Der 60. Geburtstag meiner Mutter

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Genau 10 Jahre ist es heute her, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe. 10 Jahre! Eine lange Zeit.

Damals war ich 16 Jahre alt, lag in einem Krankenhaus und war ziemlich übel zugerichtet. Ich wurde auf dem Schulweg von einem Auto geknutscht und bin geflogen. Zuerst über den Asphalt, dann mit einem Heli – und ein paar Wochen später zum ersten Mal aus dem Rollstuhl, weil sein Vorderrad sich im Schnee verhedderte.

Damals hatte ich Stress mit meiner Muddi. Sie konnte nicht begreifen, dass ich nicht lange aus dem Krankenhaus durfte, auch nicht, wenn sie ihren 50. Geburtstag feiert und mich gerne dabei gehabt hätte.

Inzwischen bin ich 26 Jahre alt, arbeite in einem Krankenhaus und fühle mich sehr gut. Mein Rollstuhl ist mein ständiger Begleiter, und er macht einen guten Job. Ich glaube, dass ich diese Veränderung in meinem Leben inzwischen völlig verarbeitet habe. Die deshalb begonnene Psychotherapie habe ich erfolgreich abgeschlossen. Zu meiner Mutter habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr, mein Vater ist inzwischen verstorben.

Ich hoffe, dass vor allem meine Haut und meine Blase noch lange gesund bleiben. Das sind die beiden, die in Verbindung mit einer Querschnittlähmung am häufigsten Probleme machen. Mein Herz-Kreislauf-System trainiere ich gut, da mache ich mir weniger Sorgen.

Eine Sache hat sich nicht verändert, wenn man von einer zwischenzeitlich erzwungenen Unterbrechung mal absieht: Ich blogge noch. Und inzwischen wurde mein Blog über 6,7 Millionen Mal aufgerufen.

Davon alleine über 125.000 Mal im letzten Monat. Pro Tag kommen aktuell wieder rund 5.000 Besucherinnen und Besucher auf meine Webseite. Manche Tage eintausend weniger, manche Tage auch noch mehr. Nur kommentiert wird nicht mehr so häufig wie früher. Obwohl ich nach wie vor gerne Kommentare lese.

Leider wird die Plattform, die ich 10 Jahre lang genutzt habe, nicht mehr so betreut wie ich es gebrauchen könnte. Zum Beispiel kann ich keine Layout-Anpassungen mehr vornehmen, sondern nur noch posten. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, pünktlich zum 10. Geburstag meines Blogs mit diesem umzuziehen.

Bitte sagt mir, wenn etwas so gar nicht geht oder ich einen offensichtlichen Fehler beim Umzug gemacht habe. Ich konnte mir weder die inzwischen über 1.040 Beiträge noch die über 10.000 Kommentare alle nochmal durchlesen; ich hoffe allerdings, dass alles gut transferiert wurde.

Insofern: Nehmt euch ein Glas Sekt und stoßt mit mir an! Prost!

Liebend getan

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Vielleicht hat der Eine oder die Andere gedacht, dass ich heute ein Gyrosbaguette essen würde. Und lag damit richtig. Allerdings nicht dort, wo sich die Crew, die mich vor zehn Jahren von der Straße gekratzt hat, am Tag meines Unfalls ihr Gyrosbaguette geholt hat. Denn den griechischen Imbiss gibt es nicht mehr. Und auch „meine“ Notärztin, die mich vor zehn Jahren im Heli begleitete und vermutet hatte, dass ich meine Verletzungen nicht überleben werde, gibt es leider nicht mehr. Sie ist, wie ich gestern erfuhr, im September letzten Jahres verstorben.

Warum, wieso, weshalb, weiß ich nicht. So alt, dass man damit rechnen müsste, war sie noch nicht. Sie hat mich in meinen gesundheitlich schwersten Minuten begleitet und korrekt behandelt. Ohne sie wäre ich vermutlich tot. Und trotzdem kannte ich sie nicht wirklich. Ich habe sie, einerseits aus einer Schüchternheit heraus, andererseits aus großem Interesse mal gefragt, warum sie Ärztin geworden ist. Sie hat geantwortet: „Aus Liebe.“ – Sie war eine „Institution“ für mich, keine Bekannte oder Freundin. Die Nachricht schockt mich, auch noch am heutigen „Tag danach“, extrem. Ich habe mit vielem gerechnet, dass sie mal versetzt werden könnte, inzwischen vielleicht gekündigt hat, woanders arbeitet – aber nicht mit ihrem Tod. Das berührt mich gerade sehr, und das nimmt mich emotional auch gerade sehr mit. Ich habe bereits einige Tränen vergossen. Es kam, zugegebenermaßen, höchst unerwartet.

Zehn Jahre ist der Unfall jetzt her. Zehn Jahre Querschnittlähmung. Sie sind vergangen wie im Flug. Ich hatte überwiegend eine schöne Zeit, wenngleich ich gerade in den letzten drei Jahren einige Erfahrungen gemacht habe, von denen ich noch nicht vollständig verstanden habe, wofür sie gut sein werden. Ich merke aber, dass mich diese Erfahrungen sehr viel gelassener, vorausschauender, kritischer und vor allem selbstbewusster gemacht haben. Und dass ich sehr viel über Menschen gelernt habe. Viele Eigenschaften, die mir bis dahin fremd waren, und die ich an mir sofort ändern würde, sind offenbar sehr verbreitet.

Ich bin früher eher still gewesen. Nicht schüchtern, aber ich mochte es nicht, wenn mich Menschen ansprachen. Wenn mich jemand nach dem Weg fragte, konnte ich darauf reagieren, die Uhrzeit bekam ich auch immer zusammen. Aber mit dummen Sprüchen bin ich früher eher selten konfrontiert worden. Das hat sich, seit ich im Rollstuhl fahre, enorm geändert. Eigentlich täglich sprechen mich in der Öffentlichkeit Menschen an. Gerade heute im Supermarkt wollte ebenfalls eine wildfremde Frau von mir wissen, ob ich eine Querschnittlähmung hätte. Zwischen dem Erdbeerregal und der Salatbar. Und sie erzählte mir, ohne dass ich es wissen wollte und während ich mein Gemüse zusammensuchte, dass sie mit einem sehr berühmten Ernährungsprogramm zwanzig Kilo abgenommen hat und dass sie es nicht mag, wenn Menschen mit ihren Handys laut im Supermarkt telefonieren.

Auch bin ich früher kein großes sportliches Licht gewesen. Heute habe ich eine gewisse Trainingsdisziplin, den Ehrgeiz, etwas schaffen zu wollen, und ich habe auch eine vergleichbar gute Kondition. Oft, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, und ja, es können auch mal 100 Stück oder sogar noch mehr in einer Trainingszeit sein, sind Menschen davon fasziniert. Und dann denke ich oft: Leute, wenn ihr zehn Jahre das Schwimmen ohne Beine trainiert, würdet ihr das mindestens genauso gut können. Andererseits ist diese Bewunderung, die diese Menschen dann äußern, auch eine gewisse Motivation für mich. Offenbar trauen sie es sich dann doch nicht zu, sich am Schopf zu packen und sich einfach verbessern zu wollen.

Ich hatte früher, und auch dieses Thema wird oft angesprochen, auch von wildfremden Menschen, die dann aber meistens keine Antwort von mir bekommen, keinen Sex. Vor meinem Unfall habe ich mich nicht einmal selbst befriedigt. Klar, Busen hatte ich schon, Regel auch schon lange, aber sexuelle Bedürfnisse? Die waren einfach nie so ausgeprägt, dass ich sie gezielt befriedigen wollte oder sogar musste. Nach meinem Unfall war ich sehr neugierig, was geht und was ich empfinde. Und vielleicht ist das sogar sehr gut gewesen, weil ich so etwas dazubekommen habe, anstatt dass mir etwas weggenommen wurde.

An anderer Stelle wurde mir sehr viel weggenommen. Meine früheren Freunde, meine Eltern. Aber auch hier habe ich etwas dazu gewonnen: Marie mit ihrer Familie, einzelne Menschen, die ich im Blog nicht (mehr) erwähne, und auf die ich mich verlassen kann.

Ich weiß nicht, wie ich den Kreis schließen soll. Ich könnte jetzt noch ganz viel schreiben, um am Ende dieses Beitrags noch einmal zu meiner Heli-Ärztin zu kommen. Ich habe ihre Traueranzeige im Internet gesucht und gefunden. Ihre Urne wurde weit weg von Hamburg begraben, vermutlich an ihrem Geburtsort. Ihre beiden Eltern haben die Anzeige aufgegeben. Sie trägt einen Trauerspruch von Horatius Bonar (schottischer Geistlicher aus dem 19. Jahrhundert): „Nimmer vergeht, was Du liebend getan.“

Das siebte Gyrosbaguette

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Sieben Jahre ist es her. Und vieles hat sich seitdem verändert. Vor allem im letzten, dem siebten Jahr. Man sagt ja immer, das siebte Jahr ist verflixt. Möglicherweise stimmt dieser Aberglaube, der sich sonst ja eher auf Partnerschaften und Ehen bezieht. Obwohl ich sagen muss, dass ich mit meinem Leben aktuell sehr zufrieden – und glücklich bin.

Ich war, zum ersten Mal, nicht dort, wo ich sonst regelmäßig anlässlich meines Jahrestages war. Ich habe mir dieses Jahr zwar auch ein Gyrosbaguette gekauft, aber nicht dort, wo ich es sonst kaufe. Doch, es gibt den griechischen Imbiss noch. Aber: Es gibt bekanntermaßen seit einiger Zeit auch Menschen, die mir nicht wohl gesonnen sind. Und denen werde ich natürlich nicht die Möglichkeit geben, mich dort abzupassen. Paranoid? Keineswegs. Inzwischen haben die einstigen Antreiber, die nach wie vor alles daran setzen, mich persönlich zu treffen und mir entsprechend auf den Wecker gehen, noch mehrere andere Menschen motiviert und angesteckt. Im Moment weiß ich zeitweise nicht, was schlimmer ist: Meine Mutter (die im Moment ruhig ist, aber damit nicht weniger gefährlich) oder dieser „Pester Cluster“, wie ich ihn mal nennen will.

Jedenfalls ist es inzwischen so weit, dass mir davon abgeraten wurde, in diesem Jahr diesem Ritual zu folgen. Was schon bedrückend ist.

Der Anteil jener, die wohlwollendes Interesse an meinem Leben haben und meinen Blog lesen, um an diesem teilzuhaben, ist aber ungebrochen groß und meine Motivation, trotzdem weiter zu bloggen. Offline mache ich es sowieso, online leider nach wie vor verzögert, denn ich lasse alle Texte vor der Veröffentlichung gegenlesen und das dauert leider manchmal. Die letzten Einträge wurden nach ihrer Veröffentlichung binnen 24 Stunden aber über 25.000 Mal angeklickt. Der reine Wahnsinn.

Ich habe inzwischen zwar über 900 Textbeiträge geschrieben und selten um Worte verlegen (vor allem, wenn ich nicht schlagfertig und spontan reagieren muss), aber darüber bin ich nun echt sprachlos. Danke.

Das sechste Gyrosbaguette

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Zum sechsten Mal jährt sich mein Verkehrsunfall, der den Verlauf meines Lebens entscheidend geprägt hat.

Gyrosbaguette ist ein Stichwort, das nicht fehlen darf. Sollte ich eines Tages beschließen, mich nur noch vegetarisch oder gar vegan zu ernähren: Einmal im Jahr müsste ich eine Ausnahme machen. Und ja, einmal im Jahr muss ich nach wie vor nach Wandsbek-Gartenstadt, um zu schauen, ob der Heli dort noch steht. Er stand. Er wurde gerade betankt. Ein Mann stand mit einer Videokamera am Zaun und filmte. Als er mich sah, grüßte er.

„Na, was meinst du, starten die heute nochmal?“ – „Ich weiß es nicht. Vielleicht?“ – „Ich glaube ja. So warm wie es ist, kippen bestimmt noch Leute um, die einen Arzt brauchen. Interessierst du dich für Technik?“ – „Geht so.“ – „Bist du hier stationär?“ – „Nein, ich schaue nur mal nach dem Hubschrauber.“

Mir war nicht nach dieser Art von Unterhaltung, von daher rollte ich weiter. Ob ich einfach mal zu der Wache fahre und unauffällig gucke, ob „meine“ Ärztin Dienst schiebt? Gesagt, getan. Und tatsächlich: Auf den ersten Blick war ich mir nicht sicher, auf den zweiten schon. Sie saß an einem Tisch und schrieb. Ein Mann saß daneben auf einem Stuhl, eher lässig, und gestikulierte in der Gegend herum, als ob er eine lustige Geschichte erzählte. Die Ärztin blickte hin und wieder zu ihm hin. Als ich weiter rollte, sah ich, dass noch ein weiterer Mann im Raum war. Sollte ich dort hinein und einfach mal grüßen?

Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als der Mann, der wild gestikulierte, mich entdeckte und wohl irgendwas sagte. Die Ärztin blickte in meine Richtung. Kniff etwas die Augen zusammen und musterte mich. Ich winkte schüchtern. Sie kam nach draußen. „Sie sind doch …“, sagte sie und gab mir die Hand.

„Genau“, schluckte ich. „Die bin ich. Mein Jahrestag. Ich wollte mal ‚Hallo‘ sagen und schauen, wie es Euch geht.“ – „Das ist aber nett. Wie lange ist es jetzt her?“ – „Sechs Jahre.“ – „Sechs Jahre. Wie die Zeit vergeht. Gut sehen Sie aus. Erwachsen, so vitale Hautfarbe, klasse. Kommen Sie einen Moment zu uns rein?“ – „Gern.“

Ich wurde vorgestellt: „Das ist Jule. Polytrauma nach Schulwegsunfall. Wurde vom Auto angefahren. Sie war damals 15.“ – „Das wissen Sie noch? Ich meine, wie alt ich war?“ – „Es gibt Einsätze, die man nicht vergisst. Diesen beispielsweise werde ich nie vergessen. Einsätze mit Kindern, Jugendlichen und überhaupt sehr jungen Menschen sind immer sehr emotional. Dass jemand einen solchen Unfall überlebt, kommt auch eher selten vor. Dass er sich bei dem Ärzteteam bedankt, losen Kontakt hält, ist auch selten. Sie sind einer meiner besonderen Fälle, wenn ich das so sagen darf, und Sie werden mir in Erinnerung bleiben.“

Der anwesende Pilot deutete auf meinen Rollstuhl. „Querschnittlähmung?“ – „Zum Glück eine relativ niedrige“, nickte ich. – Der Pilot sagte: „Das ist trotzdem ätzend. Aber Sie glauben nicht, wieviele frische Querschnitte wir fliegen. Reitunfälle, Badeunfälle, Autounfälle.“

Die Ärztin sagte: „Jule ist mit ungeheurer Wucht angefahren worden. Sie konnte froh sein, dass sie in einem Stück geblieben ist, ihr Kopf verhältnismäßig wenig abgekriegt hat und dass sie ein gutes Herz und einen sportlichen Allgemeinzustand hatte. Ich war froh, als ich Sie im Krankenhaus hatte. Als ich Sie auf der Straße liegen sah, war meine Prognose, dass Sie die Klinik nicht lebend erreichen werden.“ – „Ich weiß.“

„Anderes Thema“, schlug die Ärztin vor. „Was machen Sie beruflich? Haben Sie schon Pläne?“ – „Ich studiere Medizin.“ – „Nein.“ – „Doch.“ – „Wie geil ist das denn? Das finde ich ja nun mal richtig klasse. Hier in Hamburg?“ – „Nee, in […], ich habe gerade mein erstes klinisches Semester hinter mir, bin sehr glücklich damit, auch wenn es schon sehr anstrengend ist und man als Rollifahrerin sehr oft improvisieren und sehr flexibel sein muss.“ – „Wahnsinn, das finde ich richtig toll.“ – „Ich habe eine Freundin kennengelernt, die auch im Rolli sitzt und mit mir zusammen studiert, ihre Mutter ist auch Ärztin und unterstützt uns ideell …“

Wie es leider so ist, piepte in dem Moment ein Alarm. Der Pilot sprang auf, ich wurde mit vielen Worten rausgebeten. „Wir reden ein anderes Mal weiter! Viel Glück! Tschüss!“ – Und tschüss. Weg waren sie. Unter ohrenbetäubendem Getöse und jeder Menge Wind.