Frohes Neues Jahr

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Ich bin …

… wieder im Lande. Es ist alles noch dran, ich habe keine Krankheiten eingeschleppt und der Sand hinter den Ohren ist auch bereits abgeduscht. Wir haben den Urlaub ohne große Einschläge überstanden, niemand ist ertrunken und keiner wurde verhaftet. An den letzten Tagen hatten wir wunderbaren Sonnenschein bei 24 bis 26 Grad, das Meer war mit 23 Grad verhältnismäßig kühl geblieben. Alle hatten sich lieb, es war sehr schön – aber nun freue ich mich auch, wieder zu Hause zu sein. Auf Dauer wäre so ein relaxtes Leben nichts für mich.

Nein, öffentliche Fotos gibt es keine. Da muss ich enttäuschen. Ich hatte weder eine große Kamera noch mein Handy mitgenommen – man stelle sich das mal vor. Eine Woche keine SMS, kein soziales Netzwerk, kein „wo bist du gerade“ und vor allem: Keine internationalen Roaming-Tarife. Dafür aber WLAN im Zimmer, insofern ist „kein soziales Netzwerk“ nicht ganz korrekt. Aber fast. Und Postkarten habe ich auch nicht verschickt. Maries Papa hat ein paar Tausend Fotos gemacht, geschätzt und gefühlt, …

Das Silvesterspektakel war einigermaßen lustig, wenngleich auch abgehoben. Um den Rekord des „größten Feuerwerks der Welt“ aufstellen zu können, wurde Silvester extra eine halbe Stunde vorverlegt. Pünktlich um 23.30 Uhr (Ortszeit) hat man über die gesamte Höhe des Burj Khalifa (das ist ein über 800 Meter hoher Wolkenkratzer, ich glaube, aktuell sogar der höchste, der derzeit fertig gestellt und bewohnt ist) tausende Raketen waagerecht in die Luft geschossen. Die Farben waren koordiniert, es war ein ziemliches Spektakel, allerdings eben sehr separiert, da das eigentliche Feuerwerk (das dann wiederum für deutsche Verhältnisse eher mager war) erst begann, als Burji bereits fertig war.

Wir haben uns bis halb drei Uhr auf einem Galadinner vergnügt. Etwa 70 Leute im feinen Zwirn waren anwesend. Bevor der knurrende Magen beruhigt wurde, gab es zunächst eine Präsentation über den Bau der Ferienanlage. Auf nahezu akzentfreiem Englisch konnte man zwanzig Minuten lang staunen, anschließend einen Bildband für umgerechnet 75 Euro erwerben. Bei einem Drei-Gänge-Menü war es letztlich ein netter Abend an einem Vierertisch, im Hintergrund dudelte etwas Musik, und als die ersten Leute so viel Alkohol intus hatten, dass sie auf dem Boden krabbelnd eine Polonäse anstimmen wollten, sind wir langsam in Richtung Bettchen aufgebrochen.

Zurück in Deutschland kam es zwei Uniformierten am Flughafen etwas arabisch vor, dass wir nichts zu verzollen hatten. Prompt wurden wir (neben einem älteren Ehepaar und einer Frau um die 50) angesprochen und gebeten, mitsamt aller Taschen in einen Nebenraum zu kommen. Etwas später kam dann noch ein junger Mann dazu, der von zwei Zivilbeamten begleitet wurde. Nachdem sie dann meine Badesachen auf links gedreht und Maries Einmalkatheter genauestens unter die Lupe genommen hatten, waren sie überzeugt, dass wir weder ein paar Millionen Euro in bar noch einen halben Elefanten im Koffer hatten, und durften gehen. Die anderen Kandidaten räumten allerdings mit hochroten Köpfen alle möglichen Sachen aus ihren Taschen, die sie da besser nicht drin gehabt hätten. Die eine Frau hatte mindestens 10 Stangen Zigaretten im Gepäck.

Ich habe in der einen Woche ein wenig Farbe bekommen, bin völlig entspannt und werde mich nun auf meine erste große Prüfung vorbereiten, die in der zweiten Märzhälfte ansteht. Da muss ich zwei Tage lang in je vier Stunden insgesamt 320 Fragen beantworten, die es in sich haben. Wer sich ein Bild machen möchte: Erster Tag, zweiter Tag. Ja, ich sagte doch, die haben es in sich. Mir graut schon davor. Und dann kommt noch ein mündlich-praktischer Teil, dabei werden in der Regel Dreiergruppen drei Stunden lang von mehreren Profs ausgequetscht. Schaun wir mal.

Guten Rutsch 2013

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Zehn Stunden Sonne, angenehme 24 Grad, etwas Wind, links von mir weißer Sand, rechts von mir weißer Sand, warmes Meer, kein Lärm, entspannte Leute, keine Böller – ich glaube, ich habe noch nie einen so entspannten Silvestertag erlebt!

Mir tut es sehr gut, mal für ein paar Tage nur Leute in meiner Nähe zu haben, die mich nicht irgendwie nerven oder ärgern. Gerade in letzter Zeit hatte ich öfter mit nicht altersentsprechendem Verhalten meiner Mitmenschen zu tun, und ich habe mir, mit etwas Abstand zu den Ereignissen des zweiten Weihnachtstages, als Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen, auf solche Dinge künftig etwas egoistischer zu reagieren.

Ich muss in diesem Jahr noch ein wenig schwere Kost verdauen, denn fehlen darf der zweite Weihnachtstag in meinem Blog nicht: Marie hatte einige Leute vom Sport (gruppenübergreifend) zum Weihnachts-Brunch eingeladen. Unter anderem war ein Sportkollege dabei, der kein Rollstuhlfahrer ist. Er legt immer sehr, sehr schüchternes Verhalten an den Tag. Ich möchte gar nicht wissen, ob es dazu vielleicht sogar eine Diagnose gibt, da ich den Menschen sehe: Einen Mann Anfang 20, auffallend lange Haare, die er stets offen trägt, eher groß, recht athletisch gebaut. Er fällt mir regelmäßig durch eine große Hilfsbereitschaft auf. Ich kenne ihn nur vom Rennbike-Training, er trainiert auf dem Rennrad in einer parallel stattfindenden Fußgängergruppe, Marie hatte ihn zum Weihnachtsbrunch eingeladen, weil sie ihn nett findet.

Und zwei Leute „vor Ort wieder ausgeladen“, um genau zu sein: Ein Pärchen durfte gehen. Oder fahren, denn die beiden sitzen im Rollstuhl. Sie trainieren nicht mit uns, sondern sind uns (oder mehr Marie) aus der „Rolliszene“ bekannt. Und können auch nett sein. Marie hat den beiden kurzerhand beim Essen die Teller aus der Hand genommen und sie aufgefordert, die Party auf direktem Wege zu verlassen. Ich hatte das erst nicht richtig mitbekommen, aber was sie mir nachher erzählte, … wie gesagt, ich bin froh über den Abstand, den ich im Moment nach Hamburg habe.

Hauptsächlich der männliche Teil des Paares hat wohl keine Gelegenheit ausgelassen, um über diesen jungen Mann abzulästern. Dieser junge Mann verhält sich halt ein wenig auffällig, gerade wenn unbekannte Leute da sind. Er kommt immer schon sehr früh, ich vermute, um zu vermeiden, dass er auf andere Leute zur Begrüßung zugehen muss. Wenn dann doch schon jemand da ist, dann läuft er ein paar Mal im Sichtbereich dieser Gruppe auf und ab und traut sich nicht, sich den anderen Leuten zuzuwenden und sie zu begrüßen. Ich kenne das schon vom Sport, ich mache dann immer kurzen Prozess, rolle auf ihn zu und rede dabei schon mit ihm, mache ihm deutlich, dass ich ihn gesehen habe und mich über seine Anwesenheit freue: „Hallo XY, schön, dass du da bist, bist du gut durchgekommen?“ – Dann gebe ich ihm die Hand und danach ist alles gut. Dann kommt er mit, setzt sich neben mich oder stellt sich zu einer bereits bestehenden Gruppe dazu oder ähnliches. Es braucht halt diesen einen Anschub, und ganz ehrlich: So oft, wie ich mal einen Schubs bei einer Stufe brauche, wo ist das Problem, den jungen Mann an seiner „Grenzlinie“ abzuholen?

Ich sehe darin jedenfalls kein Problem. Nicht nur, weil ich als Rollstuhlfahrerin hin und wieder mal Hilfe brauche. Sondern auch sonst. Genauso, wie man ihm sagen muss: „Nimm dir auch was zu essen! Das Buffet ist für alle da!“ – Er fragt auch nicht, wo das Klo ist, sondern ob er es benutzen darf. Besagtes Pärchen (oder vielmehr der männliche Part des Pärchens) sah wohl, wie dieser junge Mann sich nicht traute, rein zu kommen oder zu klingeln, und meinte dann: „Wollen wir ihn mal zwei, drei Stunden vor der Tür rumtickern lassen? Mal sehen, wann er Hunger hat und doch noch klingelt.“

Auf ein scharfes „das finde ich jetzt gerade überhaupt nicht witzig – Jule kannst du ihm mal die Tür aufmachen?“ von Marie kam dann, so erzählte sie mir später: „Okay, therapeutischer Ansatz. Wir zählen, wie oft er da draußen im Kreis rennt und je angefangenes Dutzend muss er einmal klingeln, und für jedes Mal Klingeln darf er sich eins von diesen süßen kleinen Fruchtstückchen von der Platte nehmen.“

Es soll Leute geben, die sowas nach ihrem 5. Bier am frühen Morgen lustig finden. Entsprechend gab es wohl Gelächter, und auf Maries bösen Blick fing der weibliche Teil des Pärchens an, zu beschwichtigen: „Jetzt mal im Ernst, dass dem so ein kleiner Ziehfaden aus der Mütze hängt, kann doch niemand abstreiten. Er ist ja ganz nett und das ist auch überhaupt nicht böse gemeint, aber der Haschi ist doch offensichtlich.“

Daraufhin hat Marie erst ihr und dann ihm, selbst noch halb kauend, den Teller vom Schoß genommen und dann gesagt: „Es gibt immer mal so Momente, da muss man als Gastgeberin Entscheidungen treffen. Dieses ist so ein Moment und ich habe mich entschieden, meine Einladungslite zu überdenken und ohne euch beide weiter zu feiern.“

Reaktion von ihm: „Okay?! Wenn du meinst, dass deine Reaktion angemessen ist, … bitte. Ich finde, du machst dich gerade ein bißchen lächerlich, aber es ist deine Party und dein Haus. Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß, die Stimmung anschließend wieder über den Nullpunkt zu heben.“

Marie ließ sich zu einer weiteren Antwort provozieren: „Es ist nicht mein Haus, sondern das meiner Eltern, und ihr könnt beide froh sein, dass sie das nicht gehört haben.“ – Während die beiden sich betont langsam die Jacken überzogen, machten sie noch weitere 20 Sprüche, anschließend verschwanden sie und keine zwei Stunden später war in einem sozialen Netzwerk unter einem Foto zu lesen: „Spontan ein bißchen Weihnachten feiern mit … und … und … und … und … an der Elbe bei wunderschönem Wetter und drei Thermoskannen Glühwein.“

Nun denn, wir hatten keinerlei Probleme, die Party ohne Glühwein wieder in einen positiven Stimmungsbereich zu schieben. Irgendwie hatte niemand mehr Lust, über dieses Thema weiter zu diskutieren. Dennoch dauerte es nicht lange, bis der junge Mann mitbekommen hatte, was da los war. Seine Reaktion: „Hätte ich das gewusst, wäre ich gar nicht erst gekommen.“ – Maries Antwort: „Gut, dass du es nicht gewusst hast. Dass ich die beiden an die Luft gesetzt habe, hat weniger was mit dir zu tun. Gerade in meinem Zuhause dulde ich keine Ausgrenzung. Und gerade wegen meiner Behinderung bin ich da sehr sensibel.“

Am Abend verblieben noch ganz wenige Leute, vier insgesamt, zu einer gemeinsamen Sauna-Nacht. Der war wiederum richtig nett und eine tolle Einstimmung auf die wärmende Sonne in Dubai.

Für mich war das der letzte Beitrag in meinem Blog im Jahr 2013. Es war mein fünftes Blog-Jahr. Und wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Es ist aber gerade nicht am schönsten, sondern es gibt noch viele, viele Dinge, die schöner sein könnten. Darum mache ich weiter und schreibe weiterhin über mein Leben und alles, was mich so bewegt. Ich freue mich über die vielen Leserinnen und Leser, die mir und meinem Blog auch im Jahr 2014 treu bleiben wollen und wünsche allen einen guten Rutsch und ein glückliches neues Jahr!

Eine Woche Urlaub

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Der Winter ist in Norddeutschland derzeit -zum Glück des rollenden Volkes- kein richtiger Winter. Von ein paar Hagelkörnern und etwas Schneegriesel im Zusammenhang mit dem Sturmflut-Orkan am Anfang dieses Monats abgesehen, hatten wir in Hamburg in der letzten Woche Temperaturen deutlich über 10 Grad. Plus.

Als Maries Eltern ihren Winterurlaub gebucht haben, hätten sie nicht damit gerechnet, dass es am Strand von Dubai im Dezember kälter sein könnte als am Strand von Scharbeutz. Marie fliegt sowieso gerne mit in den Familienurlaub, ich wurde zum zweiten Mal gefragt. Nach den Erlebnissen im letzten Jahr warte ich mit der Antwort höchstens aus Bescheidenheit länger als zwei Sekunden.

Man sollte vielleicht dazu sagen, dass es in den Vereinigten Arabischen Emiraten einige Menschen gibt, die viel Geld haben, und die zur Behandlung schwerwiegender chronischer Krankheiten nach Deutschland kommen. Es ist nicht unüblich, dass diese sich auf der Privatstation einer angesehenen Klinik ein Zimmer mieten und sich dort vom Chefarzt behandeln lassen – koste es, was es wolle. Teilweise schließen Kliniken zu solchen Anlässen sogar kurzfristige Arbeitsverträge mit allen möglichen fachlich versierten Leuten aus dem örtlichen und überörtlichen Dunstkreis, stellen also nur für den einen Patienten ein optimales Team zusammen. Wenn sich so etwas wirtschaftlich rechnet, kann ich mir vorstellen, welche Summen dabei fließen. Nicht selten kommen die betroffenen Menschen regelmäßig wieder nach Deutschland, bringen teilweise sogar Freunde und Familie mit.

Nicht selten ergeben sich dadurch aber auch persönliche Kontakte. Und so kann es dann passieren, dass man sich eine Woche lang ein 200 m² großes Haus in einer Ferienanlage leisten kann, das sonst für eine Woche mal eben 8.500 € kostet. Pro Person, versteht sich. Mir wäre dieser Luxus so viel Geld nicht wert, mir reicht auch eine Luftmatratze in einer Turnhalle. Aber: Ich verzichte natürlich nicht darauf, wenn ich ihn nutzen darf. Und nachdem ich es im letzten Jahr schon sehr luxuriös fand, als wir „lediglich“ eine Hotelsuite hatten, habe nicht schlecht gestaunt, als ich vor Ort realisierte, wo wir eine Woche lang wohnen werden. Nein, Marie und ihre Eltern würden so viel Geld ebenfalls nicht ausgeben. Maries Mutter stellte schon auf dem Flug klar, dass sie eingeladen worden sind und ein wohlhabender Patient die Unterbringung über Vitamin B eingefädelt hat. Trotzdem: Alleine der Flug wird pro Person schon vierstellig und ich bin ehrlich gesagt (nicht nur deshalb) sehr gerührt, dass sie mich dabei haben möchten und mich dazu einladen.

Diese Ferienanlage ist ins Meer hinein gebaut und steht teilweise auf Stelzen, was dazu führt, dass Marie und ich in unserem Overwater-Schlafzimmer eine Glasplatte im Fußboden haben, durch die man die Fische beobachten kann. Falls gerade welche vorbei kommen. Zieht man die Vorhänge auf, hat man gute Chancen, eine zu hohe Welle schon aus 10 Kilometern Entfernung zu erkennen. Und dass zu diesem Haus auch eine riesige Strandterrasse und privater Pool direkt vor den beiden Schlafzimmern gehört, wir uns zu viert eine eigene Jacuzzi teilen, kostenlos zwei Fitness-Center mit täglich einem Ganzkörper-Massage-Termin nutzen dürfen, grenzt schon an Wahnsinn.

Der Hammer ist eine 10.000 m² große Poolanlage, die aus drei großen Abschnitten besteht und die nicht nur einen eigenen Sandstrand, sondern auch verschiedene ins Wasser eingelassene Massageliegen hat. Hin und wieder schwimmt ein ferngesteuertes Schiff vorbei, auf dem Cocktails oder Obstgläser stehen. Man stellt einfach sein leeres Glas drauf und nimmt sich ein neues Glas runter. Nein, ich träume nicht und es ist auch keine Märchenstunde. Cool ist auch die Swim-Up-Bar, an der man sich bequem auf einen im Wasser verankerten Stuhl setzen kann. Die Theke ist gleichzeitig der Abschluss des Beckens, so dass die Bedienung auf der anderen Seite der Theke im Trockenen läuft und alles serviert, was man haben möchte. Man selbst sitzt bis zum Bauch im Wasser und wenn man ausgetrunken oder aufgefuttert hat, schwimmt man einfach weiter. Bis wir wieder zurück nach Deutschland fliegen, wachsen Marie und mir vermutlich noch Schwimmflossen.

Um ins Meer zu kommen, muss man nur aus der Terrassentür und dann über den Strand. Am ersten Tag sind Marie und ich gekrabbelt, am zweiten Tag hatte man von unserer Terrasse bis drei Meter vor das Wasser ineinander verhakte Plastikplatten verlegt. Keine Ahnung, ob das Hotelpersonal das nachts gemacht hat, sie lagen da jedenfalls plötzlich. Für Silvester sind wir zu einem Galadinner eingeladen – es wird das erste in meinem Leben.

Leider hat an den ersten beiden Tagen das Wetter absolut nicht mitgespielt. Als wir ankamen, regnete es bei 11 Grad. Man muss dazu wissen, dass die durchschnittliche Nachttemperatur im Dezember bei 15 Grad liegt und die durchschnittliche Tagestemperatur bei 26 Grad. Und es gibt statistisch einen einzigen Regentag im Monat. Den hatten wir ausgerechnet erwischt. Entsprechend kühlte auch das Meer von 26 schlagartig auf 23 Grad ab. Seit heute knallt aber wieder die Sonne und bei 24 Grad Lufttemperatur und relativ trockener Luft ist es sehr angenehm. Ohne Lichtschutzfaktor 50+ geht gar nichts. Dass man außerhalb der Hotelanlage sich komplett bedecken muss (im Bikini an den öffentlichen Strand oder im Top und kurzer Hose auf öffentlichen Straßen ist ein absolutes No-Go und kann zur Verhaftung führen), ist gar nicht so schlimm…

Auch wenn es hier absolut faszinierend ist und ich gerne gefragt werde, ob ich noch einmal mitfliege – ich bleibe trotzdem mit allen vier Rädern auf dem Boden. Mein nächster Urlaub wird wieder einer mit Schlafsack und Campingkocher…

In Schokolade gebadet

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Landung in einem völlig verschneiten Hamburg. Ich glaube es nicht. Ich habe noch Sand und Meersalz in den Haaren – und dann dieser Alptraum hier. Nach einer völlig entspannten Urlaubswoche bei strahlendem Sonnenschein, Temperaturen zwischen 23 und 29 Grad tags und entspannten 12 bis 18 Grad nachts sowie einem himmlisch warmen und kristallklaren Meer, hat mich der Alltag zurück zwischen weißer Pest, spiegelglatten Straßen und hektischen Leuten. Ich will zurück!

Nach 7 Stunden Flugzeit ohne Zwischenstopp in einer Boeing 777 … achso, Moment. Als wir los flogen, war ja noch nicht Urlaub. Schon vor der Sicherheitskontrolle in Hamburg fiel uns ein Mann mittleren Alters auf, mit hochrotem Kopf, der sich mit einer Frau anlegte, die ihm angeblich den Sitzplatz auf einer Bank weggenommen hätte. Er hätte sich einfach einen der mindestens 95 anderen freien Plätze aussuchen können, aber es gab halt lautstarken Streit um eben diesen einen. „Hoffentlich sitzt der nicht sieben Stunden neben uns“, meinte Marie, woraufhin ihre Mutter antwortete: „Den lassen sie mit dem Blutdruck gar nicht erst in den Flieger.“

Nachdem wir alle wussten, wo die Notausgänge sind, dass wir beim Aussteigen aus dem Fenster die Schwimmwesten erst draußen aufpusten sollen und wann die Sauerstoffmasken aus der Decke fallen, hob der Flieger ab. Dieses Kribbeln im Bauch ist jedes Mal aufs Neue wieder faszinierend. Wir waren vielleicht zwanzig Minuten in der Luft, als die eben noch so entspannt lächelnde Stimme aus dem Lautsprecher plötzlich sagte: „Meine Damen und Herren, falls sich ein Arzt unter unseren Fluggästen befindet: Bitte melden Sie sich umgehend bei unserer Crew. Ich wiederhole: Ist ein Arzt an Bord? Bitte melden Sie sich bei unserer Crew. Vielen Dank.“

Ich guckte Maries Mutter an, sie verdrehte die Augen und sagte: „Ich bin nicht da.“ – Nach zehn Sekunden guckte sie sich um, murmelte: „Kein eifriger Kollege an Bord? Immer bleibt so ein Scheiß an mir hängen.“

Dann war sie weg. Nächste Durchsage: „Meine Damen und Herren, aufgrund eines medizinischen Notfalls werden wir in wenigen Minuten in Berlin zwischenlanden. Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehnen senkrecht, klappen Sie die Tische hoch und schnallen Sie sich an. Bleiben Sie bitte sitzen, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben und die Anschnallzeichen über Ihren Sitzen erlöschen. Weitere Informationen erhalten Sie in Kürze. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitten wir um Entschuldigung.“

Um das nicht weiter spannend zu machen: Mit 90 Minuten Verspätung hoben wir dann ein zweites Mal ab. Maries Mutter war wie aus dem Wasser gezogen. Sie meinte, ob der Typ das überlebt, sei fraglich. Das Flugzeug hatte zwar einen Koffer mit einer großen Auswahl an Notfallmedikamenten, Intubationsbesteck, Infusionen und was nicht alles an Bord, aber der Typ war vorher schon so schwer herzkrank, dass die Belastung mit dem Flug nur noch das Tüpfelchen auf dem „i“ gewesen war. Es handelte sich übrigens um genau den Typen, der im Hamburger Airport um einen der 95 freien Plätze gekämpft hatte.

Stinkesocke, die noch nie in den Tropen gewesen ist, staunte natürlich nicht schlecht, dass es Bäume gibt, die weder Nadeln noch kleine Blätter haben. Mit 23 Grad war es bei unserer Ankunft im Vergleich zu Deutschland zwar himmlisch warm, allerdings für die dortigen Verhältnisse eher schattig. Die Luft war angenehm, in dem Hotel hatten Maries Eltern eine Suite gemietet, in der es zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Kochecke sowie ein Bad mit Dusche und Badewanne sowie ein separates Klo gab. Außer dass die Spülung etwas merkwürdig zu betätigen war und die Klobrille vorne eine Aussparung hatte, war das alles nicht anders als in Deutschland. Die Räume waren klimatisiert, insgesamt war es ruhig. Das Haus hatte vier Etagen, wir waren ganz oben und hatten einen großen Balkon, auf dem es auch Schatten gab, eine große Grünanlage mit Pool und ein eigenes Restaurant, wo es allerdings ausschließlich Speisen mit Reis, Joghurt, Früchten und Federvieh gab. Allerdings ohne die Federn und alles sehr sehr lecker.

Man konnte sich mit Englisch eigentlich überall verständigen, die Menschen, nicht nur im Hotel, waren sehr nett und auffallend gastfreundlich. Fast schon überschwänglich. Einzig viel nackte Haut sollte man außerhalb des Hotelpools nicht zeigen, nackt am Strand liegen könnte zur Verhaftung führen, erklärte man uns gleich. Also haben wir das mal sein lassen…

Unser Hotel lag unweit der Landeshauptstadt, während es abseits dieser keinen öffentlichen Nahverkehr gab, kam man in der Hauptstadt mit Bus und Metro überall hin. Etliche Stationen waren ebenerdig erreichbar, wo das nicht der Fall war, fanden sich sofort Leute, die uns helfen wollten. Ganz anders als in Deutschland. Man brauchte sich nur vor die Treppe zu stellen und einen Typen vorsichtig anzusprechen, ob er wüsste, wie man mit dem Rollstuhl in das Gebäude oder über die Trppe kommt, dann lief der los und sprach irgendwelche Leute an. In der Landessprache klang das dann immer sehr aufgeregt, etwa so als würde in Deutschland jemand loslaufen und rufen: „Hey, da vorne brennt es, kommt alle zum Löschen!“ – Etwas ulkig war, dass die anderen Männer, die dann mit dem Typen zurück kamen, ebenfalls laut redeten und die Sätze auch mehrmals wiederholten. Ich bin nicht dahinter gekommen, was das sollte, es war, als würden die immer wieder rufen: „Wir löschen jetzt das Feuer, wir löschen jetzt das Feuer.“

Und während am Anfang der Treppe vier Männer am Rollstuhl anfassten, also an jeder Ecke einer, waren es am Ende der Treppe alle Männer, die in der Zwischenzeit vorbei gekommen waren. Es war fast schon peinlich, weil alle eben auch genauso laut mitredeten. Und wenn es bereits so viele Leute waren, dass die sich fast schon gegenseitig über den Haufen rannten, gab es immer noch welche, die dazu kamen und sich an den Rockzipfel der anderen Männer gehängt haben. Einmal waren es locker zwanzig. Das ganze Spektakel ging grundsätzlich in atemberaubender Geschwindigkeit, der langsamste Schritt war Laufschritt. Beim ersten Mal hatte ich große Angst, wir würden dort kopfüber die Treppe runtersegeln, aber dagegen gab es ja stets genug Helfer. Grundsätzlich haben nur Männer geholfen, wenn Frauen dabei waren, standen die an der Seite und schauten zu. Und was auch auffällig war, immer bedankte sich der, den wir gefragt haben, bei den anderen unbekannten Menschen, bevor diese wieder weitergingen. Die anderen warteten quasi darauf, von ihm einen Dank zu bekommen, bevor sie verschwanden. Uns selbst haben sie jedoch nicht mal angeschaut. Eine beinahe schon skurrile Atmosphäre, allerdings war dieses Spektakel irgendwie leichter anzunehmen als das aus Deutschland bekannte Gebettel, dass dann oft in bösen Blicken, unauffälligem Ignorieren, einem „Ich darf Ihnen nicht helfen“, „Mein Rücken ist kaputt“, „Mein Zug fährt gleich“, oder in einem „So jung und schon behindert“, „Ich kenn mich aus, mein Nachbar hatte auch mal ein Gipsbein“ endet. Ja, ich bin undankbar, ich weiß. Nein, es gibt auch viele nette und hilfsbereite Menschen in Deutschland. Aber zurück zu unserem Urlaub:

Andere Rollstuhlfahrer haben wir verhältnismäßig selten gesehen. Wenn, waren sie immer in Begleitung. Insbesondere in den Bahnhöfen gab es barrierefreie Toiletten, immer sauber, in den meisten der riesig großen Einkaufscentern gab es immer auch barrierefreie Umkleidekabinen. Was mich sehr überrascht hat, war ein Erlebnis bei McD. Ja, das gab es dort auch und einmal mussten wir es ausprobieren. Es gab zwei Tische, die keine fest installierten Stühle hatten, sondern bei denen man die Stühle wegschieben konnte. Bei allen anderen Tischen waren die Stühle im Boden verschraubt. Das wussten wir aber vorher nicht. Wir haben unsere Bestellung auf Englisch am Tresen aufgeben, und bevor wir irgendwas tun konnten, kam ein junger Typ angewetzt, ich schätze ein Auszubildender, es hieß, er „führe uns an unseren Tisch.“ Bevor wir irgendwas sagen konnten, hatte er unser Tablett in der Hand und stiefelte los. Direkt zu einem der beiden Tische, die aber beide besetzt waren. Er sagte irgendwas, und leider wirkt der Tonfall der Landessprache sehr schroff und heftig. Es hörte sich an wie: „Hey, weg da, ihr sitzt auf einem Behindertenplatz! Aber zackig!“

Und während in Deutschland nach so einer Ansage in 50% der Fälle die ersten Colabecher diagonal durch den Raum geflogen wären, sprangen die vier Leute von ihren Stühlen hoch, rafften ihr Zeug zusammen, drehten sich zu uns um, senkten mit geschlossenen Augen kurz ihren Kopf in unsere Richtung, nahmen in Windeseile ihr Tablett und setzten sich ohne ein Wort woanders hin. Das war uns so derbe peinlich, dass wir am liebsten ohne Umwege das Restaurant verlassen hätten. Allerdings: Es schien völlig normal zu sein. Niemand guckte, die vertriebenen Leute setzten sich an einen anderen Tisch und aßen und redeten weiter, als wäre nichts geschehen.

Insgesamt war es ein total toller und erholsamer Urlaub. Marie und ich haben jeden Tag mindestens drei Stunden am Stand gelegen, oft stundenlang im Meer gebadet. Es waren zwar einige andere Badegäste da, aber es war insgesamt sehr übersichtlich. Und ich bin gut gebräunt. Der erste Kommentar, als ich die Tür zu meiner WG aufschloss: „Boa! Hast du in Schokolade gebadet?“