen vertrug.

Bei einem Abendessen, das ebenfalls 9,60 € kostet, hatte ich mehr erwartet als Brot und Brötchen mit drei Wurst- und einer Käsesorte. Dazu Mineralwasser und Tee. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: Ich finde es völlig ausreichend, zur Abendmahlzeit Brot zu essen. Aber dann reicht auch ein Preis von 2,50 €. Marie und ich hatten aber keinen Bock, uns darüber zu beschweren – und alle anderen schien das nicht genug zu stören. Möglicherweise mussten die ihre Teilnahme auch nicht selbst bezahlen und wussten daher nicht, was das kostet. Oder wir sind inzwischen zu verwöhnt.

Wie immer, wenn man ausgiebig über das Essen meckert, war alles andere toll. Das Zimmer mit einem Kingsize-Bett und einem riesigen Fernseher und einer barrierefreien Dusche, nachts schön dunkel und sehr ruhig gelegen, war klasse. Das Schwimmbad war gut, lediglich stank es mehr nach Chlor als die Halle, in der wir sonst trainieren und teilweise waren für meinen Geschmack auch zu viele Leute drin. Aber die Trainerin war gut. Insgesamt hatten wir sechs Einheiten im Wasser, davon vier Ausdauereinheiten mit jeweis 3.000 bis 4.000 Metern und zwei Technikeinheiten. Wir waren auf dem Zug- und auf dem Rollergometer.

Am ersten Abend hatten Marie und ich noch eine Begegnung mit einem 17jährigen Fußgänger aus Schleswig-Holstein, der dort mit einer Schwimmgruppe war. Wir saßen mit einigen Leuten um einen Tisch und spielten Kakerlakenpoker. Da das Sofa sehr bequem war, hatten sich Marie und ich umgesetzt. Unsere Rollstühle hatte jemand aus Platzgründen an den Nachbartisch geschoben. Besagter 17jähriger setzte sich neben mich und fragte, ob er mal zuschauen könnte, kam immer dichter. Ich glaube, er fand mich nett, allerdings nur solange, bis er merkte, was mit mir los war. Als nämlich mein Handy klingelte und ich denjenigen, der am nähsten an meinem Rolli dran war, bat, ob er mir das mal eben rübergeben könnte, guckte mich der 17jährige entsetzt an und fragte mich: „Ist das dein Rollstuhl?“

Später erzählte mir dann ein anderer Rollstuhlfahrer, dass er auf ein Gespräch der Schleswig-Holsteiner aufmerksam wurde, das die im Umkleideraum führten. „Das kann auch nur … passieren, dass er sich ausgerechnet zu einer Behinderten aufs Sofa setzt und die auch noch angräbt.“ – Tja. Was soll man dazu sagen?

Der Samstagabend stand ganz im Zeichen einer Bierstaffel. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainingscamps bildeten Mannschaften, bunt gemischt durch die Vereine, und traten gegeneinander an. Aufgabe: Eine halbe Schwimmnudel als „Staffelholz“ durch die 50-Meter-Bahn treiben, drüben rausklettern, am Tisch einen Drittelliter Bier auf Ex runterkippen, möglichst ohne sich dabei die Hälfte über den Badeanzug zu kleckern, zum Beckenrand zurück gehen oder krabbeln, die Nudel, die nicht mit aus dem Wasser genommen werden durfte und im glücklichsten Fall noch in derselben Bahn war, einsammeln und zurück schwimmen. Drüben die Nudel übergeben.

Meine Mannschaft machte den ersten Platz und gewann eine alte Luftpumpe. Die Mannschaft von Marie machte den letzten Platz. Es lag aber nicht an Marie…

Insgesamt gab es drei Durchgänge. Immerhin waren wir pro Staffel 12 Leute, so dass man erst beim dritten Durchgang das Gefühl hatte, gleich kotzen zu müssen. Zum Glück blieb es allseits bei diesem Gefühl. Marie und ich waren nach dem Tag so fertig, dass wir gleich ins Bett verschwunden sind. Und, wie man sich denken kann, war die zweite Nacht nicht annähernd so entspannt wie die erste. Ich glaube, alleine ich war vier Mal auf dem Klo.

Besser aufgehoben

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Es waren mal wieder ein paar turbulente Tage, ein weiteres Wochenend-Trainingslager liegt hinter uns, von dem es ganz viel zu erzählen gäbe, von dem ich auch gerne erzählen würde; nur muss ich aus zeitlichen Gründen mal wieder Prioritäten setzen. Und bevor ich aufschreibe, dass man zwar Vollverpflegung vor Ort hatte, allerdings die Getränke vergessen und veranstalterseitig kurzfristig dann nur noch Limonaden organisieren konnte, schreibe ich lieber über etwas schönes. Oder zumindest über den schönen Teil eines weiteren unschönen Erlebnisses.

Gestern war ich bei Maries Familie zum Abendessen eingeladen. Während Marie noch duschen wollte, fragte mich ihre Mutter, ob ich kurz mitkommen möchte, sie wollte noch mehrere Teile in einem Supermarkt einkaufen. Bevor ich da 20 Minuten rumsitze, dachte ich mir, könnte ich mich nützlich machen und fuhr kurzerhand mit. Der Supermarkt war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt und es handelte sich um einen einzelnen Händler, einen größeren Familienbetrieb, der einer Einkaufsgenossenschaft angeschlossen ist. Die Tochter des Inhabers hat das Down-Syndrom und arbeitet in dem Geschäft mit. Normalerweise kaufe ich dort nicht ein, allerdings bin ich mit Marie schon ein paar Mal dort gewesen, daher war mir das bekannt. Diese Mitarbeiterin läuft in einem weißen Kittel durch die Gegend und ist in erster Linie damit beschäftigt, achtlos in die Regale gefeuerte oder an der Kasse liegen gebliebene Artikel wieder an ihren Platz zu bringen. Neulich hat sie die Tiefkühltruhe aufgefüllt, ein anderes Mal ging sie mit einer alten Frau durch den Laden und schob den Einkaufswagen dieser Frau.

Gestern nun stand ich an der Kasse an, Maries Mutter hatte noch ein Teil vergessen und ging zu den Joghurts zurück, und diese Frau stand hinter dem Kassentisch neben der eigentlichen Kassiererin und half einer alten Frau, ihre Einkäufe in dem Korb ihres Gehwagens und einem mitgebrachten Rucksack zu verstauen. Plötzlich, und ich will betonen, dass es Menschen gibt, die einen stärkeren Idiotenmagneten haben als ich, beginnt der direkt dahinter stehende Mann zu motzen: „Hätte ich das gewusst, hätte ich die andere Kasse genommen.“

Niemand reagiert. Schließlich gibt es Leute, die motzen über alles. Als er dann nach einigen Momenten allerdings den nächsten Satz ausspricht, passiert etwas, was ich vorher noch nie so erlebt hatte. Er sagt: „Alter, wer hat der bloß den Job gegeben? Noch langsamer und die schläft ein.“ – Dabei ist sie eigentlich gar nicht langsam. Zwischen dem Motzkopf und mir steht noch eine ältere Frau, geschätzt weit über 70, hat ein paar Teile auf das Laufband gestellt. Sie antwortet, und darüber war ich echt überrascht: „Das ist nicht fair! Diese Frau ist ein Mensch wie du und ich. Sie hat die gleichen Rechte wie du und ich, auch das Recht zu arbeiten und Geld zu verdienen.“

Im selben Moment kommt Maries Mutter dazu, fasst mir von hinten auf die Schulter. Der Mann antwortet der alten Dame: „Jaja, es gibt Werkstätten für Behinderte, da wäre sie doch wohl besser aufgehoben.“

Ich will was sagen, bringe aber keinen Ton raus. Die Frau mit Down-Syndrom reagiert überhaupt nicht, packt weiter ein, seufzt eher genervt als betroffen. In dem Moment sagt Maries Mutter: „Inzwischen ist unsere Gesellschaft so weit, dass sie nicht mehr die Menschen mit Behinderungen ausgrenzt, sondern Leute wie Sie.“ – Die ältere Frau dreht sich um und sagt zu Maries Mutter: „Und das ist gut so.“ – Der Mann holt Luft, aber Maries Mutter redet weiter: „Ich hoffe, dass der da oben sich an Sie erinnert, wenn Sie eines Tages an seiner Tür klopfen.“

An der anderen Kasse dreht sich ein Mann um die 30 um, sagt: „Du Arsch kannst von Glück reden, dass das nicht meine Tochter ist, sonst würde ich dich jetzt aus dem Laden prügeln.“ Und zu der Frau: „Lassen Sie sich von so einem bloß nicht den Tag verderben.“

Woraufhin die Frau antwortet: „Ach was, die meisten Menschen sind nett zu mir. Das sind nur ganz wenige, und die machen das, weil ich das Down-Syndrom habe. Die Menschen suchen immer einen Grund. Deswegen sitze ich auch nicht an der Kasse, da meckern auch immer welche, obwohl man nichts dafür kann, wenn mal die Kasse nicht geht.“

Der eklige Typ packte wortlos seinen Einkauf in die Tasche. Die Kassiererin hat nicht ein Wort dazu gesagt. Ich weiß noch immer nicht, warum, aber mich erschüttern solche Vorfälle nach wie vor und immer wieder. Es passt einfach nicht in meine Vorstellungen, dass Menschen so arschig und gemein sein können. Dass allerdings ausgerechnet eine weit über 70jährige Frau so argumentiert, habe ich noch nicht oft erlebt und das hat mich auch sehr gerührt. Leider habe ich bislang eher öfter erlebt, dass ältere Menschen große Berührungsängste haben, aus den schon oft diskutierten Gründen. Umso schöner fand ich diese Reaktion.

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.