Verfahren und verzählt

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In unserem neuen Haus ist fast alles super. Die Sonne kitzelt so schön in meiner Nase, wenn ich morgens aufwache. Nachts ist es wunderbar ruhig, morgens schnattern höchstens mal ein paar Enten – herrlich. Bislang bereuen Marie und ich es noch nicht, hier zu wohnen. In rund drei Wochen geht es allerdings erstmal für drei Monate zurück an unseren Studienort, da die Vorlesungszeiten bald wieder beginnen. Mein siebtes Semester ruft.

Die anderen Leute im Haus sind auch sehr nett, die Auswahl ist uns, nach jetzigem Stand, gut gelungen. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die Anzahl überschaubar ist und sich niemand in der Anonymität verstecken kann. So oder so: Alle sind recht ordentlich, alles ist sauber und ruhig.

Größere Probleme hat es noch nicht gegeben, lediglich eine zuletzt nervige Sache, die aber inzwischen, nach mehreren Anläufen, behoben ist: Der Aufzug spielte hin und wieder verrückt. Zum Glück brauchen wir ihn im Erdgeschoss nicht unbedingt, aber andere Mieter sind auf ihn angewiesen und entsprechend muss er natürlich einwandfrei und zuverlässig funktionieren.

Anfangs kam es häufiger vor, dass der Aufzug an der zuvor ausgewählten Etage vorbei fuhr. Ja, richtig gelesen. Normalerweise fährt die Kabine ja bis zu einem bestimmten Punkt schnell, geht kurz vor Erreichen der gewählten Haltestelle in die Langsamfahrt und stoppt dann, im Idealfall, bündig. Hier war es so, dass insbesondere bei den mittleren Stationen die Kabine mit Vollgas bis zu der gewählten Ebene fuhr, dann offenbar im Moment des Vorbeifahren beschämt ihren Fehler bemerkte, um dann erstmal aus voller Fahrt bis auf Null abzubremsen. Nicht völlig abrupt mit einem lauten Knall, aber schon so, dass einem flau im Magen wurde und man sich dachte: „Bin ich hier im Karussell?“ – Anschließend fuhr die Kabine in der Langsamfahrt den halben Meter bis zur gewählten Ebene zurück und öffnete kleinlaut die Tür.

Damit konnte man ja noch irgendwie vorübergehend leben. Was aber gar nicht ging, war, dass die Anlage sich hin und wieder verzählte. In der Kabine konnte man ja improvisieren, indem man einfach auf „Keller“ drückte, wenn man ins Erdgeschoss wollte. Oder auf „1“, wenn man aus dem Keller kam und ins Erdgeschoss wollte. Nervig war es nur, wenn man im Erdgeschoss vor dem Aufzug stand, dann den Knopf drückte, und hörte, wie im ersten Stock die Tür aufging. Keine Chance, von außen die Kabine ins Erdgeschoss zu bekommen. Es sei denn, man schickte jemanden in den Keller, um dort zu drücken. Allerdings: Sobald man einmal alle Knöpfe in der Kabine gedrückt hatte und die Anlage alles abgearbeitet hatte, funktionierte es wieder normal.

Der Techniker kam, hat da irgendwas resettet, ohne Erfolg, kam nach drei Tagen wieder, hat stundenlang irgendwas neu eingestellt, ohne Erfolg, kam dann zwei Tage später mit zwei Kollegen wieder (an einem Morgen standen tatsächlich drei Service-Fahrzeuge vor dem Haus, so dass die Nachbarn schon fragten, wieviele Aufzüge wir hätten…) – am Tag danach war die Anlage von morgens bis abends komplett aus, abends kam wieder der Techniker und baute ein neues Teil ein.

Danach war das Vorbeifahren und das Verzählen weg. Dafür kam es nun aber hin und wieder vor, dass man im Erdgeschoss einstieg, nach oben wollte, den entsprechenden Knopf drückte, die Tür sich schloss und der Aufzug dann statt nach oben in den Keller fuhr, und zwar unter die unterste Ebene, und sich dort erstmal zur Ruhe setzte. Die innere Tür rollte ein kleines Stückchen auf, man konnte sie mit der Hand frei hin- und herschieben, mehr passierte nicht. Das Licht in der Kabine blieb allerdings an.

Wenn man jetzt in der Kabine eine Taste drückte, egal welche, passierte gar nichts. Abgesehen vom Alarmknopf, der funktionierte. Immerhin. Wenn dann allerdings jemand von außen den Aufzug rief, schreckte die Kiste aus ihrem Tiefschlaf, knallte die Kabinentür zu, der Aufzug fuhr einmal ganz nach oben, danach wieder ganz nach unten und anschließend zu der Etage, aus der er gerufen wurde. Danach funktionierte alles wieder ganz normal. Bis es den nächsten Aussetzer gab.

Das war dann der Moment, in dem ich am Telefon sehr deutlich wurde. Am nächsten Morgen kamen erneut zwei Mitarbeiter, lasen irgendein Protokoll aus und stellten fest, dass ein für das getauschte Bauteil benötigter Software-Patch nicht automatisch nachgeladen worden sei. Daraufhin wurde die komplette Steuerungssoftware neu aufgespielt, alles neu eingestellt – und seitdem ist alles so wie es sein soll.

Hoffen wir mal, dass das so bleibt. Und dass wir weiterhin glücklich und in Ruhe dort wohnen und leben können.

Schnee und Wind

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„Habt ihr es warm? Habt ihr genug zu essen? Sind die neuen Nachbarn nett? Habt ihr euch schon eingelebt? Ist es nachts auch nicht zu laut?“ – Maries Oma konnte gar nicht schnell genug fragen. Marie antwortete: „Die Heizung funktioniert, zu essen haben wir zum Glück auch genug. Bisher sind die neuen Nachbarn nett, eingelebt haben wir uns noch nicht wirklich, aber das kommt noch – und nachts ist es so ruhig, dass man die Flöhe husten hört.“ – „Dann bin ich beruhigt und muss mir keine Sorgen machen.“

Muss sie nicht. Aktuell sind Semesterferien, aktuell sind wir im Norden, haben, bevor wir für ein weiteres Semester wieder regelmäßig in den Süden donnern, noch ein paar Wochen Zeit, um unsere neu fertig gestellte Wohnung im Hamburger Randgebiet zu beziehen. Mit der Planung, im Sommer eventuell dauerhaft wieder zurück in den Norden zu kommen. Wie schon gesagt, Nordlicht bleibt Nordlicht. Aber endgültig steht das Ende unseres „Auslandsstudiums“ noch nicht fest, eventuell bleiben Marie und ich auch noch bis zum kommenden Winter in einer Landschaft, in der man eben nicht schon morgens sieht, wer abends zu Besuch kommt.

Kaum sind wir in Hamburg, beginnt es zu schneien. Aus mehreren Winterdiensten hatten wir ein Angebot herausgesucht, schon lange vor Bezugsfertigkeit des neuen Hauses. Es war nicht das günstigste, sondern das einer seriös erscheinenden Firma aus der Nähe. Wir hatten die Hoffnung, es würde dann nicht der Subsubsub-Unternehmer des Subunternehmers auftauchen, sondern jemand, der seinen Auftrag so erfüllt, wie wir es vereinbart haben. Gerne zahlen wir dafür drei Euro pro Stunde mehr.

Mit der weißen Pest ist es bei Rollstuhlfahrern so eine Sache. Ich kenne kaum jemanden aus der Szene, der gerne mit dem Rolli im Schnee unterwegs ist. Der Stuhl ist dafür nicht gemacht, die kleinen Räder bleiben stecken, die Hände werden kalt, die Greifreifen rutschig … klar, man kann alles mögliche ausprobieren. Handschuhe, dicke Räder, Greifreifen-Überzüge – nur will man das? In Handschuhen hat man entweder kaum Grip oder wird nach kurzer Zeit doch kalt, die breiteren Räder passen nicht ohne weiteren Umbau an den Stuhl. Kurzum: Asche. Weiße Pest eben.

Die Räumfirma bekam somit den Auftrag, den Zuweg von der Straße zum Eingang auf einer Breite von mindestens zwei Metern von Schnee und Eis zu befreien und anschließend, soweit überhaupt nötig, etwas rutschhemmenden Sand zu streuen. Der Gehweg an der Straße sollte über die Grundstücksgrenze hinaus bis zur Bushaltestelle ebenfalls auf zwei Meter Breite geräumt werden. Über die Grundstücksgrenze hinaus, weil das Nachbargrundstück nicht bebaut ist, und bevor wir alle nicht zum Bus kommen, regeln wir das lieber selbst. Kostenpunkt: 1.250 Euro brutto pauschal pro Winter.

Wenn man bedenkt, dass in Hamburg durchschnittlich nur an 20 Tagen pro Jahr die Tages-Höchsttemperatur unterhalb des Gefrierpunkts bleibt (an weiteren 58 Tagen sinkt zwar die nächtliche Tiefsttemperatur unter den Gefrierpunkt, am Tag sind allerdings Plus-Grade) und durchschnittlich nur jeden zweiten (1,8) Tag überhaupt Niederschlag fällt, braucht man eigentlich nicht mehr die Anzahl der Schneetage nachblättern. Es sind in Hamburg durchschnittlich 15.

Gehen wir mal davon aus, dass die Räumfirma an diesen Tagen zwei Mal kommen muss, sind das pro Einsatz rund 40 Euro. Eine Person (wir haben es ausprobiert) wäre mit dem Auftrag gut eine Stunde beschäftigt – aus meiner Sicht ein mehr als fairer Preis, auch wenn die mit ihren Räumgeräten und gleich zu viert anreisen.

Was passiert aber? Die Firma schiebt halbherzig einen Haufen Schnee vom Privatweg auf den öffentlichen Gehweg, so dass alle Fußgänger und Rollstuhlfahrer nun über die Fahrbahn ausweichen müssen. Alleine dafür schon müsste man alle vier gleich einseifen. Man räumt auch nicht komplett, sondern lässt eine Schicht Schnee liegen und verteilt auf dieser Schicht einen ganzen schwarzen Eimer Streusplitt. Die Räumbreite ist mit 60 Zentimetern nicht mal annähernd das, was vereinbart war. Der öffentliche Weg, der auf einer Breite von mindestens einem Meter zu räumen gewesen wäre, wird nur abgestreut (also es wird Splitt auf den Schnee geworfen).

Die nun folgende Diskussion mit der Chefin war einfach atemberaubend. „Das ist gesetzlich so zulässig. Wenn doch mal jemand stürzt, sind wir versichert, das fällt nicht auf Sie zurück.“ – „Mich interessiert nicht, was gesetzlich zulässig ist, sondern was wir vereinbart haben. Und es geht auch nicht darum, ob ich haften müsste, denn dagegen sind wir ohnehin versichert, sondern ob ich mit dem Rollstuhl zum Bus komme. Oder die anderen Mieter.“ – „Ja, da können wir leider nichts machen, die Mitarbeiter haben ja noch andere Aufträge zu erfüllen und gerade morgens, wenn überall frischer Schnee liegt, kämen wir ja gar nicht hinterher.“

Zum Glück hatten wir einen schriftlichen Vertrag, in dem alles genau beschrieben war, einschließlich Zeichnung. Unser Anwalt hat dann gleich eine Abmahnung gefaxt. Als sich am nächsten Tag nichts änderte, kam die Frage, ob sie 500 € plus Anwaltskosten freiwillig übernehmen und wir sie dafür aus dem Vertrag entlassen oder ob wir uns (anstelle einer außergerichtlichen Einigung) lieber über eine fristlose Kündigung mit Schadenersatz streiten wollen. Am Ende waren es 600 € einschließlich Anwaltskosten – und tschüss. Die spinnen wohl. Sie müssen den Auftrag doch nicht annehmen.

Inzwischen haben wir Ersatz. Bora, benannt nach dem Wind in Kroatien, räumt wie ein Weltmeister. Oder vielleicht sogar wie der Wind. Eine Mieterin kennt ihn und hatte ihn empfohlen. Er war bis vor kurzer Zeit Schulhausmeister in Niedersachsen, sein Vertrag lief aber aus und im Moment arbeitet er bei seinem Bruder im Imbiss. Seine Frau könnte auch die Treppenhausreinigung übernehmen. Wir haben uns jetzt erstmal auf 200 € pro Monat auf Minijob-Basis bis einschließlich April geeinigt, danach schauen wir mal, ob er sich vielleicht um den Rasen und die Sträucher kümmern möchte. Lieber stellen wir da einen zuverlässigen Hausmeister ein als in den Fängen von Abzockern festzuhängen und uns nur zu ärgern.

Apropos ärgern: Habe ich schon erwähnt, dass nicht weit vom Haus entfernt ein kleiner Fluss fließt, auf dem man Kajak fahren kann? Ich glaube, es wird ein schöner Sommer…

Nordlicht bleibt Nordlicht

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Alle Abnahmen sind auf Anhieb über die Bühne gegangen. Gestern bekamen wir die letzten lang ersehnten Dokumente. Das Wohnhaus im Hamburger Landgebiet, in dem Marie und ich zum Februar eine Wohnung beziehen und ab Sommer dann hoffentlich auch dauerhaft wohnen werden, ist fertig. Damit konnten heute bereits die Schlüssel der fünf vermieteten Wohnungen übergeben werden. Das war ein tolles Erlebnis, diese strahlenden und glücklichen Menschen zu erleben. Offizieller Mietbeginn ist Sonntag in einer Woche, aber da das Haus abgenommen und damit bezugsfertig ist, gibt es keinen Grund, die Leute nun eine Woche lang auszusperren. So haben sie alle genügend Zeit für den Umzug.

In den letzten Wochen gab es noch ein paar nervige Momente, weil in den Bädern nicht nach Bauzeichnung sondern nach Fantasie gebaut wurde. Insbesondere fand man, dass die Wand, in der der Spülkasten der Toilette versteckt ist, auch aus Rigips sein könne und nicht gemauert werden müsse. Es war aber eindeutig eine gemauerte Wand gezeichnet, um die ganzen Haltegriffe und Installationen, die möglicherweise im Zusammenhang mit Liftern etc. in Wänden und Decken verankert werden müssen, auch befestigen zu können. Es ist schlicht unbegreiflich, wie jemand ohne Rücksprache einfach von solchen Plänen abweicht. Aber egal, das Thema ist erledigt.

An der Heizanlage musste auch noch einmal nachgebessert werden, weil etwas mit dem Anschluss der Abgasanlage nicht stimmte. Aber auch das ist behoben. Der Schornsteinfeger fand alles gut. Und der Rest war Kleinkram. Mehrere Fliesen mussten noch korrigiert werden, ein Wasserhahn war nicht richtig angeschlossen, eine Wasseruhr wurde nicht abgenommen und musste ausgetauscht werden, eine Automatiktür öffnete sporadisch immer nur zur Hälfte und auf dem Dach guckte irgendeine Folie an einer Stelle raus, wo sie nicht rausgucken durfte. In einer Einbauküche fehlte noch eine Schranktür, eine Fensterscheibe ist zerkratzt und … ich glaube, das war es schon.

Marie und ich werden uns nun nach und nach unsere beiden Zimmer herrichten. Ich bin sehr froh, hier oben im Norden wieder ein eigenes Zimmer zu haben, wenngleich es mir an meinem Studienort im Süden momentan auch sehr gefällt. Aber ein Nordlicht ist und bleibt eben ein Nordlicht. Das sieht Marie zum Glück ganz genau so.

Ein Goldstück

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Ich bin aufgeregt! Unsere Baufirma möchte sich gerne eine Zusatzprämie verdienen und bietet an, unser Bauobjekt bereits am 2. Januar (statt bisher am 29. Januar) schlüsselfertig zu übergeben. Bereits das Richtfest war gut 14 Tage früher als eigentlich geplant. Zum Glück halte ich mich da fast völlig raus und vertraue auf Menschen mit Erfahrungen, die raten, von solchen Deals die Finger zu lassen. Es ist ein Vertrag geschlossen, den wir beide einhalten. Es wird nicht mittendrin neu verhandelt. Wenn die Firma freiwillig früher die vereinbarte Leistung abliefert und/oder sie besonders gut abliefert, wird man sich sicherlich erkenntlich zeigen. Aber vertraglich bleibt alles beim Alten.

Wenn ich bedenke, wie lange es auf öffentlichen Bahnhöfen teilweise dauert, bis ein Aufzug eingebaut oder erneuert wird, wundert es schon, dass so etwas im privaten Bereich auch mal in drei Wochen geht. Okay, ein völliger Neubau ist etwas anderes als ein Austausch in einem uralten Bahnhof, zudem, wenn beim Austauschobjekt keine alten Bauzeichnungen mehr voliegen und beim Umbau Überraschungen eintreten. Aber dennoch: Drei Wochen gegen teilweise über ein Jahr ist schon bemerkenswert. Das heißt konkret: Der Aufzug ist bereits drin. Noch nicht abgenommen, darf also noch nicht betrieben werden. An den Außentüren fehlt noch jeweils eine Blende und am Bedientableau muss noch etwas ausgetauscht werden. Aber er ist drin und funktioniert. Und sieht sehr gut aus.

Bei den eingebauten Fenstern stimmt auch etwas noch nicht, denn es sind im ersten und zweiten Stock zwar bodentiefe Fenster vereinbart worden, allerdings dürfen die nicht auf ganzer Höhe zu öffnen sein. Das heißt konkret: Es war vereinbart, dass die mittig geteilt sind, unten ist es fest, oben geht es zu öffnen. Das Problem wurde gerade vor Ort besprochen, als ich da vorbei kam. Fensterfirma: „Aber so ist es doch viel schöner!“ – Unglaublich, seit wann interessiert der persönliche Geschmack des Fensterfirma-Mitarbeiters? Zum Glück muss ich mich mit solchem Mist nicht rumärgern. In Bad und Küche haben sie das Glas vertauscht, also ist in der Küche jetzt undurchsichtiges Milchglas drin und ins Bad kann man von draußen reingucken und beim Duschen spannern. Aber das ist wohl nur eine Kleinigkeit.

Drollig war auch die Diskussion um die Notwendigkeit einer Gegensprechanlage mit Kamera. Wenn jemand bimmelt, kann man drinnen sehen, was sich gerade vor der Haustür abspielt. Ob das wirklich so sein soll, hatte die Firma gefragt. Immerhin könnte man doch in allen Wohnungen aus mindestens einem Fenster den Haustürbereich einsehen. Aber egal, das sind Kleinigkeiten, überwiegend ist alles in Ordnung und sieht bereits sehr gut aus. Auch der übliche Baustellen-Diebstahl hält sich in Grenzen. Bisher vermissen wir lediglich eine Fensterbank und eine Badewanne. Allerdings haben wir auch jemanden, der sehr genau aufpasst: Jener Nachbar mit dem Ehrenplatz beim Richtfest hat schon drei Mal die Polizei gerufen, weil sich nachts Leute mit Taschenlampen auf dem Baugrundstück herumtrieben.

Seit heute steht auch fest, mit welchen fünf Mietern wir einen Mietvertrag abschließen wollen. Mietbeginn wird der 1. Februar sein. Die Schlüsselübergabe wird einige Tage vorher bereits sein können, sofern die Baufirma tatsächlich vorher fertig wird und alle Abnahmen vernünftig über die Bühne gehen. Es gab ja vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis und auch unter einigen Kommentatoren meines Blogs arge Bedenken, ob überhaupt ausreichend Interesse besteht. Ich sage nur: Angespannter Hamburger Wohnungsmarkt. Vier Wohnungen sind mit öffentlichen Mitteln gefördert, auf die vier Wohnungen gab es über zwanzig Bewerbungen. Barrierefreier Wohnraum, den das Land mit öffentlichen Mitteln fördert, darf in Hamburg nur mit Zustimmung der Behörden vermietet werden. Das bedeutet: Jede freie Wohnung wird an das Amt gemeldet und das Amt stellt mehreren Menschen eine Bescheinigung aus, mit der sie sich auf eine bestimmte Wohnung bewerben dürfen. Um so einen Bescheid zu bekommen, muss man bei der Behörde nachweisen, dass man von Obdachlosigkeit bedroht ist oder ähnliche schwerwiegende Gründe vorliegen.

Wir haben uns mit den Menschen, die wir anhand der Bewerbungsunterlagen in die engere Auswahl gezogen hatten, persönlich in einem Cafè in der Hamburger City getroffen. Wir hatten uns aus den über zwanzig Bewerbern insgesamt zehn ausgesucht und nacheinander in das Cafè eingeladen. Es war eine sehr anstrengende weil sehr emotionale Erfahrung. Emotional, obwohl wir, bevor wir nicht alle zehn Bewerberinnen und Bewerber gesehen hatten, keine Zu- oder Absage gemacht haben.

Standardmäßig haben wir einen Einkommensnachweis, eine Selbstauskunft und eine Bescheinigung des aktuellen Vermieters verlangt. Und im persönlichen Gespräch gefragt, warum jemand umziehen möchte. Kam dabei heraus, dass jemand unter sehr großem Druck stand, haben wir auch gefragt, ob der Druck so groß ist, dass er deshalb in eine eher ländliche Gegend zieht. Mehr Verunsicherung musste aber nicht sein, darauf hatten wir uns im Vorfeld geeinigt.

Eine Wohnung geht an eine 24jährige Frau, die sich vor rund einem Jahr bei einem Sturz eine komplette Querschnittlähmung unterhalb des 3. Brustwirbels zugezogen hat. Sie hat zum 1. Oktober einen neuen Arbeitsplatz gefunden, wohnt aber nach wie vor in einer Wohnung, die sie sich vor ihrem Unfall mit ihrem Exfreund angemietet hatte und die nicht barrierefrei ist. Jeden Morgen wird sie von einem Behinderten-Fahrdienst aus dem 4. Stock zu ihrem Auto getragen, jeden Abend wieder nach oben. Sie war bestens auf das Gespräch vorbereitet, hatte Fotos von ihrer jetzigen Wohnsituation dabei. So etwas ist natürlich sehr spannend, weil es den Eindruck vermittelt, wie jemand lebt. Sauber, aufgeräumt, geschmackvoll eingerichtet. Sie wirkte sehr aufgeschlossen, erzählte davon, dass sie die weitläufige Natur lieben würde und sich darauf freue, endlich handbiken zu können, ohne immer erst lange aus der Stadt fahren zu müssen.

Eine Wohnung geht an eine 20jährige Frau, die eine angeborene körperliche Beeinträchtigung (Zerebralparese) hat. Einschließlich einer für die Umwelt deutlich wahrnehmbaren Sprachstörung. Insbesondere „s“, „t“, „ch“ und „sch“ machen ihr erhebliche Schwierigkeiten. Dadurch denken die meisten Leute, sie sei bescheuert, sagte sie. „Beide neue Wohnung brau ä wege fricke Luff keine Sorge ham.“ – Sie war sehr locker drauf: „Ä hab keine Kartoffeln immunn. Dahör senur so an.“ – Für längere Strecken habe sie einen Rollstuhl. Sie habe bereits einen Führerschein, aber noch kein Auto. Nach ihrem Realschulabschluss macht sie aktuell eine Ausbildung in der öffentlichen Verwaltung. Sie hat bis Sommer im Internat gewohnt, stehe nun auf der Straße und sei übergangsweise bei ihren Pflegeeltern untergekommen, wo sie wohnte, bis sie 15 war. Diese seien inzwischen umgezogen, die neue Wohnung ist nicht mehr barrierefrei, sie krabbelt jeden Morgen 25 Stufen runter und abends wieder rauf. Es ist ein wenig risikoreich: Erstes eigenes Geld, noch dazu nur Ausbildungsgehalt. Erste eigene Wohnung, verlockend, ständig Party zu feiern. Aber sie soll eine Chance bekommen und sie machte einen sehr reifen und vernünftigen Eindruck. Die ehemalige Pflegemutter begleitete sie zu dem Termin und signalisierte, dass sie hilfsbereit zur Seite stünde, wenn es wider Erwarten Probleme geben sollte.

Eine Wohnung geht an eine allein erziehende Mutter mit einem 4jährigen Jungen, der das Down-Syndrom hat. Er saß total lieb die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß und interessierte sich für ihr Handy. Sie habe sich von ihrem Partner getrennt, sie leben aktuell noch in einer Wohnung, wollen dort aber so schnell wie möglich raus. Er habe bereits eine neue Frau, die ihn dort auch besuche, mehr wolle sie nicht ausführen, es sei unerträglich für sie. Sie lebe von Hartz IV, allerdings brachte sie eine Bescheinigung mit, dass die Mietkosten der neuen Wohnung vollständig vom Amt übernommen werden. Ich fragte, ob eine Zweizimmerwohnung nicht zu klein sei. Sie antwortete: „Mein Sohn bekommt ein Zimmer. Mir reicht ein Zimmer mit Küchenzeile und Schreibecke. Und einem Schrankbett. Meine Mutter wohnt fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt, es wäre wirklich ideal. Ich habe so betteln müssen, diesen Schein für dieses Haus zu bekommen, bitte schicken Sie mich nicht weg.“

Eine Wohnung geht an einen allein stehenden Mann, 75 Jahre alt, Beamter im Ruhestand. Er wohne zur Miete im dritten Stock, seine Frau sei vor mehreren Jahren an Krebs verstorben, er habe über 40 Jahre lang bei Wind und Wetter für den Staat geschuftet, sein Rücken sei kaputt und er brauche inzwischen einen Gehwagen und möchte sich für draußen einen E-Scooter anschaffen. Die jetzige Wohnung sei zu groß, es gebe keinen Aufzug, er käme kaum noch raus und nun hätten seine Kinder gesagt, sie würden böse werden, wenn er sich nicht auf die Socken mache. Veränderungen würden von Jahr zu Jahr schwieriger und bevor er in ein paar Jahren ins Heim muss, weil er die Treppe nicht mehr rauf und runter kommt, würde er sich lieber jetzt nochmal komplett neu sortieren wollen. Er fühle sich sonst noch jung. Ob das Haus einen DSL-Anschluss habe, sein Sohn habe ihm gerade erst einen neuen PC geschenkt. Mit Internet. Auf die Frage, ob ihn junge Menschen und Kinder im Haus stören würden, antwortete er: „Leben in der Bude ist genau das richtige für mich. Ich habe selbst Kinder und Enkelkinder. Und in dem Haus, in dem ich jetzt wohne, sind auch Familien mit Kindern.“

Und die fünfte Wohnung? Tja, eigentlich war das nicht geplant, aber wir werden eine der beiden nicht geförderten Wohnungen im Erdgeschoss erstmal vermieten. An einen aktuell 40jährigen allein stehenden Mann im Rollstuhl, den ich seit einigen Jahren kenne. Er hat vor einiger Zeit von seiner Partnerin getrennt und ist in der ehemals gemeinsamen Wohnung unglücklich. Sie liegt mitten an einer Bundesstraße, er findet dort keine Ruhe, die Nachbarn seien unmöglich, werfen Essen aus dem Fenster und zünden im Flur die Papierkörbe an. Er lebt seit jeher sehr zurückgezogen, ist aber sehr nett und ruhig. Er verdient eigenes Geld in Teilzeitarbeit an einem Heimarbeitsplatz, ergänzend kommt das Sozialamt für die Mietkosten auf. Eine größere Wohnung als üblich ist nötig, da er teilweise auch nachts Pflege und Assistenz benötigt.

In die sechste Wohnung werden Marie und ich zusammen einziehen. Jeder wird ein großes Zimmer haben, ein gemeinsames Zimmer mit Küche sowie ein großes Bad mit Badewanne und Dusche sowie ein separates Rolliklo sind mehr als ausreichend. Und bisher ist nicht absehbar, dass wir uns nicht mehr verstehen. Sollten wir uns wirklich mal streiten, können wir uns auch in der Wohnung aus dem Weg gehen. Und im schlimmsten Fall könnte Marie auch nochmal eine Nacht oder zwei bei ihren Eltern schlafen. Wir werden die Wohnung zum Februar parallel auch beziehen, werden allerdings bis mindestens zum Ende des Sommersemesters (Juli 2015) noch am jetzigen Studienort weiter studieren.

Wir haben die vier Bewerberinnen und Bewerber am Abend unseres Gesprächstags angerufen und ihnen erzählt, dass die Wahl auf sie gefallen ist. Der ältere Mann sagte, er freue sich, damit hätte er nicht gerechnet. Die anderen drei brachen entweder in Freudentränen oder in emotionales Geschrei aus. Ich sei ein Goldstück, meinte die allein erziehende Mutter. Sie irrt. Ich bin eine Stinkesocke. Hab ich aber nicht erzählt. Wir haben allen angeboten, dass sie, sofern Ein- und Umbauten vorgenommen werden müssen, die Firmen auch bereits in der Bauphase nach Absprache in das Objekt können. Haltegriffe in Bädern und ähnliches kann ruhig im richtigen Moment geplant und eingebaut werden.

Und die, die es nochmal woanders probieren müssen? Eine junge Frau, ey voll krass ich schwör, hatte sechs Handyverträge in der Selbstauskunft. „Sechs Handys? Das sind vier mehr als ich habe, und ich dachte immer, ich hätte viele“, meinte mein „Kollege“. – „Isch brauch die alle wegen meiner Exboys. Wenn die mir aufn Sack gehn, schalt ich einfach eins aus, weissu?“ – Eine junge Frau wirkte völlig verplant und bekam ständig durcheinander, auf welche Wohnung sie sich gerade bewirbt. Ein junger Mann im Rollstuhl war mir zu cool, er meinte, er würde die Wohnung bekommen, das hätte das Amt ihm schon bestätigt und was der Scheiß mit einem Bewerbergespräch solle. Ein anderer junger Student im Rollstuhl war völlig bekifft und wollte sich die Kaution sparen, indem er auf dem Bau hilft. Eine Frau um die 30 kannte ich schon vom Sport und da hatte sie zuletzt bei mir keinen guten Eindruck hinterlassen. Daran änderte sich auch bei diesem Gespräch nichts. Und ein junger Mann wäre noch mit in die Auswahl gekommen, allerdings hatte er nur 800 Euro brutto aus Gelegenheitsjobs und ein Leasingauto – wie auch immer er das angestellt hatte, mir war das zu unsicher.

Wie gesagt, ich bin aufgeregt. Irgendwie bin ich nun ein Stückweit dafür verantwortlich, dass die Leute ab dem 1. Februar nicht auf der Straße pennen müssen. Sie kündigen ihre Wohnungen. Sie freuen sich. Ziemlicher Druck. Aber es wird schon schiefgehen.