Eine Seefahrt, Tag 4

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Selbstverständlich gibt es auch von den letzten Stunden auf dem Mittelmeer noch einiges weniges zu erzählen. Die zweite Mottoparty, überschrieben mit „Schlafen“, verlief wesentlich entspannter als die dominante am Abend davor. Marie und ich gingen mit Matthias im Schlafanzug schwimmen, oder genauer gesagt, legten wir uns entsprechend bekleidet in drei Schwimmreifen und ließen uns im Vorbeipaddeln am Boot immer weider neue Getränke in die Getränkehalter stellen. Andere fanden ziemlich schnell heraus, dass „Schlafen“ ja auch „Miteinander schlafen“ heißen könnte und übten sich darin. Um Mitternacht wurden noch drei Raketen abgefeuert und kurz nach Mitternacht packten sich die beiden behinderten Mottopartymuffel ins Bett und wurden erst wieder vom Frühstücksduft geweckt, während das Schiff schon unterwegs zu unserem Hafen war. Unsere beiden Flieger sollten noch am Vormittag abheben – und idealerweise waren wir gut in der Zeit.

Zum Abschied sagte Shane, dass Marie und ich übrigens für die nächste Yachtfahrt erneut eingeplant sind. „Allerdings würde ich mich freuen“, sagte Shane, „wenn ihr dann auch mal eine Nacht mit mir verbringt. Also wir zu dritt. Denkt mal drüber nach!“ – „Machen wir“, versprach Marie. Also dass wir darüber nachdenken. Wir bedankten uns artig bei ihr, umarmten sie zum Abschied und checkten ein.

Kaum war ich wieder auf deutschem Boden gelandet, hatte mich mein Alltag wieder. Okay, es ist noch Feiertag, aber auf dem Wasser schien der Idiotenmagnet nicht so stark zu sein wie an Land. Ich stand mit meiner Tasche an der Bushaltestelle, als es plötzlich einen Knall gab. Ich erschrank, konnte nicht ausmachen, woher der Knall gekommen war – es hätte auch eine extrem laut zugeschlagene Autotür sein können. Ich hatte das fast schon abgehakt, als eine Frau zu schreien begann. Derart laut und aufgeregt, dass ich mich, ohne nachgedacht zu haben, entschied, dorthin zu rollen und sie zu beruhigen. Ich vermutete, dass sie vielleicht jemandem mit dem Auto aufgefahren war und nun abdrehte, vielleicht einen beruhigenden Beistand brauchte. Das Geschrei kam von einem geschätzt 14 Jahre alten Mädchen, das wild herumsprang und immer wieder, sich mit den Händen auf den Knien abstützend, halb in die Hocke ging. Beim näheren Hinsehen bemerkte ich, dass ihre Kleidung zerissen und ihre nackten Füße völlig verdreckt waren, dass sie am linken Schienbein blutete und im Gesicht eine Schnittwunde hatte.

Der Inhaber eines türkischen Imbiss brachte einen Stuhl heraus, stellte ihn dem Mädchen hin. Ohne ein Wort setzte das immernoch schreiende Mädchen sich auf den Stuhl. Er kippte eine Kiste Wassermelonen in seinen Laden und stellte die Kiste so vor den Stuhl, dass das Mädchen, immernoch schreiend, ihr Bein darauflegen konnte. Ich erreichte das Mädchen und versuchte, es zu beruhigen: „Hallo, beruhig dich mal, was ist los mit dir?“ – „Ich hab solche Schmerzen!“ – Ein Mann sagte: „Sie ist vom Auto angefahren worden, hier der BMW.“ – Ein BMW stand einige Meter weiter im Fahrstreifen. Eine sehr vorneh gekleidete Frau stieg aus. Ich versuchte weiter, sie zu beruhigen. „Okay, wie heißt du denn? Magst du mir mal deinen Namen sagen?“ – „Lea“, schluchzte sie. Ich fragte sie weiter: „Ich bin Jule. Hast du denn mitbekommen, wie das passiert ist?“ – „Ich bin auf die Straße gelaufen und dann hat es geknallt.“ – „Bist du hingefallen?“ – „Das weiß ich nicht. Meine Mama soll kommen. Sie wohnt da vorne, klingel mal bitte bei …“

Ich sprach einen Mann an, der neben mir stand und glotzte, ob er dort bitte klingeln könnte. Und einen anderen, ob er bitte einen Krankenwagen rufen könnte. Lea sagte: „Ich will keinen Krankenwagen.“ – „Lea, du blutest am Bein. Es ist besser, wenn sich das mal ein Doktor anguckt und das desinfiziert und ein Pflaster drauf macht.“ – Der Typ fragte: „Soll ich einen Krankenwagen rufen? Ich meine, wenn sie doch nicht will?“ – Ich funkelte ihn an: „Ja! Dringend.“ – „Ich geh aber nur zum Doktor, wenn meine Mama mitkommt.“ – „Die kommt mit“, versprach ich, nicht wissend, was uns gleich blühte. Ich bat Lea: „Lea, kannst du dich mal bitte vorsichtig hier unten hinlegen? Guck mal, dein Schienbein blutet und das müssen wir hoch legen, okay? Das ist besser.“

Lea legte sich auf den Boden. Der Imbissbesitzer brachte eine Wolldecke nach draußen und legte sie Lea unter den Kopf. Ich legte ihre Beine auf den Stuhl. So langsam beruhigte sie sich, begann tierisch zu zittern, wimmerte nach wie vor laut. Der Imbissmann brachte eine zweite Decke zum Zudecken. Ich fauchte den Mann an: „Haben Sie da jetzt angerufen?“ – Er diskutierte: „Ich hab mal Erste Hilfe am Kind gemacht, sollten wir ihr nicht ein bißchen Wasser zu trinken geben?“ – „Sie sollen einen Krankenwagen anrufen, Himmel, Arsch und Zwirn.“ – Ich wühlte mein Handy raus. Setzte mich aus dem Rollstuhl nach unten neben sie auf den Fußboden, nahm ihre Hand. Nach dem zweiten Tuten gab es eine Verbindung: „Feuerwehr und Rettungsdienst, wo ist der Notfallort?“ – „In der …straße, direkt vor dem Imbiss …“ – „Was ist passiert?“ – „Ein Kind, etwa 14 Jahre, weiblich, wurde von einem Auto angefahren.“ – „Ist das Kind ansprechbar?“ – „Im Moment ja, es hat aber einen Schock sowie mehrere oberflächliche Verletzungen und vermutlich ein Schädelhirntrauma.“ – „Sind weitere Personen verletzt?“ – „Nein.“ – „Ist jemand eingeklemmt?“ – „Nein.“ – „Woher wissen Sie, dass das Kind einen Schock hat?“ – „Typische Symptomatik.“ – „Sind Sie ausgebildeter Ersthelfer?“ – „Medizinstudentin.“ – „Versuchen Sie, das Kind auf die Erde zu legen und die Beine erhöht zu lagern. Geben Sie dem Kind nichts zu essen und nichts zu trinken. Hilfe ist unterwegs. Ich verständige auch die Polizei.“

Um das Kind herum hatte sich eine Traube von mindestens 30 Leuten gebildet. Ich sagte laut: „So, alle, die jetzt hier nichts zu suchen haben, gehen bitte weiter. Hier gibt es nichts zu gaffen.“ – Ein Typ sagte: „Ich habe das genau gesehen, ich bin Zeuge!“ – „Dann gehen Sie doch einfach ein paar Meter weiter und warten dort auf die Polizei.“ – Lea plapperte: „Ich will nicht ins Gefängnis. Ich spüre meine Füße nicht mehr. Ich will nicht in den Rollstuhl. Meine Mutter soll kommen. Bist du gefahren?“, fragte sie eine Frau, die neben uns stand. Sie antwortete: „Ja, du bist mir ohne zu gucken einfach vor das Auto gelaufen!“ – Ich antwortete: „Nun lassen Sie mal gut sein, das klärt sich alles. Kinder kommen auch nicht ins Gefängnis und in den Rollstuhl musst du auch nicht.“ – Dann kam die Mutter angelaufen, wie von der Tarantel gestochen: „Was ist mit meinem Kind?“ – Der Mann, der Lea schon Wasser geben wollte, sagte: „Sie ist ohne zu gucken auf die Straße gerannt und wurde von dem BMW angefahren!“ – Die Mutter brüllte: „Wieso rennst du einfach so auf die Straße, ich habe dir 1000 Mal gesagt, dass du nur über die Ampel gehen sollst.“ – Die Frau war so aufgedreht, und meckerte immer weiter, dass ich brüllen musste, um mir Gehör zu verschaffen. „Meinen Sie, dass bringt jetzt was? Jetzt lassen Sie sie doch einfach mal in Ruhe. Lea, darf ich mal deinen Puls fühlen?“

Aus der Entfernung war Lalülala zu hören. Gegenüber war eine Uhr am Gebäude angebracht. Drei Minuten waren vergangen. Rettungswagen und Polizei hielten direkt neben uns. Eine Sanitäterin kam zu uns. „Was ist passiert?“ – Lea hatte sich gerade etwas beruhigt, fing nun wieder an zu weinen. Im gleichen Moment hielt noch ein Fahrzeug. Der Notarzt. Auch er fragte sofort, was passiert sei. Ich sagte: „Das ist Lea, sie wurde von dem BMW dort angefahren, ist gestürzt, kann sich aber nicht erinnern. Hat vermutlich ein Schädel-Hirn-Trauma und sicherlich einen Schock. Dazu oberflächliche Verletzungen am linken Schienbein und hier im Gesicht. Klagt über starke Schmerzen und gibt an, ihre Füße nicht mehr zu spüren.“

Lea wurde auf die Trage gelegt und in den Rettungswagen geschoben. Der Imbissbesitzer bekam seine Decken zurück. Ich kletterte wieder in meinen Stuhl. Der Notarzt kam aus dem Rettungswagen und fragte mich: „Haben Sie gesehen, ob sie mit dem Kopf gegen das Auto geschlagen ist? Oder auf den Asphalt?“ – „Nein, ich habe den Unfall selbst nicht beobachtet. Aber sie hatte sofort eine Erinnerungslücke. Und eben einen schweren Schock.“ – „Sind Sie Ärztin?“ – Ich schüttelte den Kopf: „Medizinstudentin.“ – Er fragte: „Sind Sie ein Querschnitt?“ – Ich nickte. Er drückte mir seine Hand auf die Schulter und meinte im Weggehen: „Hut ab.“ – Na das ging ja mal runter wie Öl. Aber dann: Die Mama wollte nicht mit ins Krankenhaus. „Da ist sie selbst Schuld, außerdem bekommen wir morgen Besuch und ich habe einen Braten in der Röhre. Ich kann da im Moment nichts für sie tun. Und ich habe ihr oft genug gesagt, sie soll nicht auf die Straße rennen.“ – Könnte meine Mutter sein.

Entschuldigung, aber wie %&$*!? muss man sein? Und das dann auch noch laut vor der Polizei und vor dem Unfallgegner zu sagen? Egal, nicht meine Baustelle. Ich habe mich um Lea gekümmert so gut es ging, alles weitere zeigt sich. Ich wurde gebeten, auf die Verkehrspolizei zu warten, die dann noch den Unfall aufnehmen würde. Bis die endlich kam (auch mit Lalülala), dauerte es fast eine Stunde. Und wie es mein Magnet so will, kommt das bestimmt vor Gericht und ich werde als Zeugin zur Hauptverhandlung geladen. Um dann nur sagen zu können, dass ich den Unfall selbst nicht gesehen habe.

Eine Seefahrt, Tag 3

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Tag drei unserer Seefahrt ist bereits in vollem Gange. Eigentlich ist es keine richtige Seefahrt, denn das Boot fährt kaum. Wir liegen seit Tagen fast pausenlos vor der Küste im Mittelmeer, neben einer Sandbank, und lassen es uns gut gehen. Gestern waren wir kurz zum Shoppingbummel in Marseille. Eine Schande, dass ich von dieser schönen Stadt fast nichts anderes als einen Straßentunnel (mit Stau), einen Discounter und einen Sexshop gesehen habe. Der XX-Mega-Store in Hafennähe kann sich an Hamburgs Reeperbahngeschäften noch was abgucken, das gewünschte Lederhalsband mit Hundeleine hatten sie allerdings vorrätig… Und nach einem sonnigen Nachmittag auf der Badeplattform unserer Yacht stieg direkt nach dem Abendessen die erste Mottoparty: Dominanz war das Stichwort, und während Marie und ich noch befürchteten, man würde uns nicht ernst nehmen, bekamen wir Dinge zu sehen, die wir nicht sehen wollten und die uns ernsthaft befremdet hatten. Ich habe -eigentlich eher aus einer Albernheit heraus- Marie ein Halsband und eine Leine umgebunden und sie sich neben mich auf eine Decke legen lassen. Ein Wassernapf stand vor ihr und hin und wieder habe ich ihr ein paar Weintrauben auf einen Blechteller gelegt, die sie dann ohne Zurhilfenahme ihrer Hände gefuttert hat. Ansonsten lag sie, alle Viere von sich gestreckt, neben meinem Rollstuhl. Im Bikini. Denn wer nicht in Fetisch-Klamotten käme, müsse eigentlich nackt sein.

Ein männlicher Mitfahrer kam dazu und fragte, ob sie mit dem Schwanz wedeln könne. Marie antwortete, der sei kupiert und fragte, ob ihr Frauchen dafür nicht wenigstens eine Strafe bekäme. Irgendwie machte Marie das Spielchen Spaß, allerdings weniger aus sexueller Motivation, sondern weil sie gerne albern ist. Irgendwann fing sie an zu hecheln, ich habe ihr über den Kopf gestreichelt und sie gekrault, und einmal, als ich mich zu ihr runterbeugte, leckte sie mir mit der Zunge quer durchs Gesicht. Und während die einen uns putzig fanden, hat sich eine Frau tatsächlich mit einer Reitgerte verdreschen lassen. In deren Zimmer, aber dennoch für alle hörbar. Irgendwann lief sie aus dem Zimmer, ihr Mann mit der Gerte hinter ihr her, sie hatte totale Striemen auf dem Hintern, flüchtete auf die Badeplattform und erklärte, sie würde ihm nie im Leben die Zehen lecken. Shane stand einige Meter daneben und schloss die Tür in Richtung Badeplattform. Eine andere Frau zündete plötzlich eine Kerze an. Und während ich überlegte, was das bei der Hitze soll, nahm sie sie in die Hand und ließ das heiße flüssige Wachs ihrem Mann auf den Rücken tropfen. Der sagte kein Wort und verzog keine Miene. Autsch, autsch.

Nach gut einer Stunde waren die meisten Leute außer Sichtweite, als ich meinte: „Ich gehe jetzt mit meinem Hund ins Bett.“ – Zack, weg waren wir, Tür zu, Mottoparty beendet. Und während der eine oder andere vermutlich dachte, bei uns geht jetzt die Post ab, habe ich Marie das Halsband abgenommen und es mir auf dem Bett bequem gemacht. Flüsternd haben wir uns noch bestimmt drei Stunden unterhalten, bis sie plötzlich eingeschlafen war. Draußen war nichts mehr zu hören, und entsprechend dachte ich mir: Bevor ich nach dem ganzen Tee im Schlafen das Bett flute, roll ich lieber nochmal zum Klo. Und trinke auf dem Rückweg noch was, schließlich war es recht warm im Zimmer. Ich rollte also leise aus dem Zimmer, im Dunkeln um die Ecke – steht da plötzlich ein Typ. Ich nenne ihm mal Matthias. Ende 20, athletische Figur. Ich habe mich zu Tode erschrocken und meinte nur: „Was machst du denn hier?“

„Auf dich warten?“ – „Haha. Und sonst?“ – „Sonst nichts.“ – „Und ernsthaft?“ – „Ich hab ein wenig auf das Meer geguckt und auf die Sterne und den Mond und kann nicht schlafen, weil es so warm ist. Meine Frau schläft aber schon. Und was machst du?“ – „Ich will einmal zum Klo und was trinken.“ – „Gehen wir noch ne Runde schwimmen?“ – „Was, jetzt?“ – „Ja? Bist du schon mal im Dunkeln geschwommen?“ – „Ja.“ – „Wollen wir?“ – „Ich weiß nicht.“ – „Na komm, ist erfrischend. Nur kurz zwei Runden um das Boot. Ich pass auf dich auf. Und wenn du willst, trag ich dich rein und raus.“

Hm. Klang irgendwie verlockend. Ob Marie sauer sein würde, wenn ich sie nicht frage, ob sie mit will? Nein. Eifersüchtig? Vielleicht, aber da muss sie durch. Sie kann das ja alleine oder wir könnten das ja zu zweit jederzeit wiederholen. Mit oder ohne Begleitung. Ich antwortete: „Okay. Aber ich möchte keinen Sex.“ – Warum eigentlich nicht? In seiner Partnerschaft nahm man dieses Thema offensichtlich nicht so genau. Ich schob den Gedanken zur Seite. Nicht beim ersten Mal und wenn, dann auf keinen Fall ohne Kondom. Er antwortete: „Ich auch nicht. Ich möchte schwimmen“, und griff mich mit einem Arm unterm Gesäß und mit einem hinter den Schulterblättern, presste mich an sich heran, so dass sein Gesicht gegen meine linke Schulter und mein Bauch gegen seine Rippen drückte, versuchte, meine Beine um seine Hüften zu legen und ging mit mir in Richtung Badeplattform. Keine Berührungsängste. Ich sagte: „Ich möchte vorher nochmal kurz zum Klo.“ – „Abgelehnt, das macht zu viel Lärm.“ – „Hey, was, wenn ich kacken muss?“ – Ich dachte mir: Socke, mach dich erstmal so unattraktiv wie möglich, bevor er doch noch was von dir will.

„Auch das kann man ins Meer machen“, sagte er. Oah, pfui. Und dann trifft man bei der zweiten Runde ums Boot alte Bekannte wieder oder was? Aber ich hatte das auch gar nicht vor. Bevor ich mich versah, sprang er mit mir auf dem Arm ins Wasser, das hier etwa brusttief war. Der Temperaturunterschied war spürbar, und da ich weiß, wie meine Beine und meine Blase darauf reagieren, versuchte ich, schleunigst von ihm wegzukommen. Er hielt mich umso fester und es gelang ihm, mit mir im Arm einen festen Stand zu bekommen. Ich sagte: „Lass mich mal bitte los.“ – Er klammerte sich noch fester um mich. Ich wiederholte: „Lass mich bitte los!“ – Er dachte nicht daran. Vermutlich hatte er noch nicht gemerkt, was da gerade passierte, vielleicht passierte es auch noch nicht, mir war das aber trotzdem unangenehm. Ich versuchte, mich aus seiner Umklammerung zu drehen. Es gelang mir nicht. „Matthias, jetzt lass mich endlich los“, fauchte ich ihn an. Er antwortete: „Wieso bist du so garstig? Ich tu dir nichts. Ich will dir doch nur einmal den großen Wagen zeigen. Und den kleinen Matthias. Da oben am Himmel“, sagte er und zeigte mit dem ausgestreckten Arm in die Sterne. Er fuhr fort: „Ist das nicht faszinierend? Der Sternenhimmel über dem Meer? Du musst keine Angst haben, Jule, ich tu dir wirklich nichts. Ich finde dich zwar gerade wahnsinnig attraktiv und mein Herz schlägt Purzelbäume, weil du mit mir baden gehst und ich dich auf dem Arm haben darf, aber es ist alles gut. Darf ich diesen Moment noch ein paar Sekunden genießen? Und kannst du ihn bitte auch genießen? Komm, lass uns die große Jule und die große Marie am Sternenhimmel suchen.“

Ich hatte Angst. Ziemliche Angst. Erstens: Wenn ich pinkeln muss, mag ich keine körperliche Nähe. Das mag ich schon bei Maries Mutter nicht, wenn sie mich ins Meer trägt, und zu ihr habe ich ein weitaus engeres Verhältnis als zu diesem Matthias. Zweitens: Kann er mich bitte loslassen, wenn ich sage, dass ich diese enge Nähe nicht mehr möchte und nicht einfach seinen Willen duchsetzen? Ich seufzte und ließ mir den Sternenhimmel erklären. Neben dem kleinen Matthias, der großen Jule und der großen Marie kamen auch so Dinge wie Gummibären, Rasenmäher und Zombie-Augen am Himmel vor. Eigentlich wollte ich nicht, dass meine Haare nass werden, aber plötzlich schmiss er mich im hohen Bogen von sich weg und sagte: „Wer zuerst einmal ums Boot geschwommen ist, bekommt morgen die aufblasbare Schwimm-Insel mit der Palme als erstes!“ – Tja, Stinkesocken können schneller schwimmen als er dachte. Er hatte keine Chance. „Schwimmst du im Verein?“, wollte er wissen.

Nach der Runde nahm er mich wieder auf den Arm, kletterte mit mir über die Badeplattform aus dem Wasser und setzte mich wieder in meinen Stuhl. „Morgen nacht wieder?“, fragte er mich. – „Mal schauen“, antwortete ich. Spannung muss sein. Ich rollte zurück ins Zimmer, Marie schlief tief und fest. Ich legte mir ein Handtuch anstelle des Kopfkissens ins Bett, zog meinen nassen Bikini aus und legte mich direkt hin. Die letzten Wassertropfen würden bei der Wärme in den nächsten drei Minuten getrocknet sein. Irgendwie hatte dieses nächtliche Schwimmen in mir doch ein paar Glücksgefühle freigesetzt und meine kalte Haut in dem warmen Bett fühlte sich gut an. Marie schlief, und da es mir mehr darum ging, ein paar Hormone zu regulieren als mich zu verwöhnen, war ich nach etwa sieben Minuten und vierzig Sekunden auch schon einschlafbereit. Ich drehte mich auf die Seite, als Marie plötzlich dichter an mich herankuschelte und „erwischt“ murmelte. Ich konnte mir ein „Oah, Scheiße, ich dachte, du schläfst!“ nicht verkneifen. Ich spürte, wie mein Gesicht zu glühen begann. Zum Glück war es dunkel. Marie gab mir einen Kuss auf die Wange.

Eine Seefahrt, Tag 2

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Nach einem ersten halben Tag, einer kurzen Nacht und einem ersten Morgen sitze ich mit einem Laptop unter einem Sonnenschirm und höre den Vögeln zu. Kreischende Vögelnde sind auch dabei … es ist schräg, aber es ist nicht so schräg wie ich befürchtet hatte. Wenn man ein Paar ist, hat man mal Sex, und wenn man im Urlaub ist, vielleicht einmal öfter. So ist gut vorstellbar, was hier los ist. Es gibt aber auch noch andere Beschäftigungen. Ich habe mich mit zwei Frauen und einem Mann gestern sehr lange und instensiv über viele verschiedene Themen unterhalten. Und Marie und ich haben die Nacht tatsächlich zum Schlafen genutzt. Wenn sie auch kurz war, auf einem sanft schaukelnden Boot und moderater Raumtemperatur schläft es sich sehr entspannt. Kulinarische Köstlichkeiten sind an Bord eigentlich ständig zu haben, am besten gefallen mir die Frucht- und Gemüseplatten. Gurkenscheiben, Karotten, Wassermelonen, Trauben, Ananas, Apfelstücke – alles gekühlt, alles lecker. Kühler ungesüßter Tee als Standardgetränk lassen mich auch die um zehn Uhr morgens bereits mehr als dreißig Grad Lufttemperatur aushalten.

Zum Frühstück gab es neben Brötchen und Aufstrich auch Minibratwürste, Spiegelei und kalten Orangensaft. Und es gab tatsächlich auch Leute dazwischen, die sich eine Bikinihose und ein T-Shirt übergezogen haben. Vielleicht auch, weil man dann auf den Barhockern mit Kunstlederbezug nicht so schnell festklebt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass Shane offenbar selektiert hat. Von zwölf Personen sehen zehn so aus, dass ich sie, wäre ich Malerin, gerne portraitieren würde. Nackig. Wie aus dem Ei gepellt. Bei zweien will ich es lieber nicht selbst beurteilen, denn die sind behindert. Und da bin ich möglicherweise voreingenommen. Ja richtig gelesen, Behinderte sind auch dazwischen. Eine inklusive Swing-Swapp-Bootstour sozusagen. Allerdings wollte bislang weder mit mir noch mit Marie jemand swingen oder swappen. Worüber ich im Moment auch nicht traurig bin! Es ist aber spannend zu sehen, wie die Berührungsängste zunehmend abnehmen: Gestern abend fragte mich bereits eine Frau (in meinem Alter), ob ich Empfindungen in dem Bereich dort unten hätte. Und befand, dass wir dafür, dass wir im Rollstuhl sitzen, eigentlich recht sexy wären. Ich bin gespannt, wie ernst man uns bei der Mottoparty nimmt, die heute abend unter dem Thema „Dominanz“ und morgen nacht unter dem Thema „Schlafen“ steigt. Und ich bin gespannt, ob der erwähnte Mini-Sexshop das vorrätig hat, was ich mir kaufen möchte; ob er Kreditkarten akzeptiert und ob ich mir vor Ort ein schelmisches Grinsen verkneifen kann.

Mein allerliebster Aufenthaltsort ist übrigens ein Schwimmring. Durchmesser geschätzt 150 Zentimeter, in der Mitte offen, in den luftbefüllten Teil sind mehrere Getränkehalter eingelassen. Für Schatten sorgt eine ebenfalls aufblasbare Palme, die fest in den Ring eingelassen ist. Hin und wieder muss das ganze Ding mal in Richtung Sonne gedreht werden, ansonsten kamen regelmäßig Leute vorbei geschwommen, die entweder an meinen Füßen kitzeln oder mich nassspritzen wollten. Marie hat es sich heute morgen zwei Stunden auf einer Luftmatratze im Schatten der Yacht bequem gemacht – so lässt es sich tatsächlich aushalten.

Eine Seefahrt, die ist lustig

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Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, denn da kann man fremde Länder und noch manches andre sehn. Hollahi.

Als waschechte Hamburgerin kenne ich Wind, Wasser und damit Wellengang. Eine Hafenrundfahrt bei Windstärke zehn (so grüne Gesichter hast du noch nirgends gesehn) haut eine Stinkesocke nicht aus dem Stuhl und entsprechend amüsiert bin ich jedes Mal, wenn Leute sich im Kajak krampfhaft am Paddel festhalten, sobald eine kleine Motoryacht vorbeituckert und drei Wellen etwas Bewegung ins Leben bringen. Meine Kommilitonen waren zumindest recht erstaunt, dass ich trotz meiner Behinderung keine Angst hatte, bei einem Kajak-Ausflug auf einem breiten Fluss ohne Strömung mitzumachen. Als ich denen nämlich vorher erzählte, dass wir manchmal mit Seewasser-Kajaks über die Ostsee geheizt sind, versuchten mehrere Leute, mir zu erklären, dass das, wenn man im Rollstuhl sitzt, ja nicht ginge. Zumal ich mich geweigert hatte, Beweisfotos vorzulegen. Leute, erklärt ihr mich nicht, was ich nicht kann. Okay?

Egal. Es geht um eine Seefahrt und nicht um eine Flussfahrt, also muss hier noch mehr kommen… Ich bin eingeladen worden. Von Shane. Shane ist Amerikanerin, studiert in jenem Bundesland, in dem ich derzeit wohne, allerdings nicht in derselben Stadt wie ich und auch nicht Medizin. In Kontakt gekommen sind wir über eine andere Rollstuhlfahrerin, ich nenne sie einfach mal Bärbel, die an meinem derzeitigen Wohnort studiert (auch nicht Medizin), und die mir von einem Yacht-Urlaub auf dem Meer vorschwärmte. Eine große Yacht, auf der man auch mit dem Rolli überwiegend klar käme. Sie gehört eigentlich Shanes Eltern, und da eine Tante wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt, habe man bei der Ausstattung des rund 45 Meter langen Luxus-Kahns auf breite Türen und wenig Schwellen geachtet.

Kurzum: Über das verlängerte Pfingstwochenende sei mit insgesamt 12 Personen eine Fahrt durch ein paar Seen und auf dem Meer geplant, Bärbel sei eingeladen gewesen, könne aber wegen einer Hautverletzung nicht teilnehmen. Sie sei super traurig, da das im letzten Jahr so schön war. Nun ist ein rollstuhlgerechtes Zimmer auf dem Dampfer frei. Ob das nicht was für mich wäre. Es koste nichts, ich müsste nur den Hin- und Rückflug und mein Essen bezahlen. Ich war anfangs skeptisch, ich kannte Shane nicht, ich kannte die 11 anderen Leute nicht – andererseits klang das, was Shane vorhatte, nicht schlecht, sondern sehr reizvoll. Bärbel drängte mich nahezu, doch wenigstens einmal mit Shane zu telefonieren und drückte mir quasi, bevor ich mir Widerworte überlegen konnte, ihr Handy in die Hand. Am anderen Ende war Shane und … naja, es klang alles sehr toll. Drei Tage entspannen, ein Kapitän (denn das Schiff darf nur mit Führerschein gefahren werden) und eine Köchin seien an Bord, es gebe keine Drogen und alle Leute seien ihr persönlich bekannt, bis auf ich. Das müsste sich halt vorher auch noch ändern, denn sie nehme nur Leute mit, die sie vorher schonmal gesehen habe und die ihr sympathisch seien. „Du kannst auch deinen Freund oder deine Freundin mitbringen, dann teilt ihr euch das Zimmer. Steht sowieso ein Doppelbett drin.“

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie und warum sich jemand, der in Amerika wohnt, in Europa eine große Luxusyacht irgendwo hinlegt. Und irgendwie fand ich das alles zu abgehoben. Trotzdem traf ich Shane und am Ende hatte ich ein gutes Gefühl. Wir, das heißt Marie und ich, denn ohne Begleitung würde ich auf keinen Fall mitfahren, müssten uns halt gut benehmen, meinte Shane, und wir dürften nichts kaputt machen, bräuchten eine Haftpflichtversicherung, ihre Eltern würden ihr das sonst nicht erlauben. Aber die Yacht liege derzeit sowieso rum, nachdem die Eltern in der letzten Woche von dort wieder abgereist seien. Die Fahrt starte und ende im französischen Vitrolles, das ist in der Nähe von Marseille. Es gebe direkte Flüge dorthin. Die anderen Leute seien alle zwischen 20 und 35 Jahre alt. Ich sei die einzige Rollstuhlfahrerin, aber die (selben) Leute hätten im letzten Jahr mit Bärbel im Rollstuhl auch keine Probleme gehabt. Ich telefonierte mit Marie und dann war die Entscheidung gefallen. „Ja“ zu einem Luxus-Pfingsturlaub auf einer Yacht im Mittelmeer. Mit Koch und Kapitän. Maries Vater sagte: „Ihr lebt ja wie Gott in Frankreich.“

Der Hinflug machte keine größeren Probleme, mein Rollstuhl überstand den Transport im Frachtraum unbeschadet. Marie landete kurz nach mir mit einem anderen Flieger. Und bevor wir uns lange mit irgendeiner Überland-Busverbindung auseinander setzen wollten, bat uns ein Taxifahrer einen Festpreis an. Beide Leute, beide Rollstühle, alles Gepäck für zusammen 25 Euro – im Vergleich mit Hamburger Verhältnissen ein mehr als guter Deal. Aus unserer „Reisegruppe“ waren bisher außer Shane nur zwei andere Leute da, ein Paar um die 30 Jahre alt. Nach und nach trudelten die anderen Leute ein und nach und nach wurde ich entspannter. Alle waren nett, soweit ich das überblicken konnte, waren keine schrägen Vögel dazwischen, alle wirkten entspannt und es herrschte von der ersten Sekunde eine sehr lockere und lustige Stimmung.

Wir gingen an Bord, für Marie und mich sah das so aus, dass ein kräftiger junger Mann uns nacheinander auf den Arm nahm, rübersprang, und jemand anderes den Rollstuhl auf das Schiff hob. Apropos Schiff: Die Yacht wirkte „in echt“ noch viel größer als auf den Fotos, die wir gesehen hatten. Wir bekamen eine Führung durch verschiedene richtige Zimmer, dann legten wir ab, um Hafengebühren zu sparen. „Sonnencreme, Getränke und Crush-Eis sind die wichtigsten Dinge, die wir an Bord brauchen“, ließ uns Shane wissen. Von allem sei genug da. Das Boot tuckerte mit den erlaubten 6 Knoten (etwa 11 km/h) durch einen Binnensee in Richtung Meer. Erstes Ziel sei eine Sandbank vor der Küste. Die Sonne schien, Marie machte ein glückliches Gesicht, es könnte ein toller Pfingst-Urlaub werden.

Als nächstes bekamen wir die Benutzung der sanitären Einrichtungen erklärt. Waschen und duschen sei nur mit Öko-Shampoo erlaubt, das keine Silikone und andere chemischen Zusätze enthielt, denn das Dusch- und Waschwasser werde direkt ins Meer geleitet. „Wenn das Boot eine Schaumspur hinter sich herzieht und die Polizei sieht das, wird das teuer.“ – Für die insgesamt drei Klos an Bord sei das etwas anders geregelt, denn seit rund 30 Jahren müssten solche Yachten mit einem Fäkaltank ausgerüstet sein. Diese Yacht habe zwei solche Tanks, einer sammle die festen Bestandteile (einschließlich Spezialklopapier), der zweite die flüssigen. Mit anderen Worten: Die Abwasser werden nach dem Häckseln gefiltert und in einen Tank gepresst. Alles Flüssige läuft dabei in einen zweiten Tank, der ab einer Entfernung von etwa 5,5 Kilometern zur Küste völlig legal ins Meer entleert werden dürfe. Wie lecker.

Was wir ebenfalls noch schnell hinzu lernten, war ein weiterer wichtiger Zweck der Reise. Neben dem allgemeinen Verlangen nach Sonnenbräune und Entspannung gab es noch den mehrheitlichen Willen zum Austausch von Körperflüssigkeiten. Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir auf jeden Fall wegen des trotz enormer Dimensionen des Schiffs begrenzten Raums und eher dünner Wände mittelbar Zeuge sexueller Aktivitäten werden würden, dass aber die Mehrheit völlige Hemmungslosigkeit praktizieren wollte, war uns vorher selbstverständlich nicht gesagt worden. Ich bin bestimmt nicht prüde oder schamhaft und ich halte mich ganz sicher nicht für verklemmt. Auch Marie ist keine graue Maus und folgt allenfalls dem Sprichwort: „Stille Wasser sind tief.“

Allerdings fühlte ich mich etwas angemacht, als eine Teilnehmerin, etwa 30, mich mit „du musst gar nicht so böse gucken“ zurechtwies, als ich zugegebenermaßen verdattert realisierte, wie sie sich gerade für alle sichtbar auf dem Ledersofa vor dem Fernseher durchbügeln ließ. Komplett nackt natürlich. Marie und ich rollten nach draußen, um Shane auf der Terrasse zu treffen. Sie war immerhin noch mit einem Top bekleidet. Aber eben auch nur mit einem Top. Was soll ich sagen? Ihre Vagina sah hübsch aus, überhaupt ihr ganzer Körper war durchaus ansprechend, wenn nicht sogar sehr erotisch. Nur mussten Marie und ich erstmal neu herausfinden, ob wir unter diesen bisher unbekannten Umständen unsere nächsten Tage verbringen oder lieber wieder abreisen wollten. Marie, direkt wie sie eben sein kann, fragte Shane: „Du, sag mal, wieso ficken da eigentlich welche in der Fernseh-Ecke?“ – Spontane Antwort: „Weil sie es können!“

Soso. Ob uns denn niemand gesagt hätte, was für eine Pfingsparty hier steige und falls es uns tatsächlich niemand gesagt hätte, ob wir wirklich geglaubt hätten, man starre drei Tage auf das weite Meer und meditiere. „Ähm, ja, nein“, stotterte ich. Für die Frage, ob wir damit ein Problem hätten, baten sich Marie und ich noch etwas Bedenkzeit aus. „Können wir dir das in ein paar Stunden beantworten?“ – „Na klar, und bedenkt bei eurer Antwort auch gleich, dass Swinging, Swapping und Gruppenaktivitäten genauso auf dem Programm stehen wie Mottopartys.“ – „Mottopartys?“, fragte Marie erschrocken. Ich witzelte: „Hätte ich das gewusst, hätte ich mein Latex-Bodysuit mitgebracht!“ – „Wir werden morgen, wenn wir die Essenspläne besprochen haben, einen kurzen Landgang in Marseille haben, weil wir noch einmal einkaufen müssen. In der Stadt gibt es einen Shop, klein aber fein, wo man das eine oder andere besorgen kann.“

Ich glaube, das war in dem Moment unser kleinstes Problem. Wir mussten uns entscheiden: Entweder war das Pfingstwochenende trotz Luxus-Yacht und Bombenwetter im Mittelmeer in Kürze beendet und wir müssten ein barrierefreies Hotel finden, um es uns bis zum Rückflug irgendwo in Strandnähe gemütlich zu machen, oder wir würden das Spielchen mitspielen und einfach hoffen, dass jeder, der uns zum Sex auffordern wird, ein Nein akzeptiert. Oder vielleicht ergibt sich sogar noch eine Chance auf etwas Spaß? Solange alle die Grenzen respektieren, müssten wir nur damit leben können, dass um uns herum eine bislang unbekannte Atmosphäre herrscht. Wir zogen uns in unseren Raum zurück und kamen relativ schnell zu einer Entscheidung. Marie sagte: „Es sind genügend Frauen an Bord. Wir könnten darauf vertrauen, dass alle die Grenzen beachten. Ich würde einfach nochmal mit allen reden und ehrlich sagen, dass wir so etwas zum ersten Mal mitmachen und gespannt, aber unsicher sind. Anhand der Reaktionen merken wir dann ja, ob die anderen Rücksicht nehmen oder nicht. Und vielleicht sollten wir uns als lesbisches Paar ausgeben und im schlimmsten Fall kriegt jemand von uns Migräne.“

Die gemeinsame Planungsrunde mit allen Leuten begann. Marie fasste sich ein Herz und sprach in großer Runde an, dass wir keinerlei Erfahrungen hätten und nun, wo es so weit sei, sehr aufgeregt wären. Bevor sie mehr sagen konnte, meinte ein Typ: „Jeder von uns war in seinem Leben schon ein erstes Mal dabei. Es gibt drei ganz einfache Regeln: ‚Nein‘ heißt nein, ‚weiß nicht‘ heißt nein, ‚ja‘ heißt ja. Wer sich nicht dran hält und andere bedrängt, wird auf offener See ausgesetzt. Notfalls mit Rollstuhl. Ansonsten gilt: Nackt ist erlaubt, fotografieren nicht, wer irgendwo dazukommen will, muss fragen. Sowohl am Tisch oder vor dem Fernseher fragt man, ob hier noch frei sei. Ebenso, wenn man irgendwo zuschauen wolle.

Konnte ich damit leben? Schwierig aber tendenziell ja. Und Marie auch. Wir waren gespannt.