Frohe Weihnachten 2013

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Ich hatte in diesem Jahr das Glück, mir meine Zeit so einteilen zu können, dass ich nicht am Heiligabend noch in irgendwelche Läden und Geschäfte musste. Lebensmittel hatte ich bereits in der letzten Woche eingekauft und alle Weihnachtsgeschenke waren auch schon da. Und obwohl ich in diesem Jahr absolut nichts über das Internet bestellt hatte, klingelte mich heute morgen ein gelber Paketdienst aus dem Bett. „Ich bringe die Weihnachtsgeschenke“, meinte er und hatte zwei große Kartons auf seiner Karre. Für mich waren sie nicht, sondern für Cathleen, die aber nicht zu Hause war. Eine Pampersbestellung von Anfang Dezember, nach einem Lieferengpass wurde sie ausgerechnet am Heiligmorgen ausgeliefert. Natürlich habe ich dem Paketfahrer nicht gesagt, worum es sich handelt. Er meinte nur: „Aber schön gerecht aufteilen, nä? Und nicht alles auf einmal auffuttern!“ – Okay. Möchte jemand eine Windel haben? Ich weiß allerdings nicht, wie sie schmeckt.

Wenn ich auch schon alle Geschenke besorgt hatte: Eingepackt hatte ich sie noch nicht. Also ran. Marie und ich schenken uns gegenseitig einen Badeanzug. Wenn man regelmäßig trainiert, braucht man ja ständig neue. Das ist zwar ein bißchen albern, aber wir mögen halt albern. Ich hatte nun im Kaufhaus einen erwischt, den sie gerne trägt, Etiketten waren noch alle dran, Klebestreifen im Schritt auch, keine Ziehfäden, kein Schmutz, kein Chlorgeruch – gekauft. In dem Moment, in dem ich heute das Preisschild abschneiden will, sehe ich, dass auf dem Preisschild eine andere Größe steht als auf dem eingenähten Etikett. Und beim genaueren Hinsehen merke ich: Der ist falsch ausgezeichnet und entsprechend hing der auch falsch. Argh!!!

Also doch am Heiligabend morgens nochmal in die Stadt, Geschenke umtauschen. Die Kassiererin hat sich mehrmals entschuldigt, so etwas passiere nur sehr selten. Wenn, dann natürlich bei mir… Ich bekam ihn in die richtige Größe getauscht, nichts wie raus. Wenn das mal so einfach wäre: Direkt vor dem Kaufhaus war eine Menschentraube versammelt und an Durchkommen nicht zu denken. Ich tippte einige Leute an, aber die waren irgendwie alle in Weihnachtsgedanken. Plötzlich fängt fünf, sechs Leute neben mir eine Frau zu singen an, in einer Tonlage und in einer ohrenbetäubenden Lautstärke, so dass sich mir sofort alle Nackenhaare aufstellten. Etliche umstehende Leute guckten dumm aus der Wäsche und suchten Distanz zu ihr, im ersten Moment dachte ich ernsthaft, mit ihr stimmte irgendwas nicht. „TochtäherrZieh On frohohohoheue Dich, jahahahauchzeLautJeruhuhusalem!!!“

Am anderen Ende der Menschentraube fuhr ein junger Mann mit Sonnenbrille und Mütze fort: „Siehihihihieh Dein König kohohommt zu dir.“ – Und plötzlich sangen noch wesentlich mehr Leute mit. Ein Flashmob. Und die Stinkesocke mitten drin. Zum zweiten Mal in meinem Leben, vor einem halben Jahr gab es einen in einer Einkaufspassage, den ich aber nur draußen gehört habe, ins Getümmel wollte ich mich dann nicht stürzen, sondern habe abgewartet, bis der Spuk zu Ende war. Heute handelte es sich um einen Chor aus der benachbarten Kirche. Okay, es war ganz gut gelungen, singen konnten sie auch, das Solo am Anfang war sehr irritierend, vermutlich, weil es so unerwartet kam. So schnell wie es losging war es auch wieder vorbei und dann konnte ich endlich nach Hause. Der Busfahrer hatte einen kleinen Weihnachts-Elch auf seiner Kasse sitzen, ein kleines Kind an Mamas Hand fragte alle drei Minuten, ob der Weihnachtsmann schon da gewesen sei, wenn sie zu Hause ankämen – und mir gegenüber in der ersten Sitzreihe hinter der Mitteltür saßen zwei Jungs, geschätzte 16 Jahre alt, die meinten, Weihnachten sei voll nervig. Sie hätten ihre Playstation 4 schon bekommen, als Papa sein Weihnachtsgeld aufs Konto überwiesen bekommen hatte, also Anfang des Monats, und nun müssten sie heute mit Oma und Opa in die Kirche. Hoffentlich sei das schnell vorbei.

Tja, ich bin zwar etwas älter, aber ich freue mich schon. Auf die Kirche. Ich werde heute abend dort sein, in welcher, verrate ich allerdings nicht. Vorher werde ich noch mit all jenen aus unserer WG, die am Heiligabend nicht zu ihrer Familie fahren (oder keine mehr haben), einen schönen Abend im Gruppenraum, diesmal mit Tannenbaum, verbringen, mit anschließendem Kirchenbesuch. Morgen bin ich bei Marie eingeladen zum Mittagessen und am zweiten Weihnachtstag steigt bei Marie eine Sauna-Garten-Party mit ganz vielen netten Leuten.

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein paar schöne Festtage. Genießt die Ruhe, ob mit Familie, ob mit Freunden oder alleine. Selbst wenn du keinen Menschen hast, der heute oder morgen mit dir zusammen sein möchte, geht das Leben spätestens am Freitag wieder seinen alten Trott. Und bis dahin ist genug Zeit, zum Beispiel um noch einmal in meinen ganzen Texten der letzten fünf Jahre zu stöbern! Oder um andere Dinge zu schaffen, die man sonst nicht schafft! In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Defekte Dose und ein Pupsplan

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Kann man mir vorwerfen. Muss man aber nicht. Denn ich vergesse sie nicht. Die vielen Menschen, die sich normal benehmen gegenüber den vielen Menschen, die nicht normal sind. Setzt man voraus, dass es den „normalen“ Menschen nicht gibt, ist eigentlich schon alles gesagt. Jeder benimmmt sich einzigartig gegenüber anderen Menschen, von denen jeder einzigartig ist. Klar, dass mir dabei vor allem die auffallenden Menschen auffallen. Und dass ich über sie schreibe. Immer wieder.

So wie über den Netzwerktechniker mit der feinen Nase. Er kommt in unsere WG, soll einen Netzwerkfehler beheben. Das halbe Haus hat kein Internet, die Physio- und Ergopraxis unter unserem Wohnprojekt ist auch betroffen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Fehler außerhalb des Hauses handelt, aber das hatte der Internetanbieter zuvor ausgeschlossen. Bis zum Hausanschluss funktioniere alles. Wie sich später herausstellte, war die Hausanschlussdose selbst defekt, aber … der Reihe nach.

Dieser Netzwerktechniker kam also in unsere WG, ging direkt zum Büro (wobei mir „Büro“ ein wenig zu offiziell klingt, eigentlich ist es ein hübsch eingerichteter Raum, in dem der ganze Papierkram erledigt wird und in dem die Assistenz- und Pflegekräfte sich aufhalten können), traf auf Sofie und mich und fragte, ob wir ihn zum Chef bringen könnten. Der Chef sei nicht da, sagte Sofie, sie wisse aber Bescheid und schließe ihm den Raum auf, in dem die ganze Technik untergebracht ist. Er fragt: „Ist das hier ein Behindertenheim?“

„Eine Wohngemeinschaft“, antwortete Sofie.

„Worin liegt der Unterschied?“, wollte der Techniker wissen.

Sofie antwortete: „Mit einem Behindertenheim verbinde ich eine Einrichtung, in der Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf ein fest strukturiertes Tages- oder Wohnprogramm angeboten wird. Bei uns mieten sich Menschen ein barrierefreies Appartment und organisieren gemeinsam, dass sie benötigte Hilfen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in angemessenem Umfang erhalten.“

„Ist das nicht dasselbe?“, fragte der Techniker weiter.

„Keineswegs“, antwortete Sofie. „Im ersten Fall gibt es ein starres Angebot aus Zimmer, Essen und Pflege, in das man sich einfügen kann, im zweiten Fall gibt es eine Wohnmöglichkeit und den Rest organisiert sich jeder selbst.“

„Da würde ich doch aber die erste Möglichkeit vorziehen. Die Pflege brauche ich doch, wenn ich irgendwann mal so senil bin, dass ich jemanden haben muss, der mir den Hintern abputzt, nachdem ich ein Ei gelegt habe, sowieso. Dann ist es doch besser, ich kann auf den roten Klingelknopf drücken, als wenn ich erst noch im Internet drei Stellenanzeigen aufgeben muss und mich dann hinterher noch mit dem Finanzamt rumschlage, weil ich vergessen habe, für die 400-Euro-Kraft die Pauschalen an die Knappschaft zu überweisen.“

Sofie antwortete: „So hat jeder seine Präferenzen. Mir wäre es zum Beispiel wichtiger, dass ich nicht um halb sieben schon ins Bett muss, weil die Schicht in den Feierabend geht.“ – „Och, wenn man morgens um sechs geweckt wird, geht man abends auch früh schlafen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber eines fällt trotzdem angenehm auf: Bei Euch stinkt es nicht so extrem wie in manchen Einrichtungen. Ich komme ja viel rum, und in manchen Heimen stinkt das, als wenn die alle die Hosen voll haben“, befand der Techniker.

Sofie versuchte einen neuen Aufschlag: „Das kann aber auch daran liegen, dass krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder vielleicht nur die Bohnen beim Mittagessen den Abführplan der Einrichtung durcheinander gebracht haben. Wenn dann bei dem einen oder anderen Kacken erst morgen früh um neun auf der Tagesordnung steht, kann es zu solchen Kollateralschäden kommen.“

Aber der Techniker konnte Sofies Einstellung zum selbstbestimmten Leben nicht nachvollziehen. Er antwortete: „Ich sehe schon, Sie kennen sich mit solchen Dingen viel besser aus als ich. Wollen Sie das mal als Beruf machen? Ist ja auf jeden Fall toll, wenn es einfache Möglichkeiten gibt, die Behinderten besser unterzubringen. Und es ist natürlich besser, wenn alles schön sauber ist und nicht stinkt. Dass man dafür Pläne erstellen muss, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber es leuchtet ein, dass es auch Regeln gibt, wenn so viele spezielle Leute unter einem Dach wohnen.“

Sofie gab endgültig auf. Eine Bewohnerin mit frühkindlicher Hirnschädigung, körperlich sehr stark eingeschränkt, hat in einem Vierteljahr voraussichtlich ihr Abitur in der Tasche, hatte die letzten Worte mitgehört und krähte: „Für unsere frische Luft hier sorgt die ‚Zentrale Anweisung zur strukturierten Methanabgabe in Wohnräumen der Behindertenhilfe‘, in Bewohnerkreisen auch ‚Pupsplan‘ genannt.“

Bevor sie weiterreden konnte, sagte der Techniker: „So viele Einzelheiten möchte ich das gar nicht wissen. Ich sehe, es ist alles gut strukturiert und dann kümmere ich mich mal darum, dass das Internet wieder funktioniert.“

Immerhin hatte er es in weniger als zehn Minuten geschafft, den Fehler zu finden. Die Anschlussdose, die eigentlich der Netzbetreiber in Ordnung zu halten hatte, war defekt. Er tauschte sie, schrieb eine umfangreichen Text in die Rechnung und mit etwas Glück bekommt Frank die Kosten vom Netzanbieter wieder.

Als der Techniker weg war, fragte Sofie: „Sagt mal, hat die Anstaltsleitung eigentlich ein Mitbestimmungsrecht, wenn ein neuer Pupsplan aufgestellt wird?“ – Schallendes Gelächter. Und jene Abiturientin in spe fügte hinzu: „Ich pupse am liebsten abends im Bett. Dann wird es schneller warm unter der Decke.“

Eklig und süß

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Eklig ist …

… wenn man in der Badewanne liegt, einen Kirsch-Joghurt löffelt und der ganze Kram baden geht. Der Joghurt soll ja gut sein für die Haut, aber die ganzen zermatschten Kirschen im Badewasser? Eklig!

… wenn man das Unigelände berollt, hinter einer Glastür plötzlich ein völlig besoffener Typ steht und einen auf den Mund küssen will. Küssen soll ja gut sein für die Seele, aber fremde Menschen mit schwarzen Zähnen? Eklig!

… wenn man bei einer Mitbewohnerin der WG im Zimmer steht und ihre Katze plötzlich eine fette Spinne knackend zerbeißt und runterschluckt. Spinnen sollen ja nützliche Tiere sein, aber wenn sie im Mund platzen? Eklig!

… wenn man in der U-Bahn steht, ein betrunkener Mensch zusteigt, einen tiefen Zug aus seiner Bierpulle nimmt und anschließend den Inhalt seines Mundes über die sitzenden Leute prustet. Bier soll ja gut sein für die Haare, aber bereits getrunkenes? Soooo eklig!

… wenn man im Restaurant sitzt, eine superleckere Pizza isst, und gegenüber ein junges Mädchen beim Warten auf ihre Pommes sich Popel als Vorspeise gönnt. Popel essen soll ja nicht ungesund sein, aber im Restaurant? Eklig!

… wenn man eine Tüte Kartoffelchips öffnet und in eine Schüssel umfüllt, dabei eine tote Assel zum Vorschein kommt. Asseln sollen ja nicht giftig sein, aber als Eiweißbeigabe im Knabberkram? Eklig!

… wenn man nach einem Wettkampf duschen will, auf dem Fußboden aber noch eingetrockneten Schaum vom Vortrag findet. Nun assoziiert man Schaum ja mit Seife, aber wenn sie bereits den Dreck von einem fremden Körper gelöst hat? Eklig!

… wenn man im Bus steht und jemand ohne Taschentuch und ohne etwas vor den Mund zu halten gegen die Glastür niest. Die Tür muss man ja, anders als in der Bahn, zum Glück nicht berühren, aber alleine der Anblick von langsam herablaufenden grüngelbem Lungensekret? Eklig!

… wenn man bei der Post in der Schlange steht, sich als Rollstuhlfahrerin auf Sitzhöhe direkt hinter einer laut furzenden Oma befindet. Pupsen kann ich auch gut, aber in Richtung fremder Leute in einer Schlange? Eklig!

… wenn man über das Volksfest rollt und in einer sich drehenden Schaukel jemand zu kotzen beginnt. Rückwärts zu essen an sich finde ich schon eklig, wenngleich man bei einem Medizinstudium echt abstumpft, aber auch noch in Rotation? Eklig!

Hmmm.

Süß ist …

… wenn mir im Supermarkt eine alte Dame, die sich ohne ihren Gehwagen kaum noch auf den Füßen halten kann, die Tür aufhält. Eigentlich würde ich ihr die Tür aufhalten, ich habe die Kraft und sitze bequem, aber so? Süß!

… wenn ich von einer jungen Rollstuhlfahrerin (5 Jahre), mit der ich neulich in einer Wartezeit vor dem Sport „fangen“ gespielt habe, hinterher ein Bild von uns beiden malt. Ich hätte zwar früher nie geglaubt, dass ich fremde gemalte Bilder mag, aber solche? Süß!

… wenn mir der alte Herr, der mich im Juli zu seiner Geburtstagsparty eingeladen hat, ein Päckchen mit Adventsplätzchen schickt. Man soll zwar verliebten Gockeln nicht aus der Hand fressen, aber der? Soooo süß!

… wenn mir die Nachbarin, von Gegenüber, die ich überhaupt nicht näher kenne, plötzlich selbst gestrickte Wollhandschuhe schenkt. Fahren kann ich damit zwar nicht, aber bunte Handschuhe, falls man irgendwo rumsteht? Süß!

… wenn Marie für ihre Familie einen Nudelauflauf macht und mir eine Tupperschüssel davon mit in die Uni bringt. Auch wenn ich lieber mit ihrer Familie zusammen esse – dass sie dabei an mich und meinen Auflauffetisch denkt: Süß!

… wenn ich zu einem Treffen eingeladen werde, bei dem jemand für eine Leistung ausgezeichnet wird, ich mich dafür aufbrezel und dann ein junger Mann ins Stottern kommt. Er ist zwar überhaupt nicht mein Typ und viel zu jung, aber seine Verlegenheit? Süß!

… wenn ich mich beim Schwimmtraining warm mache, ein kleines Mädchen aus der Vorgruppe zu mir ins Wasser hüpft, um mich zu begrüßen, nachdem ich ihr mal gezeigt habe, wie man trotz Querschnitt schwimmt. Ich mag keine Störungen beim Training, aber der kleine Wurm? Soooo süß!

… wenn Marie und ich bei Maries Eltern im Pool liegend die Sterne beobachten und der Hund angetapst kommt, einmal die Lage checkt und dann in Maries oder meinen Rollstuhl springt, sich mit seinen 35 Kilos auf dem Sitzkissen einrollt und weiterschläft. Ich mag zwar keine Hundehaare im Sitzkissen, aber dieser Hund? Soooo süß!

… wenn ich in meinen Kühlschrank gucke und dort plötzlich wieder Saft finde, weil Cathleen von sich aus einfach an mich gedacht hat und den Kram im Rucksack anschleppt. Ich mag zwar nicht bemuttert werden, aber dass Cathleen immer möchte, dass es allen gut geht: Soooo süß!

… wenn 2,27 Millionen mal meine Blogseiten aufgerufen werden, weil Menschen lesen möchten, wie es mir geht. Ich schreibe eigentlich nur Tagebuch, ich kenne die meisten Leser gar nicht, aber dieses Interesse und diese Anteilnahme? Süß!!!

Macht es mir was aus?

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Gestern war ich noch einmal mit der quotenbehinderten Steffi in der Therme und es war noch einmal sehr schön. Wir haben uns erneut gut unterhalten über sehr viele verschiedene Themen und es war so ein vertrautes Verhältnis zwischen uns beiden, dass es mir so vorkam, als würden wir uns schon viele Jahre kennen. Es haben mich aber einige Dinge erneut sehr nachdenklich gestimmt und mich auch überlegen lassen, wie es mir wohl gehen würde, wenn mich nach meinem Unfall niemand an die Hand genommen und mir gezeigt hätte, wie man im Rollstuhl, mit einer körperlichen Einschränkung, zurecht kommt. Wie man die Hilfe bekommt, die man braucht; wie man trotz Hilfe noch selbständig sein kann.

Ich kenne Maria, die für viele Alltäglichkeiten Hilfe braucht, sie perfekt organisiert und bei uns in der WG klar kommt. Mir der abrufbaren und finanzierbaren Assistenz. Die vorher in einem Pflegeheim gelebt hat, wo sie, rückblickend betrachtet, sich eigentlich selbst aufgegeben hatte. Ich kenne noch andere Menschen, die ebenfalls deutlich mehr Hilfe im Alltag brauchen als ich. Sie alle sind enorm selbständig.

Steffi ist auch enorm selbständig. Sie lebt alleine, sie arbeitet, fährt Auto, kauft ein, putzt ihre Wohnung, treibt Sport … im Rollstuhl sitzend und ohne Handfunktion eine beachtliche Leistung, wie ich finde. Sie lebt ausschließlich von dem Geld, das sie durch ihre Arbeit verdient, bekommt keinen Cent Unterstützung vom Staat. „Für eine Pflegestufe bin ich zu selbständig. Ich kann alleine duschen, ich kann alleine aufs Klo, damit ist eigentlich schon alles gesagt. Ob das Duschen eine Stunde dauert, spielt keine Rolle, es zählt, dass ich es alleine kann. Für Assistenz bekomme ich auch kein Geld, die müsste ich selbst bezahlen.“

Auf meine Frage, ob sie denn überhaupt so viel verdiene, dass sie das könnte, sagte sie: „Natürlich nicht. Ich bekomme knapp 1.500 € pro Monat. Davon lege ich jeden Monat 300 Euro auf mein Sparbuch, für mein Auto, für den Zahnarzt, meine Brille – und weil ich im Februar gerne zwei Wochen ins Warme fliege. Das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne, und der muss auch sein – dieser kalte Winter mit Schnee tut meinem Körper nicht gut und mein Allgemeinbefinden verschlechtert sich, wenn es lange Zeit kalt ist. Ich bekomme dann Schmerzen, ich bin kraftlos, unkoordiniert – wenn es dann geschneit hat und morgens um 5.30 Uhr noch nicht geräumt ist, brauche ich manchmal über eine Stunde von der Haustür zum Parkplatz. Um die Zeit sind nur selten Menschen auf der Straße, und wenn, hilft auch nicht jeder. Das sind nicht mal 30 Meter, aber die Mehrzahl der Leute reagiert gar nicht oder sagt: ‚Sorry, keine Zeit!‘ – Wenn ich dann mit einer Stunde Verspätung am Arbeitsplatz ankomme, kommen die üblichen Sprüche, ob es bei Schnee mit dem Autofahren nicht klappt, ob ich verschlafen hätte, … nachmittags ist es besser, da sind die Leute entspannter, da helfen eigentlich so 7 von 10.“

700 € gehen für die Miete samt Nebenkosten drauf, von den verbleibenden 500 € zahlt sie Klamotten, Essen, Benzin für den Arbeitsweg, und was man sonst noch so braucht. Das Problem mit dem Sparen ist bekannt. Sobald man mehr als 2.600 € auf dem Sparbuch hat, muss man benötigte Assistenz selbst finanzieren. Steffi legt dieses Geld aber zurück, damit sie ihr Auto unterhalten kann – das muss ja von Zeit zu Zeit mal in die Werkstatt. Oder ersetzt werden. Sie könnte jetzt von den 5.000 € drei Monate lang je 500 € für Assistenz aufwenden. Dann wäre sie unter dem magischen Betrag von 3.600 €, dann käme das Sozialamt für ihre Assistenz auf. Aber dann hätte sie nicht mehr genug Geld zum Verreisen und dazu, die Autoreparaturen zu zahlen. Also verzichtet sie auf die Assistenz – ihrem Urlaub zuliebe.

Steffi geht den falschen Weg. Aus moralischer Sicht gewiss nicht. Aber aus egoistischer, gewinnorientierter Sicht. Würde sie das Geld nämlich nicht zurücklegen, sondern sofort alles ausgeben, dann würde sie das Auto und die Reparaturen von der Rentenversicherung oder vom Sozialamt bezahlt bekommen. Sie braucht das Auto schließlich, um zur Arbeit zu kommen. Und sie würde die Assistenz bewilligt bekommen. Und jedes Jahr eine vierwöchige Kur im Februar. Sie müsste sich laut Frank mit etwa 220 € pro Monat an den Kosten beteiligen – mehr wäre ihr mit Blick auf die Höhe des Verdienstes nicht zuzumuten.

Nur die Kur hilft ihr nicht. Was ihr hilft, ist ein anderes Klima, warme Luft. Und das ist Luxus. Dieser „Luxus“ ist ihr so wichtig, dass sie dafür das ganze Jahr über darauf verzichtet, ihren Assistenzbedarf professionell abzudecken. Häufig bittet sie im Moment die Nachbarn, Bekannte, Freunde. Die dann aber nach einiger Zeit davon und damit auch von Steffi die Nase voll haben. Sie sagt, sie versucht die Dinge, die sie absolut nicht alleine kann, auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Und sehr genügsam zu sein – eine ausgeschüttete Geldbörse bleibt dann eben ein paar Wochen leer und solange liegen die Münzen auf dem Fußboden ihres Zimmers verteilt.

Zum Fensterputzen kommt eine Firma, die dafür jedes Mal fünfzig Euro nimmt. Das ist zwar günstig, dafür steht aber hinterher jedes Mal die halbe Wohnung unter Wasser. Beim Einkaufen hilft ihr der Supermarkt, der die ausgesuchten Sachen nach Hause liefert, dabei aber gerne die Eier zerschlägt und die Tiefkühlartikel auftauen lässt.

Und dann wäre da noch: „Jule, kannst du mir, bevor wir ins Schwimmbecken gehen, einmal die Fußnägel schneiden? Du darfst ‚Nein‘ sagen, aber vielleicht macht es dir nichts aus und mir tätest du einen großen Gefallen.“ – Macht es mir was aus?

Und dann wäre da auch noch: „Jule, wenn wir nach dem Schwimmen noch was Essen gehen, macht es dir was aus, mir die Nudeln klein zu schneiden? Ich würde so gerne den überbackenen Nudelauflauf essen, aber ich kann nur eine Gabel oder einen Löffel halten – mit beiden Händen gleichzeitig.“ – Macht es mir was aus?

Und sonst: „Jule, macht es dir was aus, wenn du mir nach dem Föhnen die Haare zusammenbindest? Ich würde so gerne mal wieder einen Zopf haben, aber alleine kann ich das nicht.“ – Macht es mir was aus?

Ich bekam heute eine SMS: „Es war der leckerste Nudelauflauf der letzten 365+ Tage. Und dein geflochtenes Meisterwerk hat die Nacht schadlos überlebt und ich fühle mich so glücklich, weil mir heute schon so viele Leute gesagt haben, dass mir das steht. Vielen, vielen Dank.“ – Macht es mir was aus?