Schweden, Zinsen, Eigentum

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Heute, am 30. Februar … siehste, wenn ich meinen Eintrag so beginne, sind gleich alle Leserinnen und Leser hellwach. Nee, ich habe nichts geraucht, alle Pillen richtig dosiert und auch nicht zu tief in das Kapitel „kaufmännische Zinsrechnung“ geschaut, das, laut einem unserer Profs, tatsächlich in meiner in den nächsten Wochen anstehenden Zwischenprüfung abgefragt werden könnte.

Kleiner Einschub: Wofür muss eine Ärztin kaufmännische Zinsrechnung können? Ganz einfach. Wenn ich frühestens Ende 2018 mit meinem Medizinstudium fertig sein sollte, verdienen Hausärzte, sofern die aktuelle Entwicklung so weiter geht, nur noch so wenig, dass sie für die Berechnung ihres Überlebenskredits keine Arzthelferin mehr fragen können, denn die können sie sich dann schon lange nicht mehr leisten. Hausärztliche Versorgung auf dem Land oder sogar in ländlichen Gebieten innerhalb des Bundeslandes Hamburg ist kaum noch attraktiv. In dem Bezirk, in dem Maries Mutter ihre Praxis hat, liegt der „Versorgungsgrad“, also der Anteil von hausärztlich tätigen Medizinern pro einer bestimmten Anzahl von Einwohnern, bei unter 50. Angestrebt wird normalerweise ein Grad von 100, das bedeutet im Fall von Maries Mutter: Sie versorgt mehr als doppelt so viele Patienten als ihr eigentlich zuzumuten ist.

Eigentlich müsste sie sich freuen? Weit gefehlt. Ein Hausarzt sollte pro Tag bis zu 50 Patienten sinnvoll behandeln können, so war es vor Jahren, als man in der gesetzlichen Krankenversicherung kürzen und deckeln wollte, berechnet worden. Da chronisch kranke Menschen öfter zum Arzt gehen, manche sterbenden Menschen sogar täglich einen Hausarzt brauchen, ging man mal davon aus, dass pro Tag durchschnittlich etwa 15 Patienten zum ersten Mal in diesem Quartal kommen, bis zu 35 waren in diesem Quartal schon einmal da. So kommt ein durchschnittlicher Hamburger Hausarzt auf etwa 700 bis 800 verschiedene Patienten pro Quartal. Pro Patient bekommt Maries Mutter durchschnittlich etwa 32 bis 35 Euro, so dass sie im Idealfall zwischen 8.000 und 9.000 € monatlich mit ihrer Praxis erwirtschaftet. Auf den ersten Blick viel Geld, wenn man vergisst, dass davon auch die Angestellten und die laufenden Kosten bezahlt werden müssen.

Nun leben in dem ländlichen Gebiet, in dem ihre Praxis liegt, sehr viele Menschen, die nur selten zum Arzt gehen. So dass es gute Chancen gibt, dass von den etwa 2.800 Patienten, für die sie statistisch zuständig ist, tatsächlich auch mal 1.200 bis 1.500 im Quartal in ihre Praxis kommen. Statt der statistisch berechneten 700 bis 800. Ist auch so. Allerdings: Wer jetzt denkt, es gibt dafür auch doppelt so viel Geld, irrt. Maries Mutter kann als Kassenärztin pro Quartal nicht mehr Geld verdienen, als ein durchschnittlicher Hausarzt durchschnittlich verdienen würde. Und das sind nunmal diese 8.000 bis 9.000 €. Nun könnte man sagen: „Macht doch nichts. Sie ist mit dem Herzen Ärztin, dann arbeitet sie halt zum halben Preis.“ – Tatsächlich denkt sie auch so, nur verbrauchen doppelt so viele Patienten natürlich auch mehr Personal, Material und nicht zuletzt Medikamente, für die sie auch nur ein bestimmtes Budget hat, das sie trotzdem nicht überschreiten darf. Kurzum: Rein von ihrer Tätigkeit als Kassenärztin rentiert sich die Praxis nicht. Aus ihrer kassenärztlichen Tätigkeit bleiben ihr monatlich zwischen 1.500 und 2.000 € netto übrig. Es handelt sich also, obwohl hierfür die meiste Zeit beansprucht wird, nur um ein „kleines Zubrot“.

Nun war das aber ein großer Einschub. Zinsrechnung. Kaufmännische. Und der 30. Februar. Den es 1712 tatsächlich mal gegeben hat. In Schweden und (dem damals abhängigen) Finnland gab es 1712 einen zweiten Schalttag, weil man 1700 den 29. Februar hat ausfallen lassen und nun der Zeitrechnung einen Tag hinterher war. Am 1. März 1712 war dann in Schweden wieder alles so wie drum herum – wer hätte das gewusst? Dafür hätte Günther Jauch sicherlich eine Million Euro springen lassen!

Apropos Million: Zu Beginn dieses Jahres hat mir mein Finanzberater (nein, nicht der von der Bank) empfohlen, ein Teil meines Geldes in Wohneigentum zu investieren. Auch wenn ich es nicht selbst bewohnen sollte, solle ich bedenken, dass bei den derzeitigen Zinsen, die auf Spareinlagen gezahlt werden, mein Geld immer mehr seines Wertes verliert. Er hat mir dazu geraten, mich nach einer Eigentumswohnung umzusehen und diese gegebenenfalls zu vermieten. Wovon ich allerdings Abstand genommen habe, weil ich mich derzeit voll auf meine Prüfung konzentriere und nicht auf Wohnungssuche. Zumal ich eigentlich aus meiner WG auch nicht ausziehen möchte.

Allerdings gibt es zur Zeit unweit von dort, wo Marie wohnt, also noch im Hamburger Stadtgebiet, aber mit kilometerweitem Blick in die grüne Natur, ein Objekt samt Grundstück, das nach dem Tod des Käufers (gleichzeitig Bauherrn) zwangsversteigert wird. Mehrere Leute haben mich unabhängig voneinander bereits darauf aufmerksam gemacht, unter anderem Maries Eltern. Derzeit ist seit November Baustopp, fertig ist bisher das Untergeschoss (Rohbau) und ein Teil des Erdgeschosses. Das Grundstück und der Grundriss des Hauses sind so groß, dass es sich lohnen würde, nochmal neu zu planen und statt einer Luxusvilla ein Haus mit insgesamt fünf Wohnungen in drei Stockwerken (EG, 1. Etage, Dachgeschoss) zu bauen. Ich weiß, es hört sich verrückt an. Aber Frank, der sich das mit angesehen hat, sagte mir: „An deiner Stelle würde ich sofort zugreifen. So eine Chance bekommst du nie wieder.“ – Tatsächlich habe ich ihn gebeten, Details auszuarbeiten und konkrete Vorgespräche mit dem Bezirksamt zu führen, ob eine abweichende Baugenehmigung überhaupt erteilt werden würde. Als Idee sollen fünf barrierefreie Wohnungen entstehen, von denen ich in eine, maximal zwei investieren würde (je nach Zuschuss). Es müsste sich also noch mindestens ein weiterer Investor finden (nachdem ein weiterer bereits ernsthaftes Interesse angemeldet hat). Ich bin total aufgeregt und kann das eigentlich gar nicht gebrauchen. Daher verdränge ich es auch ganz schnell wieder.

So ist mein Leben im Moment. Viel los, wenig Zeit. Aber bloggen … na klar, das mache ich trotzdem. Oder gerade deswegen.

Plötzlich Glibber

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Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Und welche, die will wirklich niemand wissen. Und trotzdem: Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Niemand sein Wissen erweitert.

Als Bloggerin schreibe ich fast über alles. Nicht ständig über Dinge, die Niemand nicht wissen will, aber manchmal eben auch. Manchmal muss es auch sein. Nach so viel Gesülze wissen nun alle, was jetzt kommt: Too much information.

Dass auch Menschen Sex haben, ist allgemein bekannt. Dass Menschen, die keine Partnerin und keinen Partner haben, mitunter Sex ohne Partnerin oder Partner haben, auch. Ich rede schreibe von Onanie, oder -wenn man die Bibel mal außen vor lässt- von Masturbation, oder -wenn man schwierige Wörter auch außen vor lässt- von Selbstbefriedigung, oder -wenn man es einfach ausdrückt- vom Streicheln. Sich selbst.

Nachdem man inzwischen weiß, dass behinderte Menschen auch Menschen sind, man entschuldige nach diesem Zeitungsartikel (hat nichts mit Sexualität zu tun, bitte später ablenken lassen) bitte meinen Zynismus, gilt für behinderte Menschen: Auch sie haben Sex. Und masturbieren. Genauso häufig oder genauso selten wie Menschen ohne sichtbare Behinderung. Manch einer wird nun denken: „Wie langweilig.“ – Aber es gibt eben auch diejenigen, die denken: „Ach echt?“

„Ach echt“ ist für mich ja okay. Nicht jeder Mensch kann alles wissen, nicht jeder Mensch muss alles wissen, jeder Mensch hat das Recht, dazuzulernen. Nicht okay sind für mich Menschen, die mit „igitt“ oder „bitte nicht“ reagieren, und erst recht nicht okay sind für mich Menschen, die deshalb so reagieren, weil es um Menschen mit Behinderung geht, die da Sex haben oder masturbieren. Oder beides.

Damit bin ich wieder bei meinem ersten Satz: Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Ob, wann und wie oft jemand Sex hat oder masturbiert, gehört in aller Regel dazu. Und in aller Regel soll jeder Mensch selbst entscheiden können, ob und wieviele er von diesen Informationen aufnehmen möchte. Meine Leserinnen und leser sind also nach der Einleitung gewarnt, dass hier noch was über-informatives kommt, aber was ist eigentlich mit … Pflegekräften?

Es gibt bei uns im Wohnprojekt einen Runden Tisch, bei dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter austauschen, so etwas wie eine Teambesprechung. Damit keine unnötige Distanz geschaffen wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in die Situation kommen, in der sie über die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen, nimmt an diesen Besprechungen immer eine Bewohnerin oder ein Bewohner teil. Weil diese Person dabei natürlich auch sehr viel über ihre oder seine Nachbarinnen und Nachbarn erfährt, muss die teilnehmende Person mit einer Mehrheit und ohne Gegenstimmen für dieses „Amt“ gewählt sein. Es gibt aktuell nur vier Leute aus unseren drei Etagen, die dieses Amt ausüben, eine davon ist die Stinkesocke.

Ich habe mich nach der letzten Montagmorgen-Runde entschieden, zunächst mit dem betroffenen Bewohner und anschließend mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in einer großen Runde zu sprechen und nun auch darüber zu schreiben. Ich habe dafür ausdrücklich die Erlaubnis bekommen. Denn, und nun komme ich endlich zum Punkt, dieses Thema hat eine solche Brisanz, dass es einer Mitarbeiterin den Job gekostet hat. Das habe ich nicht entschieden, aber das liegt begründet in diesem Teamgespräch. Die Mitarbeiterin nimmt ihren Jahresurlaub und hat bereits einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Es handelt sich um eine feste Mitarbeiterin, die nun vermutlich vorzeitig in Rente geht. Die Bitte nach dem Auflösungsvertrag kam an Ende von ihr, da sie, so sagte sie, das Gefühl habe, sie sei für die junge Welt zu alt. Die junge Welt, in der behinderte Menschen sexuell aktiv sind.

Nein, es lag niemand masturbierend im Hausflur oder hatte Sex in der Gemeinschaftsküche. Es geht um einen jungen Mann, der eine Muskelerkrankung hat und über nur sehr wenige Bewegungen noch aktiv bestimmen kann. Er kann einen elektrischen Rollstuhl noch mit einem angepassten Joystick steuern, Fingerfunktionen sind noch vorhanden. Rutscht die Hand aber vom Joystick und fällt der Arm dabei von der Lehne, so dass er seitlich hinab hängt, reicht seine eigene Kraft nicht, den Arm wieder nach oben zu bewegen. Es muss also jemand seine Hand wieder an den Joystick legen. Der junge Mann studiert zur Zeit in einem Bachelor-Studiengang einer Fachhochschule und hatte die besagte Pflegekraft gebeten, ihn abends in Rückenlage ins Bett zu legen und seine Hände unter der Bettdecke auf seinem Bauch zu positionieren.

Die besagte Pflegekraft vertritt kompromisslos die Ansicht, dass genau das nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehöre und aus ethischen Gründen abgelehnt werden könne. Sowohl das Positionieren der Hände vor dem Zudecken auf dem Bauch als auch das nächtliche Drehen oder das morgendliche Waschen eines Menschen, der vor dem Einschlafen ejakuliert habe. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden. Sie gestehe ihm zu, dass er sexuelle Bedürfnisse habe, aber dafür solle er sich doch eine Freundin oder notfalls eine Sexualassistentin anschaffen. Auch, und das führte sie gleich mit aus, das unter der Dusche zu machen, komme für sie nicht in Frage, ungeachtet dessen, dass sie gar nicht dabei sei. Weil sie ihn da ja wieder rausholen müsse und dann ja zu befürchten habe, „plötzlich in Glibber zu treten“ – und das wolle sie nicht.

Eine 52jährige Pflegerin antwortete gleich sehr deutlich: „Mit Verlaub, dann hast du aber den falschen Job. Sexualität ist menschlich und als Pflegerin sollte dir nichts menschliches fremd sein. Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt. Es gibt Schutzkleidung, es gibt Handschuhe, es gibt Wasser, Desinfektionsmittel und eine gewisse Distanz. Wenn der junge Mann sich nicht selbst berührt, entleeren sich die Überschüsse auch irgendwann von alleine, willst du dann auch sagen, dass du den nicht mehr anfasst? Kann ich nicht verstehen.“

Eine 28jährige: „Du bist doch persönlich davon gar nicht betroffen. Schaff dir eine Distanz dazu. Er befummelt sich doch nicht deinetwegen oder wenn du dabei bist. Wo ist das Problem? Ich hab sowieso Handschuhe an und muss ihn morgens im Intimbereich waschen. Und selbst wenn er sich in die Hose gespritzt hat, kommt das in die in die Wäsche und fertig.“

Eine 35jährige: „Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Die Menschen wohnen hier und haben dort, wo sie wohnen, auch ihre Intimität und ihren höchstpersönlichen Lebensbereich. Das wird professionell beantwortet: Wenn er sich nähert, was ich übrigens bei ihm nie erlebe, bekommt er klare Antworten, und ansonsten bekommen wir Geld dafür, dass wir die Dinge tun, die die Bewohner selbst nicht tun können. Wie zum Beispiel irgendwelche Sekrete wegputzen. Das soll nicht böse klingen, aber eigentlich kannst du froh sein, dass er das im Bett macht und nicht vor dem PC beim Pornos gucken. Aber selbst dann müsste man sich auf ein Procedere verständigen. Was machst du denn, wenn Maria sagt, sie möchte nackt schlafen und ihr Spielzeug in die Hand gelegt bekommen?“

Die Antwort: „Sie schläft bei mir nicht nackt und Spielzeug gibt es auch nicht. Dafür sind andere Leute da.“

Tenor ist eigentlich, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter sexuelle Handlungen an Bewohnerinnen und Bewohnern vornehmen darf. Die Grenze ist aber aus unserer gemeinsamen Sicht dort, wo es um aktive, direkte Handlungen geht. Jemandem einen Vibrator einzuschalten und in die Hand zu legen, dann aus dem Zimmer zu gehen, wäre danach keine sexuelle Handlung. Das wäre der Fall, wenn das Personal den Vibrator aktiv benutzt. Das heißt: Bei der eigentlichen Handlung soll die Bewohnerin oder der Bewohner alleine sein. Davor und danach kann man helfen. Bisher sind wir mit dieser Regelung sehr gut gefahren. Ich persönlich brauche dafür keine Hilfe, aber einige andere Menschen, die hier wohnen, schon.

Die Frage, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche Hilfen ablehnen dürfen, hat die besagte Pflegekraft für sich beantwortet. Indem sie um Entlassung gebeten hat. Das werte ich als ein „eigentlich kann ich es nicht ablehnen und konsequenter Weise gehe ich, weil ich es nicht tun möchte“. Die Frage, die aber trotzdem im Raum steht, ist eben genau diese. Und sie geht eben schon sehr ins Eingemachte. Ähm. Einge … du weißt schon.

Defekte Dose und ein Pupsplan

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Kann man mir vorwerfen. Muss man aber nicht. Denn ich vergesse sie nicht. Die vielen Menschen, die sich normal benehmen gegenüber den vielen Menschen, die nicht normal sind. Setzt man voraus, dass es den „normalen“ Menschen nicht gibt, ist eigentlich schon alles gesagt. Jeder benimmmt sich einzigartig gegenüber anderen Menschen, von denen jeder einzigartig ist. Klar, dass mir dabei vor allem die auffallenden Menschen auffallen. Und dass ich über sie schreibe. Immer wieder.

So wie über den Netzwerktechniker mit der feinen Nase. Er kommt in unsere WG, soll einen Netzwerkfehler beheben. Das halbe Haus hat kein Internet, die Physio- und Ergopraxis unter unserem Wohnprojekt ist auch betroffen. Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich um einen Fehler außerhalb des Hauses handelt, aber das hatte der Internetanbieter zuvor ausgeschlossen. Bis zum Hausanschluss funktioniere alles. Wie sich später herausstellte, war die Hausanschlussdose selbst defekt, aber … der Reihe nach.

Dieser Netzwerktechniker kam also in unsere WG, ging direkt zum Büro (wobei mir „Büro“ ein wenig zu offiziell klingt, eigentlich ist es ein hübsch eingerichteter Raum, in dem der ganze Papierkram erledigt wird und in dem die Assistenz- und Pflegekräfte sich aufhalten können), traf auf Sofie und mich und fragte, ob wir ihn zum Chef bringen könnten. Der Chef sei nicht da, sagte Sofie, sie wisse aber Bescheid und schließe ihm den Raum auf, in dem die ganze Technik untergebracht ist. Er fragt: „Ist das hier ein Behindertenheim?“

„Eine Wohngemeinschaft“, antwortete Sofie.

„Worin liegt der Unterschied?“, wollte der Techniker wissen.

Sofie antwortete: „Mit einem Behindertenheim verbinde ich eine Einrichtung, in der Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf ein fest strukturiertes Tages- oder Wohnprogramm angeboten wird. Bei uns mieten sich Menschen ein barrierefreies Appartment und organisieren gemeinsam, dass sie benötigte Hilfen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in angemessenem Umfang erhalten.“

„Ist das nicht dasselbe?“, fragte der Techniker weiter.

„Keineswegs“, antwortete Sofie. „Im ersten Fall gibt es ein starres Angebot aus Zimmer, Essen und Pflege, in das man sich einfügen kann, im zweiten Fall gibt es eine Wohnmöglichkeit und den Rest organisiert sich jeder selbst.“

„Da würde ich doch aber die erste Möglichkeit vorziehen. Die Pflege brauche ich doch, wenn ich irgendwann mal so senil bin, dass ich jemanden haben muss, der mir den Hintern abputzt, nachdem ich ein Ei gelegt habe, sowieso. Dann ist es doch besser, ich kann auf den roten Klingelknopf drücken, als wenn ich erst noch im Internet drei Stellenanzeigen aufgeben muss und mich dann hinterher noch mit dem Finanzamt rumschlage, weil ich vergessen habe, für die 400-Euro-Kraft die Pauschalen an die Knappschaft zu überweisen.“

Sofie antwortete: „So hat jeder seine Präferenzen. Mir wäre es zum Beispiel wichtiger, dass ich nicht um halb sieben schon ins Bett muss, weil die Schicht in den Feierabend geht.“ – „Och, wenn man morgens um sechs geweckt wird, geht man abends auch früh schlafen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber eines fällt trotzdem angenehm auf: Bei Euch stinkt es nicht so extrem wie in manchen Einrichtungen. Ich komme ja viel rum, und in manchen Heimen stinkt das, als wenn die alle die Hosen voll haben“, befand der Techniker.

Sofie versuchte einen neuen Aufschlag: „Das kann aber auch daran liegen, dass krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder vielleicht nur die Bohnen beim Mittagessen den Abführplan der Einrichtung durcheinander gebracht haben. Wenn dann bei dem einen oder anderen Kacken erst morgen früh um neun auf der Tagesordnung steht, kann es zu solchen Kollateralschäden kommen.“

Aber der Techniker konnte Sofies Einstellung zum selbstbestimmten Leben nicht nachvollziehen. Er antwortete: „Ich sehe schon, Sie kennen sich mit solchen Dingen viel besser aus als ich. Wollen Sie das mal als Beruf machen? Ist ja auf jeden Fall toll, wenn es einfache Möglichkeiten gibt, die Behinderten besser unterzubringen. Und es ist natürlich besser, wenn alles schön sauber ist und nicht stinkt. Dass man dafür Pläne erstellen muss, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber es leuchtet ein, dass es auch Regeln gibt, wenn so viele spezielle Leute unter einem Dach wohnen.“

Sofie gab endgültig auf. Eine Bewohnerin mit frühkindlicher Hirnschädigung, körperlich sehr stark eingeschränkt, hat in einem Vierteljahr voraussichtlich ihr Abitur in der Tasche, hatte die letzten Worte mitgehört und krähte: „Für unsere frische Luft hier sorgt die ‚Zentrale Anweisung zur strukturierten Methanabgabe in Wohnräumen der Behindertenhilfe‘, in Bewohnerkreisen auch ‚Pupsplan‘ genannt.“

Bevor sie weiterreden konnte, sagte der Techniker: „So viele Einzelheiten möchte ich das gar nicht wissen. Ich sehe, es ist alles gut strukturiert und dann kümmere ich mich mal darum, dass das Internet wieder funktioniert.“

Immerhin hatte er es in weniger als zehn Minuten geschafft, den Fehler zu finden. Die Anschlussdose, die eigentlich der Netzbetreiber in Ordnung zu halten hatte, war defekt. Er tauschte sie, schrieb eine umfangreichen Text in die Rechnung und mit etwas Glück bekommt Frank die Kosten vom Netzanbieter wieder.

Als der Techniker weg war, fragte Sofie: „Sagt mal, hat die Anstaltsleitung eigentlich ein Mitbestimmungsrecht, wenn ein neuer Pupsplan aufgestellt wird?“ – Schallendes Gelächter. Und jene Abiturientin in spe fügte hinzu: „Ich pupse am liebsten abends im Bett. Dann wird es schneller warm unter der Decke.“

So leicht kann einfach sein

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Und noch ein Nachtrag zum Thema „Assistenz“ und „Freibetrag für Vermögen auf dem Konto“ – einen, bei dem vermutlich selbst dem Amtsschimmel das Wiehern im Hals stecken bleibt.

Maria bucht seit einiger Zeit ihre Pflege- und Assistenzleistungen nach ihrem Bedarf in unserem Wohnprojekt und finanziert sie über ein so genanntes „trägerübergreifendes persönliches Budget“. Das ist im Grunde nichts anderes, als dass der Gesamtbedarf ermittelt wird, in einem Plan festgehalten wird, die verschiedenen Kostenträger (Krankenkasse, Pflegekasse, Sozialamt) sich untereinander klar werden, wer wieviel leistet – und dann kleckern nicht alle einzeln herum, sondern es gibt eine Gesamtzahlung von einem Träger und ihre Erstattungsansprüche regeln sie untereinander.

Soweit, so gut. Im Oktober hat nun Marias Krankenkasse ihr EDV-System umgestellt. Und deshalb die Zahlung für den Monat November bereits 14 Tage früher als üblich an das Sozialamt angewiesen. Natürlich steht im Verwendungszweck, dass es sich um das Geld für November handelt, aber: Irgendeine dämliche Vorschrift beim Sozialamt besagt, das Geld ist dem Monat zuzurechnen, in dem es erwirtschaftet wurde.

Das bedeutet (die folgenden Zahlen sind nur beispielhaft): Die Krankenkasse zahlt monatlich 750 €, die Pflegekasse zahlt monatlich 2.000 €, das Sozialamt zahlt monatlich 3.500 €. Zusammen sind das 6.250 € jeden Monat. Am 01.10.13 hat das Sozialamt 6.250 € auf Marias Konto überwiesen. 2.750 € haben Kranken- und Pflegekasse dem Sozialamt erstattet.

Wegen der Umstellung in der EDV haben Kranken- und Pflegekasse nun am 16.10.13 noch einmal 2.750 € überwiesen – und zwar für November bestimmt. Das Sozialamt hat dieses Geld gleich an Maria durchgereicht, allerdings in der Akte vermerkt, dass im Oktober 2.750 € zusätzliches Geld eingegangen ist und einen Bescheid erlassen, dass im Monat Oktober nur Anspruch auf (3.500 € – 2.750 € =) 750 € gegen das Sozialamt besteht. Da am 01.10. bereits die 3.500 € vom Sozialamt ausgezahlt worden sind, sei eine Überzahlung entstanden, die im Monat November ausgeglichen wird. Im November zahlt das Sozialamt also nur 750 €…

Man kann das natürlich so machen, wenn es kompliziert sein soll. Dann müsste man aber berücksichtigen, dass vor dem 01.12.13 ja kein Geld mehr von der Kranken- und Pflegekasse kommt. Damit müsste dann das Sozialamt diese 2.750 € nun doch wieder zahlen. – Das ist aber nicht vorgesehen, die Leistung ergebe sich aus der Vereinbarung und sei entsprechend gedeckelt. Maria wurde auf ein Schreiben von Frank aufgefordert, sorgsamer mit ihrem Geld zu haushalten…

Und als wäre das noch nicht genug: Als Kompromiss hat man Maria angeboten, die „zuviel“ benötigte Leistung als Darlehen zu erbringen. Gleichzeitig wird Maria aufgefordert, die Kontoauszüge des Budgetkontos und des privaten Kontos vorzulegen. Auf dem Budgetkonto ist eine Schwankungsreserve von 3.000 € nicht zu überschreiten; auf dem privaten Konto dürfen maximal die schon bekannten 2.600 € als Vermögen liegen. Wird beides überschritten, kürzt sich die Dezemberzahlung erneut um das, was im Oktober zuviel auf den beiden Konten war.

Erst als sich der Dezernent der Behörde in das Verfahren eingeschaltet hatte, kam Licht ins Dunkel: Die Sachbearbeiterin, die das sonst macht, ist krank, die Vertretung … ich schreibe nicht weiter. Lösung: Maria erstattet die 2.750 €, die am 16.10.13 für November von der Kranken- und Pflegekasse über das Sozialamt auf ihr Konto gezahlt wurden, an das Sozialamt zurück, weil es sich dabei um eine Fehlbuchung handelte. Anschließend werden dieselben 2.750 € vom Sozialamt wieder auf Marias Konto zurück überwiesen, denn jetzt ist ja bereits November.

Hurra! Wenn doch alles so einfach wäre…

Fairerweise sollte ich erwähnen, dass man sich in einem persönlichen Telefonat mit Maria für die Panne entschuldigt hat.