Gangster und Agenten

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Es war mal wieder eine aufwühlende Zeit. Der Schichtdienst, in den man mich inzwischen mehr oder weniger vollständig eingebunden hat, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich meine, einerseits bin ich ja froh, dass dieses Krankenhaus mich „normal“ behandelt und mir vertraut. Und offenbar mit dem, was ich in meiner Schicht tue, einverstanden bis zufrieden ist. Vielleicht ist es auch einfach nur der Personalstruktur geschuldet, so dass man alles einsetzt, was irgendwie ein Stethoskop und ein Telefon richtig herum halten kann. Denn eigentlich soll man im PJ … ach, lassen wir das.

Andererseits weiß ich schon jetzt, was ich später nicht machen möchte. Auch wenn es mir irgendwie Spaß macht. Aber in einer chirurgischen Aufnahme hat man zwangsläufig mit Menschen zu tun, mit denen man eigentlich nicht zu tun haben möchte – falls mal jemand fragt. Man lebt nicht nur gefährlich, sondern hat oft das Gefühl, sich schlafen zu legen wäre sinnvoller als zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einem eingewachsenen Nagel nachts um halb drei von mir verlangt, die Blutung am kleinen Zeh zu stillen. Oder in einer herbstlich bedruckten Serviette fünf haselnussgroße stinkende Kotkügelchen mitbringt, um ein Abführmittel ausgehändigt zu bekommen.

Vor zwei Monaten hatte ich über einen Nachbarn geschrieben, der mit 71 Jahren nach hohem täglichen Alkoholkonsum in „mein“ Krankenhaus eingeliefert wurde. Er hatte einen Entzug begonnen und ich war verhalten optimistisch, dass er anschließend auch versuchen wird, die psychische Abhängigkeit in den Griff zu bekommen.

Ich habe ihn in meiner Dienstzeit mit dem Segen meiner Chefin immer mal wieder besucht. Einmal pro Schicht. Einerseits, weil ich natürlich wissen wollte, was aus ihm wird. Andererseits, weil er keinen Besuch bekam. Von niemandem. Niemand aus der Familie interessierte sich für ihn. Keine Freunde, einfach niemand. Absolut traurig.

Gleich bei meinem ersten Besuch sprach mich der behandelnde Assistenzarzt an. Wollte weitere Informationen von mir, die ich aber gar nicht hatte. Wir lebten schließlich nur unter einem Dach, hatten sonst nichts miteinander zu tun. „Er hat nach dir gefragt. Und er hat gesagt, dass ich mit dir alles besprechen soll und du für ihn entscheiden sollst, was gut für ihn ist.“ – „Das möchte ich gar nicht. Er kann sich mit mir gerne beraten, sofern ich das als PJlerin überhaupt überblicke, aber ich werde nichts für ihn entscheiden.“

Ich sprach ihn darauf an. Er relativierte: „Es ist so, dass hier alle paar Stunden jemand anderes für mich zuständig ist. Dann wieder der eine, dann wieder der andere. Je nach Schicht. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Können wir nicht miteinander sprechen, bevor ich wichtige Entscheidungen treffe?“

Also habe ich mich informiert. Mit den ersten Untersuchungen hatte man eine Anämie festgestellt, also einen Blutmangel. Dabei ist zu wenig Hämoglobin im Blut. Hämoglobin ist ein Protein, das den Sauerstoff transportiert. Hat man zu wenig davon, muss das Herz schneller schlagen, um den Sauerstofftransport im Blut aufrecht zu halten, und man ist ständig „außer Atem“, schon bei geringer Belastung. Die Ursache könnte falsche Ernährung sein, so dass zu wenig Eisen aufgenommen wird. Ohne Eisen gibt es nicht genug rote Blutkörperchen, ohne neue rote Blutkörperchen gibt es kein neues Hämoglobin. Es kann aber auch ein Blutverlust ursächlich sein. Oder beides. Oder noch was anderes.

Nun hatte man bei ihm sowohl eine Mangel-Ernährung angenommen (er hatte sich ja fast nur noch von alkoholischen Getränken „ernährt“), zumal auch alle wichtigen Vitamine fehlten, was insbesondere bei verschiedenen B-Vitaminen auch höllische Nervenschmerzen machen kann, hatte aber auch Werte im Blut gemessen, die auf einen entzündlichen Vorgang im Körper hinwiesen. Und eine Entzündung kann auch mit Blutverlust einhergehen.

„Sie wollen, dass ich eine Magenspiegelung machen lasse“, sagte er. „Würden Sie mir das zu- oder abraten?“ – „Weder noch“, sagte ich. Ich erklärte ihm, was da passiert, und welchen Sinn es hat. Am Ende stimmte er zu. Ich fragte meine Chefin, ob ich dabei sein dürfte. Ich durfte. Und ob es ihm recht wäre. Sehr recht. Und wie zu erwarten war, nach jahrelangem Alkoholmissbrauch, war die Magenschleimhaut überall entzündet, zwei blutende Geschwüre am Übergang zum Zwölffingerdarm zu sehen – könnte sein, dass daher die Entzündungszeichen im Blut kamen.

Nach der Narkose entwickelte er ein Delir, also eine Verwirrtheit. Er wusste teilweise nicht mehr, wo er war, wer er war, war unruhig, fahrig, redete dummes Zeug. Von nächtlichen Überfällen durch irgendwelche Gangster (vermutlich hatte jemand Fieber gemessen). Das ist nicht ungewöhnlich. Zwischenzeitlich, vor allem morgens, wurde er aber wieder klar. An einem Morgen sprach mich die Schwester an: „Ihr Vater hat nichts anzuziehen. Vielleicht schaffen Sie es ja trotz Ihrer Behinderung mal, drei Hemden oder so zu kaufen.“

Was für eine blöde Schrippe! Nicht, weil sie annahm, er könnte mein Vater sein. Sondern für diese Bemerkung mit der Behinderung. Dennoch fuhr Socke nach Feierabend bei Clemens und August vorbei, um ein paar Schlübber und ein paar T-Shirts für ihn zu kaufen. Und Socken, weil er kalte Füße hatte. Socke veranlasste auch, dass der Friseur und die Fußpflege zu ihm kamen, da weder die langen Haare noch die langen Fußnägel wirklich schön aussahen. Das alles kostete mich mal eben 90 Euro.

Alkohol wollte er keinen. „Ich trinke nicht mehr“, sagte er. Seit Tagen bekam er immer wieder Fieberschübe. In einer Blutkultur stellte man fest, dass sein Blut mit Alpha-Streptokokken besiedelt war. Man weiß, dass diese ebenfalls Hämoglobin abbauen. In diesem Fall vermutete ich, dass sie über die kariösen Zähne in die Blutbahn gekommen waren. Viele dieser Stämme greifen die Herzklappen an, teilweise so sehr, dass sie durch künstliche Herzklappen ersetzt werden müssen. Erstmal konnte ein Antibiotikum erreichen, dass der Befall massiv eingedämmt wurde. Solange die Baustellen im Mund jedoch nicht geschlossen werden, wäre der Erfolg aber wohl nur von kurzer Dauer.

„Können Sie mir einen Gefallen tun?“, fragte er mich an einem Morgen, völlig klar. Ich antwortete: „Das kommt auf den Gefallen an.“ – „In meiner Wohnung liegt Geld. Mein Nachbar, der Herr …, hat einen Wohnungsschlüssel. Ich möchte nicht, dass das Geld plötzlich weg ist. Ich möchte, dass Sie sich Ihr Geld für den Friseur und die Fußpflege und die Hemden rausnehmen und den Rest sicherstellen. Machen Sie das für mich? Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen sollte.“ – „Eigentlich nicht.“ – „Bitte.“ – „Ich überlege es mir.“

Wollte ich mich da so einbringen? Und einbinden lassen? Andererseits war er nicht nur ein Patient, sondern auch ein Nachbar. Und ich war offenbar im Moment die einzige, die sich um ihn kümmerte. Ein wenig. Ich sprach mit meiner Chefin. Sie riet mir ab. Am Ende müsste ich es selbst entscheiden, verbieten könnte mir das niemand. Bei einem Patienten sehe sie Interessenkonflikte, da würde sie es verbieten, hier sei es zusätzlich ein Nachbar. Schwierige Situation. „Wenn du da rein gehst, nimm einen Zeugen mit. Und zieh dir Handschuhe an, wer weiß, was da alles lebt und wohnt.“

In einer Schublade im Schlafzimmer sei ein Umschlag mit mehreren Scheinen. Ich sagte, ich würde mit einer Freundin dort hingehen, damit ich einen Zeugen habe. Er sagte: „Wenn Sie das Geld unterschlagen, ist es weg. Das ist mir aber viel lieber, als wenn der Nachbar es klaut. Aber ich weiß, dass Sie ein ehrlicher Mensch sind.“ – „Ich mache es nur unter einer Bedingung: Ich zähle es in der Wohnung und überweise es auf ihr Girokonto, bevor ich es an mich nehme. Ich möchte nicht mit Geld herumlaufen, das mir nicht gehört.“ – „Das ist eine gute Idee. In der Schublade liegt auch meine Bankkarte. Die lassen Sie bitte dort, aber da steht meine Kontonummer drauf. Wenn Sie das für mich machen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“

Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin, als ich mit seinem Schlüssel, den er gerade von der Feuerwehr bekommen hatte (nach der Türöffnungs-Aktion), seine Wohnungstür aufschloss. Jene Bekannte, die mit mir manchmal zusammen schwimmt, war dabei. Beißender Gestank kam aus der Wohnung. Ich blieb gleich hinter der Tür stehen, hielt meinen Ärmel vor den Mund. Meine Bekannte ging zum Fenster und machte erstmal Durchzug. Bekackte Klamotten lagen auf der Erde. Inzwischen eingetrocknet. Verschimmeltes Brot lag auf dem Küchentisch. Überall leere Flaschen, Dosen, Müll. Ich merkte, dass meine Hilfsbereitschaft zu weit ging. Ich bereute in diesem Moment, hier zu stehen. „Wo soll das sein?“, fragte mich meine Bekannte. Im Schlafzimmer hatte jemand gegen die Wand gekotzt. „Stoß bloß nirgendwo gegen die Wand“, sagte sie zu mir, obwohl ich noch immer hinter der Eingangstür stand. Sie kam mit einer Waffe in der Hand zurück. „Hände hoch“, sagte sie.

„Bist du irre? Pack das weg. Wo hast du die her?“, fragte ich erschrocken. Sie grinste: „Oberste Schublade. Scheint nur Gas zu sein.“ – „Weg damit! Bevor sich noch jemand verletzt. Hast du die Kohle?“ – „Noch nicht. Warte, hier.“ – In Handschuhen zählt es sich schlecht. Zudem waren das alles neue Scheine. Nur grüne Hunderter. Sechsunddreißig Stück. Oder? Nach vier Mal zählen waren wir uns sicher. Die Bankkarte war auch da. Ich rief mein Onlinebanking auf. Und erinnerte mich, dass ich ja vom Handy keine Überweisungen vornehmen kann. Aus Sicherheitsgründen. „Lass das alles so liegen. Wir gehen in meine Wohnung, überweisen die Kohle, solange kann das hier noch lüften, und dann holen wir die anschließend.“

Gesagt, getan. 3.600 € überwiesen, wieder in die Wohnung, alle Fenster zu, alle Heizungen abgestellt, das Geld im Umschlag zwischen meinen Rücken und die Rückenlehne (nicht, dass das im Treppenhaus oder im Aufzug noch jemand sieht), Tür auf und: „Na, was machen Sie da?“ – Zwei uniformierte Menschen. Und zwei weitere kamen gerade die Treppe hochgelaufen. Wie sollte es auch anders sein? Mein Magnet … ich hasse ihn. „Stellen Sie sich da mal bitte dort an die Wand“, sagten sie zu meiner Freundin. Irgendein Ar… aus dem Haus musste dort angerufen haben. Sehr freundlich, man hätte auch einfach mal fragen können. Meine Freundin wurde abgetastet, mich ließ man in Ruhe. Super. So viel Geld in der Tasche, eine Kanone im Nachtschrank, wenn mich einer gefragt hätte, wie ich mir eine blöde Situation vorstelle, hätte ich sie nicht besser beschreiben können.

„Wohnen Sie hier?“ – „Nein.“ – „Was machen Sie hier?“ – „Der Mieter, der Herr …, liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn regelmäßig. Er hat mich gebeten, einmal zu lüften und nach dem Rechten zu sehen.“ – „Aha. Mit Handschuhen, ja? Ist klar. Haben Sie mal einen Ausweis für mich?“ – „Die Wohnung ist sehr schmutzig. Daher die Handschuhe.“ – Wie gut, dass ich das Geld nicht in mein Portmonee gesteckt hatte. Er fragte: „Stimmt die Adresse hier noch? Dann wohnen Sie hier ja doch.“ – „Ja, aber nicht in dieser Wohnung.“ – „In welchem Krankenhaus liegt der Herr …?“ – Ich sagte ihm das Krankenhaus mit Station und Zimmer. Er fragte: „Und Sie sollten was tun?“ – „Einmal nach dem Rechten sehen.“

Hinter der Nachbartür guckte einer durch den Türspion. Sollte ich winken? Der Polizist sagte: „Ich will ganz ehrlich sein: Für mich wirkt es so, als hätten Sie gewusst, dass Ihr Nachbar nicht kommt und sind mit dem Nachschlüssel, den er Ihnen gegeben hat, damit Sie Blumen gießen, in die Wohnung eingebrochen. Das mit den Handschuhen ist nahezu eindeutig. Meine Kollegin wird Sie daher jetzt beide durchsuchen. Wollen wir das auf der Wache machen oder gehen wir dazu in Ihre Wohnung?“ – „Wir gehen in die Wohnung, und ich würde Sie bitten, dass Sie zunächst einmal von unserer Unschuld ausgehen und Kontakt zu dem Nachbarn aufnehmen.“ – „Wir werden hier vor Ort die Faktenlage festhalten und dann wird die Kripo entscheiden, ob Sie einem Haftrichter vorgeführt werden. Selbstverständlich fragen wir auch noch den Herrn …, aber ich mache meinen Job auch nicht erst seit gestern.“

„Sie sollten wirklich niemanden vorverurteilen.“ – Das Funkgerät fing an zu brabbeln. Jemand sagte: „Also wir haben hier nochmal mit den Nachbarn gesprochen. Der Anrufer gab uns noch einen weiteren Namen, Herrn …, der hätte bis vor kurzem noch einen Schlüssel zur Wohnung gehabt, und er hält es für unwahrscheinlich, dass er die Studentin und ihre Freundin damit beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Der lebte absolut zurückgezogen.“ – In dem Moment wurde mir klar: Der Nachbar hatte ja gar keinen Schlüssel mehr! Der konnte ja gar nicht an das Geld, weil die Feuerwehr nach der Türöffnung einen neuen Zylinder ins Schloss eingebaut hatte. Der ganze Zirkus war überflüssig! Und ich stecke hier in der Scheiße! Und wenn die da jetzt (abends!) vorbei gingen und ihn fragten, würde er sowieso nur dummes Zeug reden. Aus seinem Delir heraus, was immernoch gerade abends stark ausgeprägt war.

Ich sah mich schon im Knast. Spätestens, wenn man das ganze Geld bei mir findet. Zum Glück hatte ich das vorher überwiesen. Als hätte ich sowas geahnt. Ob mich das noch retten würde? Ein Handy klingelte. Einer der Beamten ging dran. „Also stimmt das doch? Dann haben wir die Personalien und machen hier erstmal nichts weiter? Okay.“ – So schnell, wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg. Ohne von dem Geld erfahren zu haben. „Der Herr … hat gerade meinen Kollegen gesagt, dass er Sie beauftragt hat, in die Wohnung zu gehen. Und der Bettnachbar hat es auch bestätigt. Es tut mir leid, die Fakten sprachen erstmal gegen Sie. Und wir erleben täglich das Gegenteil. Aber es hat sich zum Glück ja schnell geklärt. Auf Wiedersehen!“

Die Tür war gerade zu, da fährt mich meine Bekannte an: „Bist du noch ganz klar? In welche Situation bringst du mich hier? Ich könnte dir gerade echt ein paar knallen.“ – „Nun beruhige dich doch mal. Woher sollte ich wissen, dass so ein bescheuerter Nachbar gleich die Bullen ruft?“ – „Eine Schnapsidee war das.“ – „Sollen wir den Nachbarn mal zur Rede stellen? Der hätte doch einfach nur mal klingeln brauchen.“ – „Nee. Am Ende ruft der nochmal die Bullen, wenn wir da klingeln. Wir hätten ja auch eine Waffe haben können, warum sollte er klingeln?“

Am nächsten Morgen erzähle ich die Story meiner Chefin. „Ich habe dir davon abgeraten. Gerade wenn Geld im Spiel ist. Dann behauptet er später, da lag noch ein zweiter Umschlag und jetzt ist der auch weg. Nicht einbinden lassen. Du willst dem helfen, das ist auch absolut süß. Aber du begibst dich dabei unnötig in Gefahr.“

Ja, vielleicht bin ich zu naiv. Ich besuchte meinen Nachbarn. Im Zimmer stank es, obwohl zwei Fenster offen waren. Er saß auf der Bettkante, redete wirr. Ich sprach die Schwester an. „Ich kenne ihn nur so.“ – „Gestern abend war er doch noch klar.“ – „Ich kenne ihn nur so.“ – Danke für das Gespräch. Der Assistenzarzt sagte, das Delir sei stärker geworden. Er habe heute morgen auf seinem Bett gesessen und alles mit Kot beschmiert. Das ganze Laken war auch voller Blut. Wir wollen sehen, dass wir noch eine Darmspiegelung machen, um zu schauen, wo das ganze Blut herkommt.

Von dem Geschwür im Zwölffingerdarm konnte das Blut nicht kommen. Auch wenn es dort blutete, das vermischt sich ja mit dem Nahrungsbrei. Da musste noch etwas im Dickdarm sein. Gegen Mittag wurde er wieder klar. Der Assistenzarzt rief mich an. Ich sprach kurz mit meinem Nachbarn. Sagte ihm, dass wir das Geld sichergestellt hätten. „Da waren gestern Agenten an meinem Bett, die wollten wissen, ob sie in meiner Wohnung schlafen können.“ – Es hatte keinen Sinn.

Ich war auch bei der Dickdarmspiegelung dabei. Schon auf den ersten dreißig Zentimetern war ein großer blutender Tumor. So, wie der aussah, konnte er nicht gutartig sein. Aber man lässt ja trotzdem das Gewebe untersuchen. „Wir spiegeln nicht mehr weiter, wir müssen entscheiden, ob wir operieren wollen. Das kommt aber nicht mehr auf einen Tag an. Und er sollte zustimmen. Oder es muss ein Betreuer bestellt werden. Wir werden das jetzt über den Sozialen Dienst anregen.“

In den nächsten Tagen wurde er gar nicht mehr klar. Fünf Tage später gab es plötzlich Probleme mit dem Blutdruck. Er bekam Kreislauf stabilisierende Medikamente. Man suchte einen Platz auf der Intensivstation für ihn. Man müsste ihn dafür in ein anderes Krankenhaus verlegen. Kurz bevor die Verlegung losgehen sollte, hörte sein Herz auf zu schlagen.

Irgendwie hat mich das alles sehr aufgewühlt. Ich lag über Stunden nachts wach und habe über alles mögliche nachgedacht. Ob ich nochmal jemandem so helfen werde. Vermutlich nicht. Zumindest nicht, wenn er auch Patient ist. Traurig war ich nicht. Eher froh, dass ihm das, was jetzt vielleicht noch alles gekommen wäre, erspart blieb.

Zweierlei Maß

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Gerade noch hatte sie damit geprahlt, dass sie nie erwischt wird, wenn sie mit bis zu 200 km/h dort fährt, wo eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Gerade noch habe ich mein Unverständnis darüber ausgedrückt, und gerade noch habe ich mir anhören müssen, was für ein kleinkarierter Mensch ich sei, wenn ich mich halbwegs an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halte. Fahrverbote gebe es schließlich erst ab 40 km/h drüber, plus Tachoabweichung, plus Toleranz, dann könne man auch 120 fahren, wenn 70 ausgeschildert ist.

Sehr häufig fahre ich mit Tempomat und stelle dann drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr ein, um die Differenz des Tachos wieder auszugleichen. Letzte Woche habe ich erst beim Herausfahren aus der 30er-Zone gemerkt, dass ich bis eben in einer solchen gefahren bin. Allerdings waren die Straßen dort schon so gebaut, dass ich nie über 40 km/h gekommen bin. Zwanzig zu schnell außerorts oder auf einer Autobahn ist auch schon vorgekommen. Ich bin sogar schon mal mutwillig verkehrt herum durch eine Einbahnstraße gefahren. Sie war drei Meter lang und eine Schikane, um den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet einzudämmen. Nachts um halb drei hatte ich keinen Bock, nochmal komplett zehn Minuten um den Pudding zu kurven und hätte mit meiner 10minütigen Fahrt über das Kopfsteinpflaster vermutlich die schlafenden Menschen mehr genervt als durch dieses Manöver. Aber, so wie die Kollegin, 130 mehr auf der Uhr? Würde mir im Traum nicht einfallen. Dafür ist mir mein Lappen viel zu heilig.

Die Quittung kam jetzt per Post. Meine Kollegin soll angeblich über 1.000 Euro zahlen, bekommt vier Punkte und muss drei Monate zu Fuß gehen. Ein Stoppschild hat sie wohl auch noch überfahren und auch zwischenzeitlich ein Handy am Ohr gehabt. Hinter ihr fuhr „leider“ ein Videowagen. Und nun hat sie herumgeheult, wie ungerecht doch die Welt sei. Ist klar: Die Regeln gelten für alle anderen, und werde ich erwischt, sind alle anderen ungerecht zu mir. Und kleinkariert. Ich sag nur: Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um. Ich hoffe, das ist ihr eine Lehre, ansonsten dürften sie ihr den Lappen gerne ganz wegnehmen. Bevor sie andere mit ihrem riskanten Fahrstil in Gefahr bringt. Oder in den Rollstuhl. Nicht wahr?

Ein anderer Mensch, der es mit Regeln nicht so genau nimmt, gleichzeitig aber mit aller Vehemenz dafür kämpft, dass andere sich korrekt verhalten, ist mein derzeitiger Vermieter. Ich bin sehr froh, an meinem derzeitigen Studienort eine barrierefreie Wohnung bekommen zu haben, und es ist ja auch nur für eine begrenzte Zeit. Barrierefreie Wohnungen sind Mangelware. Ihr Neubau wird überall öffentlich und oft nicht unerheblich gefördert.

Das Haus, in dem meine Wohnung liegt, ist noch keine zehn Jahre alt. Der Vermieter (der das Haus auch gebaut hat) hat sich an einem barrierefreien Wohnhaus versucht, aber nicht, weil er Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ein Dach über dem Kopf geben wollte, sondern in erster Linie, weil er öffentliche Zuschüsse abgreifen wollte. Dieser Eindruck drängt sich mir zumindest auf. Aus Gründen.

1. Regenrinnen zur Dachentwässerung müssen in fast allen deutschen Städten in das öffentliche Sielnetz eingespeist werden. Zumindest bei Neubauten. Was überhaupt nicht geht, ist, dass das Regenwasser vom Dach über ein Regenrohr direkt auf den öffentlichen Gehweg geleitet wird und dort alles unter Wasser setzt. Bei dem Haus, in dem ich am Studienort zur Miete wohne, verschwinden alle Regenfallrohre im Boden, bis auf eins: Das endet am oberen Ende der steinernen Rollstuhlrampe, etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden. Schüttet es, ist es unmöglich, mit trockener Hose und trockenen Füßen daran vorbei zu kommen. Eine Zeitlang hatte jemand eine Tischplatte so gegen die Wand gelehnt, dass sie das Rohr verdeckt und entsprechend der Strahl an der Innenseite der Tischplatte herab läuft und nicht quer über die Rampe sprudelt. Dadurch war die Rampe natürlich nicht mehr in voller Breite nutzbar. Aber zumindest entstand nicht mehr der Eindruck, man sei auf einem Wasserspielplatz.

2. Die besagte Rampe, über die man in das Haus kommt, darf eine maximale Steigung von 6% haben. Das bedeutet: Will man 60 Zentimeter Höhenunterschied überwinden, muss sie zehn Meter lang sein. Vermessen habe ich diese Rampe nicht, aber ich würde mal tippen, dass es sich um einen Meter Höhenunterschied handelt und sie zwei Mal neun Meter lang ist, mit einem Zwischenpodest auf halber Höhe. Nun könnte man sich schon fragen, warum man den ebenerdigen Eingang einen Meter höher legt (das Haus hat noch einen zweiten Eingang, der sich auf Gehweghöhe befindet, allerdings führt der nur ins Treppenhaus, zum Aufzug muss man vier Stufen hoch). Der Hammer ist aber: Bei der Bauabnahme hat man wohl nur die Länge nachgerechnet, aber sich nicht dafür interessiert, ob die Steigung gleichmäßig ist. Auf den ersten zwei Metern ist nämlich überhaupt keine Steigung vorhanden, dort sammelt sich auch stets das Regenwasser, dahinter kommt wesentlich mehr Steigung als eigentlich zulässig. Ich tippe mal auf 10 oder 11 Prozent. Für mich kein Problem, solange ich keinen Einkauf auf dem Schoß habe. Kommentar des Eigentümers: „Die Rampe ist abgenommen.“

3. Direkt vor der Aufzugstür im Erdgeschoss ist eine Schräge. Man muss also, um in den Aufzug zu kommen, einen Höhenunterschied von etwa 15 Zentimeter überwinden. Um den Aufzug zu rufen, muss man einmal kräftig Anschwung nehmen, auf den Knopf drücken, und rückwärts wieder zurück rollen. Um in die Kabine zu gelangen, braucht man ebenfalls Anschwung. Problem dabei: Der Aufzug hält oft bis zu fünf Zentimeter unterhalb der Geschoss-Ebene. Also mit Schwung die Schräge hoch, oben die Vorderräder anheben und dann langsam auf den Hinterrädern zirkelnd in die Kabine ablassen. Mit etwas Glück sackt die Kabine dabei noch ein bis zwei Zentimeter ab – und macht dann bei offenen Türen eine Ausgleichsbewegung, bis sie wieder bündig steht. Und das ist mit Einkauf oder Laptoptasche auf dem Schoß eine Herausforderung. Die Anlage hat aber gerade wieder neu TÜV bekommen. Und das einzige, was der bemängelt hat, ist, dass das Hydraulik-Öl in zehn Jahren noch nie getauscht wurde.

4. Was dazu führt, dass der Aufzug ungeheuer laut ist. Was Aufzüge, die nicht an Seilen hochgezogen werden, sondern mit Öldruck hochgepumpt werden, ohnehin sind. Hier ist es deshalb nochmal extra lustig, dass man das Aggregat direkt mit der Wand verschraubt hat. Ohne Schalldämpfung. Fährt der Aufzug aufwärts (und vielleicht sogar noch in die oberste Etage), habe ich im Schlafzimmer bei geschlossenen Türen eine dröhnende Geräuschkulisse von bis zu 55 Dezibel.

5. Fast hätte ich vergessen, dass sich die Rauchschutztüren in den Etagenfluren nicht automatisch öffnen und daher alle verkeilt sind. Ansonsten würde nämlich niemand mit einem Rollstuhl ohne fremde Hilfe hindurch kommen. Auch ich nicht. Und dann ist da noch das seitliche Gefälle in den Fluren. Bis zu 3,5 Prozent. Legt man also einen Tennisball an die linke Wand, rollt er zur rechten. Ich schätze mal, dass man die Wohnungen mit den barrierefreien Duschen nachträglich etwas höher gelegt hat, denn das seitliche Gefälle ist immer nur da, wo die barrierefreien Wohnungen sind. Die Decke ist allerdings gerade, so dass die Wand auf einer Seite 3,5 cm höher ist als auf der anderen. Das seitliche Gefälle nervt Rollstuhlfahrer überhaupt nicht – sie sehen es ja im Dunkeln sowieso nicht. Flurbeleuchtung ist nämlich nur sporadisch verfügbar. Gut beraten ist der, der ein Handy mit Taschenlampe hat.

Es gibt noch ein Dutzend ähnliche Kuriositäten in diesem Miezhaus. Ich hoffe, es reicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Das Land hat übrigens alle öffentlichen Fördergelder nach Besichtigung des Hauses durch einen Experten vor Ort anstandslos ausgezahlt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ein barrierefreies Wohnhaus oder ein „Water & Skate Park“ beantragt wurde.

Muss ich jetzt noch erwähnen, dass alle Mieter, deren Schuhe im Hausflur stehen, eine schriftliche Abmahnung wegen Brandgefahr bekommen, mit der Androhung, beim nächsten Schuh fristlos gekündigt zu werden?

Schlechte Welt

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Ach, wie schlecht ist die Welt doch geworden. Sagt mein Nachbar, während er mit mir im Aufzug steht. In dem großen 30-Parteien-Mietshaus in meinem Studienort, in dem ich zurzeit wohne. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich sehe, dass er Alkoholiker ist. Ich schätze sein Lebensalter auf 70 bis 75 Jahre, das Alter seiner Klamotten auf 30 bis 40 Jahre. Eine Strickjacke, deren Reißverschluss nur noch zu einem Drittel mit dem Rest der Jacke verbunden ist. Eine Jogginghose, dessen Polyester-Bestandteile sich zu einem Drittel bereits verflüchtigt haben. Er weiß nicht, was ich studiere, und zeigt mir trotzdem seine Stauungsdermatitis. Möchte wissen, ob ich ihm dagegen Creme aus der Apotheke holen könne. „Irgendwas gegen juckende Haut.“

An ihm haftet ein Geruch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Er scheint es aber selbst nicht zu merken. Er habe Probleme mit seinem Radio. Früher habe es noch einen Hifi-Laden in der Nähe gegeben, inzwischen müsse man entweder online bestellen, womit er sich nicht auskenne, oder im Supermarkt einkaufen, womit er sich zwar auskenne, was ihn aber in den Wahnsinn treibe. Die dortigen Radios für 10 Euro hielten immer nur ein Jahr. Nun wäre es ja kein Ding, irgendwas für ihn in seinem Namen im Netz zu bestellen. Er müsste ja nur überweisen und die Ware annehmen. Aber daran scheitert es bereits: Zum Überweisen müsse er zur Bank, da er kein Onlinebanking habe und die Formulare nicht mehr klar sehen könne, und der Paketbote komme meistens um die Mittagszeit – und da liege er noch im Bett. Außerdem habe die Bankfiliale in der Nähe geschlossen und der Weg zur nächsten Filiale sei zu weit.

Und dann seufzt er nochmal, thematisiert erneut die schlechte Welt und seine Exfrau, die noch nach 20 Jahren Scheidung ständig neue Unterhaltsforderungen stelle. So viel Geld solle er zahlen, dass er sich nicht mal die Zähne sanieren lassen könne. Sagt er und lächelt mich an mit seinem Gebiss voller Baustellen. Und ich lächle zurück, wissend, dass alles andere sowieso nichts bringen würde. Und dann öffnet sich endlich die Aufzugstür.

Letzte Woche nun wird ein Mann in die chirurgische Aufnahme gebracht. 71 Jahre alt, habe selbst den Rettungsdienst gerufen, weil er über eine Telefonschnur gestolpert, auf dem Bauch gelandet und anschließend über 16 Stunden lang nicht wieder hochgekommen sei. Alles tue ihm weh, er sei völlig erschöpft und zittrig. Eingekotet hatte er auch. Bierschiss. Auf den Kopf sei er nicht gefallen, sondern er habe das Gleichgewicht verloren, sich an der Türzarge abgestützt und sei dann langsam an ihr heruntergerutscht, weil ihn die Kräfte verlassen hätten. Direkt nach dem Stolpern. Oder so ähnlich.

Der Rettungsdienst habe die Polizei verständigt, um die Tür öffnen zu können. Die Wohnung sei völlig vermüllt gewesen, wohl keine verdorbenen Lebensmittel, dafür aber hunderte leere Wodkaflaschen und geschätzt zwei Containerladungen Verpackungsmüll, Altpapier und Lumpen. Als er mich sieht, sehe ich das Entsetzen in seinen Augen. Ich habe kein Problem damit, dass er nun weiß, wo ich arbeite. Aber ich glaube, er hat ein großes Problem damit, dass ich nun weiß, mit wem ich da unter einem Dach lebe. Obwohl ich das schon geahnt hatte. Sein Problem ist wohl, dass er sich seine Welt so baut wie es für ihn am günstigsten ist. Keine Verantwortung übernehmen, immer sind die anderen Schuld, immer gibt es eine Begründung, warum etwas nicht geht oder so übel sein muss. Und wenn die Begründung über 24 Ecken konstruiert und gesponnen werden muss. Diese Konfrontation hat ihm sichtbar die Sprache verschlagen.

Ich habe ihm gesagt, dass heute der Tag ist, an dem er entscheidet, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Weil, wenn er es nicht entscheidet, hat die Polizei bereits den Sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Ich könnte einen Vermerk machen, dass er seine Situation erkannt habe und sich freiwillig in Behandlung begebe. Wo man auch seine juckenden Beine in den Griff bekäme. Dagegen helfe nämlich keine Creme. Wenn er noch ein wenig Stolz habe, dann würde er sich jetzt Hilfe holen und heute ein neues Leben anfangen. In dem er dann auch wieder ernst genommen wird. In dem er nicht nur alles versäuft und verschläft. Auch wenn er nicht mehr gut laufen könne, könne er doch nach wie vor gut mobil sein. Und er könne sich auch Hilfe holen für den Haushalt. Warmes Mittagessen, was auch immer.

„Meinen Sie wirklich, ich habe noch eine Chance?“, fragte er mich.

„Heute ja. Die letzte. Die letzte Chance, das noch selbst zu moderieren, bevor irgendeine Behörde sich in Ihr Leben einmischt. Es kann nur besser werden.“

Wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Ich habe mich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende gab es aber dennoch Lob von der Chefin. Er ist jetzt seit fünf Tagen auf einer Entzugsstation. Ich wünsche ihm die Kraft, dass er das durchhält.

Und heute spricht mich doch glatt ein Nachbar an, im Haus werde gemunkelt, ich hätte die Behörden informiert, um meinen Nachbarn zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Nur weil es im Treppenhaus riecht. Wie heißt es doch gleich unter Ärzten? Lasse reden?

Darum

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Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.