Plätzchen und Smartphone

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Ich weiß, wir sind sehr spät dran. Aber seit heute gibt es bei uns einen Weihnachtsbaum. Noch steht er auf der Terrasse. Maries Papa hat ihn zusammen mit Helena besorgt. Man kann ihn nach Weihnachten einpflanzen (also es ist einer mit Wurzeln im Eimer), und wir haben auch schon einen Abnehmer in der Nachbarschaft. In den letzten Jahren hatten wir nur ein paar nadelnde Tannenzweige und einen Adventskranz auf dem Tisch, dieses Jahr kommen Maries Eltern zu Besuch und Helena fragte irgendwann mal, ob wir uns eigentlich auch einen Weihnachtsbaum besorgen. Meinetwegen müsste das nicht sein, aber jetzt, wo er auf der Terrasse steht und am Heilig Abend drinnen geschmückt werden soll, freue ich mich schon darauf. Es erinnert mich auch ein wenig an meine Kindheit.

Seit heute gibt es bei uns auch Weihnachtsplätzchen. Ja, ich weiß, auch spät dran. Aber noch rechtzeitig. Und keine Unmengen. Marie hat sie vorhin mit Helena gebacken. Ich habe auch achteinhalb Sternschnuppen ausgestochen. Ich glaube, das sind meine ersten selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen seit meinem Unfall.

Und seit heute habe ich alle Weihnachtsgeschenke beisammen. Für einen Moment dachte ich, ich würde es nicht mehr schaffen, aber heute gaben sich Paketdienste und Postbote die Klinke in die Hand und lieferten Dinge aus, die teilweise zehn Tage innerhalb Deutschlands unterwegs waren.

Ebenfalls seit heute hat Helena ein eigenes Girokonto. Beziehungsweise heute kamen die dazugehörigen Karten mit der Post. Es sind zwei Girokonten, ein Taschengeldkonto und eins für alle übrigen Finanzen. Das gab es bisher nicht, allerdings sind Marie und ich uns mit ihrem Vormund einig geworden, dass wir trotz aller familiärer Geschlossenheit dennoch ihre Finanzen über keins unserer Girokonten laufen lassen wollen. Nicht nur, um uns bei Bedarf besser rechtfertigen zu können, sowohl eines Tages vielleicht ihr gegenüber als auch Dritten, sondern auch, um sie in zwei, drei Jahren vielleicht an mehr Selbständigkeit heranführen zu können. Was das Taschengeld angeht, soll das ab heute so sein. Sie bekommt aktuell noch 20 € pro Monat, über die sie mit einer Karte frei verfügen kann. Die zweite Karte bleibt bei Marie oder mir und die bekommt sie dann in die Hand, wenn wir Klamotten einkaufen oder andere Dinge bezahlt werden müssen. Ich bin sehr gespannt, ob und wie das funktioniert. Und als drittes werden wir das Geld, das neben dem „Unterhalt“ als „Aufwandsentschädigung“ vom Jugendamt gezahlt wird, auf ein Sparbuch einzahlen, da Marie und ich dafür kein Geld haben wollen – das kann sie sicherlich gut gebrauchen, wenn sie irgendwann mal einen Führerschein oder ähnliches bezahlen muss.

Wir haben auch lange Diskussionen darüber gehabt, ob es zu früh ist, einer knapp dreizehn Jahre alten Schülerin ein Smartphone zu geben. Wir sind der Meinung, dass es passt. Wir werden das an Bedingungen knüpfen, das heißt, wir werden mit ihr eine Art „Vertrag“ machen, wo wir schriftlich mit ihr vereinbaren, wie das läuft. Damit sie sich das notfalls wieder vor Augen halten kann, was wir vereinbart haben, wenn das Gedaddel mit dem Ding doch gerade spannender ist als der Rest der Welt. Ich bin auch hier sehr gespannt, wie sich das entwickeln wird. Ich hoffe: gut.

Erster Job

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Ich erwähnte ja bereits, dass sich gerade in den letzten Wochen vieles verändert hat. Studium ist fertig, gleichwohl habe ich noch keine Lern-Unterlagen verbrannt. Gerade habe ich auch nicht die Absicht, das zu tun. Obwohl ich mal aufräumen und zumindest überflüssigen Mist aussortieren müsste. Dinge, die man sich nicht mehr anschaut. Kritzeleien. Aber vielleicht sind die in ein paar Jahren doch nochmal interessant. Ich entwickle mich gerade ein wenig in Richtung Messie. Aber richtigen Müll sammle ich noch nicht. Zumindest nicht mehr, als in meine Mülleimer passt.

Mülleimer habe ich inzwischen zwei. Einen zu Hause, unweit der Ostseeküste, wo, seit ich dort wohne, nur noch schönes Wetter ist, und einen in einer Mietwohnung, die ich seit Anfang des Monats mehr oder weniger zugeteilt bekommen habe. Wir hatten im Bewerbungsgespräch auf meinen neuen Job einmal angesprochen, dass ich wohl nicht täglich pendeln kann, und umso erstaunter war ich, dass man mir ohne weiteren Dialog eine stufenlos zugängliche Einzimmerwohnung unweit der Klinik, in der ich meine Facharzt-Ausbildung beginne, besorgt hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, sie wollen dringend (neues) Personal.

Eine junge Frau aus der Personalabteilung, mindestens fünf Jahre jünger als ich, hatte das alles arrangiert und war überhaupt nicht zu bändigen. Ich hatte das Gefühl, ich hätte eine persönliche Assistentin an meiner Seite. Nicht aufdringlich. Ich musste mich um nichts kümmern. Ich konnte die Wohnung gleich am ersten Tag besichtigen und hab sie auch sofort genommen, zum Schlafen ist sie optimal. Preislich kann man auch nicht meckern. Kurz nach dem Krieg gebaut, aber gerade renoviert und technisch auf dem neuesten Stand. Und ich teile mir den Hauseingang lediglich mit einer alten Dame, ich nenne sie mal Frau Schmidt, die sich vorgestellt hat, bevor ich es tun konnte: „Ich bin Oma Schmidt, und wenn Sie mal nichts im Haus haben, dann schellen Sie hier, die Zutaten für einen Pfannkuchen kann ich Ihnen immer ausborgen.“ – Das ist doch mal ein Wort.

Die Klinik hat, was selten vorkommt, auch für das Personal barrierefreie Sanitäreinrichtungen. Es gibt Kliniken, da wird erwartet, dass Personal im Rollstuhl die Patienten-Toiletten benutzt. Manchmal ist zumindest eine Besucher-Toilette für Rollstuhlfahrer geeignet. Wie ich inzwischen weiß, gibt es an der Klinik noch eine Erzieherin im Rollstuhl, die ich aber noch nicht kennengelernt habe. Insgesamt, so sagte man mir, erfülle man die gesetzlich vorgegebene Quote schwerbehinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

„Das ist Ihr Zimmer“, führte mich die eifrige Personalreferentin am ersten Tag in einen recht kahlen Raum mit einem komfortablen Schreibtisch einschließlich PC. Eigenes Zimmer? Hatte ich nicht erwartet. Und ist auch keineswegs üblich, wie ich von meinen ehemaligen Kommilitonen weiß. „Brauchen Sie einen höhenverstellbaren Tisch?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Brauchen Sie einen Schreibtischstuhl?“ – „Umsetzen von Zeit zu Zeit wäre nicht schlecht.“ – „Lass ich Ihnen bringen. Falls Sie Bilder an die Wand hängen wollen, darum kümmert sich ausschließlich die Haustechnik. Sagen Sie mir Bescheid.“

Ein eintüriger Kleiderschrank mit Spiegel, ein Tisch, halbrund, an einer Wand stehend und mit Platz für zwei Personen, zwei Stühle, ein Holzregal und ein Kleiderständer stehen außerdem drin. „Das ist Ihr Schlüssel. Den müssen Sie immer am Körper tragen. Wenn Sie ihn verlieren, wird das richtig teuer, denn dann muss die komplette Schließanlage getauscht werden.“ – Oha. Jede Menge Papierkram. Als sehr kompliziert stellte sich die im Arbeitsvertrag vereinbarte „aufschiebende Wirkung“ der Tatsache heraus, dass ich zwar meine Abschlussprüfung bestanden hatte, die zuständige Behörde aber noch keine Approbation erteilt hatte. Ich durfte zunächst nicht anders arbeiten als zuvor im Praktischen Jahr. Sollte das aber eigentlich.

Und als das dann endlich geklärt war, ergab sich die nächste Verwaltungshürde: Die Approbation wird in dem Bundesland erteilt, in dem man sein drittes Staatsexamen gemacht hat. Anschließend wurde die Akte erstmal in das Bundesland geschickt, in dem ich meinen ersten Wohnsitz habe. Und von dort ging es dann zu der zuständigen Stelle in dem Bundesland, in dem die Klinik ihren Verwaltungssitz hat. Und die stellen dann einen Ausweis aus, eine Chipkarte, die benötigt wird, um sich in der Klinik eine weitere Chipkarte zu besorgen, die wiederum benötigt wird, um sich am Computer oder an anderen technischen Geräten anzumelden. Hoch lebe der Vorgang!

Problem dabei: Der Ausweis braucht mindestens vier Wochen, bis er produziert und zugeschickt ist. Also habe ich zwar inzwischen eine Approbation, aber keinen Ausweis. Somit auch keine persönliche Chipkarte in der Klinik, sondern eine, die ich jeden Morgen freischalten lassen und jeden Abend wieder abgeben muss. Trotzdem hat meine Karte nicht die Berechtigungen, die ich bräuchte, so dass ich immer eine (ebenfalls) approbierte Kollegin dazurufen muss, um zu arbeiten.

Ganz simples Beispiel: Ein Junge auf „meiner“ Station hat Heuschnupfen und reagiert allergisch auf Frühblüher. Er bekommt ein Medikament, morgens eine Tablette, die das ganze Augentränen, Hatschi und Co. relativ gut abgemildert hatte. Ein wenig Hatschi bleibt aber dennoch. Inzwischen ist die Frühblüher-Saison eindeutig zu Ende und auch sein weniges Hatschi ist, wie er selbst sagt, vorbei. Also Tablette absetzen. Kann ich nicht alleine, weil ich keine passende Chipkarte habe. Ich kann das alles vor-erfassen, aber für den finalen Klick muss eine approbierte Kollegin dazu kommen.

Ansonsten ist aber alles prima. Meine direkte Vorgesetzte ist sehr nett, den Chefarzt habe ich bisher nur kurz gesehen, aber alle finden ihn klasse, und das Pflege- und Erzieherpersonal ist sehr unkompliziert, überwiegend jung und lustig drauf. Die Patienten auf „meiner“ Station sind zwölf, halb Jungs, halb Mädels, sind sehr unterschiedlich und haben teilweise wirklich erschütternde Probleme, die sie mit sich herumtragen. Ganz viele mit Missbrauchs-Erlebnissen, einige mit schwerer Depression, ADHS ist ein großes Thema, Angsterkrankungen, Krisensituationen. Was ich in den ersten Wochen mitbekommen habe, kämpfen ganz viele einfach nur um ihren Platz in der Gesellschaft, fühlen sich alleine gelassen, nicht ernst genommen. Viele von ihnen sind sehr reflektiert und wissen sehr genau, was mit ihnen los ist, brauchen aber Hilfe, Dinge zu ändern. Ich bin bei mehreren Elterngesprächen im Hintergrund dabei gewesen und habe mehrere Male gedacht: Wo bin ich hier gelandet? Was für Menschen gibt es auf diesem Planeten?

Die derzeit krasseste Geschichte, und bitte, wer heftige Dinge nicht gut erträgt, scrollt einen Absatz weiter, ist für mich die einer Elfjährigen, die vom Vater regelmäßig sexuell missbraucht wurde. Die Mutter wusste davon, wollte aber das äußere Bild einer heilen Familie nicht zerstören. „Was hätte ich denn machen sollen?“, fragt sie in Einzelgesprächen immer wieder und findet es „übertrieben“, dass ihr Göttergatte derzeit in Untersuchungshaft sitzt. Es sieht so aus, als hätte er nicht nur seine eigene Tochter missbraucht. Und als sei er nicht der Einzige, der sich über seine Tochter … mir wird schon wieder übel. Kohle ist dabei wohl auch noch geflossen. Die Ergotherapeutin erzählt in einer Teamsitzung, sie habe ihre erste Stunde mit dem Mädchen mit der Frage begonnen, was sie bei ihr mal ausprobieren möchte und was sie sich wünscht. Daraufhin hat das Mädchen zehn Minuten lang die Wand angeschaut, immer wieder geschluckt, immer wieder Luft geholt und schließlich leise gesagt: „Ich wünsche mir, dass mich mal jemand in den Arm nimmt, weil er mich okay findet.“

Ansonsten lerne ich fleißig dazu, werde wohl von allen sehr gut akzeptiert, ich habe noch keinen einzigen dummen Spruch über meine Behinderung gehört, und die Stadt, in der die Klinik ist, ist sehr hübsch. Wenn auch mit sehr viel rollstuhl-untauglichem Kopfsteinpflaster. Auch wenn meine Liebe zu Hamburg und meiner Ostsee unteilbar ist, muss ein kleines Kompliment dennoch sein.

Mal wieder Umzug

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Ist ja schon wieder alles mögliche vorbei. Weihnachten vorbei. Silvester vorbei. Jahreswechsel vorbei. Neujahr vorbei. Dritter Praktikumstag in der neuen Klinik vorbei. Dritter Tag des dritten Drittels des praktischen Praktischen Jahres vorbei. Wobei das derselbe dritte Tag war. Und der erste und der zweite sind natürlich auch schon. Vorbei.

Tja. Ich bin ziemlich fertig. Körperlich ausgelaugt. Es waren anstrengende drei Wochen. In denen andere sich erholt haben. In denen ich Weihnachten und Neujahr gefeiert habe. Aber in denen ich auch viel regeln musste, was ich eigentlich schon viel früher geregelt haben wollte. Und nun bin ich bereits wieder Vollzeit beschäftigt, muss nebenbei noch für die letzte Prüfung lernen. Es reicht.

Was sich im letzten Jahr gedanklich verdichtet hat: Ich werde erstmal nicht zu dir zurück kehren. Hamburg, meine hübsche Liebe, du musst in den nächsten Jahren ohne mich auskommen. In dir zu wohnen ist, wenn auch teuer, zwar schön, aber in dir wohnen einfach zu viele Idioten, die mich nicht in Ruhe lassen können. Keine Sorge, ich komme dich sicherlich immer mal wieder besuchen. Und ich werde auch hin und wieder mal in dir schlafen, wenn du erlaubst. Aber mehr ist im Moment nicht drin.

Zum 31.12. musste ich auch meinen Krempel aus meiner Bude am letzten Studienort räumen. Dort hatte sich natürlich mal wieder eine Menge angesammelt. Für das letzte Drittel penne ich anfangs noch in meiner Mini-Ferienwohnung an der Ostsee und pendel täglich mit dem Auto – das passt irgendwie. Während der Prüfungszeit werde ich mir am letzten Studienort ein Hotelzimmer nehmen, das ist günstiger, als die Wohnung noch ein halbes Jahr zu behalten. Am letzten Studienort hält mich nichts. Und ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass das Kapitel beendet ist.

Im Moment wohne ich also in meinem gemütlichen Nest an der Ostsee, wo wir auch den Jahreswechsel gefeiert haben. Allerdings sind die Tage in dieser Mietwohnung ebenfalls gezählt, denn auch hier habe ich gekündigt. Ja, großer Umbruch. Hauptsächlich aus steuerlichen Gründen. Und weil die Wohnungsgröße zum dauerhaften Wohnen nicht reicht. Zumindest nicht, wenn frau im Rollstuhl sitzt. Für Ferien, für ein Wochenende oder mal eine Woche im Sommer war es super und die Wohnung ist mir auch sehr ans Herz gewachsen, aber ich brauche etwas, wo ich dauerhaft bequem wohnen kann.

Entscheidend war auch, dass ich mich zum Jahreswechsel um meine Kohle kümmern musste. Bis Ende 2015 profitierte ich noch von einer Geldanlage, die mir aufgrund der langen Laufzeit feste Zinsen in aus heutiger Sicht traumhafter Höhe eingespült hat. Nachdem die aktuelle Zinspolitik aber Vermögen auf Sparkonten verbrennt, habe ich 2015 meine Kohle in physisches Edelmetall und in Aktienfonds deponieren lassen. Das Metall hat in den letzten zwei Jahren jeweils über 6% an Wert gewonnen, die Aktien ziemlich genau 4%. Das Metall fasse ich nicht an, aber einen Teil der Aktiensumme habe ich nun, bevor der nächste Börsencrash kommt, in Wohneigentum verwandelt.

Etwa 10 Kilometer von meinem gemütlichen Nest entfernt hatte jemand barrierearm gebaut, sich dann aus privaten, beruflichen, finanziellen oder whatever Gründen aber anders entschieden. Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas macht, vielleicht gab es eine Trennung oder einen Verlust – dieser Mensch wollte nur noch verkaufen. Ich habe diese Information von meiner Bank bekommen, die eigentlich nur nach einer Eigentumswohnung suchen sollte und meinte, barrierefrei finde sich in den nächsten fünf Jahren wohl nix. Eigentlich wollte man mich gar nicht kontaktieren, weil ich nach einer Wohnung gefragt habe… Danach ging alles relativ schnell. Wann bekommt man schonmal ein komplett barrierefreies Haus an der Ostsee angeboten, noch dazu zu einem relativ fairen Preis?

Es handelt sich um einen unterkellerter Bungalow mit ausgebautem Dachboden. Wohnfläche rund 160 m², Grundstücksgröße etwa 700 m², allerdings ist bis auf eine gepflasterte Auffahrt derzeit alles noch Acker. Gut isoliert, Gasheizung mit Brennwerttechnik, ergänzendes Wärmedings auf dem Dach, große Eckbadewanne, Dusche, Gäste-WC, großes Wohnzimmer, alles grau gefliest mit weißen Wänden, Einbauküche fehlt noch. Elektrische Rolläden vor allen Fenstern, hübscher Kamin im Wohnzimmer – was will man mehr? Achso ja, nicht alleine wohnen. Nein, Schatzi zieht nicht mit ein. Aber Marie hat sich dazu entschieden. Soll heißen: Es gibt ein großes Wohnzimmer mit (noch nicht) Küche und jeweils ein eigenes Zimmer für jeden von uns. Wobei sie erst richtig einziehen wird, wenn sie mit ihrer Prüfung fertig ist.

Plus ein Gästezimmer (wer will?). Und einen ausgebauten Dachboden. Der ebenfalls erstmal unbewohnt bleiben wird. Schaun wir mal.

Steuerliche Gründe hatte ich erwähnt. Bis jetzt habe ich nur auf die Zinsen, die ich bis 2015 für meine Sparverträge bekommen habe, kräftig Steuern gezahlt. Worüber ich mich überhaupt nicht beschweren will. In 2016 und in 2017 musste ich überhaupt keine Steuern zahlen, da ich ja kein eigenes Geld verdient habe. Bei der Umwandlung von den Aktien in Kohle für das jetzige Haus habe ich den Jahreswechsel optimal ausnutzen können. Soll heißen: Meine Bank war so freundlich, mir für zwei Wochen eine nicht unerhebliche Summe zu leihen. Das hat mich zwar etwas über 300 € gekostet, allerdings habe ich dadurch rund 7.000 € Steuern gespart, die ich hätte zahlen müssen, wenn ich die ganze benötigte Aktienkohle auf einmal umgewandelt hätte (also innerhalb eines Kalenderjahres, Stichwort: Abgeltungssteuer).

Ein Teil der Kaufsumme wird über einen staatlichen Zuschuss für Niedrigenergiebau finanziert, ein weiterer Teil über einen fast zinslosen Kredit aus dem gleichen Stall. Weil: Es gibt einen Tilgungszuschuss und die jährlichen Zinsen sind deutlich niedriger als die Inflation. Es wäre also ungünstiger, keinen Kredit aufzunehmen, selbst dann, wenn die Kohle vorhanden ist. Klingt verrückt, ist aber so.

Wenn ich jetzt im Sommer einen Job annehme, um damit meine Facharztausbildung zu bekommen, werde ich voraussichtlich unter der Woche wieder woanders wohnen müssen. Und dafür wieder Miete an dem Ort zahlen müssen. Das ist aus steuerlicher Sicht aber günstiger, als wenn ich zwei Wohnungen miete. Eine am Arbeitsplatz und ein kuscheliges Nest an der Ostsee. Klingt auch verrückt, ist aber auch so. Aber wenn ich Marie wieder in meiner Nähe habe, habe ich schon gewonnen.

Was jetzt noch dringend fehlt, ist ein vernünftiger Zaun um das Grundstück, ein gepflasterter Carport und ein Treppenlift im Haus. Der Häuslebauer hatte wohl geplant, den Dachboden für sich zu nutzen und seinen behinderten Angehörigen nur ins Erdgeschoss zu lassen, aber das ist nichts für mich. Ich muss auch in das Obergeschoss kommen. Allerdings nehmen Plattformlifte, auf die man mit dem Rollstuhl drauf fahren kann, zu viel Platz weg und sind zu teuer. Vermutlich wird es also ein einfacher Treppenlift – und oben steht dann ein zweiter Rollstuhl. In den Keller muss ich hingegen nicht unbedingt. Angesichts des Preises (wird fünfstellig), überlegt man sich schon zwei Mal, ob man einen oder zwei Lifte einbauen lässt. Und nach unten und nach oben sind halt zwei Lifte.

Und dann freue ich mich auf den nächsten Sommer. Wenn ich mit dem Handbike zehn Minuten zum Strand brauche.

Studium, Nachbar, Partner

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Es wird allerhöchste Zeit, dass mein Praktisches Jahr vorbei ist. Ich fühle mich, als machte ich im Moment außer arbeiten, lernen und schlafen nichts anderes mehr. Derzeit zeichnen sich Interesse und Arbeitsbereitschaft enorm aus. Und die Bereitschaft, die Scheißjobs ohne großes Aufsehen abzuarbeiten. Entsprechend habe ich acht bis vierzehn Stunden pro Tag oft ununterbrochen mit Menschen zu tun, die einfach nur anstrengend sind. Respektlos, laut, egoistisch, dumm. Und oft auch sexistisch. Mein gestriges Highlight war die Frage, ob man einen Sonografie-Schallkopf auch vaginal einführen könnte und ob das Spaß macht. Als ich direkt zum roten Faden zurückkehrte, griff der Mann um die 40 das Thema noch einmal auf und fragte direkt noch einmal nach, ob ich jemanden kennen würde, der sich das Ding schonmal eingeführt hat. Seine Frau sitzt daneben und lacht sich kaputt. Und nein, es war kein Stab-Sono, wie es der Frauenarzt benutzt und das aussieht wie eine elektrische Zahnbürste, sondern ein ganz normaler Konvexscanner, wie man ihn auch vom Babys-Gucken kennt. Den wird sich niemand freiwillig irgendwo einführen.

Zu meinem verstorbenen Nachbarn gibt es auch einige Neuigkeiten: Inzwischen haben sich Kinder dieses Mannes daran gemacht, die Wohnung aufzuräumen und den ganzen Müll in blauen Säcken aus dem Fenster zu werfen (und unten mit einem Pritschenwagen einer Autovermietung zur Mülldeponie zu bringen). Tatsächlich klingelten sie am Freitag hier und wollten sich mit einer großen Tafel Schokolade bei mir bedanken. Sie hätten gehört, dass ich mich um ihn gekümmert hätte. Leider hatten beide seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, da er diesen nicht wünschte. Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.

Danach hätten beide Kinder noch bis vor etwa vier Jahren regelmäßig Kontakt gehabt und ihren (geschiedenen) Vater etwa zwei bis drei Mal pro Jahr besucht. Sie hätten auch noch etwa einmal monatlich bis zum Schluss mit ihm telefoniert. Er sei immer klar gewesen und orientiert, konnte mitreden, auch zum Tagesgeschehen. In den letzten vier Jahren wollte er schlagartig keinen Besuch mehr und hat es immer wieder mit neuen Ausreden erklärt. Letztlich hätten sich die Kinder oft die Frage gestellt, was wichtiger ist: Der Kontakt und das Vertrauen – oder das Hinwegsetzen über die Wünsche (niemanden zu sehen), verbunden mit Klarheit (über die Situation), aber vermutlich auch mit einem Vertrauensverlust. Aufgesprochen auf den massiven Alkoholmissbrauch, sagten beide Kinder, dass der Vater bereits vor 30 Jahren alkoholkrank war und nie eine Therapie gemacht hat. Schon als beide zur Schule gingen, hat er jeden Abend bis zu 10 Dosen (0,5 Liter) Bier getrunken. Erst später kam auch noch Hochprozentiges dazu.

Das heißt im Klartext, dass er seit dreißig Jahren kaum mehr nüchtern war. Selbst wenn er normal gebaut war, normal gegessen, sich normal bewegt hat, tagsüber kein Alkohol getrunken hat: Bis 5 Liter Bier abgebaut sind, braucht es wohl rund 20 bis 24 Stunden. Wenn ich mir das vorstelle … nicht nur die Menge, die man anschließend pinkeln muss, sondern auch die Ausfälle, die das mitbringt! Ich habe einmal auf einer Party an einem Badesee an einem warmen Sommerabend über mehrere Stunden verteilt insgesamt drei große Flaschen kühles Bier getrunken. Dazu normal gegessen (es wurde gegrillt, gab dazu Brot und Salate und später noch Knabberzeugs). Okay, ich bin nicht so groß und wiege nicht so viel, ich bin eine Frau, das ist nicht vergleichbar. Dennoch: Die dritte Flasche war mir schon zu viel. Ich war nach zwei Flaschen schon so durch den Wind, dass mich plötzlich alle Jungs süß fanden. Und ich hatte gefühlt auch alle lieb. Am Ende war ich froh, dass wir dort gezeltet haben und ich nicht noch irgendwo hinrollen musste.

Ich bin froh, dass auch mein derzeitiger Partner kaum Alkohol trinkt, nicht raucht und auch keine Drogen nimmt. Wir hatten am letzten Wochenende endlich mal wieder viel Zeit für uns. Während mir meine wenigen früheren Beziehungen immer sehr viel bedeutet haben, sehe ich das inzwischen etwas lockerer. Damit ist nicht gemeint, dass wir eine offene Beziehung führen und jemand noch mit anderen Leuten ins Bett geht. Im Gegenteil: Wir gehen beide sehr wohl von Exklusivität aus. Ich halte mich daran auch, und ich vertraue ihm, dass er es auch tut. Mit „etwas lockerer“ meine ich die Hoffnung, den Glauben, vielleicht sogar den Anspruch daran, dass diese Beziehung für immer halten wird. Dass wir in zwei, drei, fünf, zehn Jahren noch zusammen sind. Wenn es so ist und wir damit glücklich sind, ist es schön (denn glücklich zu sein ist immer schön), wenn nicht, hat es dafür wohl nicht gepasst. Ich will insgesamt damit sagen, dass ich mir komplett abgewöhnt habe, eine Beziehung als „Institution“ anzusehen und diese „Institution“ zu bedienen. Stattdessen „bediene“ ich die Beziehung selbst. Gerade in der schwierigen Zeit der letzten zwei Jahre habe ich einige Gedanken dazu durchaus noch einmal etwas neu ausgerichtet. Und zwar durchaus tiefgründiger als es in einen Absatz passt. Vielleicht schreibe ich darüber demnächst noch einmal ausführlicher.

Für den Moment habe ich es erwähnt, weil er nicht nur total verknallt ist und mich noch immer anhimmelt, was ich wunderschön finde, sondern mich irgendwie auch „vergöttert“. Was auch sehr schön sein kann, was mir bei ihm manchmal aber eine Spur zu extrem wird. Zum Beispiel, wenn er die erwähnte „Exklusivität“ der Beziehung für ihn auch bedeutet, dass er sich außerhalb unseres Zusammenseins jede sexuelle Aktivität verbietet. Als freiwillige Entscheidung, an der ich mir kein Beispiel nehmen müsse. Er sagt, er brauche eine gewisse visuelle Stimulation, wenn er masturbiert. Oder auf Deutsch: Augen zu und träumen reicht nicht. Und da ich ihm keine entsprechenden Bilder oder Clips von mir zur Verfügung stellen möchte (nicht nur ihm, sondern niemandem, denn man weiß ja nie, wo die nach einer hässlichen Trennung oder nach einem Systemfehler noch überall auftauchen), findet er, dass er mich so betrügen würde (beim Anschauen anderer Frauen).

Und tatsächlich scheint er das auch durchzuziehen. Was aber zur Folge hat, dass er, wenn wir uns am Wochenende nach fünf bis sechs, manchmal auch zwölf bis dreizehn Tagen wiedersehen, dermaßen unter Druck steht, dass ich gerade nicht weiß, ob es ihm und uns vielleicht besser ginge, wenn er sich hier mehr Freiräume gönnen würde. Dass er, soweit es geht, gleich über mich herfällt, gefällt mir meistens sehr. Nur ist er dann nach spätestens drei Minuten fertig. Neulich kam er schon, als ich ihm die Jeans aufgemacht habe. Mengenmäßig nehme ich ihm die ein bis zwei Wochen Enthaltsamkeit sofort ab. Emotional auch. Wobei es sehr gemischte Emotionen sein können. Neulich fing er zu weinen an und wusste gar nicht, warum. Er meinte, er wollte eigentlich lachen, aber das ginge gerade nicht. Es ginge ihm aber gut.

Wenn ich komme, möchte ich anschließend am liebsten ganz eng kuscheln. Und vielleicht in fünf, zehn, fünfzehn Minuten nochmal wieder etwas heftiger werden. Er ist, wenn er gekommen ist, erstmal offline. Er könnte, wie ein sattes Baby im Arm, dann unvermittelt glücklich einschlafen. Das Problem ist: Mir bringt „Jeans öffnen“ vielleicht klebrige Finger, aber keine eigene Befriedigung. Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Wenn ich merke, dass es bei ihm so schnell geht, mache ich alles, damit es sich der Moment für ihn trotzdem toll anfühlt. Und es ist auch völlig okay. Sex ist für mich kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer der Beste ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viel Angst ich um meine Attraktivität wegen meiner Querschnittlähmung hatte (und auch manchmal immernoch habe).

Meistens ist es dann am Samstagmorgen oder Sonntagmorgen richtig schön. Da passt dann alles. Außer dass ich abends oft mehr Hormone im Blut habe als morgens. Aber es klappt trotzdem. Gerne würde ich auch die „stürmische Begrüßung“ noch anders genießen können. Vielleicht sind meine Erwartungen diesbezüglich zu hoch. Ich werde es wohl herausfinden müssen.