Viel Chemie und ein Kampfzwerg

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Zum Glück ist es vorbei. Den ganzen Vormittag lang war mein Kopf voller Chemie. Kohlenwasserstoffe bis zum Umfallen. Als ich auf dem Rückweg von der Schule mein Auto vollgetankt habe, glaubte ich, die ganzen Strukturformeln durch den Schlauch kriechen zu sehen. Während ich tankte, kam ein Mitarbeiter angesprungen und wollte mir helfen. Leider kommt er immer erst, wenn ich schon meinen Rollstuhl zusammengebaut habe, aus dem Auto ausgestiegen bin und die Zapfpistole bereits im Einfüllstutzen steckt. Aber er durfte den Ölstand kontrollieren. Dieser Stab ist so angebracht, dass man in sitzender Position nicht sehen kann, wo man ihn wieder reinstecken muss.

Als ich nach dem Bezahlen wieder zu meinem Auto rollte, wurde ich auf einen alten Mercedes aufmerksam, dessen Motor laut aufheulte, während das Auto selbst nicht einmal Schrittgeschwindigkeit fuhr. Der Fahrer, ein alter Mann, hatte das Spiel mit Gas und Kupplung wohl nicht mehr so ganz im Griff, während er versuchte, möglichst nah an die Zapfsäule heranzufahren. Während ich meinen Rollstuhl verlud, stieg er aus. Er benötigte für das Aussteigen genauso lange wie ich für das Einsteigen. Nur dass ich dabei noch einen Rollstuhl verlade. Dann schlurfte er an seinem Auto entlang, hielt sich an der Dachreling fest und holte einen Gehwagen aus dem Kofferraum.

Ich kenne inzwischen etliche Leute (Kristina, Nadine, Britta, …), die auch die paar Schritte zum Kofferraum oder Laderaum (so nennt man es ja beim Kombi) gehen, um dann dort ihren Rollstuhl auszuladen. Die halten sich zum Teil auch an der Dachreling fest. Nur haben die alle ein umgebautes Fahrzeug, das sie mit den Händen fahren. Damit sie dann, wenn es darauf ankommt, auch sicher bremsen und ausweichen können. Was dieser alte Mann mit Sicherheit nicht könnte. Nicht wegen seines Alters, sondern wegen seiner körperlichen Einschränkungen. Wenn ich darüber nachdenke, was für einen (aus meiner Sicht berechtigten) Aufriss man (nicht nur bei mir) gemacht hat, damit man als Rollstuhlfahrer ein Auto fahren darf, will es mir nicht in den Kopf, warum es für ältere Menschen nicht wenigstens eine körperliche Pflichtuntersuchung gibt. Einmal mit 60, mit 70, mit 75, 80 und dann alle 2 Jahre. Zum Beispiel. Ich wäre dafür.

Zurück in der WG, fällt mir Cathleen um den Hals. Umarmt mich, drückt mich, knutscht mich ab, so stürmisch, dass wir uns, nur noch auf den linken Rädern stehend, fast auf die Nase gelegt hätten. Eine Zwei in Deutsch war der Auslöser. Oder vielmehr, dass sie früher immer mit Glück eine Vierminus bekommen hat. Bis wir zusammen geübt haben. Darüber habe ich mich doch sehr gefreut.

Und dann in meinem Zimmer: Acht Anrufe in Abwesenheit auf meinem Festnetztelefon. Mit Nachrichten. Ich hörte den AB ab. 1. Tatjana: Schwimmen fällt aus. Scheiße. 2. Jan: Schwimmen fällt aus. Er vermisst mich so. Ob wir uns am Freitag sehen? Wie süß, endlich meldet er sich mal. 3. Meine Hausärztin: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 4. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 5. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen, wenn ich aus der Schule wieder da bin. 6. Frau Bummel: Ich müsste doch schon lange wieder da sein. Wo ich denn bleibe. 7. Frau Bummel: Sie mache sich Sorgen, ich möge mich dringend melden. 8. Frau Bummel: Aufgelegt. Meine Fresse.

Also habe ich als erstes bei Frau Bummel zurückgebummelt, äh -gebimmelt. Ob ich nicht die Mittagszeiten kennen würde? Ey hallo?! Ich dachte, es sei dringend. Und auf meinem Handy hat sie übrigens nicht versucht. Sie wollte mir nur sagen, dass sie beim Gericht nachgefragt hat wegen meines Vermögensverzeichnisses. Es müsste doch eins angelegt werden, da der Rechtsanwalt nur die Gelder aus dem Unfall betreut. „Da müssen Sie wohl doch eine Inventur machen“, scherzte sie. Sehr witzig. Ich werde hier nicht meine Filzstifte zählen. Und auch nicht meine Büroklammern. Die spinnen doch. Ich habe das erstmal so zur Kenntnis genommen, werde nun aber selbst beim Gericht nachfragen, was genau da aufgeführt werden muss. Nur leider konnte ich noch keinen erreichen.

Und was wollte meine Hausärztin? Ich wurde gleich durchgestellt. Eine Frau Bummel habe sie angerufen und ihr Dokumente gefaxt. Was denn da los sei. Ich erzählte ihr kurz, was los ist. Frau Bummel wollte Informationen über Medikamente, Therapien und Arztbesuche. Für ihre Akte. Meine Ärztin hat gesagt, dass sie schriftlich anfragen soll, mündlich bekomme sie gar keine Informationen. Daraufhin habe ich gesagt: „Schriftlich auch nicht. Das möchte ich nicht.“ – „Das ist Ihr gutes Recht. Genau deswegen rufe ich an. Ich werde also schreiben, dass die Patientin mich nicht von der Schweigepflicht entbunden hat, so dass ich keinerlei Auskünfte erteilen kann.“

Ich wollte wissen, woher sie überhaupt die Information hat, dass sie meine Hausärztin ist. Von der Unfallkasse! Frau Bummel habe zu meiner Hausärztin gesagt, ihr liege auch mein Gutachten über die Erwerbsfähigkeit und Schwerbehinderung sowie den Pflegebedarf vor. Laut Frank dürfe sie das bekommen, nur fragen wir uns alle, was sie damit vorhat. Die Frau ist mir ein wenig zu eifrig unterwegs in ihrem Ehrenamt.

Es blieb mir gerade noch Zeit zum Mittagessen, dann musste ich auch schon wieder los zur Physio. Nicht die KG, die ich ein- bis zwei Mal pro Woche für 20 Minuten in einer privaten Praxis habe, sondern der einmal wöchentliche Mega-Termin im Krankenhaus, mit Krafttraining und anschließender Einzelstunde. Krafttraining und Physiotherapie müssen ja sein, da beim Rollstuhlfahren der Körper ja nur einseitig belastet wird. Normalerweise bekomme ich auch noch eine Massage des Schulter-Nacken-Bereichs, so dass ich insgesamt locker zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt bin. Aber heute erwartete mich ja Ronja und ich wollte erstmal schauen, wie lange ich es mit ihr aushalte, und danach, ob sie massieren kann.

Beim Gerätetraining sah ich sie noch nicht, da laufen Sporttherapeuten herum, aber danach fuhr ich in den Behandlungsraum (ein riesiger Raum, den man durch Vorhänge sechsfach unterteilen kann). Der komplette Raum ist zu meinem Termin meistens nur mit mir belegt. So war es auch heute. Ronja kam reingetorkelt, sie hatte ganz offensichtlich eine Gehbehinderung. Sie schloss die Tür hinter sich, aber nicht richtig, so dass sie, sobald sie drei Schritte weg war, sich langsam wieder öffnete. „Huch? Hab ich die nicht richtig zu gemacht?“ Sie wackelte noch einmal dorthin, schloss die Tür noch einmal, rüttelte am Griff und sagte: „Nun. Nun ist sie zu.“

Dann kam sie auf mich zu, streckte mir ihre Hand aus und sagte: „Wollen wir ‚Du‘ sagen? Ich heiß Ronja.“ – „Ja gerne, ich bin Jule.“ – „Jule kann ich mir gut merken. Achso übrigens, hast du bestimmt schon gemerkt, ich habe auch eine Behinderung. Ich versuche immer, laut und deutlich zu reden, aber wenn ich zu doll nuschel, musst du einfach nachfragen. Das nehm ich dir nicht übel.“ – „Okay.“ – „Achso und ich laufe bißchen komisch. Das ist bei mir aber normal, da musst du gar nicht drauf achten.“ Das wird mir schwerfallen, weil es sehr offensichtlich ist und man im ersten Moment denken würde, sie ist beschwipst.

„So als erstes müssen wir das mit der Unterschrift machen.“ Sie hatte meine Karteikarte in der Hand, faltete sie auf und hinaus fielen erstmal jede Menge loser Blätter. „Huch, was ist das denn alles.“ Sie legte die Karteikarte auf die Liege, sammelte die ganzen Blätter wieder vom Boden, konnte sich dabei aber nur mühsam auf den Beinen halten. Ich hatte Angst, sie würde jeden Moment umfallen. Aber sie fiel nicht um. Dann holte sie einen Kugelschreiber von der Fensterbank und trug das Datum ein. Sie malte die Ziffern quasi. Aber es war richtig. „So. Ein Autogramm bitte.“

Dann fing sie an, meine Diagnose auf der Karteikarte zu suchen. Sie stand oben drauf, ich sah sie überkopf und auf weite Entfernung, sie suchte. Ich dachte mir: Das kann sie alleine. Ob das heute noch was wird mit der Therapie, ist eine andere Frage, wenn das so weitergeht, aber ich werde ihr nicht dazwischenfunken. „Bin ich blind?“ Sie suchte. „Ach da. Herrje! Fett oben drauf. Inkomplett, ja toll, was heißt das jetzt? Das kann ja nun alles mögliche bedeuten.“ Recht hat sie. Sinnvollerweise hätte man zumindest die motorischen und sensiblen Restfunktionen angeben können. Ich bin mir sicher, irgendwo in den ganzen Zetteln, die sie runtergeworfen und wieder aufgesammelt hat, steht das auch, aber sie hatte die zündende Idee: „Ich probier das aus. Setz dich mal bitte um auf die Liege, möglichst weit an den Rand, Beine mal locker runterhängen lassen.“

Nun war ich mal gespannt. Sie ging vor mir in die Hocke, wieder alles sehr wackelig, drückte an meinen Füßen herum. „Spürst du das? Und das? Das? Oder das? Das hier? Drück mal gegen meine Hand, fester, nach innen, nach außen, geht nicht? Mit Unterstützung? Mal den Arm hierher und mal in der Hüfte drehen? Nein so! Ich stoß dich mal an, nicht erschrecken…“ Dann stellte sie sich hinter mich. „Ich zieh deinen Rumpf nach hinten, halt dich mal fest, keine Angst, ich halte dich, oh, da zittern aber paar Bauchmuskeln. Bis L 1 ist alles 5, L 2 ist links stärker, aber höchstens 2, rechts ist 1, L 3 ist auch links 1. Das muss ich mir aufschreiben.“ Was für ein Salat! Sie nahm wieder meine Karteikarte und fing an zu malen. Mühsam zeichnete sie.

Dann sollte ich mich hinlegen, auf den Rücken. Sie fuhr die elektrische Liege nach unten. „Ich bewege deine Beine durch.“ Als sie mir die Knie auf die Brust drückte und sich mit ihrem Gewicht auf mich lehnte, kam, was immer kommt und was ich schon erwartet hatte und was immer passiert, wenn man den unteren Bauchraum zusammendrückt. Und was Querschnitte nicht unter Kontrolle haben. Pups! Schön laut und deutlich. Sie verzog keine Miene, sondern fragte, bevor ich etwas sagen konnte: „Klappt das bei dir gut mit der Verdauung? Wenn du mal einen Bauchmassage brauchst, ruf einfach kurz an und komm vorbei.“ – „Entschuldigung“, sagte ich. – „Nee, du brauchst dich nicht entschuldigen. Das passiert ja ganz von alleine!“ sagte sie.

„Peinlich ist es aber trotzdem, vor allem, wenn die Leute um einen herum nicht wissen, dass man es nicht aus Respektlosigkeit macht, sondern weil man keine Kontrolle darüber hat.“ – „Das stimmt. Ich bin froh, dass ich es mir verkneifen kann, wenn das gerade nicht passt.“ Es stimmte. Sie ist wirklich sehr einfach gestrickt, aber sehr direkt und ehrlich. Und das muss nicht mal negativ sein, wenn man weiß, dass sie es nicht negativ meint.

„Wo hast du eigentlich deine Ausbildung gemacht?“ fragte ich sie.

„Ich war erst auf einer Sonderschule für motorische Entwicklung und habe dort meinen Hauptschulabschluss gemacht. Dann habe ich zwei Jahre Ausbildung gemacht in der Krankenpflege in einer Wohneinrichtung für Behinderte und dann war ich in Eppendorf an der Physioschule. Hat aber alles bißchen länger gedauert, ich bin schon 24. Aber jetzt bin ich stolz, dass ich das alleine geschafft habe und endlich mein eigenes Geld verdienen kann und vor allem: Das ist mein Traumjob. Das wollte ich schon als kleines Kind machen. Und immer haben alle gesagt: Das schaffst du nicht. Und ich hab es doch geschafft.“ Irgendwie rührte mich dieser kleine Kampfzwerg. Sie war höchstens 155 cm groß.

Dann musste sie niesen. „Oh, jetzt habe ich mir in die Hände geniest. Ich muss die Hände desinfizieren. Nicht runterfallen, bin gleich wieder da.“ Will ich das wissen? Sie eierte zum Waschbecken und murmelte vor sich hin: „Auch zwischen den Fingern und den Handrücken waschen. So.“ Ich grinste in mich hinein.

„Hast du eigentlich auch eine eng anliegende Sporthose?“ fragte sie. Ich schaute sie fragend an. „Weil … da sieht man die Beine besser. Ob das alles gerade ist und ob irgendwo was zuckt. Bei den weiten Hosen sieht man das nicht und da verheddert man sich auch gerne mal drin.“ Ich hatte eine normale Sporthose an.

„Soll ich lieber in knack-engen pinken Leggings zur Physio kommen?“ fragte ich sie grinsend. Aber sie verstand die Anspielung nicht, sondern antwortete: „Nicht so, dass es abschnürt, aber eng wäre schon gut. Die Farbe ist egal. Oder kurze Hosen, wenn es warm genug ist. Oben hast du ja schon was enges an.“

Sie fragte mich, ob ich noch Metall im Rücken hätte und wenn ja, wo. Dann musste ich auf dem Bauch liegen, den Oberkörper über einem nach unten geklappten Teil der Liege in der Luft halten und die Arme auch noch komisch verknoten. Das zwiebelte! „Weiter atmen. Und halten, halten, halten, noch 5, 4, 3, 2 und langsam wieder absenken. Und dann nochmal mit einer Hand hinter dem Kopf.“ Die ganzen Übungen kannte ich noch nicht. Ich hoffte, dass sie wusste, was sie tut. Aber ich hatte keinen Grund, vom Gegenteil auszugehen. Ich vertraute ihr.

Dann sollte ich im Vierfüßlerstand auf der Liege stehen. Sie wusste genau, wo ich Hilfe brauchte. Sie hielt seitlich meine Hüften fest und schob meinen Hintern hoch, dann stellte sie aber meine Knie so hin, dass ich mich alleine halten konnte. Nun korrigierte sie die linke, aufstützende Hand und den rechten Arm sollte ich nach vorne strecken. „Weiter nach unten gucken! Und jetzt das Becken und den Rumpf in gerader Position halten. Nicht zur Seite von der Liege kippen.“ Was hatte sie vor? Sie hob vorsichtig mein linkes Knie an und drückte es nach außen, so dass die linke Seite des Beckens mit nach unten ging. „Halt dich gerade! Das Becken muss gerade bleiben!“ Ich spannte Bauchmuskeln an, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Das war grenzwertig. Ich spürte ein leichtes Zittern. Und ich spürte noch etwas ganz anderes. Diese Übung schien sofort meine Blase zur Entleerung zu animieren. Keine Chance, das zu kontrollieren. Ich merkte, wie die Suppe zur Abwechslung mal nach vorne lief und hoffte nur, dass meine Pampers durch das Geturne nicht zu locker saß. Vier Mal machten wir die Übung, dann nochmal seitenverkehrt, dann durfte ich mich wieder hinlegen. Mit der vollgesogenen Pampers. Lecker! Ich betete innerlich, dass es nicht noch eine sichtbare Schweinerei gibt.

Sie zog ihr Programm knallhart durch. Ich glaube, das war die anstrengendste Physiostunde, die ich je in meinem Leben hatte. Aber sie war gut. Ronja wirkt zwar sehr tollpatschig und auf den ersten Blick auch nicht sehr intelligent, aber sie hat einen echt guten Job gemacht. Ich fragte sie, wie das bei ihr mit Massagen ist, und zwar nicht für den Bauch, sondern für den Schulter-Nacken-Bereich. „Ja, im Terminbuch steht, dass das jetzt noch dran ist.“ Ich hatte keine Uhr in Sichtweite. Ich machte mich obenrum nackig, legte mich auf den Bauch, bekam das obligatorische Handtuch untergelegt, aber auch eine Wolldecke auf die Beine. Damit ich nicht friere! Das kannte ich so noch nicht. Im ersten Moment dachte ich, es sei übertrieben, später fand ich das aber angenehmer so.

„Bißchen Glibber in die Hände“, sagte sie und lachte. „Vorsicht, der Glibber ist kalt.“ Sie fing mit ihren Fingerkuppen an. Sie streichelte eher. Oder verteilte sie den „Glibber“, wie sie es nannte? Das ging eine ganze Zeit so weiter und ich dachte schon: „Okay, massieren kann sie nicht.“ Aber dann ging es los. Alte Socke! Kampfzwerg! Hatte die eine Kraft in den Fingern! Ich musste mich teilweise beherrschen, ruhig weiter zu atmen und nicht die Luft anzuhalten. Es knackte mehrmals in ihren Händen. „Wenn es zu feste ist, musst du Bescheid sagen.“ – „Nee nee, alles gut so.“ Ich hatte das Gefühl, sie musste jeden einzelnen Muskelstrang einmal unter oder zwischen die Finger kriegen. – „Der hier oben, der obere Tapez … äh Trapezius … ich sag immer Tapezius, weil ich immer an Tapezieren denken muss … der ist richtig verspannt. Da müssen wir nächstes Mal auch noch was dran machen.“ Den hatte meine bisherige Physiotherapeutin noch nie bearbeitet. Zumindest nicht so. Es fühlte sich an, als wenn sie mir von hinten in den Hals kniff und mir die Haut abzog. Ob das mit dem Tapezieren eine Eselsbrücke war, mit der sie sich die Namen merkte? Möglich wäre es. Ich musste schmunzeln.

Ich merkte, wie sich leise die Tür öffnete und schloss und jemand reinkam. Da ich mit dem Gesicht in Richtung Boden lag, konnte ich nichts sehen. Es war die Sporttherapeutin vom Krafttraining. Sie sagte zu Ronja: „Dein nächster Termin hat gerade abgesagt. Hat unerträgliche Kopfschmerzen.“ – „Oh, das ist blöd.“

Ich scherzte: „Dann kannst du ja noch eine Stunde länger massieren.“ Die Sporttherapeutin antwortete: „Ja, das macht sie gut, oder? Ich hab mich auch schon durchkneten lassen.“ Ronja erwiderte: „Ne Stunde massieren mach ich nicht, aber wir können noch eine Stunde schwimmen gehen, wenn du noch Energie hast. Mit der anderen Patientin hätte ich KG im Wasser gehabt.“

Nein, ich war ja vorher schon an den Geräten, man muss es auch nicht übertreiben. Aber ich würde schon gerne auch mal wieder Physio im Wasser machen. „Wollen wir nächste Woche ins Wasser? Dann bringe ich meine Badesachen mit“, sagte ich. Machen wir so.

Ich fasse zusammen: Wenn ich mir das jetzt aussuchen könnte, ob ich Ronja haben möchte oder meine bisherige – im Moment würde ich mich klar für Ronja entscheiden. Auch wenn ihr Auftreten gewöhnungsbedürftig ist und ich glaube, dass sie in einer privaten Praxis unfairerweise kaum eine Chance hätte, einen Job zu finden. Es bleibt dabei: Sie hat einen sehr guten Job gemacht.

Lang ist er mal wieder geworden, der heutige Blog-Eintrag. Kürzlich wurde ich angesprochen, ob ich die wörtliche Rede vor Ort mitschreiben würde. Ich finde es immer sehr interessant, was meine Leser denken, darum animiere ich ja auch immer wieder, Kommentare zu hinterlassen.

Aber nein, ich schreibe nicht mit. Ich kann mir Gesprächsverläufe und überhaupt Wörter und Abfolgen sehr gut merken. Im Gegensatz zu Gesichtern, Namen und Bildern. Es ist auch nicht so, dass die wörtliche Rede immer 1:1 stimmt. Sie stimmt nur vom Sinn her. Jemand sagt: „Ich bitte um Entschuldigung, ich bin 20 Minuten zu spät.“ Dann kann hinterher bei mir durchaus stehen: „Sorry für meine Verspätung.“ Oder: „Tut mir leid, ich habe es leider nicht pünktlich geschafft.“ Oder ähnliches. Akzeptiert?

Ich gehe mit meiner Laterne

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… und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bumm.

So habe ich es im Kindergarten gelernt. Man könnte jetzt über den tieferen Sinn und über Parallelen im Leben, in meinem Leben, nachdenken und würde bestimmt irgendetwas finden. Ganz bestimmt.

In diesem Moment finde ich es allerdings lediglich schade, dass es am Ende nicht „la bummel“ heißt. Denn „Bummel“ heißt mein neuer vorläufiger weiblicher Vormund. Kein Scherz. Und der Name ist auch keineswegs Programm, dazu aber später mehr.

Erstmal muss ich erwähnen, dass es sich um eine etwa 1,80 Meter große Frau Mitte 30 handelt, die einen blonden Igelhaarschnitt trägt und eine Stimme hat, dass ich sie nicht brüllen hören möchte. Bezogen auf den Körperbau könnte man annehmen, sie sei Zehnkämpferin. Sie sagte, sie führe ehrenamtlich mehrere Betreuungen, jedoch noch keine Vormundschaft. Sie wohne mit ihrem Onkel zusammen in einem Haus im Hamburger Stadtteil Harburg, mit ihr vier Pflegekinder. Ein Pflegekind sei 14 Jahre alt und habe Spina bifida, eine angeborene Querschnittlähmung.

Das Gericht, eine Richterin, vermutlich um die 60 Jahre alt, stellte kaum Fragen, sondern wollte von meinem Vater wissen, wie er sich seine Zukunft mit mir vorstelle. Er antwortete, dass er keinen Bock darauf habe, sich für alles ständig rechtfertigen zu müssen. Die Richterin las ein Gutachten vor und fand, dass meine Mutter zur Zeit nicht für mich sorgen könne. Da ich erst 17 sei und es augenscheinlich niemanden gäbe, der für mich sorgen würde, auch nicht ein bißchen, so dass man es ergänzen könnte, müsste ich vorläufig einen Vormund bekommen. Ob ich jemanden vorschlagen wollte.

Da es innerhalb meiner Familie niemanden gab, der dafür in Frage käme, hätte ich am liebsten den Rechtsanwalt vorgeschlagen, der auch mein Geld aus dem Unfall betreut. Der hatte aber abgelehnt, er sei zu beschäftigt. Entsprechend wurde das Jugendamt beauftragt, jemanden zu benennen und die zauberten auch gleich die Frau Bummel aus dem Hut. Ja, sie heißt wirklich so! Mein Anwalt hatte schon vorher schriftlich beantragt, einige inhaltliche Dinge festzuschreiben. Dass ich weiter in der WG wohnen darf, dass ich weiter die Schule besuchen darf und dass ich weiterhin meinen Sport und meine Therapien machen soll. Die Richterin legte diese Dinge so fest. Ebenso, dass die Vermögensdinge bei diesem Rechtsanwalt bleiben.

Frank sagte, dass er die Frage, ob ich weiterhin Auto fahren darf, lieber nicht stellen möchte. Solange niemand darüber stolpert, sollte man keine schlafenden Hunde wecken.

Diese Entscheidung gilt vorläufig für zunächst drei Monate. Während dieser Zeit wurde meinem Vater auch verboten, Kontakt zu mir aufzunehmen. Das heißt, lediglich ich dürfte ihn anrufen, aber nicht umgekehrt. Kontakt zu mir soll nur über das Jugendamt laufen. In drei Monaten, also Anfang April, will man das eventuell noch einmal verlängern. Danach darf man nicht mehr verlängern, sondern es müsste ein länger gültiger Beschluss gefasst werden mit Gutachten und großem Aufwand, das will man aber wohl umgehen, da das dann nur noch für wenige Wochen gelten würde, bevor ich 18 bin.

Zurück zu Frau Bummel: Sie wollte als erstes zu mir mit in die WG. Jeder andere hätte gesagt: „Ich möchte mir mal ein Bild von Ihrer Wohnsituation machen.“ Frau Bummel sagte: „Ich möchte Ihre Unterkunft mal in Augenschein nehmen.“ Ja nee, is klar.

Spricht ja auch nichts dagegen, sie ist ja nun offiziell für mich zuständig. Sie verlangte nun, einen Schlüssel für die Wohnungstür und für mein Zimmer (das ist derselbe) zu bekommen. Außerdem möchte sie, dass ich mein Handy für eine Ortung freischalte, so dass sie jederzeit sehen kann, wo ich bin. „Die Kosten hierfür sind aus dem Mündelvermögen zu begleichen.“ So redet sie.

Es geht noch weiter: Über eben dieses Mündelvermögen müsste sie ein Verzeichnis anlegen. Ich sollte ihr eine detaillierte Aufstellung über alles geben, was mir gehöre. Jede CD, jeder Kugelschreiber, jede Unterhose. Ich habe geantwortet: „Für solchen Mist habe ich keine Zeit. Ich muss für die Schule lernen.“ Daraufhin sagte sie: „Dann machen wir das zusammen. Das Gericht schreibt es vor.“

Irgendwas skurriles wollte sie noch. Das habe ich vergessen. Und dann: Es könnte sein, dass sie ihren Onkel vorbeischickt, wenn sie mal keine Zeit hätte und dringend etwas mit mir geklärt werden müsste.

Frank rollte durch die offene Tür in mein Zimmer. „Na, alles klar?“ – „Sag mal, kennst du dich mit diesem Vermögensverzeichnis aus? Frau Bammel sagt, es müsste jeder Kugelschreiber benannt werden.“ – „Wieso, für dein Vermögen ist doch der Rechtsanwalt weiter zuständig?! Und alles, was hier an Kleinteilen rumliegt, ist kein Vermögen, sondern das sind Haushaltsgegenstände im üblichen Rahmen.“

Frau Bammel antwortete nicht. Ich fragte weiter: „Und was ist mit einem Schlüssel für die WG und mein Zimmer?“ – „Wofür brauchen Sie den denn?“ fragte Frank. Sie blickte ihn genervt an und antwortete: „Es könnte ja mal was sein, ein Notfall. Und sie ist alleine zu Hause.“

Irgendwie hat Frank auf alles eine Antwort parat: „Dann rufen Sie einen Schlüsseldienst und lassen Ihr Mündel das bezahlen. Ganz einfach. Und wenn kein Notfall ist, können Sie klingeln. Oder finden Sie nicht? Hier wohnen ja schließlich auch noch andere Leute, die sich ängstigen, wenn plötzlich wildfremde Leute vor ihnen in der Wohnung stehen.“

„Dann wäre da auch noch die Handyortung“, fuhr ich fort. Wenn schon, denn schon. – „Die elektronische Fußfessel darf im Strafvollzug nur mit Zustimmung des Betroffenen angewendet werden. Wie sieht es aus, Julia, stimmst du zu?“

Ich wollte sie nicht unnötig reizen, sondern ernsthaft antworten: „Ich denke, dass Sie mich anrufen können, wenn Sie etwas von mir wollen. Meine Handynummer haben Sie ja. Ich mache keinen Blödsinn, ich mache nichts Verbotenes. Aber rund um die Uhr abfragen wo ich bin? Das geht mir zu weit.“ – „Ich muss jederzeit wissen, wo Sie sind.“ – „Ja, dann rufen Sie mich an, wenn Sie es wissen müssen, dann sage ich es Ihnen.“

Am Ende hat sie es geschluckt. Und ist abgedampft. Ohne Vermögensverzeichnis, ohne Schlüssel und ohne Freischaltung zur Handyortung.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bummel.

Wahnsinn.