Endlich wieder draußen

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Wie könnte man das bescheidene Wetter und den freien Tag besser nutzen als für das erste 2012er Schwimmtraining im offenen Wasser? Ja, ja, ja. Schnatter!!! Der See hatte 13,2 Grad und war damit genauso warm wie die Luft. Aber wir sind ja Kummer gewohnt, waren im letzten Jahr auch noch bei 11 Grad schwimmen und auch schonmal bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee – letztes ohne Neo.

Heute war aber Schwimmen mit Neo angesagt und nach dem üblichen ersten Schock war es sogar ganz okay. Von dem blöden kalten Wind und der fehlenden Sonne mal abgesehen, habe ich mir das schlimmer vorgestellt. Trainerin Tatjana lieferte ein göttliches Bild ab, als sie mit Flip Flops, knielangen Shorts, Badeanzug und drüber eine Fleecejacke mit wehenden Haaren bis zum Schienbein im Wasser stand und uns so entweder ihre Zugehörigkeit oder ihr Mitleid demonstrieren wollte.

Am meisten hat sich Lisa gefreut, die nun endlich zum ersten Mal offiziell ihren neuen Neo einweihen durfte. Sie ist immer noch die alte und ich könnte sie alle paar Minuten knuddeln. Alle Leute bibberten vor Kälte, nur halt Lisa nicht. Die biss sich zwar auf die Lippen, damit die Zähne nicht klapperten, aber ihr Neo ist der beste – darin friert man auf gar keinen Fall. Auch dann nicht, wenn er erstmal mit eiskaltem Seewasser volläuft, bevor er wärmen kann und auch dann nicht, wenn man noch gar nicht losgeschwommen ist und kaum Energie verbrennt…

Anja war auch dabei, bekam von Marie einen Neo geliehen. Das hatten die vorher abgesprochen, das passte soweit auch. Als es endlich los ging, hatten wir am Seeufer eine Gruppe johlender Vatertagsväter, die irgendwas grölten, was man aber auf die Entfernung nicht verstehen konnte, da sie zudem auch noch gegen den Wind brüllten. Aber da in den nächsten 30 Minuten weder ein Hai noch ein U-Boot vor uns auftauchte, kann es nicht so wichtig gewesen sein. Dreißig Minuten, länger war es aber auch nicht auszuhalten, ohne dass man tiefblaue Lippen tiefblaue Füße, Hände und Lippen bekommt.

Wir hatten von Tatjana unser verhältnismäßig einfaches Trainingsprogramm bekommen, diese packte nun alle neun Rollis in den Vereinsbus und gurkte sie in Richtung Umkleideräume, die vom See gut zwei Kilometer entfernt sind. Anschließend holte sie in zwei Fahrten die ganzen Leute aus dem Wasser und brachte sie zu den Duschen. Es war eine gewisse logistische Herausforderung, da nie mehr als fünf (nasse!) Leute in den Bus passen und nie mehr als fünf Leute gleichzeitig duschen können. Daher wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten gut eine Viertelstunde versetzt. Ich war in der zweiten Gruppe, musste also am Anfang schon länger warten und war froh, als ich endlich unter der heißen Dusche saß. Aber das Training war genial.

Ziemlich beste Freunde

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„Am liebsten den um 20.20 Uhr.“ – „Nein, der ist ausverkauft. Für 23.10 Uhr hätten wir noch Karten.“ – „Okay, dann gehen wir vorher noch was essen. Wir sind 16 Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson, also 17 Leute insgesamt. Gibt es da schon Gruppenrabatt?“ – „17 Rollstuhlfahrer? Unmöglich. Wir haben nur zwei Rollstuhlplätze.“ – „Wie jetzt? Kommen Sie schon, wir wollen den sehen. Wir setzen uns auf die normalen Sitzplätze um.“ – „Sie brauchen doch die Rollstühle im Evakuierungsfall.“ – „Wir krabbeln raus, wenn es brennt.“

Eine Kollegin blickt ihr von hinten über die Schulter. „Das ist Saal 1, der hat acht Rollstuhlplätze. Das sind aber trotzdem nicht genug. Wieviele sind Sie?“ – „16 Rollis, ein Fußgänger. Und wir wollen alle zusammen sitzen.“ – „Puh. Aber Sie können sich alle umsetzen, ja?“ – „Klar. Wir haben ja auch eine Fußgängerin, die kann uns helfen.“ – „Dann buche doch die beiden Reihen vor den Rolliplätzen komplett für die Gruppe und dann müssen die Rollstühle so an die Seiten geschoben werden, dass die Notausgänge frei bleiben. Das passt schon, die sind ja alle schmal und klein.“

„Dann reserviere ich Ihnen jetzt diese Reihen hier“, sie zeigte auf ihren Bildschirm, „komplett für Sie alleine und bekomme 128 €. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ – „Mit Karte.“ – Der Drucker spuckte 17 Eintrittskarten aus. Bingo.

Um 20.30 Uhr trafen wir uns mit allen Leuten, mit dabei auch Simone, Yvonne, Cathleen, Sofie, Nadine, Kristina, Merle, Sarah und Jana, bei einem Italiener im Stadtteil St. Georg. Maria war auch dabei und ließ sich von Nadine schieben – das nächste, was Maria braucht, ist ein elektrischer Rollstuhl, damit sie unabhängig mobil ist. Sobald die andere Arie mit dem Zimmer geklärt ist, nehmen wir das in Angriff.

Sofie und ich fragten, ob er Platz für 16 Rollstuhlfahrer hätte, was er aber sofort verneinte. Also fuhren wir weiter zu einem leckeren Hamburger Burgerladen, wo sofort jemand die Stühle von vier Tischen wegräumte und meinte, wir sollten uns einfach schon an die Tische setzen und von dort bestellen, obwohl es eigentlich ein SB-Restaurant ist. „Ich bringe Ihnen das an den Tisch.“

Maria saß zwischen mir und Sofie und wurde von uns abwechselnd gefüttert, das klappte problemlos. Ihre Cola trank sie mit einem Stohhalm. Maria war die Attraktion unter den anderen Gästen: 16 Rollstuhlfahrer auf einem Haufen ist ja sowieso schon ein seltener Anblick, aber dann wird eine auch noch gefüttert… Ein Mann starrte uns bestimmt 10 Sekunden lang mit offenem Mund an. Irgendwann hielt ihm Sofie auf eine Entfernung von geschätzten acht Metern eine Gabel mit drei aufgespießten Pommes am ausgestreckten Arm entgegen und sagte: „Wollen Sie auch was?“ – In dem Moment drehte er sich um und merkte, dass die Kassiererin schon seit einer halben Minute auf ihn wartete und ihn bereits mehrmals angesprochen hatte, was er denn wünschte, denn er wäre dran.

Vor dem Kino wird gebaut, ein Wirrwarr aus Baustellenzäunen und Absperrungen galt es zu umfahren, natürlich war überall Kopfsteinpflaster oder nicht geräumter Schnee. Um 22.30 Uhr kamen wir aber dennoch im Kino an. Einige wollten sich beim Popcorn anstellen, andere mussten noch auf die Toilette. Unter anderem Maria, und das war ohne Pflegerin gar nicht so einfach. Nadine konnte sie wegen ihrer eigenen Behinderung nicht hochheben. Also hatten die beiden, die am stabilsten im Stuhl sitzen, das Los gezogen: Sofie und ich. Wie es am Ende funktionierte, führe ich lieber nicht weiter aus. Ich sag nur so viel: Es hat funktioniert und zum Glück hat es keiner gesehen.

Der Film, „ziemlich beste Freunde“, war genial. Ich habe lange nicht so einen tollen Film gesehen. Zeitweise ist er sehr rührend, zeitweise bedient er diejenigen Klischees, über die man als Rollifahrer bestens lachen kann, überwiegend ist er aber so lustig, dass man minutenlang aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wir haben fast unter den Stühlen gelegen. Einfach irre und unbedingt sehenswert. Wir hatten Tränen in den Augen und wussten am Ende nicht mehr, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen. Keine Action, keine Schrecksekunden, nicht unter der Gürtellinie … absolut nach meinem Geschmack.

Alle 17 fanden den Film toll. Und nicht nur wir: Der Saal war bis auf den letzten der 961 Plätze ausverkauft. Am Ende klatschten alle – und es war keine Premiere.

Der krönende Abschluss kam von Maria: „Bei unserer Klo-Aktion dachte ich schon, ekliger kann der Abend nicht mehr werden. Und dann kam die Szene in dem Film, wo es darum ging, wer dem Hauptdarsteller den Enddarm leert.“ – Wie war das mit der digitalen Ausräumung? Hier wird die Wurst noch mit der Hand gemacht! In diesem Sinne: Guten Appetit!

Geklautes Smartphone

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Manchmal wünsche ich mir ernsthaft mehr Konsequenz, mehr Härte und weniger Gelaber. Vor allem, wenn sich Leute schlechtes Benehmen herausnehmen, um anderen zu schaden. Und erst recht, wenn ich die Geschädigte bin oder mich zumindest so fühle. Ich weiß, Eigennutz ist auch so etwas wie ein schlechtes Benehmen, aber wenn mir einer ans Bein pinkelt, möchte ich das zumindest nicht ungefragt ertragen müssen.

Die Rede ist von Andreas, einem wesentlich älteren Typen, der als Fußgänger in der parallel trainierenden Gruppe meines Triathlonvereins ist, also jene Leute, für die an einigen Wochenenden auf dem Elbdeich ein paar Straßen gesperrt werden und die sich dann mit uns Rollifahrern diese als Trainingsstrecke teilen. Eigentlich ist es anders herum, wir haben sie bekommen unter der Auflage, sie uns mit den Fußgängern zu teilen, aber … egal, darum geht es gerade nicht.

Dieser Andreas behauptet allen Ernstes und mit ziemlichem Nachdruck, ich hätte ihn beklaut. Angeblich hätte ich ihm sein Smartphone, Neuwert um 250 Euro, aus seiner Tasche entwendet. Direkt gesehen habe er es nicht, er mache es ausschließlich daran fest, so schrieb er, als er von unserem Häuptling aufgefordert wurde, die Vorwürfe zu konkretisieren oder zurückzunehmen, dass ich regelmäßig in den Taschen der anderen Leute wühlen würde. Das habe er beobachtet und dafür gäbe es Zeugen.

Richtig ist, dass ich manchmal andere Taschen öffne. Wenn mich beispielweise Cathleen bittet, ihr Trinken mitzubringen. Oder wenn ich Tape brauche und meine Rolle gerade weg oder in anderer Verwendung ist. Ich gehe grundsätzlich nur mit Zustimmung des Besitzers an fremde Taschen, wobei ich zum Beispiel Simone, Cathleen, Yvonne, Nadine, Kristina und Merle nicht fragen muss, wenn ich ein Taschentuch oder ein Pflaster oder Tape oder ähnliches suche. Wir sind alle gegenseitig damit einverstanden, diejenigen dürfen auch an meine Tasche. Es ist wesentlich einfacher, vor allem, wenn man sonst bis zu 30 Minuten warten muss, bis der Betroffene wieder zurück ist, nämlich dann, wenn derjenige gerade am anderen Ende der Strecke ist.

So etwas hat Andreas wohl beobachtet. Die Taschen von Fußgängern habe ich allerdings noch nie geöffnet und natürlich klaue ich auch keine Smartphones. Egal … in der schriftlichen Stellungnahme von Andreas stand wohl nur, dass dieser Schluss aufgrund seiner Beobachtungen naheliegend ist, er aber nicht beweisen könne, dass ich es wirklich gewesen bin. Für ihn sei das damit aber trotzdem nicht erledigt. Auch wenn er es nicht beweisen könne, er sei sich sehr sicher. Und auch wenn ihm das sein Smartphone nicht zurück brächte, mir würde der „Ärger“ wegen dieser Sache zumindest verdeutlichen, dass man künftig wachsam sei. Schreibt er.

Ich habe in Absprache mit Frank lediglich geschrieben, dass ich eine solche Tat nicht begangen hätte und die Anschuldigungen zurückweise. Inzwischen bekam ich eine schriftliche Antwort des Vereinsvorsitzenden persönlich, dass seitens des Vereins diese Angelegenheit nicht weiter verfolgt werde und man mir rate, anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte ich mich gegen weitere oder wiederholte Anschuldigungen des Andreas zur Wehr setzen müssen.

Na ganz klasse. Im Moment ist es echt genug, was so in meine Richtung abgefeuert wird. Das ist echt so hohl – als wenn ich es nötig hätte, ein geklautes Smartphone irgendwo für 75 bis 100 Euro zu verticken. Frank meinte schon, sollte dieser Andreas das nochmal irgendwo wiederholen, wird es teuer. Aus einer Strafanzeige wegen übler Nachrede käme vermutlich nicht viel heraus, aber auf die Unterlassungsklage freue er sich schon.

Little Dolly und ein Bad im See

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Einige kriegen eben nie genug – ich gehöre auch dazu. Letztes Wochenende war ein tolles Trainingslager, dieses Wochenende war ursprünglich ein nächtliches Training am Elbdeich geplant, das wurde aber nun wegen des besagten Trainingslagers gestrichen. Nur bleibt es uns ja unbenommen, trotzdem zu trainieren. Allerdings dann auf dem Wanderweg, nicht auf der Fahrbahn. Das wäre ohne Begleitfahrzeug oder Straßensperre lebensgefährlich. Gerade auf dieser Deichstraße rasen die Autofahrer nämlich gerne.

Ursprünglich wollten Yvonne, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und ich uns treffen, also fast mein komplettes Team, dann hatten aber Yvonne, Nadine und Merle kurzfristig wegen eines grippalen Infekts wieder abgesagt. Dafür rief mich die Mutter von Lisa an, ob ihre Tochter auch teilnehmen dürfte und ob es möglich wäre, dass sie hinterher nochmal bei uns schläft. Natürlich war das möglich. Ob ich einmal eine halbe Stunde Zeit für sie hätte. Huch? So offiziell?!

Entsprechend saßen wir am Freitagabend in meinem Zimmer, zusammen mit Lisa und Cathleen. Lisas Mutter fand unsere WG toll, sagte, sie hätte sich das ganz anders vorgestellt. Lisa sagte: „Mama, lenk nicht vom Thema ab. Ich will das hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Lisa erzähle zu Hause regelmäßig mit strahlenden Augen vom Training. Auf der Fahrt vom Trainingslager nach Hause habe sie ohne Punkt und Komma erzählt, wie toll das alles war. Die Mutter meinte, sie habe Angst um ihr Kind. Es klinge bestimmt merkwürdig, aber sie bräuchte mal jemanden, der sie versteht und ihr sage, dass das mit ihrer Tochter alles richtig laufe, sie in besten Händen sei und sie sich zu viele Sorgen mache.

Ich fragte sie, wo denn genau ihr Problem sei. Wieso sie annehme, dass etwas falsch laufen könnte. Sie meinte, die Kontakte, die ihre Tochter in den letzten Jahren geknüpft habe, hätten sie so glücklich gemacht. Ihre Tochter sei nicht wiederzuerkennen. Lisa saß daneben und meinte: „Nicht so sentimental, Mama. Ich werd einfach nur erwachsen. Aber ich bleib trotzdem deine Tochter und du und Papa sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das hab ich dir gestern schon gesagt.“ – Ich musste schon wieder schmunzeln.

Die Mutter erzählte mir, dass ihr Mann und sie beide berufstätig seien und sich eine angestellte Erzieherin täglich zu Hause um Lisa kümmere. Mit ihr Hausaufgaben mache, mit ihr zur Therapie fahre. Ihr Kind habe eine Behinderung und es sei alles anders als bei anderen Kindern, aber trotzdem hoffe sie, dass sie alles richtig gemacht hätte. Nur eines verstehe sie nicht: Lisa sagt, eins der tollsten Dinge beim Training ist, dass man sich so benehmen dürfe, wie man wollte, ohne dafür Ärger zu bekommen. Und dann erzähle sie zu Hause stolz, was sie alles angestellt habe. „Warum ist ihr das so wichtig? Warum hat sie das Bedürfnis danach? Sie darf das zu Hause nicht, aber warum vermisst sie das offenbar so?“

Ich habe gesagt: „Ich würde mir da wirklich nicht solche Sorgen machen. Solange sie das zu Hause alles stolz erzählt und auch weiß, wann sie was machen darf und wann nicht, finde ich alles in Ordnung. Alles, was verboten ist, hat doch seinen Reiz, vor allem in ihrem Alter. Ich finde das völlig normal, dass sie Grenzen austestet. Eines Tages merkt sie, dass sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich ist und dass die Jungs, die jetzt noch lachen und es cool finden, wenn sie laut rülpst, plötzlich von dem Schweinkram genervt sind. Und dann lässt sie es wieder.“

„Ich habe Angst, dass sie sich mit ihrem Verhalten schadet und irgendwann Außenseiterin ist.“ – Ich antwortete: „Das glaube ich nicht. Sie ist doch so ein herzlicher Mensch und wird von allen gemocht. Außerdem ist gerade in diesen Gruppen eine ganz große Toleranz. Das passt schon alles. Und vielleicht stößt sie tatsächlich irgendwann mal an die eine oder andere Grenze. Dann muss sie das lernen. Davor kann man sie nicht beschützen. Aber deswegen ist sie ja nicht gleich Außenseiterin.“

Ich glaube, ich habe die Mutter beruhigen können. Sie knuddelte Lisa zum Abschied und sagte: „Ruf an oder schreib eine SMS, wenn was ist!“ – „Ja, Mama.“ – „Und pass auf dich auf.“ – „Ja, Mama.“ – „Und sei lieb, hörst du?“ – „Mama! Ich bin immer lieb.“

Auf zum Volksfest. Cathleen, Simone, Lisa und ich. Da wir keine Fußgänger dabei hatten, die uns in irgendein Fahrgeschäft hätten helfen können, konnten wir nur gucken und uns mit Gummitierchen und anderem ungesunden Zeug eindecken. Wir waren mal wieder die unfreiwillige Attraktion. „Oh, habt ihr aber tolle Rollstühle! Und so bunt! Kai-Uwe, guck mal! Die Rollstühle! Guck mal, die sind ganz ohne Begleitung hier! Oder die Begleitung kauft gerade was für sie ein. Einen Motorradunfall können die nicht gehabt haben, dafür sind sie noch zu jung. Bestimmt Kinderlähmung.“ – Na klar. Ich schaltete auf Durchzug.

Nach dem Volksfest rollten wir auf Lisas ausdrücklichen Wunsch noch einmal über die Reeperbahn, die ja bekanntlich direkt nebenan ist. Als wir wieder an jenem Laden ankamen, vor dem wir vor eineinhalb Jahren schon einmal mit ihr standen, blieb sie stehen, zog mich zu sich ran und flüsterte mir ins Ohr: „Ich möchte so gerne so einen Vibrator. Deswegen wollte ich hier nochmal her. Ich war schonmal alleine hier, aber ich darf in den Laden nicht rein. Darf ich dir Geld geben und du kaufst mir den? Bitte!“

Ich dachte, ich träume. Ich bin nicht oft perplex, aber in dem Moment war ich es und wusste gar nicht mehr, wie ich reagieren sollte. „Was gibt es für Geheimnisse?“ fragte Simone. Lisa antwortete: „Wenn ich das jetzt erzählen würde, wäre es ja kein Geheimnis mehr. Ich sags dir später.“ – Ich fragte sie: „Das gibt aber mindestens 200 verschiedene Typen und dazwischen ganz viel Schrott. Hast du dich denn schonmal informiert, was der können soll?“

Lisa nickte. „Ich möchte einen, der heißt Little Dolly. Und den möchte ich am liebsten in blau. Und ein Ladegerät muss man extra dazu kaufen. Ich geb dir 50 Euro, das müsste reichen.“ – Obwohl Lisa versuchte, möglichst leise zu sprechen, ahnte Simone sofort, worum es ging. Sie fragte: „Willst du dir hier was kaufen?“ – Lisa antwortete: „Frag nicht, das ist mir peinlich.“ – „Na komm, wenn du sowas willst, musst du auch dazu stehen.“ – „Ich weiß, das ist trotzdem peinlich.“

Ich machte den Vorschlag, zu einem anderen Geschäft zu rollen, das nicht so schmuddelig aussah wie der Laden, vor dem wir gerade standen, und das mir vor allem wesentlich besser sortiert zu sein schien. Am Ende saßen wir in der U-Bahn, als sie ihr Handy rauskramte und meinte: „Ich muss das unbedingt meiner Muddi schreiben.“ – Ich hoffte nur, sie würde mir nicht den Kopf abreißen. Als wir in der WG angekommen sind, musste Lisa erstmal allen Leuten, die sie kennt, erzählen, dass sie auf dem Volksfest und auf der Reeperbahn war und was sie sich gekauft hatte. Ich habe keine Ahnung, ob sie einfach nur so ein Ding besitzen will, weil sie dann erwachsener oder cooler oder sonstwas ist – oder ob ihr das Teil hilft, ihre doch sehr starke Spastik in den Armen und Händen zu kompensieren. Während sie auf dem Gästebett lag (Cathleen schlief mit bei mir im Bett und Lisa daneben auf einem ausblasbaren Gästebett), las sie die Betriebsanleitung und meinte: „Wahnsinn, der muss vor dem ersten Mal 12 Stunden durchgehend aufgeladen werden.“

Am Samstagnachmittag waren Simone, Cathleen, Kristina, Lisa und ich zum Training mit dem Rennrolli auf dem Elbdeich verabredet. Nach langem Ausschlafen und ausgiebigem Frühstück sagte Lisa plötzlich: „Wollen wir nach dem Training im See schwimmen?“ – Simone antwortete: „Du machst vor, ich mach nach.“ – „Wieso?“ – „Der See ist arschkalt, wir haben fast Winter. Da kriegst du einen Kälteschock, sobald du einen Zeh reinhältst.“ – „Es gibt doch auch Leute, die sich ein Loch ins Eis schlagen und dann im Eiswasser baden!“ – „Die gehen aber auch hinterher in die Sauna oder zumindest heiß duschen.“ – „Können wir nicht in dem Vereinshaus heiß duschen?“ – „Das ist kilometerweit vom See entfernt. Inzwischen bist du erfroren.“ – „Schade.“

Nachdem wir eine halbe Stunde lang über andere Themen geredet hatten, fing Lisa wieder von dem Thema an: „Kann ich nicht mit Neo im See schwimmen gehen?“ – „Ach Lisa. So dick, wie der Neo sein müsste, damit du nicht frierst, eignet der sich nicht mehr zum Schwimmen. Unsere Schwimmneos sind alle nur sehr dünn. Das Wasser ist zu kalt, um draußen zu schwimmen.“ – „Wie kalt ist denn der See? Guck mal, die Sonne scheint doch richtig toll.“ – „Der wird höchstens noch 10 Grad haben. 14 Grad muss er haben, damit überhaupt ein Wettkampf, bei dem dann der Neo Pflicht ist, stattfinden dürfte. Bei Schülern müsste der See sogar 19 Grad haben. Ende Mai kannst du mal wieder fragen. Solange können wir nur in der Halle schwimmen. Wieso willst du denn unbedingt draußen schwimmen?“

Lisa schmollte. „Ich hab zum Geburtstag einen eigenen Neo bekommen und mit dem durfte ich noch nie schwimmen.“ – „Hast du den etwa mit?“ – Lisa nickte. „Ich dachte, wir könnten das mal ausprobieren.“ – „Und was sagt deine Mutter dazu?“ – „Die wollte mich stundenlang davon abbringen, dass ich den einpacke, weil sie meinte, mit mir geht bei der Kälte keiner mehr schwimmen. Warum müssen sich immer alle Erwachsenen einig sein?“

Cathleen sagte: „Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag. Du nimmst den mit zum See, ziehst dich um, krabbelst ein paar Zentimeter rein und wenn du es nicht mehr aushältst, krabbelst du wieder raus.“ – „Alleine hab ich dazu keinen Bock.“ – „Ich krabbel mit.“ – Ich sagte: „Ihr habt einen Schatten. Ihr holt euch da den Tod.“ – Simone sagte: „Ich mach auch mit.“

Nun wollte ich kein Spielverderber sein. Lange nichts Verrücktes mehr gemacht… Nach unserem Training saßen wir also auf dem Boden meines Autos, zogen uns um und rollten vom Parkplatz zum Strand. Zwei Taucher waren dabei, ihr Equipment im Auto zu verstauen. „Wollt ihr schwimmen gehen?“ – „Ja, wieso?“ – „Nur die Harten kommen in den Garten – oder was?!“ – „Genau. Ich frier nur vom Bauch aufwärts. Dann ist es halb so schlimm. Sie hat einen neuen Neo, den will sie dieses Jahr unbedingt nochmal ausprobieren. Wisst ihr, wieviel Grad das Wasser hat?“ – „Elf Komma Acht, haben wir vorhin gemessen.“ – „Och, das geht aber noch!“

Und tatsächlich, nach dem ersten Schock war es okay. Die Luft war durch die Sonne relativ warm, weit über 10 Grad, das machte eine Menge aus. Am schlimmsten war die Kälte am Handrücken und im Gesicht, aber am Körper war es okay. Wir waren insgesamt rund fünf Minuten im Wasser und sind sogar ein ganzes Stück geschwommen. Dann mussten wir aber dringend wieder raus. Ab zum Auto, die nassen Sachen ausziehen, in ein großes Handtuch einwickeln, abrubbeln, warme Sachen anziehen und die Thermoskanne mit dem Tee hervorholen. Schön, dass mein Auto eine Standheizung hat. Wie war das? Was nicht tötet, härtet ab. Mir war danach angenehm warm und Lisa hat sich gefreut wie eine Scheekönigin.