Gestatten, Krösa

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Ob der legendäre Krösus eine Frau hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich weiß, dass gestern mein Verfahrenspfleger hier war und mit mir besprochen hat, wie es in meinem Streit mit der Versicherung der Unfallgegnerin weitergehen soll.Die Kosten für die lebenslange Behandlung und eine Erwerbsunfähigkeitsrente zahlt die Berufsgenossenschaft, da es sich um einen Wege-Unfall (Schulweg) gehandelt hat. Das haben die bereits anerkannt. Die BG holt sich diesen Anteil von der Versicherung der Unfallgegnerin selbst wieder. Damit habe ich nichts zu tun. Auch die Anwaltskosten und der Ersatz von meinen Klamotten, meiner Brille, meinem Handy und was noch so alles geschrottet wurde, interessieren mich im Moment eher sekundär bis überhaupt nicht. Aber es gibt noch zwei Dinge, die sehr interessant sind. Ich habe nach Ansicht des Anwaltes Anspruch auf angemessen hohes Schmerzensgeld. Die Versicherung hatte bereits 12.000 Euro geboten, mein Anwalt hat 220.000 Euro gefordert. Gestern war, wie gesagt, der Verfahrenspfleger hier, um mir mitzuteilen, dass die Versicherung der Unfallgegnerin bereit wäre, sich außergerichtlich auf 165.000 Euro zu einigen. Hinzu käme noch ein Ausgleich für einen behinderungsbedingten Mehrbedarf in Höhe von 32 Euro monatlich. Mein Anwalt hat mir dringend geraten, das Angebot anzunehmen. Außerdem gibt es beim selben Versicherungsunternehmen eine private Unfallversicherung, die mein Vater mal abgeschlossen hat, als ich angefangen habe zu reiten. Die Versicherungssumme bei Voll-Invalidität beträgt 100.000 Euro, allerdings mit einer 5-fachen Progression. Das bedeutet im Klartext, dass eine halbe Million Euro zur Auszahlung fällig sind. Das Versicherungsunternehmen bestätigt das bereits, man habe anfangs die Querschnittlähmung überlesen und sei nur von ein paar Knochenbrüchen ausgegangen. Daher sei es zu der lächerlichen Summe von 12.000 Euro (auch hier) gekommen. Es geht noch weiter. Die Berufsgenossenschaft zahlt eine Erwerbsunfähigkeitsrente, solange ich nicht mehr als 15 Stunden (20 Schulstunden) pro Woche arbeiten (zur Schule gehen) kann. Diese beträgt

  • rund 730 Euro monatlich bis zum 18. Geburtstag
  • rund 1.100 Euro monatlich bis zum 21. Geburtstag
  • rund 1.400 Euro monatlich bis zum 25. Geburtstag
  • rund 1.900 Euro ab dem 25. Geburtstag.

Auf diese Rente (und eventuelle Zinsen) muss Einkommenssteuer bezahlt werden, allerdings auf das Schmerzensgeld und dessen Zinsen nicht. Das bedeutet, dass nur die 730 bis 1.900 Euro als tatsächliches Einkommen gilt und davon noch 8.200 Euro alleine wegen meiner Behinderung abgezogen werden dürfen. Dann bleiben bei 1.900 Euro monatlich nur unter 15.000 Euro pro Jahr, die wegen Geringfügigkeit überhaupt nicht versteuert werden müssen. Im Klartext heißt das: Auch die Rente bleibt steuerfrei. Allerdings gibt es durch diese Rente weder BaföG, noch Wohngeld, noch Kindergeld noch sonstwelche anderen Sozialleistungen.Die BG bietet an, auf die Hälfte der Rente, die in den nächsten 10 Jahren zu zahlen ist, einen Abschlag zu bekommen. Das heißt: Die Hälfte wird monatlich ausgezahlt, die andere Hälfte gibt es als Einmalzahlung für die nächsten 10 Jahre im Voraus, wobei von der Einmalzahlung allerdings 10% abgezogen werden. Der Verfahrenspfleger hat diese Möglichkeit durchgerechnet mit Zinsen und Zinseszinsen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Abschlag lohnt, wenn man ihn anlegt und dafür mindestens 1,9% Zinsen bekommt. Dadrunter lohnt es sich nicht, dadrüber auf jeden Fall. Der Abschlag beträgt ohne Zinsen knapp 80.000 Euro und würde am 18. Geburtstag fällig werden. Dann gibt es noch eine Pflegepauschale, mit der eine eventuell nötige Pflegekraft bezahlt werden soll. Gezahlt werden bei mir 480 Euro monatlich pauschal. Fasst man das zusammen (nein, ich habe schon lange den Überblick verloren, ich tippe das meiste von einer Aufstellung ab, die der Verfahrenspfleger geschrieben hat), ergeben sich Einmalzahlungen:

  • 500.000 Euro Invaliditätszahlung private Unfallversicherung (steuerfrei)
  • 165.000 Euro Schmerzensgeld Unfallgegnerin (steuerfrei)
  • 80.000 Euro Abschlag EU-Rente (steuerpflichtig)

Legt man diese rund Dreiviertel Million (mir wird ganz schwindelig) sicher an, bekommt man dafür etwa 3% Zinsen. Dadurch gibt es steuerfreie Zins-Einnahmen in Höhe von rund 1.850 Euro monatlich. Das heißt:

  • 1.862,50 Euro Zinsen (zum größten Teil steuerfrei)
  • 555,50 Euro halbe EU-Rente (steuerpflichtig)
  • 480,00 Euro Pflegepauschale (steuerfrei)
  • 32,00 Euro Mehrbedarf (steuerfrei)
    ——–
  • 2.930,00 Euro als 18-jährige

Bis ich 28 bin, kämen stufenweise noch 400 Euro dazu, mit 28 könnte der nächste Abschlag für die nächsten 10 Jahre (rund 100.000 Euro) beantragt werden. So ganz realisiert habe ich das alles noch nicht. Der Verfahrenspfleger hat mich gefragt, ob Probleme haben würde, dieses Geld anzunehmen. Schließlich ist es nicht gerade wenig. Wenn ich aber bedenke, dass das Geld zur Hälfte von der Versicherung der Unfallgegnerin stammt und zur anderen Hälfte aus einem privaten Versicherungsvertrag, dann muss ich sagen: Nein. Kein Problem. Ich glaube nicht, dass ich mich schämen muss, wenn ich das Geld annehme, was mir eine Versicherung zahlt, weil mich jemand zum Krüppel gefahren hat.

Bitte bleiben Sie zu Hause!

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Die nächste Zwickmühle… es nimmt einfach kein Ende.

Und das ist auch nicht grade gut, um hier mal klare Gedanken zu fassen. Es ist einfach nur Mist.

Ich hatte gestern ein sehr langes Gespräch mit meinem Anwalt. Er hat mich über ein paar rechtliche Sachen aufgeklärt, die ich absolut schwachsinnig finde.

Ich bin letztes Jahr im Juli von einem Auto auf dem Schulweg umgefahren worden als Fußgängerin. Ich wurde lebensgefährlich verletzt und bin in eine Spezialklinik geflogen worden. Dort lag ich 4 Monate auf Intensiv, 3 Monate davon im künstlichen Koma und an der Beatmungsmaschine. Kopf, Rippen, Bauch, Lunge und Herz haben was abgekriegt, etliche Knochen waren gebrochen, etliche Hautverletzungen. Das alles wurde operiert oder ist so wieder verheilt, in einem Arm habe ich noch 2 Schrauben. Auch die Wirbelsäule hat was abgekriegt, einmal am Hals, das war aber nur gestaucht und ist wieder weg, aber so am oberen Rand von der Arschritze sind mehrere Wirbel gebrochen und auch das Rückenmark verletzt. Da wurde eine Titanplatte eingesetzt, damit sich das stabilisiert. Mehr kann man aber nicht machen, das heißt im Klartext: Rollstuhl, Inkontinenz, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Spastik in den Beinen, Kreislaufprobleme. Die Behandlung im Krankenhaus wird noch bis Juni dauern, dann bin ich fast 12 Monate hier.

Wenn die Fahrerin verurteilt wird, also Schuld hat, muss ihre Versicherung Schmerzensgeld zahlen. Mein Anwalt sagt, das wird irgendwo zwischen 30 und 150 Tausend liegen, wahrscheinlich in der Mitte. Bis das feststeht, haben wir mindestens 2012, eher 2015.

Außerdem muss die dann meiner Krankenkasse die Behandlungskosten zurück zahlen, ein Leben lang. Wenn sie nicht verurteilt wird, muss das die Unfallversicherung machen, wo meine Schule versichert ist. Das kratzt mich aber nicht weiter.

Aber nun kommt es. Wenn ich jetzt nicht mehr zur Schule gehe und nicht studiere und nicht arbeite, kriege ich eine Rente. Das hat mit dem Schmerzensgeld nichts zu tun, das ist quasi Ersatz für Einkommen. Bis ich 18 bin, sind das rund 730 Euro pro Monat, ab 18 rund 1100 Euro, ab 21 rund 1400 Euro und ab 25 rund 1900 Euro im Monat.

Wenn ich aber weiter zur Schule gehe, oder irgendeinen Job mache, wird die Rente sofort gestrichen und auch nie mehr wieder gezahlt, auch wenn ich irgendwann keinen Job mehr finde oder mein Studium abbreche oder sonstwas. Wenn ich beim Studium dann Geld brauche, muss ich entweder reiche Eltern haben oder jobben wie alle andern Leute auch. Ist ja auch ok. Aber wenn ich nichts mach und mich ab heute nur noch vor den Fernseher knalle, krieg ich monatlich Geld bis zum Lebensende.

Irgendwie versteh ich die Welt nicht mehr. Wenn man sagen würde, dass mein Einkommen voll angerechnet wird wie bei Hartz 4, dann würde ich sagen: Ok. Aber so?!

Guten Tag, Sie sind ein Vollpfosten

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Ich habe heute Post von der Unfallkasse bekommen. Die schreiben mir einen Brief, der über 7 Seiten geht, und teilen mir mit, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Erwerbsfähigkeit ist in vollem Umfang gemindert (Erwerbsunfähigkeit), ich bin hilflos, schwer pflegebedürftig und außergewöhnlich gehbehindert. Schön dass wir da mal drüber gesprochen haben!!!

Jetzt hab ich es wenigstens nochmal Schwarz auf Weiß, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Zimmernachbarin ist erst mal los zum Kiosk und hat zwei Picoloflaschen Sekt zum Anstoßen organisiert. Dann haben wir es hier krachen lassen. Ich überleg gerade, ob ich mir einen Bilderrahmen holen soll und mir das über das Bett hänge. Andere haben ihren Meisterbrief und ich häng mir da ne Urkunde hin, dass ich ein Krüppel bin. Oder vielleicht sollte ich mal eine Kontaktanzeige aufgeben. Beschreiben Sie sich selbst… da kopiere ich dann das rein.

„Wir wünschen Ihnen auf ihrem Weg der weiteren Genesung viel Kraft und alles erdenklich Gute.“ Welche Genesung denn? Haben die nicht noch 4 Absätze weiter vor geschrieben, dass aus mir nichts mehr wird? Wenigstens waren sie ehrlich. Worüber reg ich mich eigentlich auf?

Jemand meinte eben, ich soll froh sein, dass ich noch lebe. Ich hätte tot sein können. Klar, es gibt immer Leute, denen es besser oder schlechter geht als einem selbst. Soll ich mich jetzt mit einem Toten messen, um ein bißchen gute Laune zu kriegen? Vielleicht wäre es ja kürzer und schmerzloser gewesen, wenn sie noch 10 Sachen mehr drauf gehabt hätte. Keine Ahnung, ob das mehr oder weniger Glück gewesen wäre, echt nicht.

Die Versicherung hätte sich gefreut, tot wäre glaube ich billiger gekommen. Meine Eltern hätten sich keinen Anwalt geholt und die Trulla wäre mit fahrlässiger Tötung davon gekommen und würde heute schon wieder die nächsten Schulkinder belehren, wie sie über die Ampel gehen müssen. Meine Eltern würden mehr leiden als heute. So hätten sie ein geliebtes Kind verloren, jetzt haben sie ein undankbares und depressives Wesen, das man im Moment besser völlig in Ruhe lässt, weil es unerträglich ist.